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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-02-02 · 2 (2.2.1924) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
2 (2.2.1924)
Date
1924-02-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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der liest, einen dritten, der singt, und nun bereite man sich seinen Gottesdienst!*) „Ueberall, wo ich meinen Namen anrufen lasse, will ich kommen und dich segnen." Soll man abermals betonen, datz es sich um.mehr lmndelt. als einen religiösen Schönheitskult? Datz hier für uns „Altneuland" gepflügt wird und der Weg zum religiösen Leben eröffnet. Und gerade, weil wir vom Lande sprechen, scheint uns jetzt Notwendigkeit und Gelegenheit gegeben, hier liberal-religiöse Saat auszustreuen. Viele Gemeinden entbehren des Führers, viele Führer entbehren der Gemeinde, ich denke an Rabbiner und denke an Lehrer. Ich bin nicht der Ansicht, datz die Zeit allein oder die Trägheit der Gemeinden an allem schuld ist. Man hat bei all diesen Debatten doch wohl einen Punkt vergessen: man zahlt um so bereitwilliger, je interessierter man ist. je mehr L e i st u n g e n man sieht, die dem eignen religiösen Bedürfnis entsprechen! Man denke doch an die Gelder für Palästina, denke an die orthodor-zionistischen Schulen! Und nun ziehe man die Folgerung und verlange nicht von liberalen Juden — wo sie auch leben —. dah sie sich mit ganzer Kraft für den Gottesdienst und den Unterricht, für das religiöse Leben der andern einsetzen. Aber man schaffe eine liberale Kulturorganisation, die bis in das letzte Dorf hinausreicht! Man schaffe liberale Bezirksgemeinden, denen sich entweder Gemeinden im ganzen oder Gruppen der Gemeinden anschlietzen mögen. Man gebe diesen Bezirken geeignete Führer, Rabbiner oder Lehrer oder religiös interessierte und gebildete Laien! Man sorge für Unterricht, Gottesdienst, Vorträge — alles in liberal-religiösemSinne, alles kulturgemäh und ncuorientiert — und aus den Ruinen wird Leben erblühen! Wir werden der Bewegung die Jugend sichern und die Jugend der Bewegung sichern! Und es wird sich zeigen, was man läng st hätte s e h e n m ü s s e n: dah Klcmgemeinde nichtunbedingt gleichbedeutend ist mit orthodox oder konservativ. Aber man hat diese Gruppen, die ihre Religion suchten, sich selbst überlassen, und das .hieb dann oft genug der Indifferenz oder dem Zionismus! — Schon plant man ja die liberale Erziehungskonferenz: hier wird die Notwendigkeit der jüdischliberalen Schule — Religionsschule oder religiösweltlichen Schule — selbstverständlich zu fordern sein, aber auch das liberal-religiöse Gesangbuch, Andachtsbuch und gewiß das liberal-religiöse Religionsbuch! Und alles soll auch dem Lande zugute kommen. Altes und Neues muß hier zusammenklingen, das Kulturgefühl des Juden sich überall spiegeln! R i n der der Welt gilts so zu erziehen — der jüdisch-liberalreligiösen Welt! Denn Persönlichkeiten allein können helfen, die aus eigner ftmft neues Leben erzeugen. — Aber die Erziehungskonferenz kann nur Anfang sein — die Kultur konferenz der liberalen Juden muß ein weiterer Programmpunkt der Arbeit! werden! Und zwei Fragen werden hier behandelt werden! müssen: wie verbinde ich das Judentum mit der Kultur — wie verbinde ich die Kultur mit dem Judentum? Wie steht die Bewegung zum heutigen S t a a t, zu den heutigen sozialen Fragen, zum Pazifismus?