Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 28 (27.10.1923)
- Date
- 1923-10-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Aufrechterhaltung der gemeinsamen Wohlfahrtsernrichtungen zu wahren. Auf diese Anfrage wurde eine Antwort bis zum 26. September erbeten, da am 30. September eine grohe Mitgliederversammlung zwecks entscheidender Stellungnahme stattfinden sollte. Die grobe Gemeinde teilte am 24. mit, dah es ihr wegen der Kürze der gestellten Frist nicht möglich sei, eine Beschlutzfassung über die erhobenen Forderungen herbeizuführen. Daraufhin wurde in der Versammlung der Reformgemeinde am 30. September folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die Gemeinde beauftragt die Verwaltungskörperschaften, mit der groben Jüdischen Gemeinde auf Grund der Vorschläge, die im Schreiben vom 18. September dieses Jahres niedergelegt sind, weiter zu verhandeln. Sie ist zwar einverstanden damit, datz die Reformgemeinde im Interesse einer Vermeidung der Spaltung bis an die äuberste Grenze des Entgegenlommens geht; sollten die Verhandlungen jedoch bis Ende Oktober d. I. ergebnislos verlaufen, so halt sie es für unumgänglich nötig, daß am 1. November die Reformgemeinde auf eine neue Grundlage gestellt wird. Das kann nur dadurch geschehen, dab der Austritt möglichst vieler Mitglieder unserer Gemeinde aus der groben Gemeinde erfolgt und datz sich diese Mitglieder verpflichten, Steuern, die sonst der Berliner Jüdischen Gemeinde zuflietzen, an die Reformgemeinde abzuführen, dab auch für das Uebergangsstadium alle Opfer gebracht werden, die zur lebensvollen Betätigung unserer Gemeinde erforderlich sind. Sämtliche Arbeiten sind sofort in Angriff zu nehmen. Das Endziel soll in diesem Falle die Umwandlung in eine deutsch-israelitische Gemeinde sein, der sich alle liberalen Elemente der Berliner Judenheil anschlietzen können." / Zurzeit sammelt die Reformgemeinde einen Garantiefonds. um sich für den Fall der Trennung die finanzielle Grundlage zu schaffen. In diesem Widerstreit der Meinungen nahm der „Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin" von Anfang an eine vermittelnde Stellung ein. Er war und ist aufs engste mit dem Leben der groben Gemeinde verflochten. Auf der anderen Seite gehören aber auch zahlreiche Mitglieder der Reformgemeinde und ihres Vorstandes dem Verein an, den linken fortschrittlichen Flügel blldend. Seines liberalen Programmes eingedenk, machte der Verein fich die Forderung der Reform nach Eingemeindung zu eigen und fand dabei stets die v o l l st e U n t e r st ü tz u n g der gesamten liberalen Fraktion. Im laufenden Jahre berief er eine erweiterte Vorstandssitzung, zu der Vorstände und Repräsentanten beider Korporationen eingeladen wurden, und eine Mitgliedewersammlung, die beide mit überwältigender Majorität die Forderung der Reform nach Ueberlassung eines Gotteshauses im Westen unterstützten. So fühlte der liberale Verein stets mit beiden Parteien, und sah, dab auf beiden Seiten berechtigte Interessen miteinander kämpften, sah aber auch, dah hier wie dort Mihgriffe vorkamen, die Versöhnung und Reinigung erschwerten. Verschiedenes, was in der groben Gemeinde geschah, muhte die Reformgemeinde verstimmen. Die lässige Behandlung der Angelegenheit in der groben Gemeinde erbitterte die zur Entscheidung drängenden Kreise der Reformgemeinde, was auch durch die Zusage weitgehender finanzieller Unterstützung nicht ganz ausgeglichen werden konnte. Agitatorische Redewendungen von orthodoxer und zionistischer Seite, die teilweise von einer völligen Verkennung der Sachlage zeugten, wirkten aufreizend und wurden der groben Gemeinde als solcher zur Last gelegt. Als schliehlich die wenig glückliche Formulierung des Antwortschreibens vom 24. September nicht einmal den Wunsch nach einer Verständigung erkennen lieh, entlud sich die Spannung in der oben wiedergegebenen