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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-01-18 · 1 (18.1.1924) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
1 (18.1.1924)
Date
1924-01-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Hf »}W l-jl UjlM|PP Q>i!COcrcv Bezugspreis durch die Geschäftsstelle 1,— Goldmark pro Vierteljahr. Anzeigen: 0.30 Goldmark für die sechsgespaltene Zeile nach Rudolf Masse'- Normalzeilenmeffer Nr. 4; Familienanzeigen «Hb Stellengesuche für die Mitglieder der Vereinigung sür das liberale Judentum E. B. und der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Iugendvereine 0.10 Goldmark. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin W 8. Mauerstr. 22 (Vereinigung für das liberale Judentum e. V.) Fernruf, Merkur 8725. Anzeigen-Annahme bei der Geschäftsstelle. Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin NW 7 Nr. 137069 (Vereinigung für das liberale Judentum e. D.). Nummer 1 Berlin, den 18. Januar 1924 4. Jahrgang « «2T «sr Es ist uns gelungen, unserer 9« Jüdisoli«liberalen Zeitung11 von dieser Nummer ab ein regelmäßiges zu sichern. Es wird an der Opferfreudigst unserer Freunde liegen, ob wir die Zeitung revbl bald wieder wöohentlioh werden erscheinen lassen können. Wir fordern deshalb die Bezieher auf, den fälligen Abonnementsbeitrag für das 1. Vierteljahr 1924 in Höhe von 1 Goldmark und zugleich den f •j3t k w i* e E fr 'S Mitgliedsbeitrag; für die Vereinigung in Höhe von mindestens 0,50 Goldmark noch heute auf unser Postscheckkonto Berlin NW 7 Nr. 137069 (Vereinigung für das liberale Judentum e. V.) mittels beiliegender Zahlkarte einzuzahlen! Die Mitglieder der Ortsgruppen, die den Beitrag im ganzen an die Zentrale abführen, haben demnach 1 Goldmark, alle anderen Mitglieder 1,60 Goldmark als Mindestbetrag abzuführen. Die am 1. Februar noch ausstehenden Beträge werden wir per Nachnahme einziehen. i i Die jüdische Gemeinde. Von Dr. Sigfrid Behrens. Stadt- und Bezirksrabbiner in Fürth (Bayern). Die jüdische Gemeinde ist ein Kind der Gegenwart und ein Sproß der Vergangenheit . Die Gegenwart ist trübe, von Sorgen um die nächste Zukunft beschwert. Die Vergangenheit war schöpferisch, verantwortungsbewußt und stark in der Organisation. Aus den mannigfachen Gebilden versunkener Zeitalter ist die moderne jüdische Gemeinde herausgewachsen. Sie ist die Trägerin des Erbes der Väter, dem sie neue Formung und Gestaltung verliehen hat. Sie hat nach dem großen Auflösungsprozeß des vorigen Jahrhunderts, nach der Atomisierung des Kahals die Aufgabe übernommen, die jüdischen Mitglieder der politischen Gemeinde zu neuen Verbänden zusammenzuschließen, dem Gottesdienst, der religiösen Unterweisung, der sozialen, der inneren Arbeit die Wege zu weisen, die Obliegenheiten der Verwaltung mit starker Hand zu führen, Anstalten und Institute aufrechtzuerhalten, die vorbildlicher Opfersinn einst ins Leben gerufen hat. An den Männern, die diesen Spuren nachgegangen sind, hat es niemals gefehlt, an der geistigen Regsamkeit hat es nicht gemangelt, die die Kraft des jüdischen Geistes vielseitig pflegte. Die Kämpfe, die einst die jüdischen Gemeinden durchwogten, lassen noch heute auf die beständige Anteilnahme schließen, die dem Wohlergehen der Gemeinde in weiten Kreisen bekundet wurde. Das Vereinsleben erstarkte unter dem Schuß und Einflutzj, die'Vereine schlossen sich zu großen Verbänden und Organisationen zusammen. . ^er vielfach angestrebte Zusammenschluß der deutschen jüdischen Gemeinden ist wiederholt versucht, aber niemals zustande gekommen. Weit aber über die unmittelbaren Grenzen Deutschlands hinaus hat das Vorbild gewirkt, das die jüdischen Gemeinden gegeben haben. In glücklicheren und ruhigeren Tagen, in denen sich in stetem Gleichmaß die jüdische Arbeit in unseren Gemeinden vollzog, kam die Hilfe und Fürsorge der deutschen Iuden auch den mannigfachen Werken der Menschenliebe und des jüdischen Bildungswesens im Auslande zustatten, wo Iuden unter Druck und Not ihrer Existenz zu leiden hatten. Die Gaben flössen aus den Kreisen der deutschen Iuden reichlich, und bewiesen. in wie hohem Maße das Solidaritätsgefühl unter uns heimisch war. Der Ausgang des Krieges aber rüttelt an dem Gefüge der jüdischen Gemeinden und stellt die Schöpfungen der Vergangenheit in hohem Matze in Frage. Die Gegenwart ist von Sorgen überreich beschwert» der ideale Schwung, der einst die jüdische Gemeinde -beschirmte und ihrem Dasein Sicherheit gewahrte, bedroht, das Verantwortungsgefühl mit einem Uebermaß von Aengstlichkeit belastet. Müßig aber wär's und zwecklos, nur ein landatsr temporis acti, ein Lobender der Vergangenheit, sein zu wollen. Wir müssen den Willen aufbringen, aus der Gegenwart in die Zukunft zu streben. So wenig die früheren Geschlechter ihre Aufgaben ihren glücklicheren Enkeln überlassen haben, so wenig dürfen wir an den Forderungen vorübergehen, die die Gegenwart unter einem ungünstigen