Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 28 (27.10.1923)
- Date
- 1923-10-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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hältnisse der deutschen Jude» in den letzten zwanzig Jahren ein vollkommen anderes Gesicht erhalten haben. Herr Dr. Segall beleuchtet dieses Problem von der wirtschaftlichen wie von der ethischen Seite, so daß seine Ausführungen gewissermaßen die hiswrische Grundlage aller übrigen Verhandlungen geben. Die beiden folgerten Referate geben ungemein interessante Ausführungen über den Begriff des schwer erziehbaren Kindes und seine Bchandlungsweise. Herr Dr. Stahl definiert Erziehung als den Weg und das Mittel, den als völlig asozial zur Welt kommenden Menschen zu einem sozialen Wesen sich entwickeln zu lassen; die Disziplinierung des Trieblebens sei die Aufgabe aller Erziehung. Ein schwer erziehbares Kind sei ein solches, das Hemmungen in seinem Triebleben nicht kennt. Behandelt Herr Dr. Stahl eingehend die Theorie dieser Fragen, so weist Fräulein Easper auf die Behandlung dieser Kinder mit Hilfe der Heilpädagogik hin. In dankenswerter Weise weiß sie ihr Referat durch Beispiele aus ihrer erfahrungsreichen Tätigkeit zu ergänzen, so daß auch der Laie ein lebendiges Bild von diesem Gedankenkomplex erhält. Frau Fraenkel^hrcntreu sicht mft Recht in der Erziehung durch das Elternhaus das Hauptmittel der Erziehung zum Religiös-Sittlichen. Das Wesentliche aller Erziehung sei, den übergeordneten Maßstab zu finden, der für Frau Fraenkel-Ehrcntreu im Gottesgesetz verkörpert ist. Die Verwirklichung und Vertiefung des Gottesgesetzes in der Gemeinschaft des Hauses sei die Erfüllung aller jüdischen Erziehung. Selbstverständlich kann man nicht von Religion sprechen, ohne von Gott zu sprechen, nicht von religiöser Erziehung sprechen, ohne den Glauben der Erziehung vorauszusetzen. In der anschließenden längeren Debatte gibt Frau Bergel- Gronemann, Berlin, zwar der Referenttn Recht, indem auch sie als wahren Erziehungsfaktor nur das gesetzestteue Haus anerkennt; aber während die Referentin durch Religion erziehen will, wlll Frqu Gronemann zur Religion erziehen; sie wlll gerade durch das Haus die religiöse Erlebnisfähigkeit geweckt sehen. Frau Friedländer-Berlin zeigt im Gegensatz zu Frau Fraenkel-Ehrcntreu, daß auch das religiösliberale Haus jüdische Erziehungsarbeit leisten kann. Für einen Augenblick droht die Debatte in lleinliches Parteigezänk überzugehen, als nämlich Herr Rabbiner Dr. Simonsohn-Breslau erllärt, er könne sich kein liberales jüdisches Haus vorstellen. Dank der vorzüg liehen Ausführungell des Herrn Dr. Lehrnann-Berlin wird diese in jüdischen Versammlungen so häufig zu findende Klippe glücklich umschifft. Herr Dr. Lehmann spricht als Vertreter des liberalen Judentums — aber völlig ohne jede Polemik; er spricht von der Wahrhaftigkeit, die die Grundlage aller Erziehung sein muß. Nur wer die Wahrhaftigkeit, sich selbst gegenüber bewahrt, kann wahrhaft erzieherisch wirken, sei es nun im gesetzestreuen oder im Sinne des liberalen Judentums. Und noch eines muß der Erzieher zu bieten vermögen: die Ganzheit, die Geschlossenheit seiner Persönlichkeit wie seiner Lehre. Erwähnenswert scheint mir noch die Anregung, die Fräulein Kar lninski, Berlin, ani Schluß des ersten Vormittags gibt. Sie schlägt vor, in den einzelnen Gemeinden (vielleicht im Anschluß an die Synagogenvereine) Elternabende und pädagogische Sprechstunden abzu halten. Ferner hält sie es für die Entwicklung