Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 27 (5.10.1923)
- Date
- 1923-10-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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ermüdlich wattenv. der Arzt, der ein Sohn eines Jugendfreundes war, des Treuesten der Treuen. Es war wie ein Symbol: Freundschaft dieser Art hört nimmer auf. Bestückend hält die Erinnerung nun das Bild des edlen Mannes fest, der sich in unsere Herzen hineingelebt hat. Treue um Treue! Mehr Reinheit! Bon Rabbiner Dr. Gottschalk. Wenn man die Gegen nwarr einmal an sich vorüberziehen laßt, dann hebt sich dieser Eindruck vielleicht als der bleibendste heraus: aus allen Gebieten hat die Unreinheit stark um sich gegriffen, und mehr als je leiden die nach Reinheit Strebenden darunter. Uttreitf jirtb — vielfach — die Bestrebungen der Politik, unrein ist unser Wirtschaftsleben, unrein ist ein nicht geringer Teil unserer Jugend. Eine Zeit- und Seelenkran khett ist ausgebrochen, dre wir uns im Weltkrieg ersieaten. Jenes Schwelgen in Grausamkeiten, wie sie der Weltkrieg zur Pflicht gemacht, die ungeheure Verwüstung der Wirtschaft, dieses ständige Kreisen müssen um das Wort „Geld" — sie eben haben jenen Geist der Unreinheit erzeugt, den wir beklagen: den Geist der Unwahrhaftigkeit, des Wohlgefallens am Häßlichen, der Sorglosigkeit um morgen, des rücksichtslosen Egoismus, des hochmütigen Lächelns über Ideale, des Berspottens fast jeglicher Autorität, des Hintansetzens von Treue und Zuverlässigkeit, der Freuoc nicht selten am Sinnlichen. Kein Zweifel, daß die Krankheit weil vorgeschritten, kein Zweifel, daß sie noch lange so stark sein wird. Kein Zweifel aber auch, daß andauernd Gegenkräfte am Werk sind, um den Hcilungsprozeß zu beschleunigen. Ja, das ist der andere erfreuliche Eindruck, den eine Betrachtung der Zeit hinterläßt: man schämt sich des Geistes der Unreinheft, man möchte ihn aus unserer Mitte bannen. Unausgesprochen und ausgesprochen, laitt und leise, stark bald, bald schwächer wirkt das Wort .deS Psalmisten nach: „Ein reines Herz erschaffe mir o Gott." — Wen» man das Theater der 5000 besucht und kaum ein einziger Platz dort leer bleibt, wenn Kunst, welche dem Volke dienen soll, sich jetzt ein eigenes Gebäude schafft, wenn der Gedanke der Volkshochschule iinmer weitere Kretse erfaßt, dann find das untrügliche Zeichen dafür, daß der Geist der Unreinheit nicht widerstandslos wirkt, daß unser Psalnnvort vielmehr die tiefsten, edelsten Kräfte auslöst. Uno ist nicht sein Geist der Geist des Wortes, das uns von Goethe her wohl vertraut ist und das L. Richter unter sein Goethebildnis schrieb: „Große Gedanken, ein reineS Herz, daS ist es, was wir voll Gott erbitten sollen"? Und ähnlich lautet eia wenig bekannter Vers desselben Dichters: „Ein reiner Reim wird wohl begehrt. Doch den Gedanken rein zu l)aben; die edelstc von allen Gaben — das ist mir all« Reime wert." Und gerade diese Tatsache, daß unsere uralt jüdische Bitte die Bitte des klassischen Meisters ist- — sic sollte uns als Juden doppelten Mut geben und doppelte Kraft, über das Lachen der andern hinweg zusehen und die Reihen aller derer zu stärken, die Lehnsu ch t nach einem Leben in Reinheit und den Willen dazu in sich tragen. Denn beides gehört natürlich zusammen. Uud darum führt unser Psalmwort ja fort: „Uno einen starken Geist erneuere in meinem Innern." Ein bloßes Sehnen genügt ja nicht, ein bloßes Schwelgen ist noch nicht jüdisch — nein, erst die Verbindung von beiden Dingen, erst