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Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-11-17 · 29 (17.11.1923) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
3 (1923)
Issue
29 (17.11.1923)
Date
1923-11-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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22.*W Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V Bezugspreis durch die Geschäftsstelle 0,30 Goldmark für je vier Nummern. Anzeigen: Grundpreis Mk. 100 für die sechsgespaltene Zeile nach Rudolf Mosse's Normalzeilenmeffer Nr. 4; Familienanzeigen und Stellengesuche für die Mitglieder der Vereinigung für das liberale Judentum E.B. und der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Iugendvereine Mk. 0,50; die dreigespattene Reklame- -eile Mk. 150. Alle Grundpreise mal Schlüsselzahl des Vereins Deutscher Zeitungsoerleger, gültig am Vortage der Zahlung. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin W 8, Mauerstr. 22 (Vereinigung für das liberale Judentum e. V.) Fernruf: Zentrum 162. Anzeigen-Annahme bei der Geschäftsstelle. Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin RW 7 Nr. 137069 (Bereinigung für dar liberale Judentum e. V.). Nummer 29 Berlin, den 17. November 1923 3. Jahrgang Vas Ausland und wir. In den letzten Monaten hat die Vereinigung ewige \ Briefe von Gesinnungsgenossen des ehemals feindlichen Auslandes erl>alten. die in herzlichen Worten uns des Interesses der Absender für das deutsche liberale Juden- ( tum versichern. Worte wahren Menschentums, Worte, die von dem Bewußtsein gemeinsamer Aufgaben getragen sind, stehen in ihnen. In den Tagen, da die Menschen alle sich gegenseitig bekämpfen und stets nur das sehen, was sie voneinander trennt, ist es doppelt erhebend, solche Stimmen von jenseits der Grenzen zu vernehmen. Besonders für uns Deutsche, die wir heute in einer Atmosphäre giftigsten Hasses leben, bedeutet jede Aeußerung wahrhaft menschlicher Gefühle, sei es innerhalb oder außerhalb unseres Vaterlandes, eine besondere Freude. Diese — gelegentliche — Korrespondenz bedeutet die erste leise Wiederaufnahme von Beziehungen, die vor dem Kriege schon weitaus stärker entwickelt waren; konnte man doch zu jener Zeit bereits einen internationalen Kongreß der liberalen Juden der Welt planen. Die Fäden, die damals gesponnen waren, hat der Krieg mit rauher Hand zerrissen. Mn beginnen sie, sich sehr, sehr langsam wieder anzuknüpfen. Und doch, darüber müssen wir uns klar sein, handelt es sich hier um eine Lebensfrage des liberalen Judentums. Nicht etwa aus finanziellen Gründen ist das der Fall. Gewiß können wir in Deutschland bei unseren augenblicklichen wirtschaftlichen Verhältnissen unsere Organisation und unsere Zeitung kaum mit eigenen Mitteln aufrechterhalten. Ohne Hilfe des Auslandes hätte unsere Zeitung — wie übrigens manche andere jüdische Zeitung auch — ihr Erscheinen längst einstellen müssen. Aber diese Hilfe ist uns auch jetzt, wenn wir sie erbaten, stets gerne und schnell gewährt worden. Dafür danken wir unseren englischen, französischen, amerikanischen und schwedischen Gesinnungsgenossen auch an dieser Stelle herzlich. Dieser Ausgleich zwischen den finanziell starken und den finanziell schwachen Ländern wird sich auch in Zukunft zwanglos Herstellen lassen. Wenn wir einen internationalen Zusammenschluß des liberalen Judentums für unbedingt notwendig I-alten. so hat das tieferliegende, aus dem Wesen der liberalen Judentums sich ergebende Gründe. Das liberale Judentum sieht das Judentum in dauernder Fortentwicklung begriffen, und ist der Auffassung, daß diese Fortentwicklung nicht nur nichts dem Judentum Fremdes ist, sondern ein ihm innewohnendes Prinzip darstellt. Eine Entwicklung des Judentums ist aber nur dann möglich, wenn an ihr alle für eine solche positiv wirksamen religiösen Kräfte des Judentums teilnehmen. Das liberale Judentum eines Landes, bas auf die Dauer von der Berührung mit dem religiösen Leben der Juden anderer Länder abgeschnitten ist, müßte schließlich notwendig verkümmern und verdorren. Es würde die in ihm ruhenden schöpferischen religiösen Kräfte aufbrauchm, und dann, da es an der Wechselwirkung des religiösen Lebens aller Juden nicht teilnimmt, einer Entwicklung nicht mehr fähig fein, d. h. in orthodorer Erstarrung oder in Auflösung enden. Nur auf dieser Wechselwirkung beruht die Möglichkeit der Entwicklung. Gewiß