*) Und fehlt nicht auch die liberale W e l t - konferenz? Gerade hier in der Aussprache aller Länder, im Austausch der Erfahrungen der ganzen Bewegung könnte Leben gezeugt werden und man sich selber Zeugnis ablegen! Hier wären neue „Richtlinien" zu verfassen, die allen — von rechts und links der Bewegung — Rechnung tragen müßten: hier hätte die Bewegung Stellung zu nehmen zu den mannigfachen neuen religiösen Gottesanschauungen und den Willen zu immer reinerer Vergeistigung der Religion zu bekunden, den Willen, für Entwi'cklung der Entwicklung zu sorgen. Viel sind der Aufgaben! Geht an die Arbeit! Aufgaben des Reichsausschusses jüd. Gemeinden Deutschlands zur Verteilung von Auslaadsspenden und der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Zuden. Die nach'olg'n"en Aursihrungen gehen un» von der Zentralwohl« sahrtsstelle der deutschen Juden »u. Wie allgemein bekannt, bekundet das Ausland in dankenswerter Weise in letzter Zeit eine außerordentlich rege und tvarme Anteilnahme an dem Schicksal der in Not geratenen jüd. Bevölkerung in Deutschland. In vielen Ländern, so vornehmlich in Deutsch-Oesterreich, Holland, der Tschechoslowakei, Schweiz, England u. a. m. sind Hilfskomitees zur Linderung der jüdischen Not in Deutschland gebildet worden, uin durch großzügige Aktioneu Geld, Lebensmittel und Kleidungsstücke aufzubringcn und unterernährten Kindern Erholungsaufenthalt zu gewähren. Alle diese ausländischen Hilfskomitees traben den direkten Wunsch geäußert, daß die Verteilung der im A u s l a n d e aufgebrachten Mittel in Deutschland straff zentralisiert durchgeführt tvird, d. h., das; eine verantwortliche Stelle als Vertreterin der jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland dein Ausland gegenüber in Erscheinung tritt, Vorschläge unterbreitet und Verteilungen durchführt. Diese Stelle besteht bereits seit ca. einem Jahre, uitb zwar in dem Reich saus schuß jüd. Gemeinden Deutschlands zur Verteilung von Auslandsspenden, Geschäftsstelle: Berlin C 2, Rosenstr. 2/4, dessen Ausgabe cs ist, Spenden des Auslandes in Empfang zu nehmen und die Verteilung derselben in unparteiischster Weise durchzuführcn. Dem Reichsausschuß jüd. Gemeinden Deutschlands gehören Vertreter aller Großgcmeinden an, sowie des Preußischen uitb Bayerischen Landesverbandes, des Bundes geschüttener jüd. Gemeinden und Organisationen (Agudas Jisroel), der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, der Zcntralwohlfahrtsstellc der deutschen Inden des Arbeiterfürsorgeamtes jüd. Organisationen Deutschlands. Der Reichsausschuß ist völlig neutral, was ja daraus ersichtlich ist, daß alle Richtungen in ihm vertreten sind. Die ausländischen Hilfsorganisationen stehen mit dem Rcichsausschuß jüd. Gemeinden in reger Verbindung und, da sie aber bedauerlichenveise trotzdem mit Einzelgemeinden deutscher Privatpersonen, Anstalten, Vereinen, Gemeinden 11)10. überschüttet werden, haben sic gebeten, daraus hinzuwirken, daß diese nachteilige Zersplitterung endlich beseitigt wird. Im Interesse unseres Ansehens im Anslande kann daher von deutschen Stellen nicht nachdrücklich genug gefordert werden, in Zukunft den gesamten Verkehr mit dem Auslände ausschließlich durch den Reichsausschuß jüd. Gemeinden Deutschlands zu leiten. Mit der Geschäftsführung des Reichsausschusses ist die Zentralw 0 h l f 0 h r t s st e l l e der deutschen Juden, Berlin E 2, Rosenstr. 