diese Vereinigung von Fühlen und Handeln — das ist die wahrhafte Melodie, die unser Leben durchllingen muß! Rein in Gedanken, rein in der Tat; rein in der Begierde, rein in der Arbeit, rein im Verkehr, rein in dem Hause, rein in der Kunst, rein in der Rede — des ist der Weg zu der Seelengesundung^ der uns Juden von jeher ans Herz gelegt. „Wer steigt hinan den Berg des Ewigen? Wer reiner Hände und lauteren Herzens ist" — singt wieder ein Psalm. „Auf jedermann in Israel, dessen Tun rein, ruht der Strahl göttlicher Heiligkeit," lehrt I e h u d a H a l e v i. Und sollen wir hier nicht auch den Satz rabbinischer Weisheit erwähnen: „Wer unsaubere Hände hat, spreche den Rainen Gottes nicht aus"? Ob nicht sogar mancher Jude von diesem Sah bei uns überrascht sein wird? Wird hier nicht blitzartig die äußere Reinheit dem Gebiet des Aesthetischen entrückt und als untrennbar von der inneren Reinheit hingcstellt? Wird der „harmonische" Mensch hier nicht ausgezeigt? Wandelt „Schönheit" sich hier nicht in „Heiligkeit" uird wendet sich an das „Ebenbild Gottes" und nicht bloß den künstlerisch fühlenden Menschen — im Sinn des bekamrten Segcnspruches, -er das „Händewaschen" begleiten soll? Veredeln tvir aber das Sinnliche also, ganz iin Sinne unserer Religion, dann seien wir erst recht dessen eingedenk, was der jüdische Denker Saab ja so ausdrückt: „Der Körper des Menschen ist rein. Im ganzen Leibe des Menschen ist nichts Unreines." Und wer auch davon wieder überrascht ist, vergleiche, wie sich nichtjüdischem Auge, das nicht vom Hasse verblendet ist, unsere Beltznidlung des Sinnlich-Geschlechtlichen dcirstellt. Es ist G a n g h o s e r, der im „Buch der Kindheit" schreibt: „Man rühntt den Familiensinn der Juden, ihre treue, das Grab überdauernde Kindesliebe. Dieser kostbare Besitz quillt aus keiner Eigenart der Rasse. Ich habe gefunden, daß in jüdischen Familien alle Wichtigkeit der Menschwerdung viel natürlicher und v e r st ü u d i g c r vor den Kindern genommen und besprochen lveiden, als die verkrüppelte Sittlichkeit unserer christlichen Kultur das zuläßt. Die jüdischen Väter und Mütter genießen in der tieferen Liebe ihrer Kinder die Frucht des Vernünftig e w." — Eine ungemein wichtige und ungemein zeitgemäße Frage wirk) hier berührt, daS Problein der „richtigen Aufklärung". Der Weg, den uns unsere Religion hier aufzcigt, er deckt sich nicht bloß mit Ganghofer, sondern mit dem führenden Neupädagogen. Keine Schlüpfrigkeiten, keine Zweideutigkeiten unb keine Zoten — aber auch keine falsche Scham! So bahnen wir unseren Kindern den Weg zur S ch ö n h e i t aus Heiligkeit — tund damit zur Reinheit! Ein Ruf zur Umkehr. Im Hinblick auf Emil Cohns Bekenntnisbuch „Judentum"*). Von Rabbiner Dr. Samuel (Essen). Es ist nicht leicht, diesem höchst persönlichen Buche *) Judentum, ein Aufruf an die Zeit. Von Emil Cohn; 1923; Georg Müller Verlag (München). gerecht zu werden: es ist überhaupt nur möglich, wenn man die Persönlichkeit des Verfassers in Rechnung zieht. Ein Mann^ wie unser Verfasser, darf dies vollauf für sich in Anspruch nehmen. Er besitzt etwas von dem Magnetismus, Menschen anzuziehen und durch die Macht des gesprochenen Wortes zu begeistern. Das ist das Vorrecht des begnadeten Predigers, dem (Aeptiker und GrMer verständnislos gegenüberzustehen. Emil Cohn ist zudem Dichter, also darf er ein Bekenner sein: wieweit er uns sein Inneres offenbaren will, ist durchaus seine Sache. Cr führt sich in seinem Buche als ein Mensch ein, der