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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-02-16 · 3 (16.2.1924) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
3 (16.2.1924)
Date
1924-02-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Denkschrift, welche dem von ihm ausqoarbeiteten Verfassungsentw'urf beigefügt ist, und auf die ganz besonders hingewiesen wird, die Gründe für die Notwendigkeit einer Gesamtorganisation (Reichsorganisation) der jüdischen Gemeinden feilgelegt. Ehe zu einer so.ch^n geschritten w.roen kann, müssen die Landesorganisationen begründet sein. Sowohl die bayrischen wie die thüringischen jüdischen Gemei.rden sind bereits zu Landesveroänd.n zu'.ammengesabt, Württemberg und Baden l>aben ihre gesonderten Kirchenvrganisationen, Sachsen ist. gleich Preußen, dabei, seine Organisation durchzuführen. Beschäftigen wir uns zunächst mit dem Verfasjungsentwurf für den Preußischen Landesverband Jüdischer Gemeinden. Arlliel I besagt, daß dar Preußische Landesverband Jüdischer Gemeinden eine Religimsgosellschaft ist» die gemäß Ärt. 137!Abs. 5 der Rtichsverfa.sung vom 11. August 1919 eine Körperschaft öffentlichen Rechts bildet, ihre Angelegenheiten selbständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes ordnet und verwaltet und ihren Sitz in Berlin hat. Mitglieder des Verbandes können al.e rechtlich anerkannten Preußisch-Jüdischen Gemeinden werden. Der Verband bezweckt die Zusammenfassung der preußischen Jüdischen Gemeinden zur Wahrnehmung und Förderung ihrer gesamten Interessen, wie z. B. die Hebung des religiösen Lebens, finanzie lr Unterstützung U ungsschwacher Gemeinden. Förderung der rech.lichen und wirtschaftlichen Stellung der Kultus- und Vermal.ungsbeamten, Vertretung der jüdischen Angelegenheiten nach außen Beratung in Verwaltungsange ozenheiten und anderes mehr. Der Preußische Landesverband setzt sich aus drei Organen zusammen: 1. dem Verbands lag. 2. dem Rat und 3. den 'Ausschüssen. Der Verbandstag besteht aus Abgeordneten, welche von den Mitgliedern der zum Verbände gehörigen Gemeinden gewählt werdrn. Dazu heißt es wörtlich: „Wahlberechtigt und wählbar zum Verbandstage sind alle volljährigen, einer V rbandsg mcinoe ungehörigen Juden beiderlei Ei-sch'echts, dn mindestens 1 Jahr vor "Auslegung der Wählerlisten innerl-alb einer Vertandsgemeinde ihren Wohnsitz gehabt haben. Ausgeschlossen vom Wahlrecht ist a) wer entmündigt ist oder unter" vorläufiger Vormundschaft steht, und t>) wer sich nicht im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte befindet." Wir sehen also, daß hierbei das Wahlrecht der Frauen aktiv und passiv gewahrt ist. Die Wahl erfolgt allgemein, gleich, unmittelbar und geheim nach den Grundsätzen der Verhältniswahl, und zwar entfällt auf je 3000 Seelen ein Abgeordneter. Die Abgeordneten sind Vertreter der Gesamtinteressen des Verbandes. sich selbst verantwortlich und an keinerlei Aufträge gebunden. Sie werden auf die Dauer von 4 Jahren gewählt. Der Verbandstag tritt gewöhnlich einmal im Jahre zusammen, seine Berufung erfolgt durch den „Rat" nach festgelegten Bestimmungen oder Anträgen. Die Verhandlungen werden für gewöhnlich öffentlich geführt. Die Beschlußfassung erfolg! nach den üblichen Grundsätzen. Die Eröffnung des Verbandstages geschieht durch einen Prä,identen oder dessen Stellvertreter, den sich der Derbandstag selbst wählt. Zu wählen sind ferner noch zwei Stellvertreter für den Präsidenten