Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 27 (5.10.1923)
- Date
- 1923-10-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäfsstelle 0,30 Goldmark für je vier Nummern. Anzeigen: Grundpreis für die 3Vcm breite mm-Zeile Mk. 0,25, Familienanzeigen Mk. 0,15. Bei Wiederholung Ermäßigung. Der Grundpreis wird mit der am Erscheinungstage gültigen Schlüsselzahl des Buch- Händler-Börsenvereins multipliziert. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin W 8, Mauerstr. 22 (Vereinigung für das liberale Judentum e. V.) Fernruf: Zentrum 162. Anzeigen-Annahme bei der Geschäftsstelle. Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin NW 7 Nr. 137069 (Vereinigung für das liberale Judentum e. V.). Nummer 27 Berlin, de» 5. Offober 1923 3. Jahrgang Zur allgemeinen läge. Schwere Gewitterwolken hängen über unserem deutschen Vaterland. Von außen suchen die Hatzverblendeten Führer eines Nachbarvolkes das deutsche Volk mit allen Mitteln niederzuhalten und warten sehnsüchtig auf den Zerfall des Reiches, wenn sie ihn auch — noch - nicht offen zu wünschen wagen. Im Innern verzehrt sich der deutsche Volkskörper in krampfhaften Zuckungen, da die Apostel des Hasses und der Gewalt in gierigem durch keine vernünftigen Ueberlegungen gehemmten Trieb nach der Macht ihre Zeit für gekommen halten. Schwere Gefahren drohen dem deutschen Volk, drohen allen denjenigen seiner Bürger, die sich trotz der Not und der Schwierigkeiten des Augenblicks die ruhige Vemunft bewahren und die alten Ideale der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit nicht fallen lassen; schwere Gefahren drohen besonders uns jüdischen Deutschen, gegen die sich der besondere Hatz der ganz Rechten und — neuerdings — teilweise auch der ganz Linken richtet. Tage schwerwiegendster Entscheidungen, die vielleicht Deutschlands Schicksal für lange Zeit besttmmen. sind es, in denen diese Zeilen geschrieben werden, und werden wohl noch diejenigen sein, in denen sie gelesen werden. Da soll von denjenigen Fragen, die uns alle heute bewegen und bewegen müssen, auch mit einigen Worten die Rede sein. Welche Pflichten.ergeben sich für uns in dieser Lage als Deutsche und Juden? Als Deutsche mutz für uns eines feststehen: Wir können und dürfen in dem Kampf, der Deutschland durchtobt, nicht neutral sein. Wenn wir Deutsche sind und sein wollen, so müssen wir offen Stellung nehmen zu diesen Fragen, die Deutschlands Zukunft ent- -cheiden. Darin dürfen wir uns apch nicht hindern lassen durch die ängstliche Scheu, gewisse Kreise des deutschen Volkes, die uns nun einmal feindlich gesinnt sind, noch mehr gegen uns aufzubringen. Neutralität erweckt den Eindruck der Teilnahmslosigkeit und Interesselosigkeit» oder den der Furcht: der Glaube daran, datz wir uns fürchten, bedeutet aber eine gewaltige Stärkung der Kampfstimmung aegen uns. Nein, jeder von uns soll es jedem, der es wissen will, offen wissen lassen, datz er als Deutscher Stellung nimmt in diesem Kampfe um Deutschlands Zukunft, dadurch allein können wir uns als Deutiche ausweisen. Wie sich der Einzelne entscheidet, kommt demgegenüber erst in zweiter Reihe in Betracht. Wer nach gewissenhafter Entscheidung Stellung genommen hat, sei es nach rechts oder links, erfüllt damit seine Pflicht als Deutscher und Jude. Es ist sinnlos und verständnislos, Beziehungen zwischen unserem