nicht mehr ein Suchender ist. sondern der nach vielen Irrungen und Wirrungen am Ziele steht. Somit ist er ein Wahrhertsforscher, gleichviel zu welchem Resultate er gelangt ist. Für die vielen Genossen, die er hatte, als er irrte, findet er freilich nur harte Worte und Anklagen, und darf nicht erstaunt sein, hier und dort ein mehr als unfreundliches Echo zu hören. Auch der Liberalismus hätte Ursache, sich zu beschweren: er ist ja der feindliche Pol, die entgegengesetzte Geistesrichtung, der in die Irre führende Weg. der den Ruf zur Umkehr so dringend macht. Aber wir Liberale zeigen auch darin unsere Geistesfreiheil, daß wir jede aufrichtige Kritik gelassen hinnehmen, ja wiNkommen heißen, wenn wir sie nutzen können. Mr fragen nur: Was Hai uns die Rüge zu sagen? Da scheint uns denn die erste Halste des Buches „Judentum" geringe Ausbeute zu liefern. Denn die Entartungen der jüdischen Geisteshaltung, die Emil Cohn lster bekämpft, beschränken sich weder auf liberale Juden, noch sind sie bei solchen vorzugsweise anzutreffen. Er findet diese Entartungen in den Orgien der Geldgier, in den Entweihungen der Liebe, in der Uebersteigerung des Begriffes Volk. Sollte er wirklich die beiden ersten auf die Emanzipation der Juden sett den letzten 150 Jahren zurückführen, so wäre der jüdische Liberalismus jedenfalls von dem jüdisch-nationalistischen Machttriebe fteizusprechen, da er ja ein völkisches Judentum überhaupt ablehnt. An dieser Probe hätte Emil Cohn merken können, daß es mißlich sei, den liberalen Grundtrieb des modernen Menschen in alle Wege zu verurteilen, da er im besonderen Falle zu entgegengesetztem Resultat geführt hat. So klagt denn unser Verfasser neutraler Weise mehr den Zeitgeist, als die Zeitgenossen an: er meint nur, daß die Juden aller Richtungen jenem viel stärker erlegen wären, als alle übrigen Bevölkerungsgruppen. Um diese Erscheinung zu erklären, zieht er das alle Tiefen der Seele aufwühlende Erleben der Jahrhunderte heran und zeigt, wie eigentlich nichts anderes, als ein Wesen voller Widersprüche das Resultat sein konnte. Wenn Emil Cohn der jüdischen Seele helfen will, wieder zu ihrem Frieden und ihrer Selbstsicherhert zu gelangen, so ist das schön und gut. Nur darf er dann nicht die angeblich jetzt erst enffesselten Urtriebe des neuen Menschen, wie „Geld" und „Liebe", durch den Schutzwall der alten Formen zurückdämmen wollen. Was nützen Kinderburgen gegen Meeresbrandungen? Der Wandel kann nur von innen kommen, und er wird die Formen neu gestalten. Das empfindet auch Cohn: für ihn ist es bereits zu einemAufschwung der jüdischen Seele gekommen: leider ist dem kurzen Emporstreben schnell eine Krisis gefolgt, die alles wieder in Frage stellt. Das reine Aufflammen der zionistischen Idee sei getrübt, ja geschändet worden durch das Einströmen des nationalen Machtgedankens. Der ursprüngliche Zionismus, wie ihn Theodor Herzl verkündete. sei die erste ideale Bewegung in dem seit mehr als einem Jahrhundert verschütteten Westjudentmn gewesen; „es war der Aufstand der Edlen gegen die Klugen". Der Zionist entdeckte den Ostjuden, und in ihm seinen besten Mitkämpfer. Er überwand das aufreibende Ressentiment, er entäußerte sich des nutzlosen Grolls gegen eine anders geartete, feindselige Umwelt, weil er seinen eigenen Wert wiederfand. Da kam die Krisis: Verfälschung durch den Nationalismus. Der Jude, in überlanger Zeit gewöhnt, nur Minderheit zu sein, berauscht sich an dem Gedanken der Masse, liebäugelt mit dem Militarismus, jubelt