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Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-10-05 · 27 (5.10.1923) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
3 (1923)
Issue
27 (5.10.1923)
Date
1923-10-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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bat Intellekt zum Zweikampf heraus. Der Liberalismus ist ihm bas Sinnbild des Hochmuts. Er wagte es ja. sich der idealistischen Wettanschauung zu bedienen, dem zionistischen Taumel gegenüber nüchtern zu bleiben, vom Prophetismus starker als v-om Gesetz sich erfüllen zu lassen. Er ist verantwortlich für die böse Wissenschaft des Judentums mit ihren unbequemen Resultaten, für die - Vorherrschaft der Optimalen in den Gemeinden/ den Abwehreifer der Rechtsgelehrten. Ader der Liberalismus hat bereits seine reiche Geschichte. Er hat nicht auf «Emil Cohns Ruf zur Umkehr gewartet, um seine Wendung zur Innerlichkeit, sein Streben nach seelischer Vertiefung ins Werk zu setzen: ihm gehören die grob angelegten Werte von Kenn. Cohen. Baeck, Dienemann u. a. an. die lief in das Wesen des Judentums eindringen, und durch noch so inbrünstige Rufe ..toras mosche! toras mosche!" nicht ersetzt werden können. Der Liberalismus ist sich mehr und mehr bewuht geworden, was er seiner Führerrolle schuldig ist. Emil Cohns letzte, für ihn zwingende Beweisführung gegen die Wahrhett des Liberalismus ist ja aus seiner inneren Erfahrung hergelettet: er war selbst einst ein Liberaler, fand sich als solcher haltlos, zersetzt und zersetzend, glaubenslos: er kam durch den Zionismus zum religiösen Judentum, in diesem zur Gesetzestreue: er nennt sich „durch Reue frei". Sein letzter, stärkster Butzruf fordert das Tun. Nicht die einzelne Tat genügt, so hören wir zur Erläuterung, sie sei noch so schön und edel, sondem nur fortgesetztes, religiöses Ueben. Die religiöse Form aber sei es, die als zweckfreie, gelderlöste, schönheitsvolle Tat alles Heil in sich schließt. Sie müsse aus jener Wirklichkeit des Lebens „des rauschenden Blutes" immer neu emporsteigen, die dem Juden glücklicherweise in Natur und Smnenleben offengeblieben sei. Wirtlichkeit ist für Emil Cohn die Synthese von Gehalt und Form, von Geist und Seele, von Wett und Leben. Die Frage: wie können wir die atten Formen neu gestalten? beantwortet er: durch freudige, selb st verleugnen de, gehorsame Unterordnung unter gegebene Formen. Gegeben seien sie uns noch außer dem Gesetze von der Gottheit selbst, aber nur. damit wir im Religiösen schöpferisch sein könnten. Nirgends seien sie so wichtig, wie im Judentum. „Mit ungeheurer Kraft leuchtet die jüdische Seele in der jüdischen Form." Emil Cohn har mit dem Problem der Form ernstlich gerungen. Er redet von der Askese des Gehorsams, von dem Widerspruch in der Natur der Religion selbst, daß sie aus ihrem eigenen Wesen heraus sich aus dem Seelischen durch Nationalismus und Theologie hindurch ins Seelenlose entwickeln müsse: aber er findet die Ueberwindung dieser Schwierigkeit in der lebendig gelebten Form. Er bezeichnet seine Gedanken selbst als einen geheimnisvollen Kreis, und wird nicht verlangen, daß wir uns kritiklos in diesem magischen Zirkel gefangen geben. Gerade am Problem der religiösen Form scheiden sich die Geister. Emil Cohn weiß so gut wie wir, daß die Form auch in der Religion gegenüber der nach Ausdruck und Gestaltung suchenden Idee das Wandelbare, Angepaßte, Flüchtige ist. Er wagt aber nicht, in ihr allerdings vielfach unbewußtes, unberechenbares Leben einzudringeu; er sieht die verwirrende Fülle der Formen ununterscheidbar