und zwei Schriftführer. Das 2. Organ des Landesverbandes, welches die eigentlichen Geschäfte desselben führt, den Verbands ag vorzubereiten und einzuberufen und die Verbandsb fchiü fe zu vollziehen hat, ist der „Rat". Dieser Rat, der insgesamt 35 Mitglieder haben Ml, setzt sich zusammen 1. aus Vertretern der dem Verlande angeschloss tun Genu ind n (in Aussicht genommen ist auf je 20 000 Seelen ein Vertreter, für Berlin insgesamt 6). In Wahlbezirken, die mehrere Gemeinden umfassen, auch je 2 Ersatztnänncr. — 2. Aus 6 Rabbinem resp. für dies Amt qualifizierten Persönlichkeiten, und 2 Lehrern, und 3. noch soviel Einzelpersonen, als zur vollen Zahl von 35 Mitgliedern fehlen. Die Wahl der Mitglieder zu 2 und 3. also Rabbinern, Lehrern und Einzelpersonen, wird vom Derbandstag selbst vorgenommen. Hier liegt auch die Möglichkeit, Frauen als Ratsmitglieder zu wählen. Die Ratsmitglieder 'werden gleichfalls auf 4 Jahre gewählt und führen ihr Amt noch solange fort, bis der neue Rat gewählt ist und sich konstituiert hat. Aus ihrer Mitte wählen die Ratsmitg jeder dann dm sogenannten „engeren Rat", der sich zusammensetzt aus einem Präsidenten, dem Schriftführer und Schatzmeister sowie je einem Vertreter für dieselben und 2 Beisitzern. Höchstens 3 Mitglieder des engeren Rates dürfen Besoldung erhalten. Präsident, Schriftführer und Schatzmeister sowie deren Vertreter sollen in Groß-Berlin wohnen. Zur dauernden Bearbeitung bestimmter Geschäftszweige werden Ausschüsse (das 3. Lre.au des Landesverbandess eingesetzt, und zwar insbesondere 1. für den Kultus (und zwar für jede re.igiöse Richtung ein besonderer Ausschuß), 2. für den Unterricht, 3. für die Wohlfahrtspflege, 4. für Rechtssachen. Jeder Ausschuß zählt mindestens 15 Mitglieder. Bis auf die Kulmsausschüsse, die besonderen Wah bestimmungen unterliegen, kann jedes Mitglied einer zum Verband gehörigen Gemeinde in die Ausschüsse gewählt werben. Hier ist a so ebenfalls das aktive und passive Wahlrecht der Frau festgetegt. Die Bestimmungen für die Kultusausschüsse sind so präzise und sach ich, daß Gegensätze, die sich sonst leicht hätten bi.den können, vollkommen aus dem Woge geräumt sind, die Selbständigkeit alter maßgebenden religiösen Rich ringen gewahrt bl ibt. In dem betreffenden Paragraphen heißt es wörtlich: „Mitglieder der Ku Ins- und Unterrichts-Gusschu se dürfen nur solche Personen sein, die der für den Ausschuß maßgebenden religiösen Richtung angehören: bei der Wahl zu diesen Ausschüssen dürfen nur Angehörige der betreffenden Richtung Stimmrecht haßen: süc di.se Ausschüsse haben nur männliche Gemeindemi.glieber Stimmrecht, sofern die religiöse Richtung, für deren Interessen die Ausschüsse bestimmt sind, das Wahlrecht weiblicher Personen verbietet." Der letzte Satz soll nach längerer Debatte ausgenommen worden sein, bei wirklich liberaler Auffassung kann man auch einem orthodoxen Kultusausschuß nicht weibliche Ausschußmitglieder aufaktroieren, wir erwarten jedoch, daß die liberalen Kultus- und Unterrichtsausschüsse um so mehr Gewicht darauf logen werden, daß sachverständige und mütterliche Frauen in ihnen vertreten und mitraten und -taten können.. In den Wohlfahrtsausschüssen wird sich den Frauen sicherlich ein großes, ihnen wohlbekanntes Arbeitsfeld bieten und unsere jungen Iuristinnen werden voll Interesse imAusschuß für Rechtssachen Mitarbeiten. Der Verfassungsentwurf enthält dann noch ci.tc Reihe allgemeiner Bestimmungen