Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 1 (18.1.1924)
- Date
- 1924-01-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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bcr Verwaltungen ein grob Teil des tüdischen Gememdeledens zur Nekropolis geworden ist, und wie das Schicksal, es zu werden, noch gar mancher Gemeinde bevorsteht. Schon rächt es sich in bedenklichem Msnnrtze, wie die Gemeinden ihre Pflichten verletzt und vernachlässigt haben, denn die Wucht der Beamten in andere Berufe hinein und das Ausbleiben eines ordnungsmäßig vorgebildeten Nachwuchses für später, das ist die verdiente Antwort an die Gemeinden dafür, daß sie sich während des Krieges und besonders auch in der Nachkriegszeit, so schwer an den Beamten versündigt haben. Jetzt, wo es allen Beamten, und zwar von „Staats wegen", miserabel geht, jetzt, wo es nichts mehr zu handeln, nichts mehr zu feilschen und abzuziehen gibt, jetzt erwacht auch das „Gewissen" der Gemeinden. und mit einer bis an die Rührseligkeit grenzenden Wrsorge geben arlch sie ihren Beamten die paar letzten Brocken, die das Gesetz noch hat bestehen lassen. Früher wollten sie von dem „Gesetz" nichts wissen: jetzt patzt es , ihnen. Herr Dr. Ismar Freund, der gewiß nicht im Geruch steht, ein Freund der Beamten zu sein, hat aber doch, und das mutz anerkannt werden, das große Verdienst für sich in Anspruch zu nehmen, dafür gesorgt zu haben, daß zur Zahlung von Gehältern an die Beamten auch die jüdischen Kultusgemeinden mit Zuschüssen von Seiten der^ preußischen Staatsregierung bedacht worden sind. Wäre das nicht der Fall gewesen, wer weiß, wie vielerlei turmhohe Schwierigkeiten sich dann noch ergeben hätten! — Diejenigen Gemeinden aber, die unter Aufwendung großer Opfer die Pflichten gegen ihre Beamten bis zur Stunde erfüllt haben, werden unverschuldet darunter mitzuleiden haben, wenn für die Folge ein Beamtmgeschlecht vorhanden sein wird, das den Aufgaben der Zeit nicht mehr gewachsen ist.! Aber noch eins: In den Mittel- und Grobgemeinden leiden auch die kulturellen Verhältnisse. Der Gottesdienst leidet insbesondere da. wo es sich um die Chorfrage handelt. Mehr denn je ist die Aufrechterhaltung eines geregelten, m e h r st i m m i g e n Chores beim Gottesdienst eine Sorge der Gemeinden geworden, und mehr denn je mutz die Frage aufgeworfen werden: „was soll nun geschehen?" — Nach meinem Dafürhalten wäre die Krage längst nicht so brennend, wie sie unter dem Druck der Verhältnisse es geworden ist, wenn man vor Jahren,, in der Vorkriegszeit, als man auch für derlei Dinge noch Geld genug hatte, auf die Stimmen derer gehört hätte, die ein .„Gemeinde ge sang buch" schaffen wollten. Wie schön wäre das schon immer gewesen, und wie ganz besonders nützlich wäre das jetzt! — Ich wage sogar zu; behaupten, daß es heute noch möglich ist, diesen letzten Rettungsanker zu ergreifen, wenn der Gottesdienst nach feiner musikalischen Seite hm nicht ganz verwahrlost werden soll. Die zur Schaffung eines solchen Werkes notwendigen Geldmittel könnten die großen jüdischen Organisationenunter Führung desDeutsch- Ifraelitischen Gemeindebundes immer noch aufbringen. Und nun noch ein Schmerzenskind auf anderem Gebiete. Es ist leider zu einer Wahrheit geworden, datz auch für wissenschaftliche Zwecke, für Vorträge und dergleichen, die Geldmittel fehlen. Nicht, weil