Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 28 (27.10.1923)
- Date
- 1923-10-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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7.4.1V.LZ —BWPgg \ WHWffWSWff 1 jifugn Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Gefchäfsstelle 0,30 Goldmark für je vier Nummern. Anzeigen: Grundpreis Mb. 100 für die sechsgespaltene Zeile nach Rudolf Mosse's Normalzeilenmesser Nr. 4; Familienanzeigen und Stellengesuche für die Mitglieder der Bereinigung für das liberale Judentum E.B. und der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Mk. 0.50; die dreigespaltene Reklamezeile Mk. 150. Alle Grundpreise mal Schlüsselzahl des Vereins Deutscher Zeitungsverleger, gültig am Vortage der Zahlung. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin W 8, Mauerstr. 22 (Bereinigung für das liberale Judentum e. V.) Fernruf: Zentrum 162. Anzeigen-Annahme bei der Geschäftsstelle. Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin NW 7 Nr. 137069 (Bereinigung für das liberale Judentum e. D.). Nummer 28 Berlin, den 27. Otiober 1923 3. Jahrgang Ir III III III III III 111 III III III III III III III III III III III III III III III III IS Mitglieder! freunde! Die «Jüdisch-liberale Zeitung" ist das einzige Organ des fortschrittlichen religiösen Judentums! Da unsere Freunde ihrer Pflicht zur Erhaltung dieses Lebensnervs unserer Bewegung nicht genügend Aufmerksamkeit zuwenden, sehen wir uns genöttgt, nach dem Beispiel aller Zeitungen von jetzt ab den Abonnementsbeikag per Nachnahme zu erheben! Tut Eure Pflicht als religiöse Juden! Erhaltet Eure Zeitung, damit auch diese ihre Pflichten voll und ganz erfüllen kann! töfi Alle restlos die Nachnahmen, die wir in diesen Tagen heraussenden, ein! Erbringt den Beweis, datz unser Judentum «ns Allen eine Religion der Tat ist! Die Geschäftsstelle. -st II! III III III III III III »I III III III III III III III III III III III III III »I III III III 31 Bewegung und Nachdem der Vorstand der „Vereinigung für das liberale Judentum E. V." trotz der Bedrängnis der Zeit, der Notwendigleit, einen Generalsekretär hauptamtlich zu berufen, Rechnung getragen hat, halte ich es nach llebernahme dieses Postens für meine Pflicht, in einer kurzen Lrtikelreihe den Anhängern und Freunden unserer Bewegung wie auch der breiteren Oesfentlichkeit meine Auffassung von den Ideen unseres liberalen Iudentums und der Art, es in die Praris umzusetzen, erneut zur Aussprache zu stellen. Es wird in dieser Reihe von kurzen Aufsätzen meine Aufgabe sein, die Ziele des religiösen Judentums überhaupt sowie unserer speziellen Einstellung zu ihnen klarzulegen. Wir werden uns demzufolge auch mit den anderen jüdischen Bewegungen zu beschäftigen haben, werden schließlich die praktischen Wege zu finden bemüht sein, die uns für die nächste Zeit unserer Arbeit eine gedeihliche Fortentwicklung sichem. Wenn ich nicht mit den Gedankengängen des liberalen Iudentums, den geistigen Grundlagen unserer Bewegung, beginne, so geschieht es aus der Erwägung heraus, datz diese unseren Anhängern in ihren Grundzügen ja bekannt sind, daß dagegen die hauptamtliche Verwaltung meines Postens ganz besonders den praktischen Anforderungen der Gegenwart Rechnung tragen muß. Wer die Entwicklung aller jüdischen Richtungen in der letzten Vergangenheit mit klarem Blick und ohne rein partelliche Stellungnahme verfolgt hat, wird finden, datz Bewegung und Organisation in einem gewissen Gegensätze zueinander stehen. Wenn wir einmal untersuchen, ob dieser Gegensatz ein naturgegebener ist oder ob nur die Ungunst der Verhältnisse daran schuld war. so finden wir, datz die Reinerhaltung einer Idee, ihre rein geistige Fortentwicklung immer an eine auserlesene, d. h. also zahlenmäßig geringe Schar wahrhaft begeisterter und von ihr voll und ganz erfüllter Persönlichkeiten gebunden ist; die Auswirkung einer Idee in