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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-02-02 · 2 (2.2.1924) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
2 (2.2.1924)
Date
1924-02-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle 1,— Goldmark pro Vierteljahr. Anzeigen: 0.30 Goldmark für die sechsgespaltene Zeile nach Rudolf Mosse's Normalzrilenmefser Nr. 4; Familienanzeigen und Stellengesuche für die Mitglieder der Vereinigung für das liberale Judentum E. v. und der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Iugendverein« (MO Goldmurk. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin W 8, Mauerstr. 22 (Vereinigung für das liberale Judentum e. V.) Fernruf, Merkur 8725. Anzeigen-Annahme bei der Geschäftsstelle. Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin NW 7 Nr. 137069 (Vereinigung für das liberale Judentum e. D.). Nummer 2 Berlin, den 2. Februar 1924 4. Jahrgang Die Gründung der «Achduth- und der Liberalismus. Von Rabbiner S. Samuel (Essen). Vor einiger Zeit wurde die jüdische Oeffentlichkeit mit der Nachricht überrascht, daß das deutsche, traditionelle Judentum sich zu Frankfurt a. M. zu einem neuen Bunde, „Achduth" (Einheit) genannt, zusammengeschlossen habe. Damit sind die Kämpfe zwischen Trennungs- und Gemeind eorthodorie in ein neues Stadium getreten. Bisher gab offenbar die erstere den Ton an und erklärte strenge -Scheidung für das Schibolet aufrichtiger, orthodoxer Gesinnung. Diejenigen Gesetzestreuen, die in den alle Richtungen umfassenden Gemeinden verblieben, muhten es sich gefallen lassen, der Halbheit und Lauheit und damit mittelbar der Begünstigung des Abfalls geziehen zu werden. Nun scheint der Frankfurter Krater, der Hauptherd aller Unruhen, zum Schweigen gekommen zu sem, und die Eememdeorthodorie ergreift das Wort. Zwar stehen beide Richtungen auf dem Boden der Aguda, und empfingen wahrscheinlich von der jüngst in Wien abgehaltenen „Kenessija hagedola" ihre Direktiven; sie scheinen sie aber in ganz verschiedener Weise verwirklichen zu wollen. Die Proklamation der neugegründeten Achduth, die wir dem „Isr. Familienblatt" vom 3. 1. d. 3. entnehmen, gibt dafür deutliche Beweise: „Achduth. d. h. Einheit, und will besagen, daß im Gedanken der Einheit alle die zusammengeschlossen werden sollen, die in Gesinnung und Tat Gleiches ersehnen, nach Gleichem streben." „Der Gedanke des K'lal Jisrael, der Gedanke von der Einheit Israels, ist damit zur Tat geworden. Ihr Zweck ist die Zusammenfassung aller auf dem Boden der jüdischen Gemeinschaft stehenden, gesetzestreuen Juden Deutschlands zur gemeinsamen Losung der dem thoratreuen Judentum erwachsenden Aufgaben." „Damit ist nunmehr endgültig die Legende von den zwei Iudentümern erledigt." Wäre auch nur dieser letzte Satz verkündigt worden und dürften wir annehmen, dah er die wahre Ueberzeugung und Willensmeinung der Gründer der Achduth ausfpricht, so wäre das schon ein hochwillkommenes Ereignis. zu dem die deutschen Juden in diesen dunllen Tagen sich beglückwünschen könnten. Besonders der Liberalismus hätte damit eine späte Genugtuung und Rechtfertigung gefunden. Gerade unsere geschichtliche Einstellung hat uns immer davor bewahrt, den Zusammenhang mit der gröheren Gemeinschaft preiszugeben. Stets haben wir betont, dah wir uns zu dem einen historischen Judentum bekennen, auch wenn wir an hem entgegengesetzten Pole der grohen einheitlichen, jüdischen Linie wirten, als die Gesetzestreueil. Wir haben in der Tat geglaubt, dringenden Ansprüchen des Zeitbewuhtseins entgegen zu kommen und die Forderungen eines großen Teiles unserer Gebildeten sowie unserer Jugend in die rechten Bahnen lenken zu