sie etwa nicht vorhanden wären, sondern weil man für „derlei Dinge" kein Interesse mehr hat. Ein solcher Zustand ist Über alle Matzen traurig: er ist ganz und gar uniüdisch und für die Dauer unerträglich. Das Judentum aller Zeiten hat es vielmehr ausdrücklich betont und sein ausgedehntes Schrifttum bestätigt es auf jeder Seite, datz ein lebensfähiges Geschlecht nur durch die Pflege der Wissenschaft zu erziehen und zu erhalten sei. Vor dem Kriege gab es fast keine jüdische Gemeinde von einigermaßen Bedeutung, die nicht wenigstens einen Literatur- Verein aufzuweisen gehabt hätte. Redner von zum Teil hohem wissenschaftlichen Range lieben sich gegen ein kaum nennenswertes Honorar — also gewiß nicht aus Gründen nutzbringender Beschäftigung —, bereit finden, wissenschaftlich hochwertige Vorträge zu halten, und man tonnte damals. ohne sich einer Uebertreibung schuldig zu machen, ruhig und getrost sagen, datz jüdisches Leben überall gedeihlich gehegt und gepflegt wurde. Tempora mutantur. die Zeilen haben sich auch in dieser Beziehung gewaltig geändert: Geld nnd Geld und nochmals Geld, das ist die große materialistische Forderung des Tages auch von Seiten unseres jüdischen Publikums, et nos in illis mutamur. und schon gibt es der Leute genug, die auf Grund der anders gewordenen Verhältnisse die in der Vorkriegszeit gepflegten Ideale preisgegeben haben, weil sie nicht mehr willens sind, an ihr eigenes geistigst Wohl, geschweige denn an das anderer zu glauben, oder dafür irgendwie nennenswerte Aufwendungen zu machen. Das darf nicht sein, das mutz wieder anders werden, damit auch das kulturelle Leben wieder zu seinem Rechte gelangt, und eine dankbare Aufgabe der Diskussion dürfte meines Erachtens darin bestehen, Mittel und Wege ausfindig zu machen, die trotz aller sonstigen Nöte der Zeit dem gegenwärtig herrschenden, unseligen Zustande ein energisches und baldiges Ende bereiten. Eugen Fuchs. Die letzten Tage des scheidenden Jahres haben dem deutschen Juden einen schmerzlichen Verlust gebracht: Geh. Iustizrat Dr. Eugen Fuchs ist am Abend des 22. Dezembers seiner Familie, seinen Freunden, uns allen, durch einen plötzlichen Tod entrissen worden. Mit tiefer Trauer haben Tausende und Abertausende diese Kunde vernommen und beklagen sein so frühes Scheiden. Was er als | Pressefonds! | ff A achen: Rabbiner Dr. Jaulus 20 Frcs., N. N. 11 Frcs., W Z N. N. 10 Frcs., N. Ni. 5 Frcs., Lehrer Hermann Wallach s S 1 Hfl., Alex Meyer 5,- M. M — Berlin: Georg Blumenseld, Max Schloß je 50,— M., W 8 Paul Veit Simon, Ungenannt je 20,— M., Joseph Siedner, W Z Wolf H. Neuinann je 10,— M., Benchard Unger 5,— M. ü Bielefeld: Durch Rechtsanwalt Dr. Katzenstcin 70,— M. W Breslau: N. N. 250,— M., Emil Äeisstock 3,— M., W Ü Julius Grnnbaum 2,70 M., Erich Kömgsberqer 1,— M. H Coblcuz: M. Moser 5,— M. ' §§ H Dort ni und: Meyer & Günther 50,— M. W W Düsseldorf: Ludwig Nagel 11,— M. §jj W Frankfurt a. M.: I. Jakob 2,— M. W §§ tt‘ oln: Israel Levi 1,— M. f§ Ü Kren z v urg: A. Ebstein, Gciscnbcrg, M. Tauber je 5,— Z Mark, H. Brauer 4,— M., Prager, Schöngrrt, Tauber 1= H je 3,— M., Jablonski, Pariser je 2,— M-, Krebs 1,— M. W Ü Nainslau: A. Bandmann, Glaser, Gottheimer, Kirrt Gutt- M Z niann, Schistan, Oscar Sittenfeld, Ismar Tischler. Joses Uli. W ff H- Zampfner je 5,— Ni.. H. Tischler 4,— M., Äoldschmidt, I Silbermann je 3,— M. W H O h l nii: Georg Jonas 5,— M., Julius Rosenbaum, Else Z Kvttlarzig, Adolf Gruschka, Siegftied Glaser, Lndtvig Glo- W gowstt je 3,-— M. W W Ratibor: Ludwig Schwarz 27,.