als die Form des Judentums an, die, einmal geprägt. unzerbrechlich und untilgbar sei. Er nimmt also auch Äbsonderlichteiten statt berechtigter Eigentümlichketten mit in den Kauf, weiß nichts vom Veralten und Wandel der Formen und ihrer» lebendrohenden Ueberwärls bestimmen nicht die Formen, sondern die Idee«. WM uns Emil Cochn bereden. daß Gott unserm Lehrer Mose auf dem Sinai den Knoten der Tefillin gezeigt habe, dann mutet er uns zu, in mythologische Verstrickung zurückzusinken. Nimmermehr. Judentum ist Kampf gegen den Mythos in jederGestalt: aber Liebe znm Einigeiurigen mtt ganzem Herren, ganzer Seele und ganzer Kraft. „Haus Jakob, kommt, latzt uns wandeln im Lichte des Herrn." Zum Schluß eine ganz kleine bezeichnende Episode. Unsere Frgu Eschelbacher hatte in ganz wenigen Worte» von der auch in diesem Kongreß sichtbaren Lenkung Gottes in unserem Tun, von der bohen Bedeutung der Menschenliebe als Gottesdienst gesprochen. Unter dem Eindruck dieser ernsten herrlichen Worte schlug die Prüsidentin Mrs. Kohut vor, durch zwei Minuten des Schweigens die Stimmung festzuhalten, was sehr eindrucksvoll war. Diese Stimmung hielt auch an bis zum letzten Augenblicke der Tagung, die ein unvergeßliches Geschenk der Gegenwart, ein hohes Versprechen für die Zukunft war. Der Weltkongreß jüdischer Frauen in Me«. Bon Paula Ollendorff. (Fortsetzung uns Nr. 25 der Zeitung.' II. . 'Der ganze dritte Tag galt den schwierigen Fragen der Aus- und Einwanderung. Ebenso wie aus den hochinteressanten theoretischen Ausführungen des Leiters des Joint, Dr. B. Kahn, der seine Erfahrungen aus einem Material von 8V« Millionen Auswanderern schöpft, nne aus dem wunderbaren Referat der Miß Razovsky, der Sekretärin des C. I. W., tönt der eine Schrei der Unglücklichen aus dem Osten: Hinaus aus dieser Hölle von Hunger, Verfolgung und Mord, ganz gleich wohin! Fräulein Razovsky ist die staatlich anerkannte Sachverständige für Einwanderer in Amerika. Sre arbeitet in den Einwanderungsstationen von Ellis Island und Costle Island, tut unendlich viel, um die bitteren Leiden oer Einwanderer zu erleichtern. Bon 1919—1922 find viele Tausende unglücklicher Frauen und Kinder in diese Quarantäne-Stationen gekommen und wurden wieder zurück geschickt, weil irgendwie eine Vorschrift des sehr strengen amerikanischen Einwanderungsgesetzes nicht erfüllt >var. Oft hatte der Gatte bzw. Vater „die Annahme der Ankömmlinge verweigert", oder es fehlte überhaupt die Bürgschafts-Adresse, oder die Bisa waren nicht in Ordnung. Man hatte zu Hause — und hier »varen viele gewissenlose Agenten im Spiele — den Aermsten gesagt: Irgendwo wirb sich eine Hintertür öffnen, die Euch hineinläßt. Keine Tür öffnet sich gegen das Gesetz, wenn das Mitleid auch noch so groß ist. Und dann liegt eine schwere Belastung der Einwanderung in dem festgelegten Prozentsatz für jedes Land, in der sestbegrenzten Anzahl für jeden Monat. Daraus ergeben sich schwere Ungerechtigkeiten. Heute wutt>e eine Mutter mit sieben Kindern zurückgeschickt, weil die Zahl voll war, und am nächsten Tage konnten andere mühelos in das Laird der Freiheit hineinkommen, von dem viele nichts als ihre Statue im Hafen von Newyork gesehen haben. Und die Gesundheitszeugnisse! Der C. I. W., besonders Fräulein Razovsky, arbeiten rastlos Tag und Nacht im Interesse der armen Einwanderer, ihrer Gesundheit und ihrer Reinlichkeit. Sie rüsteten ganze Expeditionen aus, um verlorene Väter zu finden und Unwillige zu versöhnen. Miß Razovsky richtet einen dringenden Appell an alle Organisationen, dafür zu sorgen, daß keine Einwanderung versucht wird, die nicht