seinen Aktivisten zu. Großsprecherische Parteileute reißen die Bewegung an sich: im Innern dominieren Disziplin und Organisation, nach außen Angriffslust und die Neigung. allen Andersgesinnten das wahre Judentum und dm echten Zionismus Musprechen, „das Volk als Instrument zu mißbrauchen". Die Rückkehr ins Judentum vor der Rückkehr ins Iüdenland, diese echt Herzl'sche Idee wurde preisgegebm. Daran hatte auch das Auftreten eines Führers der jungen Generation wie Martin Buber nichts geändert. In ihm sieht Emil Cohn nur einen Förderer des Gestaltlosen, einen Zerlöser des Festm, Ueberliefertm in Erlebnis: den Begünstiger einer unerträglichen Diftatur der Jugend. Emil Cohn fühlt aber, daß die Zett wieder einmal erfüllt sei. Die größte Krisis der Weltgeschichte stellt das Judentum vor zwei Tatsachen» die wie Frage und Antwort zusammenzugehören scheinm: Neu entfesselter Judenhaß in den meistm Staaten der Erde — ein sich zögernd erschließmdes Palästina, das nur noch nicht aufnahmefähig ist für alle Iudm. Diese drängende Not hat Emil Cohn dm Weg zu seiner Entscheidung gewiesen. Zu ihr lädt er nun auch die anderen ein; symbolisch baut er vor uns sein Judentum als einm Tempel mit drei auf seinen Anruf sich öffnend m Dorm auf. Bor der äußerstm Pforte beschließt er das Bkutgericht, wie er selbst seine schonungslose Krittk nennt, mtt geradezu apokalyptischen Bildern. Kein Dolksteil. so wiederholt er. sei von den Zeitstürmen so mitgenommen worden, wie der jüdische, in dem die Zahl der Entwurzetten Legion sei. Selbst der philosophische Idealismus seiner Führer kann den Liberalismus nicht vor. dem Verdammungsurteil retten: dmn dieser Idealismus sei die Geistigkeit der Entseelten: er sei im Kampf gegen den Materialismus zur bloßen Phrase geworden. 'Aber auch das orthodore Judentum findet keine Gnade. Emil Cohn legt das Geständnis ab, er habe gerade für dieses eine große Ehrfurcht und eine werbende Liebe: dies Werben wird aber vergeblich sein. Dmn im gleichen Augenblicke sagt er ihm Hätteres, als ihm je vom Liberalismus gesagt worden ist. Die unerbittliche, zu keinen Konzessionen bereite Trennungsorthodorie habe sich vom Gegner in eine Kampfesstellung drängen lassen, und darüber die GutglaubigWt, Selbstsicherheit, UiGewußthett verloren; dm Adel, die Anmut und Wohlgestalt preisgegeben. Der Zaun um die Lehre sei zum abschreckenden Stacheldraht geworden, die religiöse Form zum Panzer, ja zum gegerbten Fell! Emil Cohn fühlt deutlich den Abstand unserer Orthodoxen von einem Miba. einem Saadia oder Maimuni. Diese und ihre Geistesverwandten waren imstande, fremde Kulturen sich einzuoerleiben; die heutige Orthodoxie macht dazu nicht einmal den Versuch. Sie würde allerdings bei ihrem starren Dogmatismus und Fornralismu« auch sofort an Kant. Darwin und Spencer scheitern. Kommen wir zu den positiven Forderungen Cohns. Die erste lautet: Jüdisches Volt und hebräische Sprache. Der Jude kann nicht zum Erlebnis seiner Religion kommen, ehe er nicht zum Erlebnis Volk gekommen : das Volkstum ist aber nur Grenze des weltumspannenden Ewigkeitsgehalts der Religion. So Emil Cohn. Der Liberalismus geht andere Wege: er erlebt Mr noch das heilige Volk, ihm soll jeder Jude angehören, gleichviel welchem staatlichen Verbände und welcher Volksgemeinschaft er im übrigen einverleibt ist. W i r empfinden mtt dm Juden in England oder Amerika, in Tunis oder Persien nicht volksmäßig, wett ein großer, wichtiger Teil ihres Lebens unter anderen Gesetzen steht, als