— M. Z H Stettin: Durch Rabbiner Dr. Nellhaus 6,— M. W Z Stuttgart: Landgerichtsdircktor Stern 2,.— M. W W An regelmäßigen Goldmarlbeiträgen gingen ein: Z Z Aus Berlin: Albert Kaul, Otto I. Kraft, Leo Steinitz. 8 §§ je 0,— M. für die Monate Januar/März. W ff Aus Breslau: Gerhard Bettsack 10,— M. fiir Januar^ W M Aus D o r t m u n d : Moritz Bär, Sally Baum, Arthur Jordan, ff §=•■ Landecker & Voß, Bernhard Meyer, Max Nordwald je 3,— ff M Mark für die Monate Januar/März. * W Ü Aus D u i s b u r g: K. Auerbach, Arthur Gerson, Mrx Heidel- W M berg, Albin Hirsch, Siegfried Hoffnung, Eugen Sfrmfmanu, s M B. Lazar-Conitzer, Th. Lauter, M. Loewe, S. Loewe, Franz g U Plcst, Dr. Roscnthal, Levi Rosenchal, Oskar Rosenthal, Dr. ff g Rottenstein, Rechtsanwalt Rüben, Hcrmanu Strauß, Rechts- Z H anwalt Traugott, Sally Winter je 3,— M. für dir Monate g g Januar/März. M g Aus Ni. - G ladba ch: Gebr. Abraham, H. Abraham, E. g g Aschaffenburg, M. Harf, Wilhelm Klein, Ernst Leffmann, W Z Hermann Meyer, Bernhard Nagel, Emil Rosenthal, Jacob g W Wehl je 3,— Ni. für die Monatr Januar/März.. W Ü AuS OI] lau: Georg Jonas, Julius Rosenbaum, Else Kvtt- M M larzig, Adols Gruschka, Siegftied Glaser, Ludwig Glogvwski M g je 2,— für die Monate Januar/Februar. 8 Ü Ruhrspenden. 8 U Berlin: Simon Levy l0,— M., Freiburg i..Br.: Martin W Z Br.anil 5,— M., die wir bereits weitergeleitA haben. g | Geschäftsstelle der „füdisch-liberslen Zeitung'". | iittHIII!l![llllllll(llllillillltl!!llUIUIIIlilllllinillltlllitlillUl!llillltltlllUI!llil!llllllll!llllllillllllllllHlliltlllllllilii!!!llillillllinl Jurist für seine Wissenschaft, als Anwalt des Rechts für die Würde seines Standes und für die Sache seiner Klienten geleistet hat, werden andere an anderer Stelle würdigen; &n dieseriStelle gedenken wir des jüdischen Deutschen, des Führers in unserem Kampfe um die Gleichkberechtigung. — Als im Februar 1893, veranlaßt durch die Broschüre von Dr. Raphael Löwenfeld, „Schutzjude oder Staatsbürger?" eine Anzahl jüdischer Männer in Berlin sich zusammenfand, um diese Frage offen und entschieden zu beantworten, um zu erklären, datz wir nicht Schutzjuden eines Urahnen oder einer politischen Partei, sondern gleichberechtigte und gleichwertige Staatsbürger fein wollen, da war Eugen Fuchs einer der ersten und eifrigsten bei der Begründung des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens"» bei den Arbeiten für die Organisation und Propaganda des neuen Vereins. D-n Anfang an geWrfe er der RechtsschutzkomMion an. eine Zeitlang als ihr Vorsitzender, derm besondere Mfgäbe es war. den ungerechten Angriffen auf einzelne Juden und auf die Religwn des Judentums mit den Waffen des Rechts entgegenzutreten und die „administrative PreNerei" die unsere verfassungsmätzige Gleichberechtigung zwar nicht offen aufhob, aber auf dem Wege von Verwaltungsmaß-- regeln tatsächlich zunichte machte, zu entlarven und in ihrer Rechtswldrmkert. ihrer Versündigung am Geiste der Verfassung blotzzüstellen. Er hat im Mril 1894 im Namen der Rechtsschutzkommission den ersten Bericht über ihre bishenge Tätigkeit erstattet, und mit Empörung lesen wir noch heute von den unsäglichen