2/4, betraut, welche die Spitzcnorganisation jüdischer Wohl-1 fahrtspslege im In lande darsülit. Auf Grund ihrer Kenntnis aller Einrichtungen und ihres Neberblickes der jeweiligen Notstände ist sie in der Lage, die Bedürfnisse festzustellen und dem Reichsausschuß mit Vorschlägen zu dienen. Zur Orientierung des Auslandes auf besondere Anfragen seien an dieser Stelle noch einmal kurz die Ausgaben der Zenlralwohlfahrtsitelle der deutschen Juden gekennzeichnet. Bekanntlich Zählen zu ihren Mitgliedern die großen jüdischen Organisationen Deutschlands (©roftlone für Deutschland U. O. B. B., Deutsch-Israelitischer Genicindebund, Jüdischer Frauenbund, Zionistische Vereinigung für Deutschland, Arbeitcrfürsorgeamt jüd. Organisationen Deutschlands u. a.), ferner 4 Landesverbände (Bayern, Baden, Württemberg, Hessen-Nassau). 20 örtliche Zentralen für jüdische Wohlfahrtspflege, 86 Großgemeinden, Rabbincrvcrband, Lehrerverband u. a. m. Die Z. W. St. hat die Aufgabe, die jüdische Wohlfahrtspflege in Deutschland einheitlich auszngestaltcn, in ihrer Entwicklung und ihrem Zusammenschluß zu Zwcckverbänden zu unterstützen. Es hat srch auch in der letzten Zeit eine intensive Zusammenarbeit derZ . W. St. mit hat im Zusammenhang mit der Verteilung von Spenden zur Durchführung der Sozialreform eine Kommission, die sich mit der Einführung einer zeitgemäßen Besoldung in den Anstalten, mit der Aufhebung einschränkender Besatzungsbestimmungen und der Reform der Erziehungsmethoden in den Anstalten befaßt. Die Bestrebungen in dieser Hinsicht haben bei der jüdischen Erziehungskonferenz, welche, nachdem in einer Reihe von Großgemeinden Vorkonferenzen stattgefunden hatten, im Oktober v. I. von der Z. W. St. veranstaltet wurde, ihren Ausgangs- und Kulminationspunkt gefunden. Ueber die gesamte Tätigkeit auf dem Gebiete des Wohlfahrtswcscns, soweit cs (für die jüd. Wohlfahrtspflege von allgemeiner Bedeutung ist, orientiert der von der Z. W> St. herausgegebene periodisch erscheinende Nachrichtendienst. Aus dem Berliner Gemeindeleben. Die Repräsentantenversammlung wählte in der ersten Sitzung des Jahres ihren alten Vorstand wieder. Vorsitzender ist danach) der Vorsitzende unserer Vereinigung, Herr Rechtsanwalt Stern/ 1. stellvertretender Vorsitzender Herr Lewinsky (konservativ), 2. stellvertretender Vorsitzender Herr Rechtsanwalt Dr. Klee (Zionist). Die Hauptversammlung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums e. V. findet am Donnerstag, den 14. Februar d. I., abends 8 Uhr, in Charlottenburg, Fasanenstr. 79/80, I, statt. Den Mitgliedern ging mit Heft 10/12, 1923, der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" eine besondere Einladung zu. Albert Katz, der langjährige Redakteur der „Allgemeinen Zeitung des *°r ms" ist verstorben. Aus aller Welk. *) Hilfen find: Das „Liturgische Liederbuch schulen", Berlin, „Beruria" von Grunewald und die für Religions- Sammlung von Herschel, Steinthal „Juden und Judentum". „Die Lehren des Juden tums." *) Hier wäre aber auch die Gründung eineliberalen Kulturfonds zur Herausgabe liberaler Bücher — oder die Begründung eines liberalen« Verlags — zu beschließen. den Behörden sowie mit der interkonfessionellen und konfessionellen freien Liebestütigkcit ergeben, insb.sondere auch mit dem Zcntralausschuß für die Auslandshilse und mit dem Roten Kreuz. Sowohf bei Verteilungen des Reiches als auch diesen beiden letztgenannten Organisationen werden der Z. W. St. Mittel zur Verteilung an die ihr angeschlosscnen Wohlfahrtsanstallen zur Verfügung gestellt. Der Not der Zeit gehorchend, besaßt sich die Z. W. St. letztens überhaupt sehr stark mit den außerordentlich