dem Gesetze entspricht. Sie warnt vor Kanada, wo nur landwirtschaftlich Geschulte und Schwerarbeiter ausgenommen iverden, vor Kuba und Mexiko, wo zwar keine Beschränkung der Einwanderung besteht, wo aber Klima, ökonomische Verhältnisse, Sprache, Sitten, Mangel an jüdischer Gemeindeorganisation den Einwanderern aus dem Lande der Hoffnung ein Land der Verzweiflung inachen. Besonders Frauen und Mädchen iverden vor Mexiko gewarnt. Das ausgezeichnete Referat wurde ergänzt durch Frau S a ch s - B a r r, die über Errichtung von Fürsorgezenrren, von Frau Dr. Turnowsky, die über das traurige Kapitel der Zurückwandernden, und von der Vorsitzenden Mrs. Harris, die über die Nottvendigkeit internattonaler Organisationen der Einwanderung sprach. Ein voller Tag war der sehr gründlichen Diskussion der vielen Resolutionen gewidmet, bei der manchmal die Temperamente aneinander gingen, um sich bald wieder zu versöhnen. Es gab Resoluttoncn über den Frieden, über Mutter- und Kindcrschutz, gegen den Mädchenhandel, über religiöse Erziehung, übe'' Ein wände rungsprobleme uns Gesundheitsfürsorge, über die Notwendigkeit öer Zivilehe, über die Seuchennot und -Hilfe, und, last, not least, über die dringende Forderung nach einem Weltbund jüdischer Frauen. Noä) ein Wort über einige der führenocn Frauen aus dem Auslande. Von den Amerikanerinnen war schon die Rede. Die englischen Delegierten »varen ganz besonders pronnnente Erscheinungen. Ihre Alterspräsidenttn, Mrs. Model, ganz Mütterlichkeit, unendlich bescheiden trotz ihrer großen Leistungen und deren Bedeutung für uns alle, englisch und doch international, wo es gilt, Liebe in praktische Arbeit umzusetzen und in der Gegenwart für die Zukunft zu schaffen. Mrs. E i ch h o l tz , voll bezaubernder Anmut, beeindruckte alle durch beu hoben sittlichen Ernst ihrer sehr bibel- und gesetzeskundigen Aus- Füh'-ungen. Sie sprach von englischen Erfahrungen, die für alle jüdischen Aül'.er gleich wichtig, nachahmenswett und interessant waren. Italien, wuchern, nichts von Unformen, Gestaltlosigkeiten. , das Land ohne Antisemitismus, ivie die Delegierte Frau M a r g o l i e s .; v rj.. - , . ,r .... . laue F lvr e n z es nannte, hatte Frauen aus Rom, Florenz uuo wtt rettet er Schöpferische. — urch das ÄesthetiUerLNde! Triest gesandt, deren wiederholtes Betonen ihres großzügige» der Hebung. Wenn aber das liberale Judentum die! und gerechten 'Vaterlandes und der Erleichterung für die jüdisch? Jugend, und dem heiteren Spiel der Kunst eine scharfe linic gezogen. Längst hat der Liberalismus auch seinerseits die hohe Bedeutung der religiösen Form erlamu. Nicht hier möchten wir das Problem der Form auftollen: es ist ein großes Verdienst Emil Cohns, daß er sich in seiner Art seherisch, wenngleich einseitig, liebevoll, Wenngleich ergebnislos darin versenkt hat. Seine wertvollen Anregungen bleiben unoerloren. Freilich beantworten wir seine Rufe zur Rückkehr mit den Rufen: Vorwärts und empor! Nie werden wir auf dem großen Woge, den wir noch vor uns haben, vergessen, was uns die Vergangenheit geschenkt hat, und was wir ihr schulden. Aber den Weg nach vor- Lrennung»-! jüdischen Frauenbundes jit t besonders die Schaffung einer Musteranstalt für jüdische Geisteskranke für über üOO Personen aus. Ans Palästina war F r a n M o s h c n s v h n gekommen, ganz gebrechlichen Körpers, aber sehr tatkräftige:: 0-eisteS und starker Seele. Wir konnten je eitle Vertreterin der Schweiz, Rumänien und Dänemark begrüßen, hervorragende Frauen aus Frankreich, Ungarn, Tschechien, Iugoslavien, auS RußlarU), Danzig und Polen. Daß eine starke und