breitere Schichten, die Menschen aller Art umfassen, jbirgt also schon in sich die Gefa^ der Verflachung. Denn der Menge müssen Formen gezeigt werden, die der Verwirklichung der Idee dienen; und hier liegt die Gefahr, datz schließlich die Formen erfüllt werden, ohne den Geist zu spüren, der ihnen innewohnt, daß das Symbol Selbstzweck wird und so die Idee der Vergessenheit anheimfällt, mindestens aber an geistiger Tiefe und lebendiger Frische Einbuße erleidet. Gleichwohl bedarf jede Idee, wenn sie wahrhaft einem Ideal dienen will, einer starken und in sich gefestigten Organisation, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Denn erst dadurch, daß die Idee in breiteren Kreisen Fuß faßt, kann sie sich selbst befruchten, erst die Umsetzung der ideellen Gesichtspunkte in praktische Ziele, d. h. also in Ideale, die im Leben erstrebt und erkämpft werden müssen. Organisation. vermag ihren Trägern und Vorkämpfern Triebfeder zu ihrer Ausgestaltung und Weiterbildung zu werden; und erst die Erfassung weiterer Schichten gibt dm Ansporn zur Fortmtwicklung der geistigen Errungenschaften einer Idee, so daß dieser dadurch immer wieder frische Lebenssäfte zugeführt werden; erst die praktischen Forderungen vermögen auf die Masse ihrer Anhängerschaft den lebensvollen Einfluß zu gewinnen, der ihr ein Vorwärtsschreiten auf ihrer Bahn ermöglicht, erst die Auswirkung im Leben vermag zwischen Wertvollem und Unwesentlichem eine reinliche Scheidung herbeizuführen. So kommen wir zu dem Ergebnis, daß trotz des Gegensatzes zwischen Bewegung und Organisation beide einander bedingen, ja, daß erst die Organisation die ideelle Bewegung zu einer tatsächlichen gestaltet. Wenn ich mir so bei Beginn meiner Tätigkeit sehr wohl der Grenzen bewußt bin, in denen ich die Organisation zu halten habe, wenn anders sie nicht ein Gegner unserer Idee werden soll, kann ich gleichwohl unserer Anhängerschaft dm Vorwurf nicht ersparen, daß sie ihren Pflichten gegen die Organisation keineswegs genügend nachgekommen ist. Wenn ich aufrichtig sein will. — und Aufrichtigkeit und unbedingte Wahrheitsliebe sind für mich Grundforderungen meiner Religion —, muß ich unseren Freunden offen sagm, daß sie für ihr Judentum wenig oder nichts geleistet haben. Dieser Vorwurf jedoch soll keine negative Kritik sein, sondern der Ansporn zu restloser Pflichterfüllung im Dienste unserer heiligen Religion, im Dienste der Bewegung, die allein uns unser Judentum lebmsvoll gestalten kann. So muß es meine erste Aufgabe sein, das Eewissm unserer Anhänger und Freunde im ganzen Reiche und über dessm Grenzen hinaus wac^urütteln, sie immer und immer wieder an ihre Pflichten zu mahnm, sie zu erinnern, datz nur restlose Gefolgschaft der Bewegung ein Dorwärtsschreiten auf vorgezeichneter Bahn ermöglicht, daß nur die Zusammenfassung aller Kräfte, d. h. der Kraft jedes Einzelnen, und fei sie auch noch so gering, uns unserem Ziele näherbringen kann. Deshalb muß ich an alle, die ihr Judentum im Sinne unserer Anschauung auffassen, die mit Stolz zu der Religion ihrer Väter aufsehm, die sich der hohm Aufgaben, die diese Religion an jeden ihr Zugehörigm stellt, bewußt sind, die Forderung stellen — denn nicht zu bitten ist meine Aufgabe, sondern die Erfüllung der Pflichten, die wir alle dem Judentum gegenüber haben, zu fordern —, sich mit warmem Herzen, aber klarem Verstände unserer 'Arbeit tatkräftig anzuschließen, der Bewegung in jeder noch so kleinen Gemeinde zu regem Leben zu verhelfen, das Banner unserer Idee, das Banner des liberalen Iudentums hochzuhalten und sich nicht auf die Arbeit der anderen zu verlassen, sondern stets dessen eingedenk zu sein, daß nur, wo alle Kräfte wirken, einer Bewegung die gedeihliche Entfaltung gewährleistet ist. Wer bereit ist. selbst Hand anzulegen, selbst zu bauen an dem großen Tempel der Mischen Religion, ob all oder jung, ob arm oder reich, der stelle sich sofort