wichtigen F i n a n z i e r u n g s f r a g e n. Sie setzt sich mit größtem Eifer für die Beschaffung von Mitteln für die Jüdische Wohlfahrlspstegc ein, indem sie die Spendensammlungen im Jnlande unter der Bezeichnung „Jüdische Not" organisiert und bei der Verteilung der Auslandsspenden, wie gesagt, als Geschäftsführerin des Reichsausschusses jüd. Gemeinden mit.virkt. Ihr sorgfältig ausgebautes Archiv und vor allen Dingen auch die persönliche Kenntnis- und Fühlungnahme mit allen jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen im Reiche ermöglichen ihr den Gesamtüberblick. Die Z. W. St. betreut das jüdische An st alts wesen in Deutschland, das 6000 Plätze in den Anstalten für Gesundheitsfürsorge, 1400 Plätze in den Altersheimen, 2500 Plätze in den Anstalten der geschlossenen Jugendwohlfahrt umfaßt, dazu kommen 40 Einrichtungen der halboffenen Fürsorae.(Kindergärten und Horte, Einrichtungen der Jugendpflege), 30 Spciseanstatten, 300 jüdische Krankenschwestern. Auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Fürsorge hat die Z. W. St. die Fürsorge für die Flüchtlinge aus den abgetretenen Gebieten im Osten, die sie wieder in das Erwerbsleben einzugliedern bzw. in Heimen untcrzuüringcn sich bemüht und die Fürsorge für die jüdischen Rhein- und Ruhrvertriebenen. Auf dem Gebiete der Gesundheitsfürsorge vermittelt die Z. W. St. die Versendung der Kinder nach dem Auslande. Auf dem Gebiete der Sozialreform, insbesondere der Anstaltsresorm, ist die Z. W. St. die führende jüd. Organisation. Sie Das Hilsswerk für jüdische Ruhrarbeitex. Dortmund. Tie von Herrn Rabbiner Dr. Jakob organisierte Hilfe für die hungernden jüdischen Arbeiter des Ruhrgebiets konnte bereits ansehnliche Erfolge erzielen. Ueber zweihundert Menschen im Landkreise Dortmund konnten durch das Eingreifen Dr. Jakobs vor dem Hungcrtodc bewahrt werden. Uebriaens sind Herrn Dr. Jakob auch vom Joint durch Vermittlung von Herrn James Simon 1000 Dollar zur Verfügung gestellt worden. Das Frankfurter Stadtparlament gegen antisemitische Verhetzung. Frankfurt a. M. (I. T.A.). In der letzten Stadtverordnetenversammlung brachte der Rechtsausschnß einen Antrag ein, der sich gegen deutschvölkische antisemitische Verhetzung wendet. Der Ausschuß befürwortete, daß der deutschvölkisck)en Buchhandlung Böhle, die in der Braubachstraße in städtisä)en Hausern einen Laden innehat, gekündigt werden soll. Durch die Art des Betriebes sei die Ruhe und Ordnung in der Altstadt Frankfurts außerordentlich gefährdet. Durch antisemitische Schriften wird von dort aus eine antisemitische Hetze rüdester Art getrieben. Mit Rücksicht darauf, daß ein großer Teil der Frankfurter Bürger aus israelitischen Glaubensangehörigen besteht, kann diese Hetze gegen sie in städtischen Häusern nicht länger geduldet werden. Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Der neue Lanvesrabbiner von Belgien. Brüssel (I. T.A.). Der Genter Rabbiner E- Ginsburger wurde zum Großrabbincr von Belgien gewählt. Entdeckung eines alten jüdischen Friedhofs in Paris. Paris (J.'T.A.). In der letzten Sitzung der „Kommission für Alt-Paris" wurde eine Mitteilung des Herrn Grimault über den Text einiger bei Ausgrabungen auf dem Boulevard Saint-Michel im Hofe des Cluny-Museums aufgefundener jüdischer Grabdenkmäler aus Holz verlesen. Die Inschrift ist hebräisch und enthält die traditionellen Gedächtnisworte. Der Gelehrte Herr Grimault erklärte, in der Nachbarschaft des jetzigen Boulevards Saint-Michel existierte