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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-02-16 · 3 (16.2.1924) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
3 (16.2.1924)
Date
1924-02-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Frage nicht zu umgehen, ob die Frau aus ihrem Wesen heraus überhaupt imstande ist, die Kultur mitzuformen; eme Frage, die — unter vielen — Simmel wohl am eingehendsten und einfühlendsten untersucht hat. Seine Anschauungen liegen auch einer Betrachtung zugrunde, in der Marianne Weber („Der Anteil der Frau an der objektiven Kultur". 1913) die Allgemeinformen sachlichen Wittens in die Begriffe „Arbeit" (nn Slnne mechanischer Arbeit) - „Dienst - Leistung" - und „Werk oder Schöpfung" einzuordnen sucht. Sie kommt zu dem Ergebnis, daß die unterste Stufe der Wirkensformen: die mechanische entseelte Arbeit» das Wesen der Frau besonders qualvoll bedrückt oder abstumpft; dah die höchsten Stufen der Werkseligkeit ihr noch seltener zu ersteigen vergönnt sind, als dem Mann — vielleicht weil ihre mütterliche Sonderbestimmung. das enge Verbundensttn mit den Wurzeln des Seins ihr nicht die Kraft läht, ein Werk zu schaffen, das sie loslöst vom Boden, hoch über sich selbst hinausträgt. Die Anlage der Frau kann sich jedoch in reichstem Mähe auswirken, wo immer Dienst verlangt wird, Dienst am Lebendigen und für Lebendiges. Dienst, der immer irgendwie verwurzelt ist i.n Erdreich des Menschlich-Persönlichen, der aber in der Sphäre der Kultur, der öffentlichen Arbeit, der Wohlfahrtspflege immer entscheidend mitgeformt ist durch die objektive Idee, durch U e b e r persönliches. Gerade dieses >objektive Moment grenzt die Arbeit der Hausfrau und Mutter von der sozialen Frauenarbeit ab. Wenn man auch beim Wiederlesen des Aufsatzes von Marianne Weber, der im Jahre 1913 geschrieben ist. spürt, dah sich seitdem die Einzelwirtschaft viel gliedbewuhter in die Volkswirtschaft eigereiht hat, dah auch die Familienerziehung — beeinflußt durch Schule und Jugendbewegung — mehr und mehr den Charakter der Sozialerziehung angenommen hat, so wird es doch immer ein wesentlicher Unterschied bleiben, ob Frauen in d e m Kreise, der ihnen blutsverwandt und räumlich nahe ist, ihre Aufgaben finden, oder ob sie diese auch außerhalb dieses Kreises suchen, getrieben von einem überpersönlichen Verantwortungsgefühl, hinauswachsend über persönlich-menschliche Einzelbeziehungen zu einem planvollen Kamps gegen Not, Unkultur, Freudlosigkeit, der Einordnung in objektive Zusammenhänge, das Erfassen groher, überpersönlicher Ordnungen erfordert. Schon vor dem Kriege hat man unserem Jahrhundert 1>as Kennwort „sozial" zuerkannt. Nicht etwa als Verdienst dafür, dah man der sozialen Not unserer Zeit besonders erfolgreich zu begegnen wühle, sondern — eher im Gegenteil — weil die sozialen Probleme uns besonders schmerzhaft fühlbar wurden in Gestalt von ungehemmtem Tempo, formlosen Auswüchsen, unversöhnbaren Gegensätzen. Die Ursachen dieser Uebersteigerungen und Spannungen, die uns das soziale Problem in besonderem Mähe empfinden lassen, kann man ableiten aus der Ärt der wirtschaftlichen Entwicklung, der soziologischen M a s s e n - Entwicklung und dem geschärften menschlichen Erkenntnis- und Gefühlsvermögen. Ein Nacherleben der wirtschaftlichen Entwicklung des 19. Jahrhunderts und der Zeit bis zum Kriege ist zum Verständnis der — noch so kurzen — Geschichte systematischer Wohlfahrtspflege