persönliche Verbindung unter den Delegierten zustande kam, die durch fast r:nunterbrechen? Arbeit unniöglich gewesen wäre, war daS Verdienst der Kultusgemeinde Wiens, die den Kongreß zu einem Tee in den wundervoll blühenden Slcrdtparl gebeten hatte, nno der unvergleichlichen Präsidentin M r s. K o Hut, die im Namen des C. I. W. die Delegierten zu einem Abend in die Wiener Hofoper einlud und chnen damit einen Genuß bot, wie ihn wenige in ihrem Leben gekannt haben. Ein nachbenges Beisammensein stellte eine Entente cordiale aller Länder dar, verbunden durch die Freude an der gemeinsamen Arbeit. Die schwere Notlage in de« jüdische« Kolonie«. Dem Berliner Büro der Jüdischen Welthilsskonferenz wird aus Rußland gemeldet: Die Rot unter der Bevölkerung der jüdischen Kolonien im Bezirk Alexanhrotvsk, Gouvernement Jekaterinoslaw, die insbesondere von den Machnoschcn Banden gelitten haben, spottet jeder Beschreibung. Es genügt, hervorzuheben, daß zwei Kolonien — Trudolubowka und Netschajcwka — von dem Erdboden verschwunden sind; die Kolonisten sind größtenteils ermordet; die Zurückgebliebenen flüchteten, die Heimstätte verlassend. Auch andere Kolonien haben schwer gelitten. Die Gebäude sind zerstört und können wegen Mangel an Mitteln nicht mehr hergestellt werden. 'Das lebende sowohl, wie auch das tote Inventar ist sehr gering und in weit ungenügeicher Anzahl vorhanden. Es fehlt vollständig an medizinischer Hilfe. Es ist nur ein Arzt in der Kolonie Nowo-Slatopol, für den Umkreis von 30—35 Kilometer im Halbmesser, vorhanden. Keine Medikamente. An Kleidung Md Schuhwerk mangelt es außerordentlich. Die Lage wird besonders mit Beginn des Herbstes und des Winters bedrohlich werden. Die jüdische Welthilfskonferenz hat die nötigen Schritte zur Linderung der dringenden Not unternommen. Der „Jrlebensfetnpel“ i« Berlin. Trotz der ungeheuren materiellen Schwierigkeiten unserer Zeit ist es der Rührigkeit des Professors S. Goldberg gelungen, im Lauf des letzten Jahres im Berliner Westen eine Synagoge, die nicht weniger als 1600 Plätze faßt, zu bauen. Der Tempel soll die Joee des Weltfriedens in Verbindung mit dem Gottesgedanken verkörpern, allen soll er offen stehen, die für Menschenversöhnung und Völkerverbrüderung arbeiten. Am Sonntag vor Rausch-Haschonoh fand die feierliche Einweihung statt, in oer nach Reden des Gründers Prof. Goldberg und beö Abgesandten der jüdischen Gemeinde Dr. Weiße der neue Prediger am Friedcnstempel, Rabbiner Dr. Gott schal k, eine gedankenreiche Festrede hielt. Besondere Weihe erhielt die Feier durch die mit innerer Wärme vorgetragenen Gebetmelodien des Oberkantors Lewandowski. Wir hoffen, daß die ideale und opferwillige Gesinnung, die den Bau des Gotteshauses ermöglicht hat, stets seine Bcsucherschar erfüllen und somit der ganzen Judenhert als leuchtendes Beispiel dienen wird. Die Ortsgruppe Lharlottenburg des Liberalen Vereins beabsichtigt, eine Reihe von Diskussionsabenden für ihre Mitglieder einzurichtcn, an welchen über „Lebensfragen des Liberalismus" diskuttert werden soll. Die Leitung dieser Abende liegt in berufenen Händen. Gäste können eingeführt werden. Der erste Abend ist auf Montag, den 29. Oktober 1923, abends 7% Uhr, festgesetzt. Herr Baumeister Jacobowitz hat freundlichst seine Wohnung zur Verfügung gestellt. " Lassalle und das Judentum. lDer .Herausgeber der nachgelassenen Briefe und Schriften von Ferdinand Lassalle (Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart, Verlagsbuchhandlung Julius Springer, Berlin), Universitätsprofessor Dr. Gustav Mayer, wrrd am Donnerstag, den 11. Oktober, im Jli Berlin, Rosenstr. 