Resolution. $ Aber auch auf der Seite der Reformgemeinde war man keineswegs frei von Schuld. Es fehlte hier die Einsicht in die politischen Verhältnisse der groben Gemeinde und das Verständnis dafür, dah man in einem parlamentarisch geleiteten Gemeinwesen sich politischer Mittel bedienen muh, um seine Forderungen allmählich durchzusetzen. Vielfach kümmerte man sich nur um die eigenen Angelegenheiten und verlor die groben Gesichtspunkte der einheitlichen Gemeinde aus dem Auge. Die Drohung mit der Trennung und die Schritte bei der Regierung wurden als Abkehr von dem alljüdischen Grundsatz der einheitlichen Gemeinde empfunden und verurteilt. Wenig geschickt war schliehlich die Befristung der Anfrage vom 17. September, welche in die Zeit des Versöhnungs- und Laubhüttenfestes ftel und unmöglich zu einer ordnungsmähigen Beratung und Stellungnahme der grohen Gemeinde führen konnte. Was soll nun geschehen? Sicher ist, dah eins nicht geschehen darf, nämlich die Trennung der Reformgemeinde von ihrer groben Mutter. Es wäre eine Versündigung nicht nur an der Berliner und an der deutschen, sondem an der I u d e n h e i t überhaupt, wenn die Einheit der grohen B erlin er jüdischen Gemeinde zerschlagen würde. Was damit verloren ginge, wissen wir alle. Ob sich ein Ersatz in zwei lebenskräftigen Gemeinden schaffen liehe, weih niemand. Auch ist zu bedenken, dah bereits jetzt die grohe Gemeinde um ihre wirtschaftliche Existenz ringt und nur durch weite Inanspruchnahme der Staatshilfe den an sie herantretenden Forderungen gerecht werden kann. Mit dem Beginn der Sparwirtschaft im Reich und in Preuhen werden die staatlichen Zuwendungen abnehmen. Wer will da allen Ernstes glauben, dah die Regierung die Mittel für den kostspieligeren Apparat von zwei Genreinden bereitstellen wird? Schliehlich würden durch den Austritt der Reformgemeinde, welche zahlreiche alte Berliner jüdische Familien mit Namen von Klang umfaht, viele Steuerflüchtige mitgezogen werden, welche sich nachher keiner der D ie Gpferwilligkeit einiger unserer freunde hat uns die Gründung eines e Pressefonds | ermöglicht, der der Tiufrechterhaltung unseres Z | Grgans dienen soll. jj { Wir erwarten« datz alle unsere Anhänger 8 | im Kelch dem guten Beispiel folgen und werden § i über die eingehenden Betrage. die wir als Gold- Z 8 markbeträge zu zeichnen bitten, an dieser Stelle Z i fortlaufend quittieren. g Bisher gingen folgende Beträge ein: Claude G. Montefiore, London: Drei Spenden insgesamt 37r/? L. Salvador Levi, Paris: 100 Frcs. Frau Wwe. G. Levy, Paris: 100 Frcs. Edouard Mamelsdorf, Paris: 100 Frcs. Ludwig Vogelstein, New Jork: 50 Doll. Ans Berlin: Alfred Janlus: 10 Doll. Schatzanweisung und 40 Goldmark; Max Klein 12,—; Moritz Rosenthal, Eduard Neumann, Josef Honig, Georg Gründaum je 8,—; F. S. Scheier 6,—; Dr. Fleischer, Dr. Brasch je 4,---; Alsreo Heide und Emanuel Schisser je 1,50 Gdmk. Aus Dortmund: Bernhard Meyer 4,—; Frau H. Dvrrcuter und I. Meyer je 1,50 Gdmk. Ferner: Kahn (Frciburg), Dr. Kauffmann (Köln), Sander 6- Weyl (M.-Gladbach) je 4,— Gdmk. beiden Gemeinden anschliehen. Das wäre nicht nur ein finanzieller Schaben für die gvotze Gemeinde, es wäre auch ein moralischer Verlust für die Reform. Kommt ihr doch das unbestrittene Verdienst zu. dah sie viele Juden, die durch Unkenntnis der hebräischen Sprache und aufgeklärten Liberalismus früher aus der grohen Gemeinde sich herausgedrängt fühlten, nebst Kindern und Kindeskindein beim Judentum erhalten hat. Sollte die Reformgemeinde jetzt diesen Ruhm gefährden dürfen, indem sie zahlreichen Gemeindeangehörigen durch ihr Beispiel den Austritt erleichtert? Hier muh eine Lösung gefunden werden. Der liberale Verein, betrachtet es als feine wichtigste Aufgabe. sie herbeizuführen. In seiner letzten Vvrstandssitzung hat er eine Kommission eingesetzt, der Vertreter beider Richtungen angehören. Sie nimmt in