ein jüdischer Friedhof schon in der Zeit, bevor König Philipp der Schöne im Jahre 1306 die Juden aus Frankreich vcrttiebcn hat. Eine Erinnerungssynagoge in Paris unter dem Patxonat Millerands, PoinearSs und Kochs. Paris (I. T.A.). Zur Erinnerung an die im Weltkriege gefallenen scphardischen Juden wird hier die Errichtung einer großen Erinncrungssynagoge geplant. Das Patronat über den Tempelbau haben übernommen der Präsident der Republik Millerand, der Ministerpräsident Poincare, der Marschall Foch und die Großrabbiner von Frankreich und Paris. ' Einigkeitsbestrebung unter den Inden Griechenlands. Saloniki (I. T.A.). In Kreisen der Salonikier Judenheit macht sich eine Bewegung zur Errichtung einer einheitlichen Organisation der Inden ans griechischem Boden bemerkbar. Siebzigjahrfeier des Rabbiners Immanuel Löw. Budapest (I. T.A.). Am 20. Januar 1924 beging der Rabbiner von Szeged, der bekannte jüdische Gelehrte Immanuel Löw, seinen siebzigsten Geburtstag. Rabbiner Löw folgte sä>on in jungen Jahren seinem verstorbenen Vater im Rabbinate von Szeged, die jetzt die zweitgrößte Stadt Ungarns ist, und bekleidet seit mehr als vierzig Jahren diesen Posten. Das Wissensgebiet Rabbiner Löws, der sich als Gelehrter einen Namen erworben hat, der über die Grenzen Ungarns vom Opfern. Aus dem „Führer der Verirrten" des Maimvnides lll, 32. Ucbersetzt von Josua Friedlaender. Wir haben in d»r Nummer 30 dr, norlgen Jahrgang» unserer Zeitung die Ued.rsetzung jener Stelle gebracht, in der stck Maimonide» gegen die Aufsagung wendet, die Bibel fordere die Opfer um ihrer selbst willen und in der er da» primLre Ziel aller Barsch iftr« di« Gottes« erkennt,», binftellt Wir bringen heute die jenem Abschnitt vorhergehende t telle, die die ausführliche Begründung jener Ansicht enthält. Wenn wir Gottes Wirken oder die Vorgänge in »er Natur betrachten, so gewinnen wir einen Einblick in die Klugheit und Weisheit Gottes, wie sie sich in der Erschaffung der Tiere entfaltet bei der allmählichen Entwicklung der Bewegung ihrer Gliedmaßen und ihrer Stellung zueinander, und wir erkennen auch seine Weisheit und seinen Plan in der allmählichen Entivicklung jede- Einzelwesens. Die allmähliche Entwicklung der Bewegungen der Tiere und die Stellung ihrer Gliedmaßen zueinander kann am Gehirn illustriert werden. Der vordere Teil ist sehr weich, der Hintere Teil ist etwas hart, daS Rückenmark ist noch härter, und je weiter es sich ausdehnt, desto härter wird es. Die Nerven sind die Organe des Gefühls und der Bewegung. Manche dienen nur dem Gefühle: der leichten Bewegung, wie der Augenlider oder der Kaubacken. Diese Nerven gehen vom Gehirn aus. Die Nerven die der Bewegung der Gliedmaßen dienen, kommen vom Rückenmark. Aber Nerven, selbst die, die direkt vom Rückenmark kommen, sind zu weich, um die Gelenke in Bewegung zu setzen: deshalb traf Gott folgende Anordnung: die Nerven verzweigen sich in Fasern, die mit Fleisch bedeckt sind, und werden Muskeln; die Nerven, die an den Enden der Muskeln auskommen und schon anfangen hart zu werden und sich mit harten Teilen von Fleisch zu verbinden, sind die mit den Gliedmaßen verbundenen Sehnen. Durch diese allmähliche Entwicklung sind die Nerven imstande, die Gliedmaßen zu bewegen. Ich führe dieses Beispiel an, weil es das deutlichste ist von den im Buche „Ueber den Gebrauch der Gliedmaßen" *) beschriebenen Wundern; aber der Gebrauch der Gliedmaßen wird deutlich von allen wahrgenommen, die sie mit scharsem Auge