sollen, alles aus wohlverstandenem, konservativem Interesse. Aber wie ist man uns begegnet? In frischer Erinnerung leben noch die maßlosen Vorwürfe. die die Gesetzestreuen beider Richtungen aus Anlaß der liberalen Richtlinien gegen uns schleuderten. Damals haben auch die Gemeindeorthodoren die häßliche Legende von den zwei Iudentümern unterstützt, und das Märchen aufkommen lassen, daß zwischen Liberalen und Orthodoxen im Judentum eine unüberbrückbare Kluft gähnte, tiefer als diejenige zwischen Katholiken und Protestanten. Man sprach uns nach berühmten Mustern den Ehrennamen des Juden ab, hätte uns am besten Kommerz und Konnubium gekündigt, wie man selbstverständlich nicht mehr mit uns beten und speisen wollte. Ja, die tief bedauerliche, noch heute hier und dort spukende Bewegung setzte ein, sogar die Friedhöfe unserer Gemeinden für „rituell ungeeignet" zu erklären, um die sterblichen Ueberreste orthodoxer Juden aufzunehmen! Wenn man hinzunimmt, daß zu gleicher- Zeit unsere ostjüdischen Gemeindemitglieder ihre religiösen Sonderwünsche anmeldeten, und die zionistischen Absichten auf jüdische Volksgemeinden bald darauf einsetzten, so hat man ein Bild heilloser Zerrüttung und lärmender Kämpfe, denen erst die schaurig einsetzende Melodie des Weltkriegs ein vorläufiges Ziel setzte. Sollte die strenge Zucht des Krieges unsere häuslichen Streitigkeiten gemildert und uns die heilige Pflicht größerer Friedfertigkeit zum Bewußtsein gebracht haben? Ein Symptom dafür bildete schon die im Lahre 1916 erfolgte Gründung der „Neuen jüdischen Monatshefte" mit ihren aus allen Lagern stammenden Mitarbeitern; besonders aber die 1919 in ihrem Verlage erschienenen Sammelschrift „Das deutsche Judentum", in der die maßgebenden Vertreter aller gegenwärtigen Richtungen ihre Ideen und Programme leidenschaftslos zur Darstellung brachten. Das liberale Judentum ist dort vortrefflich durch unsern Gesinnungsgenossen Dr. Felix G old mann vertreten. Zum günstigen Zeichen nehmen wir es, daß uns auf der Gründungsversammlung der Achduth neben dem Nachfolger von R. Markus Horowitz s. A„ dem würdigen Dr. Hoffmann v. Frankfurt a. M., auch Rabbiner Dr. Unna v. Mannheim als Wortführer entgegentritt. Es ist derselbe, der hier die schöne Idee des jüdischen Arewus (der gegenseitigen ideellen Bürgschaft aller Juden für einander) betonte, und dessen Aufsatz „Das ge setzest reue Judentum" die pben erwähnte Sammelschrift vom Jahre 1919 eröffnet. Das dort entwickelte Programm ist zweifellos dasjenige der neuen Achduth. Es ist nicht das unsrige; aber es hält sich fern von aufreizender Polemik; es schiebt dem Liberalismus und selbst der Reform keine unlauteren Motive und zersetzenden Tendenzen unter; es ist in sich geschlossen und verständlich. Irrtümlich erscheint es uns, wenn die gesetzestreue Richtung sich als die geschichtlich allein und gm besten begründete ansieht, und sich dafür auf die grade Linie von der Mischna und dem Talmud über Iehuda, Halevi, Saadia und Maimonides bis auf Moses Mendelssohn beruft. Denn bezeichnenderweise läßt diese Linie die Bibel auf sich beruhen, und die mächtigen Kämpfe, die Maimonides' wie Mendelssohns Wirken ausgelöst hat, von hinten her als belanglos erscheinen. Mein, soviel Namen, soviel Phasen der Entwicklung bei innerer Einheitlichkeit; und soviel Einheit, trotz vorwärts weisenden Fortschritts. Das hat Felix Goldmann in seiner Darlegung „Das liberale Judentum" vorzüglich nachgewiesen, das wird von Leo Baeck als „Einheit und Entwicklung" ebenso siegreich behauptet. Will das in dem neuen Bunde vereinigte, gesetzestreue Judentum die wahre Meinung des maßgebenden jüdischen Liberalismus in Deutschland kennenlernen, dann halte es sich an die programmatischen Erklärungen Goldmanns. Die dort aufgestellten leitenden religiösen Ideen werden mit geringen Nuancen von allen ernst zu nehmenden Rabbinern liberaler Richtung geteilt und auch im Widerstreit darüber hinausgehende Meinungen energisch verfochten. »li'1»*1 1 <iTr.”1'11iTT• iTTiI'‘Jl’< 1 iTTi 1'’i'‘tm 11 *’i' 1 frr 1111 ’Ji*• IiTTtt 11■ ü:-*i.TT.