diesen Tagen mit den Parteien Fühlung. Da beide von dem aufrichtigen Wunsche nach Versöhnung beseelt zu sein scheinen, sollte die Einigung nicht zu lange auf sich warten lassen. Die Ausnahme der Reformgemeinde in die grohe Gemeinde steht hoffentlich bevor. So würde das Lebenswerk unseres allzu früh dahingeschiedenen, unvergeblichen Freundes Eoblenz gekrönt werden, kaum, dah sich die Gruft über seine sterbliche Hülle geschlossen. Der grohen Gemeinde würde aus der Bereicherung ihres religiösen Lebens reicher Segen erblühen. Ihrem ehrwürdigen ersten Vorsitzenden, der in diesen Tagen in das biblische Mer eintritt, dürfte dieser Erfolg seines unermüdlichen Wirkens des Festtags schönste Ehrung bedeuten. Die jüdische Erziehungskonferenz. Bericht von Ellen Littmaun (Berlin). - Die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden hatte in Gemeinschaft mit dem Jüdischen Frauenbund vom 8. bis 10. Oktober zu einer Erziehungskonferenz nach Berlin eingeladen. Der Einladung haben erfreulicherweise nicht nur zahlreiche auswärtige, sondern auch eine große Zahl Berliner Juden Folge geleistet, so daß am ersten Abend der Plenarsitzungsraum in der Rosenstraße nicht ausreichte und man in die Alte Synagoge umziehen mußte. Den Auftakt zur Erziehungskonferenz bildete der Vortrag von Herrn Rabbiner Dr. Baeck über „Religion und Erziehung". Ausgehend von dem Gemeinsamen, in dem Religion und Erziehung wurzeln: der Gabe, die Offenbarung des Göttlichen in sich und im Nebenmenschen zu entdecken, der künstlerischen Gabe des Formens und Bildens, zeigte Herr Dr. Baeck, wie in den drei wichtigsten Perioden des Menschenlebens die Religion den entscheidendsten Einfluß auf die Erziehung des Menschen haben kann. Das Kind bis zur Zäsur, die die beginnende Pubertät in das Menschenleben schneidet, nimmt alles unmittelbar nur mit der Phantasie auf; darum kann nur die Religion, die das Verborgene erschließt, die dem Kinde sagt, was alles bedeutet, dem Kinde das geben, wessen seine Phantasie bedarf. Der junge Mensch nach jener Zäsur nimmt nicht mehr unmittelbar auf; jetzt schiebt sich zwischen ihn und die Welt sein Intellekt, die Vorstellung von der Welt, so daß er gewissermaßen in zwei Welten lebt, in der der Tatsächlichkeit und in der seiner Vorstellung. Hier muß dem jungen Menschen ein Ideal aufgezeigt werden, dem er sein tatsächliches Leben anzugleichen versucht. Vieles kann dem Menschen seine Zukunft, seine Aufgabe zeigen, am besten aber die Religion, weil sie chm die Zukunft zeigt, die aus der Ewigkeit kommt. Und auch für die dritte Periode, die des Wiederaufbaues, hat die Religion ihre Bedeutung. Es ist die Perwde, in der Phantasie und Intellekt sich vereinigen, und nur soviel Phantasie, wie ein Mensch sich aus der Kindheit bewahrt hat, soviel Religion hat er in der dritten Periode seines Lebens. Den ersten Vormittag füllen drei Referate: Die soziologischen Verhältnisse der Juden in Deutschland (Dr. I. Segall, Berlin); Das schwer erziehbare Kind (Dr. med. Stahl, Berlin — Gertrud Casper, Berlin); Elternhaus und Erziehung (Frau Fraenkel-Ehrentreu, München). Herr Dr. Segall zeigt, wie das Erziehungsproblem zugleich ein soziologisches Problem sei, und wie die Frage der Erziehungsmethoden heute mehr denn je gestellt werden müsse, weil die soziologischen Ber- Me ein preußischer General einen Juden zum Offizier vorschlug.