prüfen. In ähnlicher Weise sorgt Gott für jedes Einzelwesen der Säugetiere. Wenn solch ein Wesen geboren wird, ist es außerordentlich zart und kann nicht mit trockener Nahrung gefüttert werden. Deshalb geben zunächst Brüste die Milch und nähren das junge Tier mit feuchter Nahrung, die dem Zustande der Gliedmaßen gemäß ist, bis diese allmählich trocken und hart geworden sind. Viele Vorschriften des Gesetzes sind das Ergebnis eines ganz ähnlichen Vorgehens des höchsten Wesens. Es ist nämlich unniögiich, plötzlich von einem Extrem ins andere überzugchen; es ist deshalb nach der Natur des Mensche» unmöglich, plötzlich alles, woran er gewöhnt ist, auszusctzen. Nun sandte Gott den Moses, um aus den Israeliten durch Gotteserkenntnis ein Reich von Priestern zu schaffen und ein heiliges Volk (Exod. 19, 6(. .Vgl „Dir werde zeigen, bamit du erkennst, daß der Herr Gott ist" (Deut. IV, 35): „Erkenne also heute und nimm es dir zu Herzen, daß der Herr Gott ist" (ebend. 5, 39). Den Israeliten werde geboten, sich Seinem Dienste zu weihen; vergl. „und ihm zu dienen mit ganzen! Herzen" (ebend. 11, 13); „und du sollst dem Ewigen deinem Gotte dienen" (Exod. 23, 25); „und ihr sollt Ihm dienen" (Det. 13, 5) Aber die Sitte, die in jenen Tagen unter den Menschen allgemein war, und die allgemeine Gottcsverehrung, in der die Israeliten erzogen waren, bestand in Tieropfern in den Tempeln, die gewisse Bilder enthielten, und jder Verehrung jener Bilder *) Galen, De usu partium. und im Verbrennen von Weihrauch vor ihnen; als religiöse und asketische Personen galten in jener Zeit die Leute, die dem Dienste in den den Sternen errichteten Tempeln sich weihten. In Uebcrcinstimmung mit der Weisheit und dem Plane Gottes, wie er in der ganzen Schöpfung entfaltet werde, gebot er uns nicht, alle diese Arten des Gottesdienstes auszugcben und abzustcllen; denn das wäre der Natur des Menschen zuwider gewesen, der im allgemeinen an dem hängt, woran er gewöhnt ist; es würde in jenen Tagen denselben Eindruck gemacht haben, den etwa heute ein Prophet machen würde, der uns aufforderte zum Gottesdienste, aus und in Gottes Namen sagte, daß wir nicht zu ihm beten sollten, nicht seine Hilfe suchen in Zeiten der Not, sondern chm dienen in Gedanken und nicht durch irgendwelche Handlung. Deshalb ließ Gott diese Arten des Gottesdienstes wciterbestehen; er übertrug auf seinen Dienst, was vorher zur Verehrung geschossener, gedachter und unwirklicher Wesen gedient hatte, und gebot uns, ihm in derselben Weise zu dienen; nämlich ihm einen Tempel zu bauen, vergl. „und sie sollen mir ein Heiligtum bauen" (Epos 52, 8); den Altad seinem Namen errichten zu lassen; vergl. „Einen Altar von Steinen sollst du mir machen" (ebend. 20, 21); ihre Opfer darzubringen; vergl. „Wenn jemand ein Opfer dem Ewigen darbringt" (Lev. I, 2), sich vor ihm zu bücken und Weihrauch vor ihm zu verbrennen. Er hat verboten, irgendetwas von diesen Dingen einem anderen Wesen zukommen zu lassen; vergl. „wer irgend einem Gotte opfert außer dem Ewigen allein, soll gänzlich vernichtet werden" (Eros 22, 19): demgemäß die sollst dich vor keinem andern Gotte beugen" (ebend. 32, 14). Er wählte Priester aus zum Dienste im Tempel; „und sie sollen mir im Pricsteramt dienen" (ebend. 28, 41). Er machte es zur Pflicht, daß gewisse Gaben, die Gaben der Leviten und Priester, diesen zu ihrem Unterhalte Angewiesen würden, während sie im Dienste des Tempels und der Opfer

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