der Pädagogik für ivesent lich, wenn Eltern über ihre Kinder Tagebücher führen und sie der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Der Nachmittag gilt den Fragen der Berufsberatung, der Er Ziehung durch die Schule, durch Kunst und Jugendbewegung. Herr Dr. Erwin Kohn, Berlin, spricht über die Berufsberatung als theorettsches Problem. Für ihn ist die Berufsberatung ein rein wirtschafte liches Problem, das mit Berufsumschichtung nichts zu tun hat. Unter dieser Voraussetzung lehnt Dr. Kohn eine jüdische Berufsberatung in Deutschland ab, weil die Juden dem deutschen Wirtschaftskörper ein gegliedert sind. Nur wo es sich um Palästinafragen handelt, läßt auch Herr Dr. Kohn eine jüdische Berufsberatung gelten. Ganz den praktischen Fragen ist das Referat von Frau Susi Lehmann-Berlin gewidmet, und zwar speziell der weiblichen Berufsberatung. In der sich anschließenden Debatte tritt deutlich ein Gegensatz zu den Ausführungen Dr. Kohns hervor. Fräulein Dr. Klausner wie Dr. Alfted Berliner, Herr Alfted Berger wie der Chaluz Heimann, sie alle sträuben sich gegen das wirtschaftliche Primat in der Berufsberatung, für sie alle hat die Berufsberatung unter dem sozial-ethischen wie dem nationalen Gesichtspunkt ihre hohe Bedeutung. Ist bisher nur die Rede von der Erziehung der Jugend durch die Erziehungsberechtigten (den Referaten über Schule und Erziehung konnte ich. weil sic gleichzeitig mll der Jugenddebatte stattfanden, nicht beiwohnen), so zeigt das folgende Referat über die Jugendbewegung mit seiner Diskussion, daß und auf ivelche Art die Jugend imstande ist, wertvolle Selbsterziehung zu leisten. Fräulein Dr. Cora Berliner unterscheidet in ihrem einleitenden Vortrag bei der jüdischen wie bei der allgemeinen deutschen Jugendbeivegung drei große Ströme: den religiösen, den nationalen und den der Suchenden, derjenigen, die noch nicht den gefunden haben, sich für den einen oder anderen zu entscheiden. Auch die jüdische Jugendbewegung sei nicht unberührt von den Zeitverhältnissen geblieben, auch bei ihr hätten sich Müdigkeit und Unklarheit bemerkbar gemacht; sie leide geistig unter dem durch den Krieg verursachten Führermangel. Als Kernfrage aller jüdischen Jugendbewegung bezeichnet Fräulein Dr. Berliner die Frage nach der Stellung zum Judentum, die zu beantworten der folgenden Debatte Vorbehalten bleibt. Eines sei über diese Debatte vorweg gesagt: Hier hat jüdische Jugend aller Richtungen debattiert, ohne in häßlicher Weise zu polemisieren. Die jüdische Jugend hat wohl gelernt, Achtung und Anerkennung für die Ueberzeugung der anderen zu haben. Die verschiedenen Vertreter der einzelnen Jugendorganisationen entwickeln ohne jtt>e Polemik ein Bild ihres eigenen Lebens. Der Vertreter des Blamveiß führt ans, wie die nationaljüdische Jugendbewegung nicht unter dem Führermangel zu leiden habe und wie seit der ganz entschiedenen Einstellung des Bundes auf die Palästinaarbeit Verworrenheit und Unklarhell in bezug auf das Ziel nicht mehr vorhanden sind. Der Vertreter des Jüdischen Jugendbundes stellt sich im Prinzip auf den Standpunkt eines sich entwickelnden, schöpferischen Judentums. Er verlangt Neuschöpfung und nicht Aufbau auf dem Alten. Verwirklichung dieser seiner Ziele aber verschiebt er bis zur Rückkehr des jüdischen Volkes ins heilige Land. Jh'u gegenüber betont die Vertreterin des Jli, daß es Ziel der liberalen Jugend sei, in der Gegenwatt — ganz gleich, in welchem Lande — neue jüdische Formen zu finden, um so Judentum wahrhaft leben zu können. Dem