Stern uns aufbürdet. Wir müssen uns zu dem Eingeständnis beauemen, daß eine ernste Zeit kein großes Geschlecht gefunden hat. Wo sind die Beweise eines wirklichen Opfersinns, einer elementaren Opferwilligkeit geblieben, die aus jüdischem Herzen hervorbricht? Unbeschadet des religiösen Parteibekenntnisses scheinen die alten Quellen des jüdischen Idealismus verschüttet zu sein, und die Sorge, die manchmal übertriebene Sorge um das eigene Wohlergehen scheint alle Fragen der jüdischen Gemeinschaft, der jüdischen Zukunft, des jüdischen Zusammenhalts zu überschatten. Die Sorge um die Erhaltung des Judentums ist zu allen Zeiten wichtiger gewesen, als die Sorge um die Absplitterung derjenigen Kreise, denen jedes Opfer für das Iudentum in jedem Betracht schmerzlich ist, nicht zu reden von dem beschämenden Schauspiel, daß man in der Zeit der Not die eigene Religionsgemeinschaft um schnöden Geldes willen im Stich läßt. Wohin wir bei der gegenwärtigen Stimmung und Gesinnung treiben, lehrt ein Blick auf die tatsächlichen Zustände. In zahlreichen Gemeinden ist der Zusammenbruch bereits eingetreten, oftmals früher, als die grausame Notwendigkeit es gebot, oftmals dank der Unzulänglichkeit der Leitung, die es verschmähte, mit einem Appell an die Gesamtheit zur freiwilligen Leistung sich zu wenden. Wir sehen, daß das Iudentum auf dem Lande unmittelbar dem Untergange preisgegeben ist, wenn nicht der Zusammenschluß der Großgemeinden wie in Bayern hier die rettende Hand anlegt. Synagogen werden geschlossen,- Religionsschulen verwaisen, Lehrer und Rabbiner wandern in großer Zahl in andere Berufe lab, erprobte Beamte, die sich jahrelang unter persönlichen Opfern bemüht haben, ihre Gemeinde aufrecht zu erhallen. An Unterricht ist überhaupt nicht zu denken, weil es kaum noch Lehrerseminare gibt und die Zahl der Theologie Studierenden erheblich zurückgegangen ist. Gleichgülttgkeit, Lässigkeit und mangelnder guter Witte ttagen die Schuld an dem Verfall unseres jüdischen Gemeinwesens. Aber nur unser eigener guter Wille kann den Wiederaufstieg unserer jüdischen Gemeinde begründen, nur die Erfüllung der Forderungen, die die menschenwürdige Existenz der Eemeindebeamten bedingen und die auch heute noch kein Uebermaß der Leistungen der Einzelgemeinden erheischen. Bei der Fülle der schöpferischen Leistungen und Anregungen, die von den jüdischen Gemeinden und von der Wege der jüdischen Wissenschaft in Deutschland ausgegangen ish ist es freilich kein unbilliges Begehren, wenn wir von unseren Freunden im Auslande erwarten, daß sie uns in unseren humanitären Bestrebungen in unseren Gemeinden unterstüßen und uns in der. Pflege der jüdischen Wissenschaft durch lleberlassung von. Zeitschriften und Büchern, die uns unerschwinglich geworden sind, fördern. Es ist in jüdischen Kreisen noch immer die vornehmste Form des Dankes, der Anerkennung und des gegenseitigen Verstehens gewesen. Gegenwartsfragen und Zukunftssorgen. Von Oberkantor Hermann Zivi, Elberfeld. Wir leben in einer furchtbar schweren Zeit, und die Geschichte wird einst lehren, wie furchtbar sie war. Wir Zeitgenossen haben den richtigen U eberblick für die Zusammenhänge der Geschehnisse längst verloren und haben uns daran gewöhnt, in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen vorzugsweise Episoden zu stellen, die sich um uns selbst herum ereignet haben. Wer neulich am 1. Kislev, am 9. November v. I.» nicht in München war, der weiß nicht, wie der Schrei nach Iudenblut gefahrdrohend mittelalterliche Zustände hervorg^rufen hat; er weiß nicht, wie tiefgehend solche Erschütterungen am Lebensmark des Einzelnen nagen, und vielleicht weiß er auch nicht, daß das, was sich in München ereignet hat, sympthomatisch ist für uns alle. Da gilt es nun mehr denn je, die Frage zu prüfen, wie wir des im engeren Kreise verengerten Sinnes Herr werden und wie wir mit unfern höheren Zwecken röachsen können. In rein politischer Beziehung dürfen wir uns da ganz dem „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" anvertrauen, der in zielbewußter Wahrnehmung seines Aufgabeykompleres den Erscheinungen des Tages mutvoll ins Auge schaut und überall da furchtlos zugreift, wo auch nur immer die Not der Zeit es erfordert. Es ist leider eine Kriegsführung, die ihm obliegt, und die Art und Weise, wie er sich von Fall zu Fall planmäßig darauf einzustellen weiß, läßt uns im Vertrauen zu ihm immer tiefer in die Erkenntnis hineinwachsen, daß wir uns um sein Banner zu scharen haben, wenn es sich darum handelt, in politischer Beziehung uns selber gerecht zu werden. Nicht unbedenklich anders, weil in seiner Tiefe zuverlässig geordnet, ist es in wirtschaftlicher Beziehung um uns bestellt. Ich denke in diesem Zusammenhang an die jüdischen Gemeinden und an die Auswirkung ihres Bestandes, jetzt und in Zukunft. Wir alle haben es miterlebt und gesehen, wie in selbstherrlicher Verblendung I

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