Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 29 (17.11.1923)
- Date
- 1923-11-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wicklung eigentlich ohne Emanzipation — deren Früchte sie sich übrigens durchaus wohl haben schmecken lassen und heute noch wohlschmecken lassen — denken mögen. - Für uns. das sei in dieser, vielleicht entscheidenden Stunde klipp und klar ausgesprochen, hat die Emanzipation ihren Wert und ihre Bedeutung für die Erziehung der deutschen Juden zur deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft behalten. Für uns hat die Politik der letzten 100 Jahre nicht bankerottiert. Trotz aller Enttäuschungen und Rückschläge! Wir stehen nicht nur programmatisch, sondern seelisch zur deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft — weil wir keine andere haben. In der verfassungsmäßig festgelegten staatsbürgerlichen Gleichberechtigung sehen wir die äußere Rechtsgrund^ läge, in der seelischen Einheit mit dem deutschen Votlsganzen die innere, sittliche Berechtigung für unseren Kampf gegen den Antisemitismus, für jene Volks- und Kultureinheit. Wenn die Zionisten sich auf diesen Boden stellen wollen, sollen sie uns als Mitstreiter willkommen sein. Die jüdische Einheitsfront i st da! Aber wir werden uns nicht aus den ihren st e l l e n, weil wir uns nicht e i n b i l o e n. daß uns das V e l e nnt n i s zum jüdischen Volk und zur jüdischen Kulturgemeittj d)aft vor den Gefahren schützen könnte, die angeblich das Bekenntnis zum deutschen Volke nicht bannen konnte. Was wir mit dem deutschen Volke auszmnachen haben, lönnen und wollen wir nur als Volksgenossen mit ihm ausfechten. Als Volksgenossen! Wie sehen das Lächeln hier und da, bitter oder hämisch — je nachdem. Sei's drum! Wir unterschätzen den Antisemitisnms nicht, wir überschätzen ihn aber auch nicht. Was gegen die Juden in Deutschland geschehen kann, kann nur im Namen der Gewalt geschehen und nur von seiten einer Minderheit. Je höher die Fluten des Antifemitisinus steigen, nur so schneller werden sie wieder abebben. Das deutsche Volk wird aus diesem Wahn erwachen, sich die Augen reiben und sich vielleicht manches Geschehnisses schämen, wie auch wir sicher aus den Erlebnissen manches gelernt haben werden. Dann aber wollen wir noch mit unseren Kindern auf dem Boden stehen, den wir von unseren Vätern ererbt haben: auf b e in deutschen! Wir wollen uns nidjt den Vorwurf machen, daß wir in einem Augenblick der RR und. Gefahr die Flinte ins Korn geworfen und die unverrückbare Grundlage unserer politischen und hthurcUeit Existenz aufgegeben haben, die wir in hundertjährigem Kampfe errungen haben. So weisen wir die Verführungskünste der „Jüdischen Rundschau" zurück: wir bleiben der alten Fahne treu. Es würde uns mit Sorgen erfüllen, wüßten wir uns in dieser Haltung nicht eins mit "er großen Masse der deutschen Iudenheit. So hat auch das neutrale „Israelitische Familienblatt", das in der Ke-m-Hajessod- Frage mit dem Zionismus bekanntlich Hand in Hand geht, der „Jüdischen Rundschau" eine Abfuhr erteilt, die weder Horner noch Zähne hat. Wenn die deutschen Juden sich nur darüber klar sind, was die Forderung der I. R. bedeutet, dann werden sie keinen Augenblick in Zweifel geraten, auf welche Seite sie gehören. Von unserer Seite hat die 2. R. wohl nichts anderes erwartet. Also wird sie keine Enttäuschung erlebt haben. Wir wollen auch nicht mit unserer Meinung hinter dem Berge halten, daß wir in ihrem schönen, ergreifenden Aufruf ein geschicktes taktisches Manöver sehen, wie sie in Zeiten politischer Verwirrung nicht selten von geschickten Politikern ausgeführt werden, um der Partei neue Quellen zu erschließen. Uns will scheinen, als ob die Zeit für solche Geschicklichkeiten zu ernst, der Gegenstand zu kostbar sei. Wir verzichten also darauf, bleiben aber auf dein Posten, um das jüdische Schifflein den Kurs zu steuern, der es nach unserer Auffassung allein aus der Brandung wieder ins ruhige Fahrwasser führen kann. H. Stern. Rachklänge zur Erziehungskonferenz. Die jüdische Erziehungskonferenz, deren Verhandlungen wir in der vorigen Nummer unserer Iüd.