wird das religiöse Leben der Juden eines jeden Landes sich entsprechend den nationalen Eigentümlichkeiten und Gewohnheiten individuell entwickeln. Aber dazu muß nicht nur das abstrakte Bewußtsein der Zugehörigkeit zu einer größeren Gemeinschaft treten, sondern die lebendige Berührung mit den Glaubensgenossen des Auslandes, mit ihren Anschauungen, ihren Einrichtungen und Institutionen. Das, wie gesagt, ist eine Lebensfrage für das liberale Judentum. Und darum begrüßen wir die sich wieder anspinnenden Beziehungen zum Ausland. Aber noch aus einem anderen Grunde bedürfen wir des Zusammenschlusses. Es ist, wie es schon vor einiger Zeit an dieser Stelle ausgesprochen wurde, ganz besonders die Aufgabe des Judentums und seiner Bekenner, überall in der Welt den Geist des Hasses und der MNenseitigen Verhetzung zu bekämpfen. Das gilt nicht nur für die Beziehungen der Völker untereinander. Haß, Rachsucht und Zwietracht werden nicht aussterben, solange sie im Verhältnis der Völker zueinander immer wieder geweckt werden und dadurch Gelegenheit erhalten, die Herrschaft über die Menschen zu erlangen. Ein wirklicher Geist der Verständigung und der Menschenliebe kann nur dann herrsckren. wenn er allen Menschen gegenüber besteht. Wer in dem Ausländer glaubt den Feind und nicht den Mitmenschen sehen zu dürfen, der wird bei sich bietender Gelegenheit auch dem Volksgenossen als Feind gegenübertreten. Es kann nicht hier gut sein, was dort böse ist. Auch zwischen den Völkern müssen der Geist der Verständigung und das Recht statt Haß und Gewalt herrschen. Dafür zu wirken gel-ört zu den unvergänglichen Aufgaben des Judentums. 2m richtigen Augenblick im Dienst dieser Aufgabe klingen jene Stimmen unserer englischen und französischen Glaubensgenossen zu uns hinüber. Diel schweres und bitteres Unrecht hat das deutsche Volk in den letzten Jahren vom Ausland erleiden müssen. Gefühle des Hasses und der Rachsucht treten an allen Orten als Folge der Leiden, an denen das Ausland einen erheblichen Teil von Schuld trägt, zutage. Da kommen im rechten Moment jene Worte und erinnern uns daran, daß wir nicht das. was uns die Führer anderer Völker zugefügt haben, mit Haß von Volk gegen Volk, aus dem stets nur unsägliches Unl>eil entstehen kann, erwidern dürfen, und daß wir mit diesen Gefühlen der Brüderlichkeit auch den Mitmenschen anderer Länder gegenüber nicht allein stehen. Gerade wir Juden, die wir stets das erste und furchtbarste Opfer des Hasses geworden sind, sind dazu berufen, dafür zu wirken, daß auch jetzt im deutschen Vaterland trotz allen Grolls und aller berechtigten Erbitterung jene Gefühle nicht aussterben. Gerade wir müssen dafür eintreten, daß der Gewalt und dem Unrecht nicht Rachsucht und blindwütige Vergeltung, sondern der Wille zur Verständigung und zum Rechte entgegengestellt werden. Durch nichts aber wird der Geist gegenseitiger Verständigung unter den Menschen mehr gefördert, als durch Beziehungen, die die Menschen des einen Landes mit denen des anderen verbinden. Noch stets haben Sichkennenlerncn und die gemeinsame Arbeit für ein gemeinsames Ziel Zwietracht und Feindseligkeit vermindert, das Verständnis für einander aber gefördert und das Gefühl für das Gemeinsame gestärkt. Eine l>ehre Aufgabe erwächst hier dem liberalen Judentum, an der die liberalen Juden aller Länder Mitarbeiten müssen. Gemeinsam müssen wir und gemeinsam nur können wir daran Mitarbeiten, daß ein neuer Geist zwischen den Völkern entsteht. Jeder Funken des Hasses, der in einem Lande erglimmt, entzündet mit unfehlbarer Notwendigkeit im anderen ebensolche Funken des Hasses. Deshalb kann nur das Zusammenarbeiten der religiösen Menschen und vor allem der jüdischen religiösen Menschen aller Länder auf diesem Wege vorwärtsführen. Gemeinsam müssen wir so dem wenn auch in seiner vollen Verwirklichung noch so fernen Zustande zustreben, wie ihn der Prophet Iesaia für die sich befehdenden Völker seiner Zeit verkündet hat: „An jenem Tage wird eine Straße von Aegypten nach Assyrien gehen: der Assyrer kommt nach Aegypten und der Aegypter nach Assyrien, und die Aegypter samt den Assyrern dienen dem Ewigen. An jenem Tage ist Israel der Dritte neben Aegypten und Assyrien; ein Segen ist es inmitten der Erde. Denn also segnet der Herr Zebaoth: Gesegnet sei mein Volk Aegypten, meiner Hände Werk Assur und mein Erbe Israel." A. L. Zur Klärung. Dar deutsche Volk windet sich in