der gleiche bei uns. Unser Erlebnis ist die Einhett unserer Urgeschichte, unserer Aufgabe, unserer Idem: wir wollen und sollen das heilige Volk erleben, und Emil Cohn hätte es leicht gehabt, seinem „Volk" diese Eigenart zu wahrm, wie es Mar Brod mit der jüdischen „Nation" getan hat. Es lag folgerichttg auf seinem Wege. Dmn nicht für die neuhebräische Volks- und Umgangssprache tritt Emil Cohn zur Unterstützung seiner Volksidee ein, sondern für die „zerbetete" althebräische. Diese Forderung kann niemand lebhafter unterstützen, als wir. Die deutsche Predigt und die deutsche Liturgie blieben ja wohl davon unberührt. Wichtiger ist die zweite Forderung, die G l ä u bigkeit und Gottesdienst umfaßt. Den Glaubeil kennzeichnet Emil Cohn treffend als die Bewegung der Seele zu Gott hin: als ein Durchdrungensein der Seele von Ehrfurcht, Demut, Liebe, Hoffnung und Vertrauen. Diesen Glauben vermißt unser Bußredner schmerzlich» überall starrt ihn öde Glaubensleere oder irgend eine Maske der Frömmigkett an. Dm Orthodoxen unterstellt er die entsetzliche Marime: ich glMbe nichts und halte alles! Die polttisiermden Zionisten mahnt er, zu beten und Gott in aller Schlichtheit zu dienen, anstatt auf das „Diesseitswunder" eines Mar Brod zu warten. Im Sturme aber rmnt Emil Cohn gegen dm Liberalismus an. Daß ein gebildeter Liberaler nicht ftomm sein könne, behauptet er trotz Hillel, der bekanntlich das gerade GegeHeil lehrte: ein Ungebildeter kann nicht gottesfürchtig sein! Cohn stellt sich ritterlich Mf die Seite des Seelischen, d. h. des Gefühlslebens, und fordert den Geist, MWMWWW von zwei geschiedenen Frauen. Mit freundlicher Erlaubnis der Brandus'schcn Verlagsbuchhandlung (Berlin) geben wir nachstehend aus den „Legenden aus dem Talmud" *), die von Jakob Fromer und Manuel Schmier in freier Nachdichtung heransgegeben sind, eine dieser leider so wenig bekannten Erzählungen wieder. In den Tagen, da Rabbi Tanchuma in einer gewissen Gegend Palästinas lehrte, entstand dorr eine anhaltende Dürre. Aus den /Feldern vertrocknete die Saat, aus den Wiesen welkte das Gras, die Bäume warfen das Laub ab, und die Bäche versiegten. Schon war die Not groß, größer aber noch die Furcht, daß der Sommer keine Ernte bringen, sondern alles versengen und vernichten rverde. Tauch.mm mahnte zur Frömmigkeit, zu Geduld, Reue und Wohltätigkeit, damit der Herr diese Prüfung beende. Aber trotz aller Gebete ließ keine Wolke am Himncel sich sehen. Verwüstender wurde die Glut, und immer schwerer zu ertragen der Mangel an Trinkwasser. Da begannen die Leute nach der Ursache dieser Heimsuchung zu forschen: ob etwa innerhalb ihrer Gemeinde ein Frevel begangen worden sei, um dessentwillen der Herr sie strafe. Und eines Tages glaubten sie, die Sünde und den Sünder gefunden zu haben. Sie stürmten in das Haus ihres Rabbis und verlangten die Bestrafung eines Mannes, der sich in unerhörter Weise gegen die Lehren des Talmud vergangen lmbe. — Folgendes trugen sie ihm vor: Ein Gelehrter hatte eine böse Frau, die ihm alles Ueble antat. *) Ter Grundpreis des aus Dünndruckpapier erschienenen Büchleins, dessen Ausschmückung durch eine Titelradierung von Hermann Struck und Federzeichnungen des jungen Künstlers Ruin Lesser sehr gewinnt, beträgt in Halbleder M. 4,—, in 'Ganzleder M. 6.