Judentum und seinen Lehren und einzelnen Parteiprogrammen Herstellen zu wollen. Aber eins ist sicher und mutzte für jeden religiösen Menschen selbstverständlich sein: was im Leben des Einzelnen verpönt ist und für unsittlich gilt, das ist es ebenso im Leben eines ganzen Volkes. Unterdrückung und Aussäen von Hatz sind, für eine ganze Gemeinschaft und in derem Namen geübt, doppelt gefährlich und erst recht Verbrechen. In wem noch ein Funken jüdischer Religiosität glüht, und wer einen Hauch des Geistes unserer Propheten in sich verspürt, der kann keinen Zlugenblick im Zweifel sein, wo sein Platz ist, auf der Seite der Unterdrückung und des Hasses oder der Freiheit und des Rechtes. Töricht sind diejenigen, die das aus Angst nicht offen zu bekennen wagen, oder die glauben, durch Zugeständnis <m den Geist derer, die uns befehden, unsere Lage zu bestem. Sie werden nur das Gelächter unserer Feinde und das Mitzr rauen derer ernten, die uns vorurteilslos gegenüberstehen. Wenn unser Iudesein einen Sinn haben soll, wenn wir glauben, datz wir als Juden eine Aufgabe zu erfüllen haben. wenn wir überzeugt sind, datz jüdische Religiosität dem deutschen Volke, dem wir zugehören, etwas wertvolles zu geben vermag, dann müssen wir, ganz abgesehen von unseren eigenen Interessen, und ohne Rücksicht auf sie, offen in die Reihen derer tteten, die gegen Hatz und Verhetzung, gegen Gewillt und Unterdrückung für die Verständigung der Menschen untereinander, für Freiheit und Gleichheit kämpfen. Dafür, d. h. in die Sprache des Augenblicks übertragen, für Auftechterhaltung der verkassungsmätzigen Zustände und für sozialen Ausgleich gegen Staatsstreich und Gewaltherrschaft mit Entrechtung ganzer sozialer. Schichten des deutschen Volkes wirke ein Jeder in seinem Kreise, sei er grob oder klein. Das allem - denjenigen unter uns, denen die Furcht die Schwingen des Geistes lähmen, sei es noch einmal gesagt — kann uns davor retten, zwischen den kämpfenden Parteien zermalmt zu werden. Das allein vor allem ist unser würdig. Wenn Jeder seine Pflicht tut. Jude und Christ, dann wird das Unwetter, das heute über Deutschland liegt, vorüderziehen. Komme aber, was wolle: Den Glauben an unser Deutschtum und den an eine glücklichere Zukunft unseres deutschen Vaterlandes werden wir uns nicht rauben lassen. Und noch eins wollen und müssen wir uns erhalten: den Glauben an die hohen Ideale unseres Judentums. Freiheit und Gerechtigkeit, der Geist des gegenseitigen Verstehens und des einander Achtens, er wird sich durchsetzen trotz allen Hasses und allen Hohnes. Nur eins freilich ist nötig, wenn wir uns den Weg in bessere Zeiten nicht versperren wollen: datz wir. wenn die Not auch noch so grotz ist, nicht völlig aufgehen in den Sorgen des Augenblicks. sondem den Blick frei behalten für die großen Aufgaben der Zukunft, wenn wir uns stets dessen bewußt sind, datz keine noch so großen Schwierigkeiten des Augenblicks uns von der Verpflichtung entbinden, an der kulturellen Zukunft unserer selbst, Deutschlands und der Menschheit zu arbeiten. A. L. An unsere Anhänger und Freunde! Dur eine festgefügte Organisation unserer Bewegung bietet Euch die Sicherheit der Erfüllung Eurer Wünsche! Tut Eure Pflicht, damit auch die Organisation ihre Pflichten gegen Euch zu erfüllen in der Lage ist! Sendet sofort die ausstehenden Beitrage für Eure Zeitung