-lih. Zeitung in einem eingehenden Bericht von Ellen Littmann gewürdigt haben, sollte wohl nach dem Willen der Veranstalter einen neutralen Böden für alle an jüdischer Erziehung interessierten Parteien und Richtungen im deutschen Judentum abgeben. Wenn man die Redner und Zuhörer daraufhin musterte, konnte man wirklich annehmen, daß das schier Unmögliche Tatsache geworden war: Unentwegte, Orthodoxe und Zionisten waren mit Liberalen der äußersten Linken zusammengekommen, redeten und hörten sich an. Gewiß traten davei Gegensätze zutage. Wie hätte es auch anders sein lönnen! Erziehungsfragen sind in der Hauptsache — soweit das Erziehungsziel in Frage kommt — Weltanschaungsfragen: dazu war kein Redner zur Neutralität verpflichtet worden, weil er auf neutralem Boden sprach: jede Richtung sollte zu Worte kommen, und die Richtungen haben dann auch die Gelegenheit gründlich wahrgenommen. Dabei müssen wir Liberalen leider sestslellen, daß wir auf dein wichtigen Gebiet „Schule und Erziehung" nicht nur zu kurz gekommen, sondern regelrecht hinten heruntergefalten sind. Das Hauptreferat hatte Irl. Slndienrat Litli Freimann-Küln inne, die sich ihrer Ausgabe mit viel Temperament und in extrem orthodoxem Sinne entledigte. (Sondersragen behandelten der Zionist Studienrat Dr. Michaetis-Bcriin und Lehrer Stein.hardt- Magdeburg.) Der Vertreter der liberalen 'Richtung, Studiendirektor Dr. D r i e s e n - Frankfurt a. M. — sonderbarerweise nur als Mitreferent iin Programm aufgeführt —, war nicht erschienen. Hier liegt zweifelsohne ein Regiefehlcr vor. wie denn die Vorbereitung der Konferenz schreibt: „Auch die Liberalen sind müde, und man verbraucht im täglichen Kampfe um den Dollar und den Antisemitismus soviel Rervenkraft. daß innerhalb des jüdischen Kreises — soweit nicht Persönliches mitspielt und -reizt — der Kampf um die religiöse Wahrheit in Deutschland wohl allmählich zur Legende wird" — so muß man doch staunen, wie aus der Erziehungskonferenz eine solche Folgerung gezogen werden kann. Weder haben gerade wir Liberalen noch die anderen beteiligten Parteien etwas von Müdigkeit verraten. Schon daß diese Konferenz in dieser Zeit der Dollar- und Antisemitenhausse — die den „Israelit" natürlich genau so berührt wie die „Jüd.-lib. Zeitg." — überhaupt stattfinden konnte, beweist das gerade Gegenteil von dem, was derh.Jsraelit" so gern bewiesen sehen möchte. Der Optimismus der Veranstalter wie der Eifer der Redner und Zuhörer bewies kräftiges jüdisches Wollen. — Es gibt eben sonderbare Feinschmecker, denen die Suppe nur vehagt, wenn sie ein Haar darin gefunden haben. Unzufrieden mit der Erziehungskonferenz bzw. init uns Liberalen ist auch Luise Treu-sEssen in der „Jüdischen Rundschau" (Nr. 94). Daß diese Konferenz erst heute stattfinden tonnte, daß auf ihr „das Jüdische" auch in den Liberalen nach Auswirkung drängte, mußte eigentlich eine Derluststimmung erzeugen — weil es nicht schon vor zwanzig Jahren so gewesen ist. Für die Zionisten gibt es natürlich nur eine „jüdische Sehnsucht", und daß der Liberalismus nun auch so etwas verspürt, ist natürlich ein Triumph für den Zionismus, dem inan das Recht auf die jüdische Sehnsucht nicht zugestehen wollte, das Recht, das man nun auf einmal selbst in Anspruch nimmt. Ja, wenn die jüdische Sehnsucht des Liberalen