unerlählich, besonders, wenn man sich vergegenwärtigen will, durch welche inneren und äuheren Momente sie mit der Entwicklung der Frauenarbeit und der Frauenbewegung verknüpft ist: Das Maschinenzeitalter — gekennzeichnet durch die Begriffe Industrialisierung und Mechanisierung der Arbeit — brauchte billige, ungelernte Frauenarbeit. Die Grohstadtkonzentrierung, mit ihren veränderten Formen der Gütererzeugung, bedingte auch veränderte Lebensformen, die die geschlossene Hauswirtschaft — als unrationell — verschwinden liehen und dadurch produktive Frauentätigkeit überflüssig machten. Und der Kapitalismus hatte zur Folge, dah sich Reichtumsanhäufung Einzelner der Armut Vieler gegenübersteNte und ausgleichenoe soziale Fürsorge notwendig wurde. Es ist unmöglich, dieser objektiven Schau der wirtschaftlichen Entwicklung bis zum Kriege, und den sich baraus ergebenden sozialen Kulturformen, einigermahen übersichtliche Entwicklungslinien der gegenwärtigen wirttchafttichen Verhälinisse entgegenzusehen. Unter krausem, unsicherem Durcheinander lassen sich einzelne deutliche Möglichkeiten und Ansätze erkennen. Unverkennbar ist die Tendenz der Angleichung des wirtschaf.lichen Niveaus. Vor einem halben Jahr etwa waren die Gehälter, die mittlere Beainte, Angestellte weiterer Berufsgruppen und gelernte Arbeiter bezogen, ungefähr gleich. Das Darüber und Drunter der höheren und niederen Erwerbsgruppen war ziemlich unwesentlich. Daneben finden sich jedoch — und heute vielleicht fühlbarer als je — die Gegensätze ausgeprägt durch die plötzliche, schuldlose Verarmung ganzer Cch'chlen: der Rentner, der Vertreter der freien Berufe und der Arbeitslosen, und die ebenso plötzliche und oft ebenso unverschuldete oder besser: unverdiente Vermögensanhäufung bestimmter Berufstypen. Das sozial Gesunde liegt unbedingt in der Möglichkeit einer etwa gleichen wirtschaftlichen Lebenslage für weite Schichten: das heiht: neben gemeinsamem Zwang zur Entbehrung und Einfachheit auch in etwa.gleichem Mähe die Möglichkeit, sich etwas aufzubauen, was über die Lebensnotdurst hinausreicht. Sobald man die Werte dieser Tendenz erkannt hat, ergibt sich für jeden sozial Denkenden die selbstverständliche Forderung, sein Leben und seine Lebenshaltung dem Durchschnitt der arbeitenden Mitmenschen anzugleichen, — auch wenn seine Mittel ihm ein Mehr gestalten würden. Einfachheit der Lebensführung ist aus diesem Grunde heute mehr denn je soziale Pflicht. Gemeinsamer Wille kann nur erwartet werden, wenn nicht Neid die Besitzlosen lähmt, Wiederaufbau und Aufrichtung ist nur möglich von gleicher gesunder Grundlage aus. Nur aus dieser Einfachheit, die im Hause und im öffentlichen Leben so wesentlich von den Frauen abhängt, werden die Ausdrucksformen unserer Kultur erwachsen können: werden Farbe und Linie entstehen, Gerät und Kleidung, A ltagssitte und Geselligkeit. Eine zweite Besonderheit unserer jüngsten wirtschaftlichen Entwicklung ist die Verarmung des Staates und der Organisationen, und die um so gröhere Verpflichtung des Einzelnen, diese Gesellschaftsgebilde zu stützen und sich für die sozialen Aufgaben, die der Staat in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr übernommen hatte, verantwortlich zu fühlen. Ganz ernst und ganz schwer muh denen, die heute noch Besitzende sind, die Verantwortung des Geldes bewuht werden, das selbstverständliche Gebot des Gebens ohne Geste. Das gesetzliche Gebot der Steuern, die heute wirklich einmal von jedem Einzelnen