2/4, SV* Uhr, einen Vortrag über „Lassalle und das Juoentum" halten. Da der Referent erster Kenner auf dem Gebiete der Geschichte der sozialen Entwicklung in Deutschland ist, wird das interessante Thema hoffentlich recht zahlreiche Zuhörer finden. Wir machen hiermit auf die Anzeige des Jlr Berlin in heuttger Nummer aufmerksam. Jüdische Erzlehungsko«sere«z. Wir machen noch einmal auf die von der Zentralwohlfahrtsstclle der deutschen Juden gemeinsam mit dein jüdischen Frauenbund für den 8. bis 10. Oktober 1923 in Berlin einberufene Erziehungskonferenz aufmerksam, oeren hauptsächlichste Programmpunkte wir bereits veröffentlicht haben, und erhoffen von dieser trotz der Not der statt findenden Veranstaltung einen segensreichen Einfluß auf die (beschicke der jüdischen Jugend. Amfangreiche Ausgrabungen in Jerusalem. Für den Herbst sind in Jenisalem im ganzen fünf Ausgrabuirgen gepinnt, die alle im Gebiete der ehemaligen Davidstadt vor sich gehen sollen. Dieser Hügel ist unter verschiedene wissenschaftliche Gesellschaften regelrecht ausgeteilt worden. Es beteiligen sich nicht nur die englische, französische und italcellische archäologische Gesellschaft sowie ein französischer Kapitän Weill, sondern auch die jüdisch-archäologische Gesellschaft. ES bUibt abzuwarten, ob diese Aufteilung für die Untersuchungen von Vorteil sein lvird, da bisher Grabungsfelder in Griechenland stets unter einheitlicl>er Leitung bearbeitet wurden. Büchertifch Meyer A ni s ch e l Rothschild, Der Gründer deS Rothfchildschen Bankhauses. Bon Christian Wilhelm Berghoeffer. 3. Aufl. 1923. Im Verlag Englert & Schlosser, Frankfurt a. M. Der Entstehung menschlichen Reichtums historisch forschend n«d;= zugcheu, ist nicht im vier eine erfreuliche und vor allem nicht immer eine dein Ansehen der Reichgeivordenen förderliche Aufgabe. In Amerik« konnte sich nicht genug tun im Preisen des Weibes, das er im Begriffe war, von sich zu stoßen. Die schöne Frau, die bisher still vor sich hin geweint hatte, brach jetzt in ein hefttges Schluchzen aus. Der Mann, erschüttert von ihrem Schmerze, flehte sie an, sich in den WUlen des Höchsten zu fügen, unter dem er doch ebenso leide, wie sie, und fort sie, die sonst alles verschnräht hatte, was seine Großmut ihr schon geboten, das Allerkostbarste, das in seinem Hause zu finden sei, mit sich in ihr Heim zu nehmen und seiner auch seruerhiu in Liebe zu gedenken. Rabbi Simeon ben Jochai hatte noch kem einziges Wort gesagt, sondern nur der Rede des Mannes zugehört. Jetzt versuchte er, ilm von seinem Vorhaben abzulenken. Dem aber widerstritt oer andere lebhaft, und so blieb dem Rabbi nichts übrig, als in die Scheidung zu willigen. Aber nicht, wie sonst üblich, im bösen sollte sie vor sich gehen. Wie das Paar sich gefunden, so sollte es voneinander scheiden: ehe er, der Rabbi, der Ehefrau den verhängnisvollen Brief übergebe, sollte ein Festmahl abgehalten werden. Und in seinem Sinne dachte er, daß bei einen: fröhlichen Gelage der Mann vielleicht seinen Entschluß dock) noch ändern werde. Wie angeordnct, so geschehen. Indes im Hause des Sidoniers das wunderliche Scheioungsfest gerüstet wurde, ließ die Frau alle die Sachen ihres Gebrauchs, alle Gegenstände, die ihr zu ergen gehörten, in die Wohnstätte ihrer Eltern schaffen, wo sie fortan zu leben gedachte, bekümmerte sich aber daber auch imt das Mahl im Hause des Gatten, ordnete hier alles an, schickte Boten umher, die Freunde zu Gaste zu bitten, und ließ kochen und braten und backen und die Weinkrüge vorbereiten und den Saal und die Tafel schmücken wie zu einer Hochzeitsfeier. Diener