Kameraden gilt als Ziel die deutsch-jüdische Gemeinschaft und der Agudistin, die sich durch die Jahre des Zweifels hindurchgekämpft hat, das Erfüllen des jüdischen Gesetzes mit tiefem inneren Sinn. Aber das ihnen allen gemeinsame Ziel, zu dem sie alle auf den verschiedensten Wegen hinstreben, ist die Erhaltung und Erneuerung des Judentums. Sie alle wollen wissen um ihr Judentum, wollen lernen in seiner Geschichte, sie wollen zurückgehen auf die Quellen unseres Judentums, wollen Hebräisch lernen, um ganz in die Tiefen dieser Quellen eindringen zu können. Der zweite und letzte Tag der Konferenz ist ausschließlich der Anstaltserziehung gewidmet. Mit gutem Recht war für diese Aragen ein ganzer Tag im Programm vorgesehen. Denn ganz abgesehen davon, daß hier noch vieles lln Argen zu liegen scheint, glaube ich, daß durchgreifende Erziehungsreformen wohl hier am ehesten ein Feld ihrer Verwirllichung finden werden. Man mag noch soviel von Erziehungsreform im jüdischen Hause reden, wahrhaft durchführen lassen sie sich erst sehr langsam; im Grunde wohl erst dann, wenn Schule und Jugendbewegung ein neues, zu Erziehungsfragen positiv sich stellendes Geschlecht heranziehen! Anders liegt es doch wohl bei der Anstallserziehung, wo bei geeigneten Leitern Reformen viel schneller durchgefühtt werden könne«, zumal es sich hier auch oft um solche äußerer Art, wie Satzungsänderungen usw. handelt. In die mannigfaltigsten Probleme führen uns die Referate von Fräulein Weinreich Fräulein Dr. Mende, Frau Nassauer und Herrn Dr. Phillippsborn. Fräulein Weinreich unterrichtet uns in kurzen Umttssen über den augenblicklichen Starü> der Anstalts- Verhältnisse. Sie spricht über die wirtschaftliche Lage, die dank der Joint-Spende bis Dezember noch gesichett ist, sie zeigt auf, wieviele Anstalten noch an alte durch die Verhältnisse längst überholte Satzungen gebunden sind, und weist darauf hin, daß auch das Anstaltspersonal durchaus nicht überall zweckgemäß und pädagogisch wertvoll verwendet würde. Man sollte die Knaben sowohl wie die Mädchen viel mehr zu allen Hausarbeiten heranziehen, damit die Kinder sich wirllich zu Hause und nicht als Gäste der Anstalt fühlen können. Recht interessantes Material brachte Fräulein Mende zur Reform der Aufnahmebedingungen. War es vor dem Kriege allgemein üblich, nur gut veranlagte und begabte Kinder in der Anstalt aufzunehmen, so gilt es heute allgemein, daß diese nicht mehr unter den Begriff der Anstaltsbedürftigkeit fallen; uneheliche Kinder dürfen nicht satzungsgemäß ausgeschlossen werden, einengend« Bedingungen über geographische Herkunft müssen nach Möglichkell aufgehoben werden. Bei Halbwaisen ist in erster Linie darauf zu sehen, ob es nicht möglich ist, das Kind in seiner Familie zu lassen, eventl. mit Hilfe einer pekuniären Unterstützung der Mutter. Nur Kinder, deren eelische oder leibliche Erziehung im Hause nicht gewährleistet ist, sollen in der Anstalt Aufnahme finden. Auch die wirtschaftliche Verwaltung unserer Anstalten, die, da im Dezember die Joint-Spende aufhört, stark darauf bedacht sein muß, durch eigene Deckung der Selbstkosten sich zu erhalten, bedarf der eingehendsten Reform. Die Ergänzung zu all diesen Anstaltsfragen bildet das Referat über die Reform der Erziehungsmethoden, in dem Frl. Benzian die Erfolge der von ihr eingeführten Methode (Gemeinschaftsleben in der Anstalt) aufzeigen kann, während andcrersells Herr Direktor Dr. Reich die Wichtigkeit der autoritativen Stellung des Erziehers, sofern er nur wahrhaft