als persönliche Entbehrung empfunden werden, kann so zum wirksa'.nen Erziehungsmittel werden: wirksamer — weil ohne Zwang und Kontrolle — ist unser altjüdisches Gesetz des Maaster, das kein „steuerfreies Einkommen" kennt und die Besitzenden von heute zu mehr als der Hingabe des Zehnten verpflichten sollte. Am schärfsten gekenneichznet werden unsere heutigen wirtschaftlichen Verhältnisse durch das Moment der Unsicherheit. die jedes Wachstum lahmt, jedes Ausreifen und Frommwerden zu hindern droht. Die Unsicherheit, die die Menschen so egoistisch und lieblos macht, weil der Daseinskampf sie aufbraucht, so freudlos und hoffnungslos, weil es nichts „Wertbeständiges" zu geben scheint, und so — würdelos, weil wir so abhängig geworden sind vom guten Willen derer, die uns bemitleiden. Hier sei mit einem Wort der Auslandshilfe gedacht, die uns heute von allen Seiten zuteil wird. Nicht, dah die Geste des Bittens, des Dankens an sich unwürdig sein muh, dah wir uns dem wohltuenden Gefühl der Solidarität verschließen sollen, aus taktvollen Formen und herzlicher Art nicht freudig eine Kultur des Gebens herausfühlen sotten. Aber wir dürfen auch als Nehmende nicht unsere Würde vergessen, und wo uns die Hilfe in Formen entgegentritt, die wir als falsch oder schädlich empfinden, > dürfen wir unsere Ueberzeugung nicht preisgeben, Erfahrung nicht verkaufen, sondern müssen unsere geistigsoziale Unabhängigteit wahren. (Fortsetzung folgt.) lieber Kampfmethoden. Die Notiz in der Nummer 1 Über eine „Naumannianische Geschmacklosigkeit" gibt Anlaß zu Betrachtungen über die Methoden im jüdischer, Parteikampse. Die Geschmacklosigkeit ist darin gefunden worden, daß unter einem zionistischen Inserat in einer Breslauer Tagcsz itung eine Warnung vor dem Besuch der betreffenden zionistischen Veranstaltung veröffentlicht worden ist. Ist es überhaupt angebracht, jüdische parteipolitische Propaganda in der O e s f e n t l i ch k e i t zu führen? Grundsätzlich wird cs vorzuzichen sein, die Agitation auf die jüdische Presse und Zuschriften an jüdisch? Personen oder Organisationen zu beschränken. Man wäscht seine schmutzige Wäsche nicht in der Oeffentlichkeit, aber man stellt auch seine Wäsche, mag sie noch so schön und rein sein, nicht in der Oeffentlichkeit aus. In Gemeinden, in denen eine Vereinbarung mit den anderen Parteien dahin möglich erscheint, daß Zeitungs¬ und Plakatpropaganda vermieden wird, ist daher grundsätzlich eine solche Verständigung anzuftreben. Der Grundsatz findet jedoch s.ine Einschränkung in der Pflicht zur politischen Selbsterhaltung. Wo von Seiten der anderen Parteien die breiteste Oeffentlichkeit in Anspruch genommen wird, wie cs besonders seitens der Zionisten in den Großgemeinden immer wieder geschieht, wird cs auch den Liberalen nicht möglich sein, bei Kundgabe ihrer eigenen Veranstaltungen die gleich.« Wege zu vermeiden. Dabei wird die Bekanntmachung in Zeitungen mit verbreitetem jüdischen Leserkreis im allgemeinen der Plakatpropaganda, die evtl, deutsch-völkische Radaubrüder aufrcizen tann, vorzuchehen sein. Die zweite Frage ist, ob sich die Propaganda beschränken muß auf positive Mitteilung eigener Veranstaltungen und evtl, schlagwortartige Bekanntgabe unserer Forderungen, oder ob sie auch, wie in dem Breslauer Fall, dazu übergehen kann, vor den Veranstaltungen und Absichten der Gegenpartei zu warnen. Es ist das in erster Reihe eine Geschmaäsfrage, wie ja auch in der Notiz der vorigen Nummer die