Schwierigkeiten und Hemmmssen, die jedem -Schritte vorwärts auf der Bahn des Rechts sich entgegenstellten. Aber alle Zurückweisungen und Mitzerfolge konnten den Mut des von dem Rechte semer Sache überzeugten Stteiters nicht brechen. Wie er selbst von diesem R^cht durchdrungen war. so glaubte er auch darin, datz es möglich sein müsse, durch das Gewicht der guten Gründe die Zurückweisungen- und Mitzerfolge zu überwinden und die Organe der Rechtspflege zu einer anderen und richtigeren Ansicht zu bekehren. „Auch in der Jurisprudenz kämpfen nur gegen bösen Wülen. nicht gegen mangelnde Einsicht seM die Götter vergebens", und den bösen Willen traute er keinem der Staatsanwälte und Richter zu. die vorerst unsere Bitten um Rechtsschutz zurückwiesen. Im Kampfe sollst du dein Recht finden, dieser Gedanke Ihrings beseelte jauch ihn. Mit der Kraft der eigenen Ueberzeugung. mit einer Fülle von juristischen und ethischen Argumenten erkämpfte er. frellich langsam und Schritt für Schritt, eine andere Rechtsprechung. Auch hier hielt er sich an ein Wort desselben Ihring, datz nur das Recht Wert und Dauer hat, das nicht geschenkt, sondem schwer errungen ist. Wenn die Antisemiten es bis dahin als ihr gutes Recht augesehen und geübt halten» das Kolnidra-Gebet, das Schächten, den Talmud u. a. mit den ärgsten Verleumdungen belegen zu dürfen, so wurden sie nun belehrt, datz der Schutz der Gesetze gegen Gotteslüsterung und Beschimpfung der Religion sich auch auf die jüdische Religion erstrecken, und datz sie auch den einzelnen Juden oder die jüdische Gesamtheit nicht mehr ungestraft verleumden durften. — Und ein zweites großes Verdienst erwarb sich Fuchs in dieser Zeit um die Sache der deutschen Juden: er warb seinen Kollegen und Freund Marimilian Horwitz für den Zentralverein und gewann damit unserer Sache einen Vorkämpfer, der mit ihm vereint bald die Führung übernahm. In ungetrübter Eintracht und inniger Freundschaft haben diese beiden Männer fortan zum Heile der deutschen Juden zusammengewirkt und den Kreis ihrer Aufgaben immer weiter, ihre Ziele immer höher gesteckt. Was in ihnen beiden verkörpert war. die harmonische Vereinigung vom Deutschtum und Judentum, das sollte in allen deutschen Juden Lebew gewinnen. Dazu arbeiteten sie gemeinsam in unzähligen Vorstcmdssitzungen und Kom-- missionsberatungen. Dazu machten sie —oft gemeinsam — Werbereisen nach allen Teilen des deutschen Vaterlandes, opferten den Schlaf der Nächte, um in Königsberg oder Frankfurt a. M., in Hamburg oder in.Breslau und in vielen anderen Städten in öffentlichen Versammlungen und in Besprechungen mit den führenden Männern der Gemeinden Anhänger IN roerhen und ihrer hohen, idealen Auffassung von dem Recht und der Pflicht des deutschm Juden andere emporzuziehen. Und der Erfolg blieb ihnen nicht versagt: mit Jubel wurden sie begrüßt und mit Andacht angehört, wenn sie, gemeinsam oder der eine von ihnen, in gewaltigen Worten, getragen von dem höchsten sittlichen Pathos, von der Treue zum Glauben und der Treulosigkeit des Abfalls sprachen: von der Ehrenpflicht eines jeden, .für sich und seine Sache den Kampf zu führen nnd in der eigenen Sache zugleich die des Rechts und der Gerechtigkeit für alle zu vetteidigen. Da wurden auch die Lauesten fortgerissen, da schwand Gleichgültigkeit und Zaghaftigkeit, da ging jeder erhoben und