dieselbe wäre wie die des Zionisten» und wenn im Liberalen nicht auch noch eine andere Sehnsucht drängte! Es ist kennzeichnend, daß sich die gegnerischen Pa; leien nach dem Urteil der Fachleute manches zu wünschen übrigi in ihren Rückblicken auf die Erziehungskonferenz mehr mit gelassen haben soll. Wenn man für eine solch großangelegte! uns beschäftigen, als mit sich selbst. Wir wollen ihnen das Tagung ein Hauptreferat einer extrem gerichteten Persönlichkeit überträgt, so muß dafür Sorge getragen werden, daß auch die Gegenseite mit einem vollwertigen Gegenreferat zu Worte ko-nmt, und als der Frankfurter Referent ausschied, tonnte und mußte man in Berlin einen Ersatzmann finden. •— Wie di; Dinge lagen, konnte der liberale Standpunkt nur in der Aussprache dargelegt werden. Dieser Aufgabe unterzogen sich Mittelschullehrer Stern, Dr. Löwenberg und Semmarlehrer Falckenberg. Während letzterer kurz die tiefe Kluft betonte, die ihn von der Reserentin trenne. Dr. Löwenberg dagegen mehr das Gemeinsame hervorhod — eben den Wunsch nach der jüdischen Schule selbst —, setzte sich der erste Redner in den grundlegenden Punkten mit der Rednerin auseinander. Auch er wünscht die jüdische Schule, weist aber den Anspruch der Reserentin auf Allgemeingültigkeit ihres extrem orthodox-zionistisch gestalteten „Wunschbildes" zurück, berichtigte ihren Irrtum, als ob die Liberalen nie ein Wunschbild für die Erziehung besessen hätten und betonte zum Schluß, daß auch die jüdische Schule nie vergessen dürfe, daß sie nicht nur im Dienste der Neiigionsgemeinschaft, sondern auch im Dienste des Staates stehe. Es ist der stolze Vorzug jeder liberalen Anschauung, daß sie nicht fanatisch zu sein braucht. Das Recht der freien Persönlichkeit, das ihre Grundlage barstellt, nimmt sie nicht nur für sich in Anspruch, sie räumt es auch dem Gegner ein. Also haben wir den andern freudig die Hand zu gemeinsainer Arbeit geboten und werden es auch weiterhin tun. Interessant ist nun, im Gegensatz zu unserer Haltung, die der anderen Richtungen, der extremen Orthodoxie wie des Zionismus, soweit sie in der Presse zum Ausdruck kommt. iObwohl beide Parteien wahrhaftig reichlich auf ihre Kosten gekommen sind, scheinen sie nachträglich Gewissensbisse über die Zusammenarbeit mit den Abtrünnigen und Verirrten zu empfinden. So findet der „Israelit" (Nr. 43) in der Teilnahme orthodoxer Kreise an der Tagung „ein beklagenswertes Symptom der religiösen Müdigkeit" dieser Kreise. Das mag nun der „Israelit" mit seinen Anhängem ausmachen. Wenn er aber weiter nicht nachmachen; wir wollen feststellen, was die Erziehungskonferenz uns zu sagen hat: Da vernehmen wir zuerst ein starkes Sehnen nach jüdischer Erziehung. Dafür sind — bei der Masse natürlich in höherem Maße, als bei den Führern — neben ideologischen auch prattische Erwägungen wirksam. Im Mittelpunkt aller jüdischen Diskussionen wird diejüdische Schule stehen. Wir wollen hoffen, daß diese Frage so angesaßt wird, wie sie heute angefaßt werden muß: nicht mit Doktrinen, sondern mit denjenigen Ueberlegungen, die Nützlichkeit und Notwendigkeit gebieterisch verlangen. Es geht darum, ob die Schulfrage in i t uns oder ohne uns gelöst werden soll. St. Berlin — München. In den beiden feindlichen Hauptstädten haben sich böse Dinge abgespielt. — 2u Berlin kam es zu einem regelrechten Sturm auf das Ostjudenviertel, wobei ausgiebige Plünderungen von Läden und Privatwohnungen sowie schwere Mißhandlungen von Geschäftsinhabern und Passanten nicht ausblieben. Antisemitische Zeitungen stellen die Sache so dar, als handele es sich-um einen „selbsttätigen" Ausbruch der Vokksleidenschaft gegen die fremden Ausbeuter. In Wirklichkeit waren die Urheber, wie