Sache unter dem Gesichtspunkte des Geschmacks behandelt worden ist. Es soll aber an einem anderen Beispiel gezeigt werden, daß eine derartige Warnung vor der Gegenpartei nicht unterhalten Umständen geschmacklos und manchmal kaum vermeidbar ist In die oo letzte Nummer des allen Gemeindemitgliedcrn zugehenden Gemcindcblattes der Berliner jüdischen Gemeinde haben die Zionisten ein Inserat für den Keren Hajcssod gesetzt, das seiner ganzen Aufmachung nach den Anschein erwecken mußte, als handle cs sich nicht um ein »Inserat, sondern um einen Artikel der Redaktion des offiziellen Gemeindeblattes. Entgegen den Weisungen der Rcdaktionskommis.ion, aber in ganz richtiger Beurteilung dessen, was offenbar von den Inserenten beabsichtigt war, hatte der Drucker dieses Inserat unmittelbar im Anschluß an den redaktionellen Text gebracht, so daß tatsächlich die Empfänger des Blattes an eine Propaganda der Berliner Gemeinde für den Keren Hajcssod glauben mußten. Gegenüber einer derartigen Irreführung der Oeffentlichkeit wäre die Bekämpfung in Form einer Warnung an derselben Stelle nicht nur nicht geschmacklos, sondern sogar geboten gewesen, und es ist bedauerlich, daß sie unterblieben ist. Ein ähnlicher Fall kann sich auch einmal bei einem Inserat in einer öffentlichen Zeitung ereignen, und würde dann der gleichen Beurteilung unterli gen. > C r i t i c a st e r. Bon der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden geht uns folgende Notiz zu: Im Anschluß an die von der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden und dem Jüd. Frauenbund veranstaltete Erziehungskonferenz wurde ein Ausschuß für Sozialreform im An st altswesen gebildet, der u. a. in seinen Aufgabenkreis die Aus- und Fortbildung jüd. Erzieherpersonals einbezogcn hat. Es findet infolgedessen vom 2. bis 12. März d. I. ein Fortbildungsknrsus für jüd. Erzieherpersonal in Berlin mit einer rührenden Lcidensmiene, aber — aber — — die Bauern hatten plötzlich den Respekt vor ihm verloren. Kein Bursche zog mehr vor ihm die Mütze, keiner bekreuzigte sich, keiner kniete vor dem Bilde. Er hatte seinen Glorienschein eingebüßt. Die Bauern nannten ihn nur noch den „swieu t y Kaha ne": Den heiligen K a h a n e. * * ♦ Was ist nun aber der ernste Erkenntnisgewinn ans der wehmütigheiteren Tragikomödie? Groß kann er nicht sein, denn hier streben Gefühl und Erkenntnis auseinander, und in Glaubcnsdingcn gilt das Faustwort: „G e f ü h l ist alles." Aber auch, das Mephistowort gilt hier: „Im F i n st e r n sind Mysterien zu Haus." Sehen heißt schon zweifeln, erkennen heißt verkennen. Solch ein wundertätiges Gnadenbild muß dastehen, wie wenn es seit Ewigkeiten an seinem Platze wäre, vom Himmel hergesetzt. Weiß man, wann ihm ein neuer Kopf aufgesetzt wurde, wer ihn geschnitzt, wer ihn bezahlt hat, und daß vollends der reiche Kaufmann Kahane ihn bezahlt hat, dann kann man nicht mehr mit aller Hingebung vor ihn hinknien, vor ihm beten. So oft wir auf dem Wege zur Lösung aller Glaubensfragen ein Stück weiter vorwärtsdringen, immer wieder stoßen wir auf eine verschlossene Tür. Immer wieder meinen wjr Rückert zu hören, der uns zürnst: „Das Wissen oll weiß nichts. Und nur der Glaube weiß!" ^Freilich antwortet darauf Goethe: „Jst's denn so großes Geheimnis, was Gott und die Welt und der Mensch sei? Nein, doch niemand hcrt's gerne, da bleibt es geheim." Also geheim blcibt's auf alle Fälle! Auch wenn wir der Lösung des alten Glaubensproblems langsam, mühsam