über finanzielle Fragen, Geschäftsjahr, Verkandsblatt. Verfassungsänder ngen und Auflösung des Verbandes. Wich.ig sind noch die Uebergangsbestimmungen. Danach führt, wie zurzeit tatsächlich, bis zum Zusammentritt des Rats der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde resp. die von ihm hierfür eingesetzte Kommission die Geschäfte des Verbandes. Beantragt ist die staatliche Anerkennung des Preußischen Landesverbandes, die bisher jedoch noch nicht erteilt worden ist. Trotzdem wird mit Eifer und Erfolg gearbeitet. Ist es doch lediglich den außerordentlichen Bemühungen des Herrn Dr. Freund zu danken, daß nach langen erfolgreichen Verhandlungen auf Grund von gesetz ichen Bestimmungen, die das Verhältnis von Staat und Kirche rege n, dem Preußischen Landesverbände aus dem Finanzausglcichsfonds ein sehr erheblicher Zuschuß für Beamtengehälter zur Verteilung an die einzelnen notleidenden Gemeinden angewiesen worden ist. Die Berliner Vorstands-Kommission, die ja nur ein Provisorium sein soll, muß nun baldigst den ersten Verbandstag und die dazu notwendigen Wahlen vorbereiten. Auch die Wahlkreise werden von der Kommission sestgelegt (für Berlin wird hierfür eine Seelenzahl von 160 000 angenommen). Diese Wahlen fo.l.en bereits im Herbst v. I. ausgeschrieben werden. Der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse und der großen Kosten wegen ist die Ausschreibung bisher nicht erfolgt. Man denkt daran, entweder die einzelnen Abgeordneten durch die Vorstände der einzelnen Gemeinden delegieren zu lassen oder zunächst einmal einen Eemeindetag einzuberufen, der den Vertretern der einzelnen Gemeinden zur gcgenseuigen Fühlungnahme dienen soll. Beide Auswege würden sich mit einer demokratischen Auffassung nicht decken. Es ist zu erhoffen und zu wünschen, daß die inzwischen erfolgte Stabi i ierung unserer Währung die ursprünglich beatzsich.igte Ausschreibung der Wah en ermöglichen wird. Dringend notwendig ist. es. daß die jüdischen Frauen die Weiterentwiulung dieser Dinge auf das gespannteste verfolgen und ihr Wahlrecht sichern. Sollte es wider Erwarten nicht zu Wahlen kommen, sondern eine Delegation der Abgeordneten durch die einzelnen Eemeindevorstände erfolgen, so muß auch hier seitens der.Frauen rechtzeitig für die Abordnung von Frauen gesorgt werden. Der Jüdische Frauenbund hat durch seine Sllmmrechts-Kommission nach Rückfrage bei den Ortsgruppen und Vereinen eine Liste zusammenstel en lassem die eine Anzahl geeigneter Kandidatinnen für die Wahlen zum Verbandstag enthält. Wir bitten die Frauen in den preußischen Gemeinden, von dieser Liste Gebrauch zuFeachen und sich rechtzeitig darüber mit der S i nmrechtskockmission ins Einvernehmen zu setzen. Die Liste kann noch durch Vorschläge gemeindepoMisch geschulter Frauen ergänzt werden. Al e diesbeüglichett Anfragen, die an die Vorsitzende der Stimmrechts-Kommission des Jüdi chen Frauenbundes, Frau Meyer-Stargard, ^harlt.endurg, Wie andstraße 15, zu richten sind, werden baldige, eingehende Beantwortung finden. Helene Meyer-Stargord. Vom Wesen der Wohlfahrtspflege. Von Frl. Hann ah Karminski. Um die Vielheit und Unbestimmtheit der Ideen und Fragenkomplere, die sich mit dem Thema verbinden, zu einem Gedankenkreise ordnen zu können, lag es nahe, eine gemeinsame Betrachtung so abzugrenzen, daß vor allem die Probleme beleuchtet werden sollen, die sich für uns als Frauen aus den sozialen Aufgaben der heutigen Zeit ergeben. Und