• "il111(TTiI"i111(TTiI• uyiIiTT,I Werbt neue Mitglieder! IUI *il**<iTTu1 ’ü."‘iTIuii• *ü‘«is~iJön Haben wirklich die beiden, historisch gleichberechtigten Parteien im Judentum: die mehr bewahrende und die mehr umbildende, die pietätvoll rückwärtsschauende und freier beschwingte, vorwärts drängende, die aufrichtige Absicht, zum friedlichen Nebeneinander zu gelangen und sich gegenseitig Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, so ist der Augenblick dazu gut gewählt. Die Achduth tritt neu in die Reihe der jüdischen Gruppen. Sie ist nicht beschwert mit dem z. T. recht unerfreulichen Erbe der bisherigen orthodoxen Verbände, soweit diese den Austritt aus den Gemeinden, den Widerstand gegen alle Gesamtorganisationen und die Achterklärung liberaler Theologen forderten. Ein neuer Geist soll seine Herrschaft antreten. Die Achduth nennt ihn zwar mit dem alten, überkommenen Namen „Thorageist", „Gesetzestreue". Aber sie wird zugeben, daß die Treue sich nicht nur nach der Stärke in eine abwertende Skala bringen läßt, sondem daß es verschiedene Formen gibt, in denen man seine Treue beweisen und bewähren kann. 3n einer hübschen Parabel läßt die Aggada (noch vor Shakespeare) einen König seine Töchter durch das wertvollste Geschenk, das sie ihm zueignen würden, auf die Probe stellen, und die Tochter, die ein Schälchen Salz darreicht, erringt den Preis; denn dies Gewürz ist das unentbehrlichste. Der Liberalismus erscheint uns als das Salz des Judentums. Reue Ziele — neue Wege. Von Rabbiner Dr. E ottschalk. Wenn man die Wünsche. Pläne, Anregungen, die jetzt immer wieder in der liberalen Bewegung auftauchen, auf eine kurze Formel bringen soll, dann könnte man es mit denr bekannten Zitat: „Der Worte sind genug gewechselt. . . ." Seit den Richtlinien gibt es wohl wirklich kaum etwas, was nicht gesagt und verlangt worden wäre. Jetzt will man Taten — und geht endlich dazu über. Das Ziel ist: konkreter Liberalismus! Leistung! Leben! Der Weg dazu aber kann nur sein: Konzentration der Kraft! Energie! Das Hinstarren auf die Gemeindevertretungen allein, die Einstellung auf gute Wahlen, die Anpassung an die gegnerischen Strömungen und deren Abwehr — all das hat lange genug gelähmt, hat der Kraft ganz falsche Ziele gestockt. Aufbau ist die beste Abwehr! In diesem Sinne arbeitet jetzt der Ili, lernt jetzt die liberale Jugend! In diesem Sinne veranstaltet sie Freitag- Abendfeiern! In diesem Sinne ist ein selbständiger Freitag-Abendgottesdienst in Berlin-Norden entstanden — ohne Befragung, ohne Unterstützung der Gemeindeverwaltung. Den Kultus hat man sich dort selber geschaffen. Man betet hebräisch und liest hebräische Gebete in poetischen deutschen Uebertragungen, man liest aus der Bibel vor und daneben aus Iehuda, Halevi, Geiger, Steinthal u. a. Es predigen Laien ebenso wie der Rabbiner, und Damen und Herren sitzen neb eneinander. — Schon rüstet ein anderer Bezirk zu einer Peßachfeier, und so wird auf liberaler Seite nur nachgeahmt, was Andersgesinnte längst in Berlin getan haben. Innerhalb der Hauptgemeinde wird ein Kranz von liberalen Sonderzirkeln geschaffen. Wenn die Unabhängigkeit von der Gemeinde betont wird, so liegt darin selbstverständlich kein Mißtrauen gegen die Tätigkeit liberaler Vertreter. Es gilt aber für jede Partei, daß ihren