um einiges näherrücken, der alte Gegensatz bleibt bestehen, dem Glauben ist nur das Heilige wahr, der Philosophie ist nur das Wahre heilig. * * * * "Not lehrt beten!" so heißt ein altes Wort. Die Nöte unserer Zeit lehren zwar nicht alle Welt beten, aber sie richten doch unsere Stimmungen und Gedanken zu den Geistes- oder Seelenregionen, zu denen auch das Beten gehört. Glaubenssragen beschäftigen heute inehr als je unsere Zeit, und da mag das Idyll konftssioncllcn Friedens, in das wir hier eine leidenschaftdurchtobte Episode sich wandeln sehen, wohltätig und erheiternd wirken als eine Art Wunder des heiligen K a h a n e. Schimpf und Ernst. Vor vierhundert Jahren ließ der Barfüßermönch Johannes Pauli eine Sammlung von spaßhaften und ernsten kleinen Geschichten unter dein entsprechenden Titel „Schimpf und Ernst" (Schimpf — Scherz) erscheinen. Es waren zum großen Teil Predigtmärlein, die volkstünrllchc Prediger nach Art der Maggidim, wie sie nach heute im Osten wirken, gern vertvendcten. Es ist denn auch jeder Geschichte eine kurze erbauliche Betrachtung angchäugt, die man überschlagen kann, wenn man sich die Freude an der Erzählung nicht verderben lassen >mll. Denn Pauli kann meisterlich erzählen: schlicht, knapp, anschaulich, mit einem treuherzigen Humor, der manche Derbheiten, lvic sie im Stile der Zeit lagen, verklärt. Herausgegcben ist dieses Buch nunmehr in einer mustergültigen Weise von einem unserer besten Kenner der Volksliteratur, von Johannes Volte *). Der Herausgeber hat den Text mit der Sorgfalt behandelt, die man bei diesem gewissenhaften Gelehrten schätzt. Dem Auge des modernen Lesers sind mit der Großschreibung der Substantive, vcr neuzeitlichen Interpunktion usw. einige berechtigte Konzessionen gemacht worden. Eine fesselnd geschriebene Einleitung orientiert vorzüglich über Autor und Werk. Wer sich an unverwässerter altdeutscher Erzählungskunst vergnügen will, greife zu diesem auch äußerlich durch den kundigen Verleger vorzüglich ausgestattetcn Buche. * Den Autor Johannes Pauli hat man seit langem — das mag an dieser Stelle interessieren — für einen Juden gehalten, und man tvird noch, in mancher neuen Literaturgeschichte den Hinweis „von jüdischer Herkunft" mit oder ohne Fragezeichen finden. Bolte zeigt, daß davon keine Rede sein kann. Es ist ganz amüsant, einmal zu sehen, wie diese Meinung überhaupt entstehen konnte. Sie gründet sich erstens auf die Verwechselung des Franziskaners Johannes Pauli mit seinem Ordensbruder Paulus Pfedcrshcimer, der wirklich ein getaufter Jude war und ungefähr gleichzeitig lebte. Neuere Forschung hat aber den Lcbcnsgang beider Männer klar geschieden. Interessanter, weil an die neuen Methoden des Semi-Gotha und Adolf Bartelsscher Literaturforschung erinnernd, ist der andere Grund. Johannes Pauli hat sciiics verehrten Lehrers Geiler meisterliche Predigten nachgeschriebcn und nach dessen Tode hcransgegeben. Er trat damit in Konkurrenz zu Peter Wickram, der hintcrlassene Predigten seines Oheims veröffentlichte. In der lateinischen Vorrede beschimpfte er nun in der Schreibart der Zeit seineil Konkurrenten auf das hcftigste. Dieser krummbeinige getaufte Jude, dessen Ordcnszugehörigkeit er verschweigen tvolle, habe die Predigten über die Evangelieit, die er aus Geilers Munde gehört, sobald er nach Hause gekommen sei, mit seinen eigenen Einfällen und Possen vermischt, ohne Witz und Gelehrrsamkeit niedcrgeschriebcn, so das; ein verworrenes, unzusammenhängcndes