zugleich soll der Versuch gemacht werden, uns gemeinsam die Kräfte erkennen zu lassen, die uns, zur Ueberwindung der Zeitvrobleme, gerade aus unserem Frau-Sein erwachsen. Zu dieser Abgrenzung wird man nicht nur durch subjektive Gründe bestimmt. Die Frauensrage — wenn man darunter nicht nur Teilziele, wie die Erlangung des Wahlrechts, die Erschließung bestimmter Berufe versteht, sondern die große innerliche Revolution zu erfassen sucht, die sie eigentlich bedeutet —, prägt der Gesamtbewegung und der Allgemeinentwicklung unserer Kultur einen entscheidenden Stempel auf, und das gilt im besonderen von dein Bezirk des öffentlichen Lebens, der mit dem Begriff „Wohlfahrtsflege" bezeichnet zu werden pflegt. Es kann hier nur andeutungsweise eingeschaltet werden, daß es für die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft, ganz gleichgültig, von welcher parteipolitischen Einstellung aus man an ihrem Werden teilnimmt, wesentlich bedeutsam sein wird, ob auch die Frauen in ihr und für sie Entfaktungs- und Gestaltungsmöglichkerten finden werden. Auch der Aufbau Palästinas wird — so wenig dieser Gesichtspunkt auch heute noch Beachtung findet — eine Frauen frage sein. Wenn Wohlfahrtspflege als Teilgebiet der Kultur verstanden sein will, so ist in diesem Zusammenhänge die Sankt kahane. Bon I. La nd an. Er thront wirklich in seiner eigenen winzigen Kapelle, ein Meisterstück naiver Plastik, der heilige Kahane! Freilich, im Kalender werden wir seinen Namen vergeblich suchen. Die Märtyrer- und Heiligengeschichte weiß nichts von ihm, oie Akten der Kanouisicrungs-Prozesse wird man umsonst nach ihm durchforschen und im ordnungsmäßigen Verfahren der Heiligsprechung hätte der advocatus diaboli viel gegen ihn einzuwenden gehabt. Dennoch bleibt cs wahr, daß er, nach feierlicher Einweihung durch die Geistlichkeit, dem öffentlichen Kult übergeben worden war — der heilige Kahane. Wahr ist es aber freilich auch daß diese Verehrung zunächst keine allgemeine war. * * Beim Forschen nach den Mysterien der GlaubenSkrast, beim Ausspähcn nach den Quellen religiöser Hingebung und slillinnigen Gottvertraucns, glomm und leuchtete nur die Erinnerung an ein langvergcssencs, altes Kleinstadt-Erlebnis auf. Und, siehe da! Dieser Schein fiel auf liefe Dunkel, das die schwersten religiösen Zweifelsfragen umgibt, und er überleuchtete sie ein wenig. Was beim vollkommensten Versenken in die Tiefen der theologischen Probleme nur sehr schwer dem grübelnden, dem grüblerischen Geiste sich klärt, ein kleines, wahrlich nicht alltägliches, aber anscheinend doch bedeutungsloses Ereignis, eine wehmütig-heitere Episode aus dem podolischen Kleinstadt- und Bauernlcbcn, hellt es auf. Wenigstens zu einem kleinen Teile. Aber jeder Lichtstrahl, der auf daS „verschleierte Bild von Sais" fällt, kann unsere Erkenntnis bereichern. * . * Wir befinden uns also in einem winzigen podolischen Laiidstaolchn. Niedrige, meist ebenerdige Häuser umsäumen die winkligen Straßen. Das einzige, große, einstöckige Haus am Markt beherbergt das Amtsgericht. Auf dem Marktplatz, von dem aus ein nur den Ladengeschäften gewidmeter Bau, eine Art Tuchlaubeu-Block, stadteinwärts sich erstreckt, ist es nur au Jahrmarktstagen laut, und nur an-solchen Markttagen vernimnit man da ruthcnische, polnische Laute. Sonst hört man hier nur den aus leicht entarteten, aber doch an wertvollem Sprachgut reichen fränkischen Altdeutsch mit hebräischen und slawischen