*) ^: Bon Rudolf G. Binding. Der General v. R—, Kommandeur einer Infanterie-Brigade, hatte in seinem Stab einen Ordonnanzoffizier. Diese Stellen wurden im Anfang des großen Krieges, mit dem der Sommer des Jahres 1914 die Welt überzog, vielfach nicht mit Offizieren besetzt, sondern mit solchen, die es werden sollten. In der Regel machte m!an, da die Infanterie an Offiziersaspiranten nicht geschwächt werden sollte, bei der Kavallerie eine Anleihe, und auf dieser Grundlage hatte der Rittmeister einer der Division unterstellten Schwadron den Befehl erhalten, zum Stabe des Generals v. R— einen Ordonnanzoffizier zu kommandieren. Der Rittmeister kommandierte den Bizewachtmeister der Reserve K— in die Stelle. Der General war glücklich nrit seinem Ordonnanzoffizier. Denn dieser war ein gebildeter, anstelliger junger Mann von gutem Aussehen, reiterlichtn und anderen Fertigkeiten, und trug sein Herz ziemlich am rechten Fleck. Der General konnte nicht umhin, zu bemerken, wie nützlich sich K— bei ihm machte, wie gut seine Pferde gediehen, seit K— bei seinem Stabe war, wie dieser auch für sein, des Generals, leibliches Wohl in bester Weise sorgt», wie er selbst am liebsten nur mit K— auf Erkundung oder zu den Stellungen seiner Truppen ritt, da kein anderer sich auf her Karte so gut auskannte, wie sein neuer Ordonnanzoffizier, und was dergleichen Tugenden mehr waren, die er an ihm entdeckte. Es vergingen kaum ein paar Wochen, so erhielt der Bizewachtmeister, der sich bei einigen Aufträgen hervorgetan und dabei bewiesen hatte, daß er sich aus englischen Granaten nicht einen Pfifferling machte, das Eiserne Kreuz. Der General hielt auf seinen Stab. Als er die Zeit für gekommen erachtete, schrieb er an den Rittmeister einen Brief. Er stellte ihm vor, wie man doch einen so tüchtigen und tapferen jungen Mann nicht wohl weiter ohne die silbernen Offizicrsachselstücke herumlanfen lassen dürfe, da er alle Eigenschaften und Voraussetzungen in sich vereinige, die für die Beförderung zum Offizier verlangt werden müßten. Indem er den jungen Mann nach seiner Beförderung für die planmäßige Stelle des Ordonnanzoffiziers bei seinem Stabe vorsehe, hoffe er nicht nur, ihm die Wege zu ebnen, sondern auch seine Fähigketten für die große Sache und das Vaterland in bester Weise auszunutzen. „So erwarte ich denn, mein lieber Rittmeister," schloß der General, „wenn es Ihnen recht ist, einen BeförderungSvorschlag für meinen prächtigen Bizewachtmeister. DeNn Sie, als der Kommandeur der Schwadron, der er zurzeit noch angehört, müssen die Eingabe abfassen, *) Ans der Sammlung „Der Spiegel", Anekdote« zeitgennössischer deutscher Erzähler. Henau-gegeben von Karl Lerb». Gustav Kiepenheurr Verlag, Pottdam-Berll«, 1-19. die erforderlichen Nachweise und Unterlagen verschaffen und den Bor-! schlag an allerhöchst Seine Majestät richten. Ich aber werde ein 1 Wort der Befürwortung zufügen können, das unserem Schützling von Nutzen sein wird. Es wird nicht fehlen. Schicken Sie mir morgen die Eingabe." Der Rittmeister tat, wie ihm befohlen war. Am folgenden Tage gelangte ein Vorschlag zur Beförderung zum Offizier im Beurlaubtenstande, wie ein derarttges Schriftstück sich zu nennen die Ehre hat, in die Hand des Generals, und alle Spalten, die die gestrenge Vorschrift für eine solche Urkunde verlangt, waren säuberlich gezogen und ordnungsmäßig ausgefüllt. Wohlgefällig überlas der General die über die Person seines Ordonnanzoffiziers gemachten Angaben. Da standen die Vornamen, da die Geburtsdaten, da der Beruf. Der Mann lebte in geordneten Verhältnissen; der General hatte sich nicht getäuscht. Seine Blicke wandten sich befriedigt den nächsten Spalten zu, die über Glaubensbekenntnis und die Namen der Eltern aussagten. Und er erstarrte. Denn da, gerade unter dem Worte „Religion" stand — (ja! der General konnte es nicht in Abrede stellen) gerads unter dem Worte Religion stand das Wort: „mosaisch". Der General geriet in eine Aufregung ohnegleichen über diese Entdeckung. Daß die Angabe falsch sei, war bei der ihm bekannten Genauigkeit des Rittmeisters ausgeschlossen. Er stand vor der schrecklichen Gewißheit. Alles, was preußisch in ihm >var, sträubte sich hoch, und alles, was christlich war, nicht minder. Und der General war sehr preußisch und sehr christlich. Was tun? Ganz abgesehen von dem Bilde, das sein Stab abgab, wenn ein Jude als Ordonnanzoffizier darin auftrat: wenn er, der General R—, einem Juden in den Offiziersstand verhalf, ivanktens die Grundfesten des Staates. Das war llar. Mochten andere tun, was sie verantworten konnten; da war er denn doch ein preußischer General. Er ritt sogleich zum Rittmeister. „Haben Sie denn das gewußt, daß K— Jude ist?" ries er,-jawohl habe ich das gewußt/' sagte der Rittmeister ruhig. „Ader dieser Jude weiß, was der Offiziersstand von ihm verlangt. Ich kann nicht finden, daß sein Glaube in irgendwelcher Weise seine Tapferkeit, seine Kenntnisse, seinen Anstand, alle jene Vorzüge beeinflußt, die der Herr General selbst, wie ich höre, «n ihm gerühmt haben." „Das ganz gewiß nicht! gewiß nicht!" erwiderte der General, ,^bcr —: er hat doch Eigenschaften, die —, ich meine: jüdische, Eigenschaften, die —" „Nicht, daß ich wüßte," sagte der Rtttmeister, „übrigens darf ich höflichst darauf Hinweisen, daß der Herr General — bisher wenigstens — von diesen jüdischen Eigenschaften nichts bemerkt haben." Das war richtig. Wie war es aber auch nur möglich gewesen, daß er nichts bemerkt hatte! „Sie wollen sich also nicht verstehen, Ihren Beförderung? Vorschlag zurückzuziehcn?" „Aber, Herr General," sagte der Rittmeister, „Sie selber haben den Vorschlag doch cinverlangt! Und wie sollle ich einen Beförderungs- Vorschlag für einen Untergebenen zurückzichen dürfen, den ich nach Pflicht und Gewissen cingereicht habe? Der Bizewachtmeister, der gestern ein so vortrefflicher Mann war, ist heute kein anderer, rveil rr ein Jude ist." Der General ging. So war nichts zu machen. Wenn er nicht den Rittmeister überzeugen konnte, daß K— ganz unerträglich jüdische Eigenschaften habe, würde er ihn nicht vermögen, den Beförderungs- Vorschlag zurückzuziehen. Aber der Rittmeister war doch nicht blind. Und K— mußte doch derarttge Eigenschaften haben. — Der General zog die Weitergabe des Beförderungsvorschlages eine Zettlang hin. Noch immer hoffte er den Rtttmeister zu entwaffnen. Tagtäglich fast verhandelte er den Fall. Und immer spiellen die jüdischen Eigenschaften, die er an seinem Ordonnanzoffizier entdeckt haben wollte, die Hauptrolle in seinen Argumenten. Aber wenn er sie benennen wollte, so hatten sie Namen wie andere Eigenschaften und schienen ihn höhnisch anzusehen, als ob sie sagen wollten: auch du hast Eigenheiten. Und dennoch: der Bizewachtmeister hatte eben jüdische Eigenschaften, die bei einem preußischen Offizier ganz unerträglich zu denken waren. Davon biß keine Maus einen Faden ab. So lief die Sache eine Woche oder zwei. Eines Tages hatte der General den Rittmeister wieder bei seinem Gegenstand. „Sie möge« mir sagen, was Sie wollen," sagte er zu ihm, „K— hat jüdische Eigenschaften, eigentlich nur jüdische Eigenschaften! Sie müssen zugeben, daß er jüdische, unerträglich jüdische Eigenschaften hat?" Der Rittmeister bedachte sich. So, wie es bisher gegangen war, kam er nicht weiter. „Tja! Herr General," sagte er auf einmal fast verwundert, „da er doch Jude ist, was soll denn der junge Mann andere Eigenschaften haben, als Mische?" Da geschah etwas Merkwürdiges. Es erging nämlich dem General wie dem Knaben beim Tauziehen, der, fest gegen die Erde gestemmt, mit aller Kraft den Gegner zu sich herüberziehen will, jener abjer läßt urplötzlich das Seil fahren. Der General fühlle sich am Boden. Er hatte zwar eine unbestimmte Empfindung, als ob bei diesem Sieg und dieser Niederlage nicht alles mtt rechten Dingen zugehe, aber er vermochte es nicht zu fassen. Daß er der Sieger war, entging ihm. Die Tatsache, daß ihm der Boden entzogen war, blieb. Er wußte nicht recht, wie ihm war. „Wenn Sie also wirlljch meinen," sagte er lleinlaut. Und da der Rittmeister bejahte, ging der General an den Tisch und schrieb, noch immer benommen von einem Beweis, der sich so sellsam gegen ihn zu wenden schien, ein „befürwortet" unter das Gesuch zur Beförderung des Juden.