Erzieher ist, betont. — Eines sei zur Erziehungskonfcrenz noch prinzipiell gesagt. Mit Ausnahme der Sitzung der Kuratoren und Anstallsleiter haben alle Beratungen vor dem öffentlichen Forum stattgefunden. Der Saal ist ausnahmslos, gedrängt voll gewesen. Das hat auf der einen Seite unbedingt ein Erfreuliches und beweist, daß wir trotz des ungeheuer schwer lastenden wirtschaftlichen Druckes unserer Zeit ein wahres Interesse für jüdischgeistige Fragen noch aufzubringen vermögen. Aber es hat auf der anderen Seite auch etwas Störendes. 'Die Erziehungskonferenz ist meiner Meinung nach dadurch zu einer Kundgebung, nicht aber zu einer Arbeitskonferenz geworden. Der Gedanke der einzelnen Fachgruppe, wie er, soweit ich unterrichtet bin, den Veranstaltern vorschwebte, er ist durch das unerwattet starke Interesse der Außenstehenden volllommen ins Wasser gefallen und das zum Schaden der Erziehungskonferenz, denn positive Arbell kann, wenn überhaupt, so nur in kleinen Fachgruppen, nicht aber in derattig großen Versammlungen geleistet werden. vle moderne Fra« in derHSynagoge. Dem .Israelitischen Familienblatt" entnehmen wir folgenden Bericht über die Zustände in einer keinen jüdischen Gemeinde Ungarns, dem wir einen Kommentar beizufügen nicht für nötig Hallen, well die Tatsachen selbst eine zu deutliche Sprache reden. Nach diesem Bericht erließ der neugewähltee Rabbiner der Gemeinde, der Sohn des berühmten Nizniner Wunderrabbiners, sofott bei seinem Amtsantritt den Befehl, daß nur solche Frauen die Schwelle der Synagoge übettrtten können, die nach alter otthodox-jüdischer Sitte ihr Haar abschneiden und Perücke tragen. Am Persöhnungstag ließ er die „modernen" Frauen aus der Synagoge hinauswerfen. Gelegentlich des Laukchüttenfestes stellte er im Tempelgang eine Wache auf und ließ nur die auf einer Liste aufnotterten, vorschriftsmäßig frisierten Frauen in die Synagoge. Aber es schlich sich doch eine „moderne Frau" hinein. Nun verbot eS der Rabbiner, die Thora solange herauszunehmen, wie das „gottlose Weib" im Tempel sei. Die ungeduldigen Gläubigen konnten dies schon nicht mehr weiter erttagen. Es entstand eine allgemeine Rauferei vor der Kanzel, wobei die Anhänger und Gegner des fanattschen Rabbiners einander bluttg schlugen. Der Rauferei machte das Einschreiten der Gendarmette ein Ende. Gründung einer Ortsgruppe in Halle a. S. Am Donnerstag, den 25. Oktober, fand in Halle a. Saale die Gründung einer Ortsgruppe statt. Näheres übeer die Gründung werden wir, da dieselbe erst nach Redallionsschluß stattsand, in der nächsten Rümmer berichte». '! \'\ gssggggggEgsgsggEsigsgsBggssssgssgBggBgggggsggsgsBgs Herr Rabbiner Dr. vogelsleia - Breslau wird am Donnerstag, den 15. November 1923, abends 8V* Uhr im K Jii-Berlin, Rofensiraße 2/4, über: “ „Wesen und Erscheinung der Judentums" ßj sprechen. Wir machen auf diese Veranstaltung besonders j| aufmerksam. Ellen Littmann bittet um folgende Mitteilung: Ihr Thema für die Verbandsvereine lautet nicht „Abraham Geiger und das liberale Judentum", sondern.Propiettsmus". Im nofalto tamto. *) Von Adolf Löwenberg (Charlottenburg). Ein reizender Knabe mit lockigem Haar Der Eltern und aller Welt Liebling war. Einst ttcf sein jammervoll Klagegeschrei Von Gasse und Hause die Menge herbei. Der Vater, der ruhig den Schaden besah, Sprach: „Deshalb macht man nicht solchen Trara: Im nofalto tamto!" Manch' Jahr schon könnt' er des Spruches Sinn, Da streckt ihn die tückische Krankheit hin. Schwer atmend liegt er und todesmatt Auf sorgennmhegter