ein! Sorgt für reiche Unterstützung der Zentrale, damit der Bewegung eine neue Grundlage gej schaffen werden kann! | Vereinigung für das liberaleZudeutum e.V. | E. Diekmann, Generalsekretär. Rabbiner Dr. Felix Loblenz zum Gedächtnis. Von Dr. M. Spanier (Berlin). Ein Versprechen mutz ich emlvsen. Ein Wott. schlicht und recht, ohne jede Uebertreibung. wie es der jäh dahingeschiedene Freund nur gelten lassen wollte und wie er mir'« zutraute, sollte ich ihm Nachrufen. Sicherlich dachte der lebensfreudige tapfere Mann nicht an eine nahe Erfüllung seines Wunsches. Mit einer beispiellosen Wucht mutzte der -Allbezwinger sich auf den kemfesten Kämpfer stürzen, um ihn in ku^er Frist niederzuringen. Schnell umschleierte heftiges Fieber das Dewutztsein. so datz der sonst so klar Blickende den Tod, der vor ihm stand, nicht erkannte. Ein Trost für alle, die ihn liebten. Die Kraft seiner oft hinreitzenden Beredsamkeit hat ihm überall einen großen Kreis von Verehrern geschaffen. Worin bestand das Geheimnis der Wirkung? In der vollendeten Klarheit der Gedankenentwicklung, in der meisterlichen Formung des Wortes, in der Anpassung an die Aufnahmefähigkett der Zuhörer, vor allem aber doch darin, datz man unmittelbar erkannte, datz hier das Wort Ausdruck einer leidenschaftlich gefühlten Ueberzeugung war. datz hier das Wort der Sache echteste Treue hielt. Und Treue war der Grundzug seines Wesens. Treu war er der Pflicht bis zum letzten Augenblicke. Am Tage seiner schweren Erkrankung hatte er in frühester Morgenstunde an einer höheren Schule unterrichtet: „Ich weiß nicht, wie ich bei den Schmerzen nach Hause gekommen bin," sagte er mir einige Stunden später. Aber geben wollte er sich noch nicht. Als der Arzt, der die Schwere des Falles erkannte, die Ueberfühnmg in die Klinik anordnete. meinte er schon halb im Fiebertraum: „Aber ich mutz doch arbetten!" Mit welcher Gewissenhaftigkeit versah er sein Lehramt in der Schule und auf der Kanzel! Nie ging er unvorderettet in die Stunde. Immer wieder sann er über neue Wege nach, wie er die Ideen der prophetischen Religion in die Herzen der Schüler pflanzen könnte. Er disziplinierte durch einen Unterricht» der die geistigen Kräfte voll in Anspruch nahm. Dabei gewann.er durch seine Iugendlichkett und Frische, durch sein feinfühliges Eingehen auf die seelischen Regungen der Heranwachsenden herzliches Vertrauen. Innige Liebe und Anhänglichkett der Schüler — oft aus weit zurückliegenden Zetten — erquickte ihn stets mit warmem Hauch. Es war ihm ernste Pflicht, sich mit allen geistigen Bestrebungen der Gegenwart, die religiöses Leben befruchten konnten, vertraut zu machen. Er arbeitete unablässig an sich, um sein Wort auf der Kanzel, das stets im genauesten überlegt war, vollgehaltig zu machen. Wenn sonst die Flammen seines leidenschaftlichen Temperaments zuweilen fessellos emporloderten, auf der Kanzel war seine Rede stets abgewogen und beherrscht. Treu gegen sich selbst, ließ dieser deutsche Jude in edelster Wahrhaftigkeit ausströmen, was in seinem glühenden Herzen lebte. Alles äußerlich Pathetische und Phrasenhafte, alles Uebertreibendc und Arrogante wies er zurück. Selbstprüfung und genaueste Selbsteinschätzung verlangte er. Das Apologetische im Religiösen war ihm in tieffter Seele zuwider, wenn es nur hellstes Licht auf das Eigene warf und alles andere