der Zentrale zur Verfügung oder wende sich an einen unserer Vertrauensleute, deren Namen wir in einer der nächsten Nummern unserer Zeitung veröffentlichen werden. Es ist Sturmzeit, alle Mann an Bord! E. Dickmann. Berliner Reformgemeinde und Große Gemeinde. Von Dr. Julius L. Seligfohn. Zu all den Wirren der Zeit, zu all den Nöten unserer Glaubensgemeinschaft, zu all den wirtschaftlichen Bedrängnissen unserer Gemeinde tritt eine neue Sorge hinzu, die auf der liberalen Berliner Iudenheit lastet. Die Reformgemeinde droht, sich von der großen Berliner Mischen Gemeinde zu trennen. Ein Band, das so viele Jahrzehnte bestanden hat. soll zerschnitten, eine Gemeinschaft, die fast drei Menschenalter gedauert hat, soll gelöst werden. Die Reformgemeinde gehört seit ihrer im Jahre 1845 erfolgten Gründung zur großen Berliner Gemeinde. Die Mitglieder der Berliner Reform fiüdzugleich Angehörige der großen Gemeinde und zahlen an diese ihre Steuern. Zum Ausgleich leistet die große Gemeinde zu den besonderen Kultus- und Schuleinrichtungen der Reform Zuschüsse, um welche letztere jedesmal ebenso nachsuchen muß, wie die übrigen subventionierten Religivnsvereine. Dieser Gleichstellung widersprach die Reformgemeinde seit langem. Sie berief sich auf die Anzahl ihrer Mitglieder, die Bedeutung ihrer drei Prediger, und machte geltend, daß die besonderen religiösen Bedürfnisse ihrer Anhänger (deutsche Gebetssprache, Sabb atgottesdienst am sozialen Ruhetage) durch die Kultuseinrichtungen der großen Gemeinde nicht befriedigt würden. Deshalb forderte sie die Eingemeindung, die offizielle Aufnahme in die große Gemeinde. Dazu trat in neuerer Zeit der Wunsch nach Uedcrlassung einer der großen Synagogen im Westen Berlins, weil die beschränkten Raumverhältnisse des Reformgotteslrauses und seine heute ungünstige Lage in der Geschäftsgegend weder der Anzahl noch den Wohnverhältnissen der Besucher Rechnung trage. Die große Gemeinde verhielt sich diesen Wünschen gegenüber ablehnend. Sie bewilligte zwar finanzielle Zuwendungen, sie ließ zu. daß die Reformprediger an den staatlichen Schulen Religionsunterricht erteilten, sie gewährte ihnen ein Begräbnis in der Ehrenreihe ihres Friedhofes, aber, den herrschenden Anschauungen des Berliner Iudentums Rechnung tragend, vermied sie, den Sonntagsgottesdienst und die weitgehende Ausschaltung des hebräischen Gebetes offiziell anzuerkennen. Dieser Zwiespalt zwischen den Gemeinden verschärft« sich als die wirtschaftlichen Röte der letzten Iahte und die finanzielle Bedrängnis die Reformgemeinde dazu zwangen, immer häufiger die große Gemeinde um geldliche Unterstützung anzugehen. Die unsichere materielle Lage der Reformprediger, der Zwang des ewigen Pettttonierens wurde als Demüttgung empfunden. Und da der freiheitliche politische Kurs in Deutschland die Möglichkeit zu bieten schien, eigene Korpo rat io nsrechtezu erhalten, so erneuerte die Reformgemeinde ihre dahinzielenden!Antrage bei der Regierung. Nebenher gingen die E i n i - gungsverhandlnngen mit der großen Gemeinde. Gemeinsame Besprechungen der beiderseitigen Vertreter unter Zuziehung eines Unparteiischen fanden statt, ohne mdessen zu einem Ergebnis zu führen. Schließlich richtete die Reformgemeittde am 17. September 1923 ein Schreiben an die große Gemeinde, in welchem sie an erster Stelle die Eingemeindung als selbständige Parochie unter Wahrung ihrer Autonomie in Kuttusfragen forderte und dafür als Gegenleistung die Uebertragrmg ihres Vermögens auf die große Gemeinde zusagte. Sollte die groß« Gemeinde darauf nicht eingehen können, so wurde gowünscht, daß die große Gemeinde bis zur Verleihung der Korporationsrechte an die Reform deren Gehälttrunkosten zahle Und ihr eine Synagoge im Westen der Stadt zur Verfügung stelle; nach Erlangung der Korporationsrechte sollten Verhandlungen zwischen beiden Gemeinden stattfinden, um die Einheit der Glaubensgemeinschaft und die