Lagerstatt. Doch duldet er still uno hat nicht gellagt. „Wie hat doch immer der Vater gesagt: Im nofalto kamto!" Er reiste zuni Manne. Das Leben ist hart. Enttäuschung, so bitter, bleibt keinem erspart. Ein Freund, für den er gesorgt und gewacht, Hat schändlich um sauren Verdienst ihn gebracht. Im schwankenden Fahrzeug, vom Sturmwind umtost. Ist Kompaß und Steuer sein Lebensttost: Im nofalto kamto. Wer fragt nach Runzeln und Altersschnee, Blickt hell noch das Aug', gerichtet zur Höh'! Nun geht's an die Achtzig. — So will's der Kreis: „Die Achtzig begeht man auf festliche Weis'." Bekränzt ist sein Sitz im schimmernden Saal; Kein Gast mehr färch' Platz bei dem Ehrenmahl. Der Fröhlichsten einer in fröhlicher Schar, Hört lächelnd sein Lob heut' der Jubilar In witzigen Toasten, in sinnigen Liedern. Er llingt ans Glas. — Was wird er erwidern? „Ihr rühmt mich als Meister der Lebenskunst, Ihr Damen und Herren. Doch mit Bergunst, Aus Eig'nem hätt's nimmer fürs Leben gelangt, Das Beste Hab' ich dem Vater verdank: Das Wott, das, als ich — ein Knäblein —, einst fiel, Mich leitet durchs Leben, will's Gott, bis ans Ziel. . „Im nofalto kamto." — Noch drückte zu schwer nicht der Jahre Last, Da nahte der Tod, ein erwatteter Gast. Ein Lächeln des Sterbenden Antlitz umschwebt. Wer so stirbt, hat nicht vergebens gelebt! — ,L>m nofalto kamto!" ^er Vorsitzende der jüdischen Gemeinde zu Bettin, Herr Geheimer Sanitätsrat Dr. Julius Ster», vollendete am 22. d. M. sein siebzigstes Lebensjahr. Dr. Stern ist in Sorau (Oberschles.) geboren. Er gehötte seit dem Jahre 1900 dem Gemeindevorstand als Mitglied an; seit fünf Jahren bellell>et er das Amt des Vorsitzenden. Herr Dr. Stern hat sich auf den Gebieten des Kultus, der Jugenderziehung, der Witwen- und Waisen-Fürsorge verdienstlich betättgt. Seine reichen Gaben, seine Liebenswürdigkeit und Beredsamkeit haben ihm die allgemeinen Sympathien erworben. Auch wir sprechen dem Jubilar, der fast ein Merteljahrhundett hindurch sich in aufopfernder Tättgkeit um das Berliner jüdische Leben bedeutende Verdienste erworben hat, unfern herzlichsten Glückwunsch ans. Entsprechend dem Ernste der Zell haben die Behörden der jüdischen Gemeinde beschlossen, von größeren Kundgebungen abzusehen; es fand nui eine Ehrung des Jubilars im engeren Kreise statt. Die Mitglieder der Gemeindeverwaltung und andere Freunde des Jubilars hatten sich am Sonntag, den 2l. Oktober, mittags 12 Uhr, im Repräsentanten-Sitzungssaal zu einer würdigen Feier versammelt. Im Namen des Gemeindevorstandes würdigte Herr Leopold B a d t die großen Verdienste des Gefeierten um das deutsche Judentum. Eingehend schilderte dann Herr Rabbiner Dr. Weiße iws Leben und Wirken dieses Führers der Berliner Jüdischen Gemeinde. Seine Rede wurde wirkungsvoll ergänzt durch das intimere Bild, das dann der Vorsitzende der Repräsentantenversammlung, Herr Rechtsanwalt Heinrich Stern von dem Baterhaüse und von bem eigenen echt jüdischen Hanse des Jubilars, von seiner tiefen, bei jeder Gelegenheit bewährten Liebe zum Judentum entivarf. An die Reden schlossen sich Glückwünsche der Vertreter der beiden jüdischen Waisenhäuser, denen die besondere Liebe und Sorge Geheimrat Sterns während der langen Jahre seiner Tättgkeit im Gemeindevorstand gewidmet war. Für das Pankower Waisenhaus sprach Hett Benas Levy, für das Reichenheimsche Waisenhaus Herr 'Direktor Feist, für die Synagogenvorstände Herr Geheimrat Prof. Kalischer, für die Großloge Herr Geheimrat Timendorfer und für die Gemeindebeamten