Beimengscln gemischten jüdischen Jargon und daS ein wenig tschechisch gefärbte Deutsch, das wir aus den Anton Herrnfeld-Possen kennen. Denn die Gerichtsbeamten sind 'meistens Böhmen, die ja im alten Oesterreich solange die Instrumente der Germanisierung waren. Einzelne, reicher auSgestattete Geschäfte gestatten sich den Luxus gemalter deutscher Firmenschilder. Ein überflüssiger Luxus! Denn die meisten jüdischen Einwohner der inneren Stadt kennen die Geschäfte und ihre Inhaber auch ohne Firmentafel und lese» — unsere Geschichte spielt um die Mitte des vorigen Jahrhundert- — nur hebräische Schrift, die Bauern aus der Umgebung aber können überhaupt nicht lesen. Die polnischen Gutsbesitzer aus der Umgebung aber legen auf die deutschen Firmenschilder nur geringeren Wert, trotzdem der Giftbazillus der Nationalitätengehässigkeit hier noch nicht sein Wesen trieb. Noch lange nicht! Eins der blankgeputzten Häuser und der schönen, mit Firmatafcln geschmückten Geschäfte gehört unserem Kahane. Einem der angesehensten reichsten o, er wird ernstlich auf mindestens 8000 Gulden, also aus 16 000 Kronen geschätzt! — Männer der Stadt. Von seinen zwei Söhnen ist der jüngere überaus begabt, der ältere aber, ein hoclMfgeschosscner, blasser Junge, ist ein stillgutmütiger, schwerfällig stotternder Idiot, der gewöhnlich stumm im Hause umherirrt. Einmal aber lockt auch ihn ein warmer, festlich belebter Frühlingstag, cs wird gerade das Purim-Fest, der Gedenktag von Esther, gefeiert. Begleiten wir den guten, der heimischen Hut entwischten Jungen auf seinem Gange. , Jedes Haus, an dem wir vorbeikommen, ist ein Raritäten- Kabinctt! Denn diese kleinen Städte, so arm sie auch sein mögen, sind doch reich an Individualitäten. Hier werden die Menschen nicht als Masscnprodukte aus den Jntelligcnzfabriken, den Schulen und Erziehungsanstalten, auf den Weltmarkt geworfen. Hier haben wir es nicht mit menschlicher Dutzend- oder Schockware zu tun. Frei und ungehenlmt, nach eigenster Veranlagung, entwickeln sich hier die Charaktere. Absonderlich und grotesk genug zuweilen, aber doch jeder ein Eigener, jedes Häuschen der Ausdruck eines ciaenwilligcir Wesens, der oft bizarre Einband einer bizarren Geschichte. Die Tarnopoler Gasse schlendert unser junger Kahane, mit einem gewaltigen, musgefüllten „Haman-Krapfcn" beivafsnct, hinunter, dem Flusse zu. Dann biegt er, am Ende der Stadt, in die noch von tiefem Schlamin bedeckte Fahrstraße ein, da, wo cs zur „Pogadanka", zu einer Art von Kasino, geht. Der Pächter dieser Pogadanka ist ein Mann von starker, sehnsnchtsschwerer Hinneigung zur modernen Bildung. Er liest mit Andacht seinen Schiller, und aus einer alten Erdbeschreibung, die er als Schatz hegt, macht er sich mit der Welt da draußen vertraut. Aus diesem alten, bildergeschmückten Buche hat er irgendwie herausgclesen, daß Dresden die schönste Stadt der Welt sein soll. So ist er beim von dem einen großen Drange, von dem einen leidenschaftlichen Begehren erfüllt, einmal Dresden kennen zu lernen. Und richtig — eines Tages tauchte er, er war inzwischen ein Greis geworden — in Dresden auf. Ein dunkles Gerücht wollte,/ibrigens wissen, daß um dieses Kasino nächtlich die Grenzschmugglcr, die „Päckelmacher", ihr unheimliches Wesen treiben. Wir befinden uns ja hart an der russischen Grenze. An einer Wcgccke, da, Ivo die Straße nach Tarnopol abbiegt, steht in seinem winzigen, engen Kapellchen ein hagerer, heiliger