festgestellt worden ist, jene lichtscheuen Elemente, die immer bereit sind, aufzukochen, wenn es ohne viel Gefahr und mit Aussicht auf etwas Beute zu machen ist. Antisemitische Verhetzung hat dann das Nötige veranlaßt. Aufrufe der Gewerkschaften warnen darum die werktätige Bevölkerung vor den Machenschaften jener dunklen Elemente, die ganz andere Absichten verfolgen, als die, der leidenden Bevölkerung zu helfen. [ Im Gegensatz zu Berlin ist der Ostjudenputsch in München durchaus ordnungsmäßig verlaufen — wie es in der Ordnungszelle des Deutschen Reiches ja auch nicht anders zu erwarten war. Da hat man auf gesetzmäßigem Wege und doch mit ausgesuchter Brutalität einer Anzahl Ahn und Enkel. Ein Smblmt-Märchen von Rabbiner Dr. G e v r g W i l o c, Magdeburg. Ein verzaubertes Schloß ta.q tiej im Schacht eines Berges. Einst stand eS ans den, Berg und blickte weit in die Welt hinein. Das Wort eines Zauberers lies, das Schlaf; in die Tiefe linken, Felsen türmten sich ringsum. Niemand fand den Weg hinaus, niemand land den Weg hinein. Dort drinnen aber leben die Menschen noch immer, wie sic vor Jahrhunderten gelebt haben. Reden die Sprache ihrer Zeit, gehen in der Kleidung, die sie einst getragen, tragen die alten Wappenschilder, feiern ihre Feste und Turniere wie im Mittelalter, wahren eifersüchtig die Rangordnung von Fürste», Ritter» und Volk. Draußen aber ändert sich die Welt an jeden. Tag. * Die Juden weilen im Gotteshaus. Beten in der Sprache der Ahnen, stehen im Beduinenmantel ferner Geschlechter, tragen auf Pergament geschriebene Bibelrollen als ihre Wappenschilder, feiern uralte Feste mit immer gleichen Brauchen, wahren noch immer die Reihenfolge von Priestern, Leviten und Voll. Draußen aber ändert sich die Welt an jedem Tag. * Der Sabbat begann. Da erhob sich aus dem Grabe ein Jude, der vor Jahrhunderten gelebt hatte. Er ging in die Stadt hinein, in der er einst gewohnt hatte. Staunend sah er sich um: unendlich roß erschien ihm die Stadt, riesengroß die Häuser. Er sah Wagen, ie anscheinend von allein viel schneller als die schnellsten Pferde liefen. Am dunklen Himmel flog hellerleuchtet ein Flugzeug: mit fast religiöser Erhebung sah er den Traum der Jahrtausende erfüllt. Vor Schaufenstern nrit Büchern und Zeitungen drängten sich die Menschen; auch die Aermstcn und Kleinsten konnten lesen. Er fand schließlich das Haus, in den, noch ein Nachkomme von ihm lebte. Dunkel rvar es noch im Zimmer, er sah keine Sabbatlichter. Der Enkel drückte aus einen Knopf und helles Licht durchflutete das Zimmer; da wagte der Ahne nicht, nach Sabbatlichtern zu fragen. Der Ahn wunderte sich, daß der Enkel allein war. Da ergriff dieser ein Rohr und sprach mit seiner Frau, die hundert Meilen entfernt war, und der Ahn verstummte wieder vor den Wundern der neuen Zeit. Bedrückt hörte er den s Erzählungen des Enkels zu und versteckte das kleine zerlescne Gebetbuch, > das man ihn, einst mit in das Grab gegeben und das er als seinen Besch in der Hand trug. Was sollte das alte Büchlein in dieser neuen Zeit! Er wagte nicht, von, Sabbat zu sprechen: war nicht der dauernde Sabbat für die Menschen dieser wunderbaren Zeit gekommen? Doch endlich begann auch er zu fragen: nach Lebenssriedcn und Lebensfreude, nach Lebcnsglück und Lebensjinn. Da ließ allmühlich sein Staunen nach, da wurde sein Gesicht immer ernster und nachdenklicher. Langsam zog er sein Gebetbuch vor, ein altes Buch, noch von Menschenhand geschrieben, uno fragte: Betest du noch'? Ueberlegcn lächelnd antwortete der Enkel: Nein, das ist unmodern. Da schlug der Alte eine der ersten Seiten auf und las halblaut: „Unser Leben währet 70 Jahre, Wenns hoch kommt 80, und sein Inhalt ist Mühe, Leid und Schuld", und fragte dann laut: Für Euch gelten doch diese Worte nicht mehr? Ihr habt eS doch sicher verstanden, das Leben weit zu verlängern, denn das Leben ist ja doch des Menschen kostbarster Besitz. Verlegen anttvortete der Enkel: Unser Leben ist allerdings nicht länger geworden. 