Herr Rawack. Eine ttef empfundene Dankrede -es Gefeierten schloß die schöne Gebuttstagsseier. Am gleichen Tage konnte Herr Eugen Casparh, Mtglied der liberalen Fraktion der Berliner Repräsentantenversammlung, seinen 60. Geburtstag feiern. Herr Caspary, der auch dem Vorstand des Bettiner Liberalen Vereins angehött, war stets einer der rührigsten Träger des jüdisch-liberalen Gedankens; er ist immer mit besonderem Nachdruck vor allem im Gemeindeleben für eine posittve Betätigung des liberalen Judentums eingetreten. Darüber hinaus hat er sich durch seine soziale Tättgkeit um das gesamte deutsche Judentum die größten Verdienste erworben. Als Leiter der Zenttalwohlfahrtsstelle der deutschen Juden und seit einiger Zeit auch des Wohlfahrtsamtes der Bettiner Gemeinde hat er seine temperamentvolle Persönlichkeit mit Hingabe in den Dienst dieser im besten Sinne jüdischen Aufgabe gestellt und sich so den Dank zahlreicher notleidender Menschen erworben. Wir wünschen dem jugendfttschen Mamrc noch viele Jahre segensreicher Tätigkeit im Dienste des deutsichen Judentums. Stuttgart. Anfang dieses Monats verschied im Aller von 78 Jahren Herr Oberllrchenrat Dr. Kroner, das langjähttge religiöse Oberhaupt der württembcrgischen Juden. *) Bist du gefallen — so steh' wieder auf! Die Monatsschttft „Es werde Licht" wirft wieder einmal recht interessante Schlaglichter auf die Freunde des jüdischen Geldbeutels, die doch so gar nichts mit Juden und Judentum zu tun haben wollen. Wir wollen unseren Lesern die betteffenden Zellen nicht vorenthallen: Herr Alfted Roth, der Führer des deulschvöllischen Schutz- und Trutzbundes, bezieht seine Leseftüchte aus den jesuitischen „Stimmen der Zeit", Herr Albrecht v. Graefe-Goldebee verkauft, obgleich Führer der Deutschvölttschen Freiheitspattei, sein Getteide an Herrn Löwenthal in Wismar. Herr Reinhold Wulle, M,. d. R., Berufsantisemll, trat im November 1918 für Schwarz-rot-gold ein, Herr Daniel Huß, der gewesene Drucker der „Deutschvölttschen Blätter", wurde im Weltkriege wegen Granatenschicbung mit Gefängnis bestraft. Die Deutschnationale Partei, vielmehr ihre Vorgöngettn, die Konservative Partei, wurde durch den Juden Stahl gegründet. Als im Jahre 1893 bei Gelegenheit der Gründung des „Landbundes", dem ftüheren,Mrnd der Landwirte" die agrardeutschnationale „Deutsche Tageszeitung" ins Leben gerufen wurde, hat man dem Juden Maximilian Harden den Chefredakteurposten angeboten; Harden aber lehnte ab, weil ihm die Äbttgen Mitglieder des Redaktionsverbandes zu „knollig" erschienen. Die schwarzweiß-rote Monarchistenflagge war vor vielen Jahrhundctten die Lagerfahne des Stammes Levi. — Das alles sind Binsenwahrheiten. Für die Deutschnattonalen und ihre deutschvölttschen Deserteure ist diese kulturelle Zirkulatur des Quadrats längst „hypothettsch gelöst", denn unsere reaktionären Elemente haben es zu keiner „eigenen" Philosophie gebracht, denn sie stahlen sich bei Nietzsche die „Herrenmoral" uttb ließen sich ja bekanntlich von getauften Juden — wie Stahl — führen. Und dieser „Stahl" hieß noch dazu Schlesinger. Verurteilung uat.soz. Ausschreitauge«. Die vier Rattonalsozialisten, die seinerzeit den bekannten Ueberfall auf Herrn Kommerzienrat Fränkel in München verübten, standen jetzt vor dem Schöffengericht. Wir ettnnern, daß die vier Rowdys Kommerzienrat Fränkel auf der Straßenbahn ohne den gettngsten Anlaß schwer beschimpft und mißhandell haben. Der Haupttäter wurde wegen einfacher und gefähtticher Körperverletzung zu einem Monat und eine«