erstarkt von dannen. So haben die beiden Männer zusammengearbeitet, bis am 13. Oktober 1917 der Tod uns unseren unvergeb . lichen Marimilian Horwitz entriß. Was den Schmerz um den Verlust dieses einzigartigen Mannes allein mildern konnte, war, was allen selbstverständlich erschien, datz nunj mehr Eugen Fuchs der erste Vorsitzende des Zentralvereins I wurde. Und obgleich mit anderen Arbeiten überhäuft und schon damals öfters leidend, hat er die Erbschaft des Freundes übernommen und zwei Jahre das Amt des Vorsitzenden geführt, bis das dringende Verlangen seines Arztes ihn veranlaßte, den Vorsitz niederznlegen. Mit tiefer, innerer Bewegung teilte er in der Vorstandssitzung im Dezember 1919 den Versammelten diesen Entschluß! mit, und mit tiefer Ergriffenheit sahen wir ihn den Führerstab niederlegen. Mer er konnte und wollte das, was ein gutes Stück seines Lebens war, nicht völlig aufgeben. Datz er zum Ehrenvorsitzenden ernannt wurde und diese Er» nennung annahm, war nicht eine äußerliche, inhaltlose Ehrung, sondern der Ausdruck des Verttauens, datz er, sobald und so oft es ihm möglich sein würde, er sich Biblische Gestalten im modernen Gewände. Von I. W olf s s o h n-Breslau. II. Ruth. . Auch das Buch Ruth ist eines der Kapitel des Buches der Bücher, die uns vom rein menschlichen Standpunkt nnd von modernen Moralanschauungen aus gesehen am meisten anmuten. Wir sollen es am Schewuoth, am Feste der Osfenbarung und Gesetzgebung, lesen, an dem Tage, welcher nach unserer Bibel der Menschheit die gewalügste Verkündung gebracht hat. Mit Recht weist uns die Kanzel häufig auf die ErNärung unserer Weisen hin, daß in dieser Vorschrift nicht ein Zufall der Einrichtung eines beliebigen Zyklus zu erblicken sei, sondern daß es wohlerwogene Äbsicht war, die neben die Donnerworte des Sinai das Idyll zarter Menschenliebe, neben die Krone göttlicher Auscrwähltheit, die einem einzelnen Stamme zuteil ward, die hohen mcnschlick>en Eigenschaften und Tugenden eines fremdstämmigen und vormals andersgläubigen Weibes stellt. Und dieser Gharaktcr wird zur Betätigung solcher Liebe und Güte nicht durch die momentane Liebe des Weibes zum Manne veranlaßt, Ruth übt sie gegen den verstorbenen Gatten noch über das Grab hinaus, indem sie sich gegen dessen Mutter noch liebevoll ertveist. „Wo du hingehst, da will auch ich hingchen", diese Worte haben ja in Wirklichkeit doch in ganz anderem Sinne geklungen, als man sie heute bei Trauungsseierlichkciten verwertet; der Mutter des verstorbenen Gatten, die nach der Heimat zurückzog, gelten sie. Ob sie aus solcher Regung, aus der Seele der Schwiegertochter heraus nicht noch höher zu bewerten, wie aus dem Herzen des liebenden Weibes, soll hier nicht untersucht werden. Für uns ergibt sich etwas anderes, nngeinein wichtiges aus der Erzählung von Ruth, der Stammmutter des Davidischen Geschlechtes, aus dem einst der Messias entsprießen soll. Das Judentum kann und darf niemals exklusive Tendenzen gegenüber solü^en haben, die, um ein neutestamentarisches Wort anznwenden, „guten Willens sind". Der Geist unserer Religion soll durchaus nicht dem anserwählten Volke Vorbehalten bleiben, auch durch Vermischung darf er weiter verbreitet werden. Das, was Zollschein in seinem Buche über die Rassen, die „Mneme" (die Erinnerung, das | Gedächtnis), die „Engramme" (das dem Geiste Eiugcincißelte) des