70 Jahre ist auch heute eine Grenze. 80 werden nur wenige, die meisten sterben vor dieser Zeit. Wir retten zwar manchen durch unsere Kunst jetzt vor dem Tode, der in Eurer Zeit gestorben wäre, aber dafür sterben auch bei unserem modernen Leben viele längst vor ihrer Zeit, die früher wahrscheinlich älter geworden wären. Der Ahn sprach weiter: Mühevoll war einst unser Leben, schwer jede Arbeit, weit und beschwerlich jeder Weg. Mit einem Fingerdruck, mit einem Händegriss erledigt Ihr die gleiche Arbeit, ohne Euch nur vom Stuhl zu erheben. Die Mühe ist doch aus Eurem Leben geschwunden? Der Enkel erwiderte, immer kleinlauter werdend: Vieles ist für uns leichter als für Euch; und Loch ist unser Leben nicht müheloser geworden. Ja, wir glauben sogar, Ihr Alten habt Euer Leben mit weniger Mühe, mit mehr Gemütlichkeit und Innerlichkeit hinbringen können. Wieder fragte der Ahn: Aber das Leid ist aus Eurem Leben geschwunden? Das ist doch wohl der Segen Eurer Arbeit, Eurer wunderbaren Erfolge? Wehmüttg lächelnd antwortete der Enkel: Auch darin täuschst du dich Das Leid ist nicht geringer geworden. Das Lew des Menschenlebens kommt durch den Tod, und den Tod können aus» nie nicht scheuchen. Das Leid des Menschenlebens kommt von der Krankheit, und auch jetzt gehen nur wenige durchs Leben, ohne Kraniheiteu kennen zu lernen. Das Leid des Menschen kommt von seinen Einpfindungeii, lommt von Liebe und Haß, von Neid und Ehrgeiz, von Unruhe und Sorge, vom Wünschen und Verlangen. Aufgewühlter als sonst sind jetzt die Herzen der Menschen, das Leid unserer Tage ist vielleicht größer, als daä Leid Eures Geschlechts. Der Alte nickte mit dem Kopf, wie jemand, der nur das hört, was er sich schon gedacht hat, und sagte: Aber die Sünde ist doch vertilgt? Wir waren ja arme, ungebildete Menschen und sündigten oft nur aus Not und Unkenntnis, Dhich Ihr habt die wunderbaren Güter Eurer Zeit. Ihr kennt die Denker und Dichter vieler Völker. Eure Knechte haben mehr Wissen, als in unserer Zeit die Könige. — Da preßte der Enkel die Lippen zusammen, wie jemand, der Plötzlich an eine dunkle Stunde des eigenen Lebens erinnert wird, und antwortete tiefernst: Bildung scheucht nicht die bösen Mächte des Menschenherzens. Es gibt auch jetzt keinen Menschen, der ohne Schuld durchs Leben geht, es gibt auch jetzt keinen, der nicht zu bereuen hätte. In unseren Tagen schreitet die Sünde offen durch die Sttaßen, und in ihrem Gefolge sind mehr Gebildete, als Ungebildete. Fast mitleidig sah der Ahn oen Enkel an und sprach: Ich will dich nicht nach deinem Sabbat fragen. Den Sabbat, den wir geleiten, kennst du wohl nicht mehr, und dein Leb«n, wie ich es jetzt schaue, bringt dir auch keinen Sabbatfrieden. Aber da du nicht anders lebst und nicht anders ausschaust, wie die Menschen ringsum, so ist doch wohl der Judenlwß von der Erde geschwunden? Da lachte der Enkel fast höhnisch auf: So wenig Leid uno ,Sünde geschwunden sind, so wenig der Judenhaß. Kam in Eurer Zei? die Pest, so mußten die Juden daran schuld sein; kommt in unseren Tagen Krieg, Aufruhr und Not, so schreien sie wieder „die Juden!" Da faßte der Ahn den Enkel an der Hand und sprach: Komm mit ins Gotteshaus! Jnr Gotteshaus saßen Ahn und Enkel. Aus vergangenen Jahrhunderten der eine, aus der Neuzeit der andere. Aber beide empfanden das Gotteshaus als gemeinsame Heimat. Beide merkten, was ihnen fremd war. Der Ahn sah das große, schöne Gotteshaus; er kannte