Fieberquaten; vier Jahre Krieg, fünf Jahre Revolution, wirtschaftliche Not, politisch» Unsicherheit, ein Feinb mit grauenerregender Unerbittlichkeit an der Westgrenze haben dieses gesunde, gleichmäßig arbeitende und gemütlich feiernde Volk in einen Parorismus hineingetrieben, aus dem klar und deutlich vor allem eine Leidenschaft aufzuckt: der Judenhaß. So kommt für uns deutsche Juden zum allgemeinen Leid noch die jüdische Not hinzu, unsere Widerstandskraft der härtesten Probe aussetzLnd. Nicht zu bestreiten, daß wir uns heute in einer schweren Krisis befinden, vielleicht einer der schwersten in unserer Geschichte. Es sind Dinge in Deutschland geschehen, die wir vor kurzem noch für unmöglich gehalten hätten, und wenn sich die Ausschreitungen — auf der Straße wie in den Regierunigsmaßnahmen — bisher auch nicht gegen deutsche Staatsbürger gerichtet haben, so lassen die Meinungsäußerungen der antisemitischen Wortführer doch keinen Zweifel darüber, daß sie im gegebenen Augenblick gegen die deutschen Juden nicht viel anders verfahren würden, wie gegen die fremden. In diesem Augenblick erläßt die „Jüdische Rundschau", das Organ der Zionisttschen Partei in Deutschland, in besonderer Aufmachung eine Kundgebung folgenden Inhalts: Die Ereignisse der letzten Tage haben gezeigt, dah die Iudenfrage in Deutschland akut geworden ist; die Schicksalsstunde des deutschen Judentums ist gekommen; die Gleichberechtigung ist erschüttert; das deutsche Judentum steht heute vor der Tatsache, daß seine Politik des letzten Jahrhunderts vöNig bankerottiert hat. In dieser Stunde mutz sich das deutsche Judentum allein helfen; es nmtz solidarisch und entschlossen auf den Plan treten; die Einheitsfront aller deutschen Juden ist das Gebot der Stunde. Die Zionisten sind gewillt, alles Trennende zurüchusfellen, wenn « die deutschen Juden bereit sind, mit ihnen zusammen das! deutsche Judentum als kraftvollen Organismus wieder auf- > zudauen. j Wir wollen in diesem hochernsten Augenblick keine nutzlose Auseinandersetzung mit den Zionisten heraufbeschwören; wir wollen aber auch ihre an die deutsche Iudenheit gerichtete Aufforderung zur Klarstellung ihres Verhältnisses zum deutschen und zum jüdi- | e n Volke eine Antwort geben, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrigläßt — so deutlich, wie sie der Ernst > der Stunde wie die Wichtigkeit der Frage verlangen. Seit länger als einem Menschenakter führt die deutsche Iudenheit einen erbitterten Kampf gegen den Antisemitismus. In diesem Kampfe haben sich die deutschell Zionisten für uninteressiert erklärt. Für sie war der Kampf gegen den Antisemitismus nutzlos, überflüssig, gewissermaßen ein Zeichen innerer Schwäche und Würdelosigkeit, so recht eine Angelegenheit für die inferioren Geister, die doch auch für das Judentum wirken wollten, aber nicht fähig waren, die hohen Ideen und Ideale des Zionismus zu fassen. So haben wir in unserem Abwehrkampfe nicht nur die Gleichgültigkeit der Zionisten, sondern sogar ihren offenen Spott hinnehmen müssen, oft sogar noch sinnlose und nutzlose Reden und Aufsätze ihrer Genossen, die uns den schwersten Schaden zufügten, indem sie das Wasser stromweise auf die feindlichen Mühlen lieferten. Run wenden die Zionisten auf einmal dir stolzen Blicke weg von ihren weltumspannenden, hohen Aufgaben und hin zur Drecklinie des antisemitischen Kampfes. Wir wollen den inneren Gründen dieser Wandlung nicht nachspüren, sondern uns mit der Tatsache begnügen und unsere Stellung dazu nehlnen. — Da ist es zunächst auffallend, daß die Zionisten vor allem so nachdrücklich den Zusammenbruch der Assimilationspolitik der letzten hundert Jahre, die Nutzlosigkeit der Emanzipation und der für sie gebrachten Opfer betonen. Die Melodie ist nicht neu! Wir kennen sie aus den Reden und Schriften der großen und kleinen zionistischen Propheten, obwohl wir niemals haben feststellen können, wie sich denn die Herrschaften die Ent-; die Druckkosten dieser Zeitungsnummer bettagen etwa 66 Billionen! Sie bezahlen noch nicht einmal die geringen Beittäge, die wir erheben, freiwillig! Wer feine Pflicht keunt. sendet noch heute eine größere Spende auf Postscheckkonto Berlin NW 7 Nr. 137069 (Vereinigung für das liberale Judentum e. D.) ab, um sein Blatt auch weiter zu erhalttn! Die Organisation wacht für Sie, wache« auch Sie für die Organisation!

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