und Mägde waren berctt, und sie selbst legte ihre kostbarsten Gewänder an, um die Ankommenden zu empfangen. Bald war das Haus vom Glanz der Lichter erfüllt, die Gäste kamen, und das Scheidungsmahl nahm seinen Anfang und gedieh unter dem Einfluß des Weines, den die Diener unermüdlich in dm Becher füllten, zu heller Fröhlichkeit. So sehr, daß die Teilnehmer — zumal der Gatte selbst und fast auch der loürdige Simeon ben Jochai, der unter ihnen saß — vergaßen, welcher Anlaß sie hierhergeführt. Heitern Angesichts ging auch die Frau umher, ermunterte alle, sich's wohl sein und schmecken zu lassen, und wußte durch scherzhafte Worte auch bei den anderen den Scherz zu erwecken und die Freude an dem Genüsse von Speise uird Trank. Nie war sie zärtlicher gegen ihren Gatten gewesen, als heute, und gerade ihn, der dies mit starker Rührung empfand, gerade ihn veranlaßte sie, sich noch einmal in ihrer Gegenwart seines Lebens zu freuen. In immer glückseligere Stimmung geriet er in dem vergnügten Freundeskreise und schonte des Weines nicht, der ihm, dem an Mäßigkeit Gewöhnten, immer inehr zu Kopfe stieg. Als die Gaste sich endlich entfernten, lag der Gatte der schönen Frau in tiefem Schlaf auf dem Teppich, und in Traumen, aus denen ihn selbst der stärkste Lärm nicht geweckt hätte. Und die Lichter erloschen, bis auf eines. Das hielc oie schöne Frau in der Hand und leuchtete dem Schlafenden ins Gesicht. Stellte den Leuchter dann auf den Tisch. Dachte eine Weile nach, und ein seltsames Lächeln erschien um ihre Lippen. Hierauf näherte sie sich dem Schlummernden, beugte sich zu ihm l)erab und begann, ihm sein Oberklcid auszuziehen. Er erwachte nicht. Erwachte nicht, trotzdem sie ihn bei der Entkleidung zweimal auf die Seite drehen mußte. Und lächelte noch tiefer als zuvor, und ging, die Diener zu rufen. Die kamen mit einer Bahre. Hoben den Schlafenden behutsam und lagerten ihn auf die Bahre, dectten ihn mit feinem Linnen zu, daß nichts zu sehen war von ihm, und trugen ihn so, von der lächelnden Frau gefolgt, aus dem Hause hinaus über Marmorstufen auf die Straße. Und in der Dunkelheit der Nacht immer weiter bis zum Hause ihres Vaters, und dort in das ihr bestimmte Gemach, und von der Bal)re auf das für sie bereitete Bett. Sie aber setzte sich an das Lager und saß und wachte, bis der Morgen kani. 'Da öffnete der Gatte die Augen, starrte zur Decke, wunoerte sich, daß es nicht die Decke seines Zimmers sei, und dachte: „Der Wein .... noch bin ich trunken." Schloß die Augen, um weiter zu schlafen, erwachte wieder, blickte zur Seite und war nicht minder verwundert als vorhin. Dies alles kam ihm so ungewohnt und fremd vor. Was war denn mit ihm geschehen? Wie kam er den«'in dieses ihm völlig unbekannte Gemach? Jäh setzte er sich auf. Da siel sein Blick auf die Frau, die immer noch dasaß. Ihre Augen, ihre Lippen lächelten ihm entgegen. „Weib, wie komme ich hierher?" fragte er bestürzt. „Und wo befinde ich mich?" , „Im Heim der Geschiedenen," sagte sie leise. „Das ist mein Gemach." „Wie denn? . . . Me denn?" ries er Md wurde fast erbost. „Mt welchem Rechte hast du mich hierherbringen lassen?" „Du selbst gabst mir dies Recht." Er strich über seine Stirn, vermochte sich nicht zu entsinnen. 'Die Frau lächelte: '■ „Sagtest du nicht, ich dürfe das aus deinem Hause mitnehmen, was mir das Allerkostbarste dünkt? Siehe, mein Gemahl, nichts Kostbareres fand ich, als dich. . . . Und so nahm ich dich . . . Und du bist mein Eigen." Rabbi Simeon ben Jochai brauchte den Scheidebrief nicht zu schreiben. Schnitzer.

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