Angelegenheiten in der Ge samt Vertretung nur ein Teil der Zeit zur Verfügung gestellt werden kann. Schon das ist lähmend. Liberale Dinge aber brauchen außerdem ihrem Wesen imch so auf der Betonung des „Ich" — nicht des egoistischen, sondem des schöpferischen, eigenwilligen, persönlichen „Ich", daß ein Verhandeln darüber allenfalls unter prinzipiell gleichgesinnten „Ichs" einen Sinn hat —, aber eine Aussprache mit prinzipiell Andersgerichteten fast zwecklos genannt werden muß. Vielleicht ist es — s o angesehen — sogar von Vorteil, daß der Reformgemeinde ihre Selbständigkeit erhalten geblieben. Es wird sich zeigen, ob sie auch ihrerseits eine Entwicklung der Entwicklung anerkennt und!bereit ist. in eine Reform der Reform einzutreten.! Nicht im Sinne des Abbaus ist das gemeint, denn auch die i bisherige Richtung hat ja Anhänger gefunden — sondem jim Sinne des Aus bau s und Neubaus. Gerade jetzt;wäre Gelegenheit, aus jahrzehntelanger St arrhe it herauszutreten und die neuen liberalen Strömungen aufzufangen. Denn diese Strömungen sind eine Mischung von Reform und altem Liberalismus. Man entschließe sich zu Freitag-Abendfeiern im Geiste der Gruppe Berlin-Norden, und vielleicht noch weitergehend darin; man llammere sich nicht an äußere Dinge, man gebe dem Kantor wieder einen Platz, der ja ebenso deutsch wie hebräisch singen kann, man lasse — wie Evbleuz das schon zugesagt hatte — etwas mehr Hebräisch im i Gottesdienst hören, und bedecke wie wir andern wieder das Haupt. Man führe für die Woche „religiöse Feierstunden" ein. wie ich sie kürzlich hier angedeutet, man schaffe die Feiertage noch einmal, die doch auch in der jetzigen Reform nur mangelhaft zu ihrem Rechte kommen. Auch hier ist der geeignetste Zeitpunkt zu finden — und das dürfte im allgemeinen der Abend fein. Aber dann ist der Inhalt neu zu gestalten im! Sinne der Freitag-Abendfeier. — Für die hohen Feier- > tage ist über die Zeitfrage ja nicht zu sprechen, aber hier gerade sollte man Wert darauf legen, in kürzerer Form!als bisher weihevolle hebräisch deutsche Gottesdienste zu schaffen. Und dazu werden dann alle kommen, denen weder der bisherige Reformgottesdienst, noch der bisherige Gottesdienst in den Orgeltempeln wirklich Erbauung und Erhebung bietet. — Die Möglichkeit, sich auszugestalten, und so dem liberalen Ganzen zu dienen, ist lange vorhanden. Denn gerade die „Fe i e r st u n d e n" der Woche — sie könnten auch denen zum Gottesdienst werden, denen nicht bloß an einer kulturellen Reform, sondern an der des Geistes gelegen ist, die Gott anders erfeben. als ihre Brüder. Gewiß vermag der psychologisch Geschulte, und gewiß vermag der poetisch Begabte alles und jedes zu symbolisieren, und darum auch sich dort zu erbauen, wo man jedenfalls nicht seine Sprache redet. Der weniger Komplizierte vermag das nicht, und will es auch nicht. So bleibt er fort und wartet darauf, bis seine Stunde gekommen ist, Eine Reform der Reform könnte ihm helfen. Ist aber ein derartiges privates Vorgehen nur in der Großstadt möglich, oder auch auf dem Lande? Das meine ich freilich. Und darum ist auch das eine Aufgabe: Liberalismus aufs Land! Die Wanderbibliotheken sind eine nützliche Einrichtung — aber ffe sEnd Theorie gegenüber der Praxis» die notwenb i g ist, dringend notwendig! Es kommt nicht auf die Zahl der Anhänger an — wenn selbst nur 8 oder 12 Menschen da sind, denen Religion mehr und etwas anderes ist, als ihr Fleck oder ihr Tempel ihnen bietet, dann zeige man ihnen den rechten Weg. Es gibt immer einen Saal oder ein Zimmer, es gibt irgendwo auch ein Instrument, es gibt einen Laien, der sprechen kann, wtwn zweiten.

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