jüdischen Voltes nennt, was er also doch nicht dem Blute zuschrcibt, ivird nicht durch die Mischung der Rassen abgcschwächt. So meint doch ansckieincnd die Bibel, denn sonst würde sie wohl nicht aus der Nachkommenschaft der Moabitcrin den Messias erhoffen. — Zeigt uns die Jetztzeit nun noch derartige Gestalten und begegnen wir ihnen in der rechten Art? Der erste Teil dieser Frago kann unbedingt bejaht, der zweite muß leider vielfach verneint werden. Wenn wir uns mit dieser Frage überhaupt beschäftigen, dann müssen wir an das vielumstrittenc Problem der Mischehe herantreten, und zwar ohne Vonirteile und ohne Leidenschaft. Gemeint ist hier nur die Ehr, bei welcher der andere Teil (unb das ist meist der weibliche) zum Judentum Übertritt. Wie man sich auch sonst grundsätzlich zur Mischehe stellt, im Augenblick, da sich die Erwählte eines jüdischen Mannes zu unserer Religion bekannt hat, muß doch wohl jeder religiös denkende Jude die neue Glanbensschwester voll und ganz als solche betrachten. Da kann nicht der Hinweis gelten, daß cs auch unter Judas Töchtern genug zur Gattin für den Betreffenden geeignete gegeben, daß jeder jüdische junge Mann (wie man zu sagen pflegt) die Pflicht habe, „ein jüdisches junges Mädchen glücklich zu machen". Da darf nicht die Einwendung erhoben werden, daß der Eros diese zwei Menschen zusammengeführt und solche Verbindung nichts mit Religion zu tun habe. Wir wollen durchcrus nicht die grsße Gefahr verkennen, däe dem Judentum aus der Mischehe entstehen kann und auch schon oft entstanden ist: Kindestaufen oder späterer Austritt der Nachkommen aus dem Judentum sind oft genug die Folgen, dlber »ill man diese Gefahr bannen» so muß man der neuen Glaubensschwester richtig begegnen. Dann iverden wir es noch häufiger wie biöher erleben, daß die in anderm Glauben Geborene die Eigenschaften der biblischen Ruth erhält, sich den Geist des Judentums ganz zu eigen mackst. Wir hören heute schon oft von den Müttern jüdischer Männer, die eine Andersgläubige, zum Judentum Uebergetretene geheiratet, daß sic sich keine bessere, und das bedeutet doch wohl, keine stärker jüdisch empfindende Schwiegertochter hätten wünscl)en können. Wir vernehmen diese Zeugnisse sogar in Familien, denen Religion und Religiosität durchaus nichts fremdes ist. Wir sehen oft, daß sich solche Konvertitinnen für Wohltätigkeit von ausgesprochen jüdischen Zwecken ganz außerordentlich interessieren und betätigen. Vor allem darf der jüdische Theologe, der (wie es ja nicht anders seine religiöse Pflicht) solche Uebertritte vollzieht oder das Paar traut, nie vergessen, daß die Bekehrung andersgläubiger als „mizwoh", als gottgcsälliges Werk angesehen wird. Bor allem müssen die jüdischen Frauen und Mädchen der neuen Glaubenssck>ivester ohne jede Voreingenommenheit stets herzliü) entgcgentreten, dann werden wir auch von den Nachkommen der Mischehen noch öfter das Wort hören: „Dein Gott sei mein Gott." Dieses Wort, das den Geist des Judentums kennzeichnet, dieses Wort, dessen Betätigung geeignet ist, den Geist unserer Religion zu verbreiten, dieses Wort, das auch noch heute oft betätigt wird durch die Gestalt einer Ruth. Wir dürfen den Charakter des zuin Judentum übergetrctenen Weibes nicht zu gering einschätzen, denn er ist einer der Bausteine zur Verwirklichung unserer messianischcn ZnKnftshoffnung. _