—. ja sogar sein Studium durch Zank unmöglich machte. Der gutmütige; Mann duldete dies lange genug. Endlich gab er ihr die Mttgist zurück und reichte ihr den Scheidebrief. Dies aber war es gerade, was die Frau gewollt hatte. Mit dem Gelbe heiratete sie einen ungelehrten Mann, der, gleich ihr, ein lustiges Leben liebte. Bald >var das Vermögen vertan, und unter den Notleidenden der Stadt befand sich niemand in größerer Not, als gerade jene geschiedene Fran. In solchem Elend lväre sie, erzählten die Leute, daß sie betteln müsse. > Nun sei ihr ihr früherer Gatte begegnet. Trotz ihres 'ehr üblen! 'Aussehens habe er die Verstoßene erkannt una sie nicht nur angebrochen I und ihr eine Gabe gereicht, sondern sie mich in sein Haus ausgenommen, j tun sic vor der äußerfteri Nor zu schützen .... > „Solches aber," riesen die Leute leidenschaftlich, „solches verstößt , gegen das Gebot! Solches ist ein Frevel! Denn der Talrnud schreibt! dem Manne vor, niemals wieder einem verstoßenen Wende sich zu! nähern von dem Augenblicke der Trennung an bis an des Lebens Ende!"! Tanchuma lächelte zu solclu'm Ucberglanben und belehrte oie Aufgeregten, daß die Lehre von solcher Strenge nicht sei. Jene Worte seien Menschen- und nicht Gottesgebot. Um sie aber zu beruhigen, ließ er den Beschuldigteil vor seinen Richterstuhl laden und auch die Frau. Als diese hörte, daß ihr Retter uni ihretwillen der Sünde geziehen wllrde, brach sie tu Tränen aus uno bat, doch sie Pt sttafen und nickst ihren Wohltäter. In diesem Augenblicke zeigten sich dunkle Wolken am Himmel, und t bald begann ein erquickender Regen niederzuströmen, i „Um dieses Weibes willen," rief nun Tanchuma, „um dieses! sündigen Weibes willen, an dem die Menschengüte sich zeigen durfte,! hat der Himmel eurer Not ein Ende gemacht!" | * * * j Zu Sidon am Meere, in der Stadt der Schiffer und der Fischer, | lebte put reicher Mann, der eine schöne ltrtb kluge Frau sein nannte. Aber sie war noch viel mehr denn schön und klug — sie hatte eüe Herz voll Güte und Zärtlichkeit. Und ein heiteres Gemüt und sanftmütige Lippen. So glich sie dem Weibe, das der König Samuel preist in dem Buche der Sprüche: „Kraft und Schöne sind ihr Gewand, und sie lacht des kommenden Tages. Sie tut ihren Mund aus mit Weisheit, und auf ihrer Zunge ist holdselige Lehre." Ihre Liebe zueinander war groß uud schön, ein Beispiel für alte Ehegatten, und nahm mit den Jahren immer mehr zu, so sehr, daß kcins vom andern, auch für einen Tag nur, hätte entfernt sein mögen. Und doch Ivar ein Schmerz bei ihnen, den beide gleich schwee empfanden: Gott hatte ihnen Nachkommenschaft versagt. Ihr Haus war ein sttlles Haus, keine Kftrder erfüllten es mit fröhlichem Lärmen. Es war ein Schmerz, von dem sie nicht sprachen, ein Leid, das sic voreinander zu verbergen suchten, um im geheiinen desto sckstveree daran zu tragen. Zehn Jahre lebten sie so in einem schecnbaren Glücke, jedes bc müht, dem andern alles Liebe anzutun und die Gedanken und Wünsche von den Augen abzulesen, bis die Verwandtschaft des Gatten Macht genug über ihn gewann und ihre Einflüsterungen ihm den Entschluß nahebrachten, sich von der Unfruchtbaren zu trennen und in einer neuen Ehe den Erben zu gewinuen uud so den Fluch des Himmels zu lösen. Eines Tages faßte er den Mut und sa^te seiner Frau, mit welchen Gedanken er sichArage; fügte hinzu, daß sicherlich nur um seiner Süüden wlllcn Gott ihre Ehe nicht mit Kindern gesegnet habe. Die Frau widersprach nicht. Gewohnt, dem Wlllen des Gatten sich zu fügen, begleitete sic ihn zum Rabbi, um den Scheidebrief entgegenzunehmen. Bor dem Rabbi — es war der große Simeon ben Jochai — wiederholte der Ehemann alles, was er seiner Gattin schon gesagt, und