verkannte, und bis zur Ungerechtigkeit konnte er hart utteilen über Abwehrbestrebungen. die die strengen Forderungen der Selbsterziehung nicht mit genügender Schärfe und Nachdrücllichkett stellten. Die Reize einer advokatorischen Beweisführung ohne Gerechtigkeit auch dem Gegner gegenüber wmrte sein gerader Sinn nicht schätzen. Sein starkes Pietätsgefühl hinderte ihn nicht, überkommene Bräuche zu verwerfen, die nicht mehr mit lebendigem Gefühl durchdrungen wurden und die nach seiner Meinung das Licht der hohen Ideen, das sie ausstrahlen sollten, verdunkelten. Und so sehr er, besonders in späteren Jahren, das Irrationale im religiösen Leben zu schätzen wußte, war er doch wachsam, datz mit diesem Schlagwott sich nicht die Unvernunft befestigte. Sein aufs Praktische, im edlen Sinne des Wortes, gerichteter Geist liefe ihn die prophetischen Forderungen von Liebe und Gerechtigkeit immer wieder stellen und, was an ihm lag. erfüllen. Nichts war ihm verhatzter, als das heute in manchen Vereinigungen übliche unfruchtbare Schönreden über soziale Pläne. Aber kein Bedürftiger llopfte an seine Tür. für den er sich, wenn er die Notwendigkeit erngesehen. nicht mit seiner starken Wirkfähigkeit und dem feinen Takt seines gütigen Herzens einsetzte. In jungen Tagen hatte er zuerst die Aufmerksamkeit im westfälischen und rheinischen Lande auf sich gelenkt durch einen Vortrag über die rechtliche und soziale Stellung der Volksschullehrer, und sein letztes Lebensjahr war erfüllt von ihn tief erregenden Kämpfen für das Recht seiner Gemeinde und ihrer Beamten. Inniger Familiensinn beseelte ihn. Die Bilder seiner Eltern umschwebten ihn stets. Wie oft sah ich das Zucken der Rührung um feine Lippen, wenn er von ihrer strengen Rechtlichkeit, von ihrer schlichten, gütigen Menschlichkeit sprach. Ihm. dem Kinder versagt blieben, waren die Kinder seines Bruders, mtt dem er nicht nur durch die Uebereinstimnmng der religiösen Anschauungen verbunden war. ganz wie die eigenen. Ihr Leid und ihre Freuden teilte er mit ganzem Herzen. Und in welcher Treue — hier ist das Wort banal —, mit welch hingebungsvollem Zusammenstreben war er geeint mit seinem eigenen Haus. Sein Haus, das ist sein Weib, sagen unsere Alten. Hier fand er feinstes, liebevolles Verständnis für all fein Bestreben, vor keinem Opfer zurückscheuendes Eingehen auf all sein Besonders und ein Glätten des oft sturmbewegten Temperaments durch sanft lindemden Humor. Hier war gegensettiges Fördern durch gemeinsame Arbeit im wertvollsten Kulturgut und Erfüllung jenes Nietzsche-Wortes, das vom Empor pflanzen im Garten der Ehe spricht. Datz er viele segenvolle Jahre dieses Glück genossen, datz er es genossen mtt dem vollen, dankbaren Dewutztsein des Wertes für fein Wesen und Wirken, ist Trost all seinen Freunden, die ihn so sehr vermissen. Denn er war ein Freund von seltener Hingabefähigkett. Stets entzückte er durch feine naturhafte Menschlichkett und Güte, seine aller Förmlichkeit bare Offenheit, seine Geneigtheit zu heiterm Spiel der Rede. Immer verlangte er Kritik seines!Wirkens, ehrlich und frei, und nahm kindlich bescheiden jedes tadelnde Wort hin und war beglückt, wenn man ihm zustimmen oder ein herzliches Wort des Lobes sagen konnte. In sein Haus kamen denn auch Freunde aus all den früheren Orten seiner Wirksamkett. Von seinem Krankenlager wich nicht, un-