Franziskus. Holzgcschnitzt und bemalt. Verschossen das Braun, mit dem die Kutte angestrichen ist, schon rissig die Kappe — einer viereckigen polnischen „Konfcdcratka" ähnlich — nicht eben sauber das bleichgraue Askctengesicht, schmerzverzerrt die Miene, als sei ihm das Spiegeln im Straßenschmutz eine Qual. Aber die Bauern, die hier vorbeikommen, ziehen fromm die Pelzmützen, verbeugen, bekreuzigen sich, und murmeln fromm ein Gebet. Jeder von ihnen! Eine Ausnahme würde unliebsam ausfallen. Vor diesem heiligen Franziskus bleibt der junge Kahane stehen. Das leidvolle Aussehen des Heiligen rührt ihn. Er reicht ihm seinen Kuchen. „Da, n—n— nimm", stammelt der junge Kahane. Aber der Heilige verzieht keine Miene. „Iß, es sch—schm—schmeckt sehr gut!" Der heilige Franziskus verharrt in seinem Schweigen. „Ma—Ma—Mama gebacken. Süß. . . Auch das rührt den Heiligen nicht. Als aber alles weitere, gute Zureden vergeblich bleibt und der verstockte, hölzerne Franziskus nicht einmal eine Silbe, nicht eine Miene für ihn hat, da gerät der gute Junge in Wut. Er fühlt sich verletzt in seinem wertvollsten Besitz, in seinem Mus-5strapscn. fühlt sich beleidigt von dem so gut angcstrichenen und so wenig geschlissenen oder polierten Heiligen. In seinem Zorn schlägt er mit einem Stock auf das Bild los und wirft mit Steinen nach dem armen, nun recht übel zugcrichteten Heiligen, der mit dein Verlust von Nase und Kinn, von Auge und Ohr den Mangel an Appetit bezahlen muß. Die schnell angesammclte Bauernschaft aus der Umgegend, entsetzt über die Verunstaltung ihres schönen und wundertätigen Franziskus, macht alle Anstalten, den verdutzt drcinschaucnden, schwachsinnigen Fungen zu lynck)en — trotzdem sonst zwischen den Bauern an der Peripherie und den Juden in der Stadt das beste Einvernehmen herrscht. Aber den geweihten, den wundertätigen, wehrlosen Heiligen zertrümmern, vor dem jeder von ihnen täglich zu beten oder sich zu bekreuzigen gewohnt war!!! . Ein Moment voll leidenschaftlicher Spannung. Wulcnlflammt, knüttelbcwasfnct und feldsteinbewehrt die Bauernburschen, wirr, verständnislos, schlotternd der an fremde Menschen gar nicht gewöhnte schwachsinnige Bursche. Ein Ausbruch tvildcr Masseuwut setzt unter Gebrüll ein. Die ersten Knüttel und Fäuste sind schon erhoben. Da, wie vom Himmel yerniedergesandt, erscheint, das Brevier in der Hand, neben der Heiligcnkapelle der Pater Guardian vom nahen Bernhardincrlloster. Der viclverehrte Pater Guardian! Neben dem hölzernen Heiligen der Lebende. Der Lärm verstummt. Der Pater beruhigt die Massen. Erklärt den Baucruburschcn, wie der arme, schivachsinnige Junge doch gar nicht wisse, was er da getan, und nimmt den zitternden Burschen mit sich, um ihn selbst, gefolgt von einer wachsenden Menge, dem Vater Kahane zuzuführen. Der nun, in Unruhe über das Fehlen des sonst streng gehüteten Jungen, verblüfft über den seltsamen Zug, der, mit dem Pater und seinem Jungen voran, sich naht, entsetzt über den Bericht, den er vom milden und gütigen Pater vernimmt, verspricht hoch und teuer — auch wenn cs sogar sehr teuer werden sollte —, den Schaden zu ersetzen. Der beste Bildschnitzer der Gegend sollte einen schönen, nagelneuen Franziskus-Kopf liefern, wenn nötig einen ganzen Heiligen, auf seine Kosten. Und richtig, — wenige Monate später saß ein weit feinerer Kopf auf dem Bilde des heiligen Franziskus, mit einem zierlichen Bärtchen,

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