Gebilde daraus entstanden sei, und dies unbeholfene Machwerk habe der unverschämte Beschnittene trotz seiner dringenden Abmahnung drucken lassen. In Rahmers Literaturblatt habe ich bereits 1887 gezeigt, daß bei Johannes Pauli nichts den Juden verrate. Die gelegentlich in den Geschichten auftauckjende Inders mdlichkeit entspricht durchaus dem Stile zeitgenössischer christlicher Schreiber. Das Holzschnittbild von Pauli — mag ihm auch nicht viel '*) Alle Erzähler, neu hcransgegeben unter Leitung von Johannes Bolle. Erster Band. Johannes Pauli „Schimpf und Ernst", herausgegebcn von Johannes Bolte. I. Teil. Die älteste Ausgabe von 1522. Berlin, Herbert Stubcnrauch, 1924. Ein zweiter Teil, der besonders den Fachmann interessieren dürfte — er wird ein Wort- und Sachregister, die Geschichte des Werkes und Angaben seiner Quellen bringen — erscheint demnächst. Beweiskraft zuzuschreiben sein — zeigt eher einen „dicken, roten, freundlichen Prälaten", als einen Juden. Bolte macht darauf aufmerksam, daß Pauli in einer bisher nngedruckten Predigt b:e Meinung äußert, daß Adam im Hebräischen niit vier Buchstaben geschrieben werde, was nur ein des Hebräischen völlig Unkundiger behaupten kann. Es ist überhaupt keine historisch beweisbare Tatsache anzuführen, die auf Paulis jüdische Herkunft schließen läßt. Wie kommt nun Wickram zu jenen Bemerkungen? Das; das Wort „Jude" hier als Schimpf verwendet rvird in dem Stile, wie etwa der „Völkische Beobachter" über seine Gegner spricht, liegt auf der Hand. Ob er nun die unlaute Gewinnsucht des unbcaucmen Konkurrenten geißeln will, oder ob er wirNich an Paulis jüdische Abstammung — vielleicht in Verwechselung mit dem selbst in heftiger Polemik stehenden getauften Ordensbruder — glaubte oder ihn nur mit dieser Angabe zu diskreditieren suchte, dürste schwer zu entscheiden sein. Aber es ist nicht zu übersehen, daß man in der zügellosen Kampfart jener aufgeregten Zeit im literarischen Streite vor keiner noch so sinnlosen Bezeichnung zurückschreckte, wenn cs galt, dein Gegner etwas anzuhängen. Und hängen bleibt — nach jenem bekannten Worte — dann immer etwas. So spricht Philipp de Lorcnzi in seiner Auswahl von Geilers Schriften von Paulis „Frivolität und den Ausgeburten seiner orientalischen Phantasie", eine sachlich in jeder Hinsicht unberechtigte Behauptung, die Bolte zutreffend als „unbegründete Gehässigkeit" kennzeichnet. So gehört das Thema von Paulis jüdischer Herkunft noch in einem besonderen Sinne zum Kapitel Schimpf und Ernst. Dr. M. Spanier, Berlin. Sabbath. Der müde Tag legt sich zur Schlummerstatt. In: Westen ist der letzte Strahl verglommen. Ein ehrfurchtsvolles Weh'n durchbebt das All: Denn eine heil'ge Stunde ist gekommen. Des Sabbath Engel schweben leis' und lind Beim Festesschein durch uns're füllen Räume Und bringen kranken Herzen Ruh' und Rast Und wiegen uns in wundersame Träume. Aus des Erinnerns Zauberbronnen klar Gestalten, lang' verklärt, zum Lichte dringen, Versunk'nc Klänge, fast vergessen schon, Gewaltsam sich aufs neu' zur Höhe ringen. Der Mutter leuchtend Bild ersteht dem Blick. Die Lippen stamm sich im Gebet bewegen. Sie weiht die Kerzen, leget mild die Hand Voll Liebe auf des Kindes Haupt zum Segen. — Ich bin allein, in dunkler Einsamkeit, Das gold'ne Traumbild ist in' Nichts entschwunden. Und in der Seele tiefes Sehnen brennt Nach hohen, weihevollen Sabbathstunden. Sophie Jacobsohn.

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