Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 25 (18.7.1923)
- Date
- 1923-07-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Reform des religiösen Unterrichlswefevs der Berliner jüdischen Gemeinde. Geschick, nicht ein Ueberwundener, sondern ein Ueberwinder. ein! Mann, der sein Leben hatte. Und das Wort, dar am vergangenen Labbach in unseren Gotteshäusern gelesen wurde und dar unsere Weisen so gern auf den Denker gedeutet haben: „mehr als die j Wüste, als das Versagte ist die Gabe, und von der Gabe ist der J Weg;um Gottesbesitz und zur Höhe", das ist das Wort des Lebens - des Verewigten. Er ist zu feinem Fiel gekommen. Das Schicksal! verklingt, und der Mensch bleibt. j Das liberale Sudentum hat einen schweren Verlust erlitten: Am 22. 2uni ist Rabbiner Dr. Benzion Kellermann im Alter von 53 Fahren seinem schweren Leiden erlegen. Ein Leben, reich an Arbeit, ist vor der Zeit abgeschnitten, großangelegte Pläne gedanklichen Schaffens, im Geiste des Scharfdenkenden bereits klar durchgebildet und nur noch der formenden Hand harrend, sind unvollendet geblieben. Kellermanns geistiges Werden ist nicht auf vorgezeichneter, ebener Bahn verlaufen, fein Aufstieg zur Höhe der Entwicklung war durchkreuzt von lausend Widerständen. Dem Sohne des orthodoxen, kleinen Rabbinerhauses erschlossen sich die Pforten des Wissens auf dem Lehererfeminar in Würzburg. Die bescheidenen Mittel zur Vorbereitung auf das akademische Studium und für seine Fortbildung in Marburg erwirbt er durch mühselige Wanderlehrertätigkeit in den Landgemeinden der Umgegend. Dann wird Kellermann Hörer am Rabbinerseminar in Bkrlin. Aber die „große Kundgebung", die in einer „Verwarnung" das Rabbinatsdiplom mit einer Gewistenzwangsklaufel beschwert, veranlaßt mit vielen anderen Hörern auch Kellermann zum Austritt aus dem Rabbinerseminar. Er vollendet seine theologischen Studien an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums und schließt sich hier besonders dem Dozenten Martin Schreiner in inniger Freundschaft. Bei Steinschneider empfängt er die Grundlagen für wissenschaftliche Arbeitsmethodik auf dem Gebiete der jüdischen Religionsphilosophie. Als Rabbiner nach Könitz berufen, wird er dort leidvoller (Zeuge der Kulturfchande des Ritualmordprozostes und ist nicht nur Snsulten der fanatisierten Masse ausgesetzt, sondern muß auch in tiefster Erregung wahrnehmen, daß selbst Kreise von Bildung der Suggestion des Vlutmärchens unterliegen. Mit der ganzen Kraft seiner geistigen Ueberlegenheit wird Kellermann hier zum beredten Anwalt der Wahrheit, zum Vorkämpfer von Recht und Aufklärung. Seinen persönlichen Bemühungen in Audienzen bei den höchsten Regierungsstellen in Berlin ist es zu verdanken, daß schließlich die Abwehr unter staatlicher Autorität energisch einsetzt und das deutsche Judentum vor größeren Erschütterungen bewahrt bleibt. Run beruft die Oüd. Gemeinde in Berlin, um diese kraftvolle Persönlichkeit ihrem Gemeinwesen zu gewinnen, Kellermann als Leiter einer Religionsschule nach Berlin. Als solcher hat er der Schule im Moabiter Stadtteil zu hoher Blüte verholfen, und Kellermanns Fortbildungskurse für ehem. Schüler und zahlreiche Gasthörer haben ganze Jahrgänge zum Verständnis jüdischer Religionswissenschaft herangebildet. Gleichzeitig war Kellermann mit dem Unterricht an der jüd. Knabenschule als akademischer Religionslehrer betraut. Später übernahm er den Religionsunterricht für die höheren Ggmnafialklassen, und erst vor einigen Fahren wurde Kellermann mit den Funktionen des Gemeinderabbiners beauftragt. Fn zahlreichen Kursen und Vortragsreisen hat Kellermann die Verbreitung religionsphilosophische Kenntnisse gefördert, so in den Fortbildungskursen für jüd. Lehrerinnen, in Vorlesungen an der jüd. Volks-Hochschule, in Sabbathnachmittagsvorträgen in den Sgnagogen, in der Füdifch-liberalen Fugendvereinigung u. a. m. Reben dieser engeren Berufsarbeit wcinidte sich Kellermann aus innigster Neigung und mit zäher Beharrlichkeit seinem eigentlichen Gebiete, dn philosophischlen Studien zu. Was er hier in ausgeprägter Begabung für diese Fachwissenschaft in rastloser Denkarbeit, in freudigem Schaffensdrang, auch mühsame, vorbereitende Kleinarbeit nicht scheuend, in seinen Mußestunden nach gewissenhaftester Ausübung der beruflichen Tagesarbeit an Dauerwerten geschaffen hat, das wird an anderer Stelle von autoritativer Seite gebührend gewürdigt werden. Hier sei nur ein informatorischer Ueberblick über Kellermanns Arbeitsgebiet mit den Titeln seiner Hauptarbeiten gegeben: Kritische Beiträge zur Entstehung des Ehristentums, 1906. — Der wissenschaftliche Idealismus und die Religion, 1908. — Der ethische Prophetismus der Propheten und feine soziale Bedeutung, 1912. — Das Nusproblem, in der Fubiläumsfchrift zu Hermann Eohens 70. Geburtstag. Dazu kommen zahlreiche Beiträge in jüdischen Wochenschriften (Allg. Leitung des Fudentums, Liberales Judentum, Blätter der jüdfchen Reformgemeinde,i Fiidifch-liberale (Zeitung). Sn seinem letzten Artikel in dieser Heilung (Nr. 51, Dezember 1922) begründete Kellermann unter dem Titel „Rationales und irrationales Fudentum" in der ihm eigenen, klaren und treffsicheren Darstellungsart unumwunden seine Stellung zu dieser Frage. Sn den letzten zehn Sahren trat Kellermann mit umfangreichen Werken als Fachgelehrter in den Vordergrund. 1914—16 erschienen „Die Gotteskämpfe des Gersonides", mit einem Geleitwort von Hermann Lohen, Übersetzung und kritische Ausgabe in 2 Bänden, dazu als Eigenes im Anhang die Abhandlungen „Licht und Logos bei Philo" und „Für Theorie der Emanation". — An der von E. Lassirer geleiteten Kantausgabe ist Kellermann neben anderen bedeutenden Vertretern der Marburger Schule mit größeren Beiträgen beteiligt. (Kritik der praktischen Vernunft, die Metaphgsik der Litten u. a.) 1919 leitete er die Herausgabe von. Lohons nachgelassenem Werk „Die Religion der Vernunft. . .", 1920 erschien „Das Sdeal im System der Kantischen Philosophie" und 1922 als letztes Werk „Die Ethik Spinozas, Ueber Gott und Geist", erster Teil, — ein sgstematisch kritischer Kommentar mit ausführlicher Behandlung aller in das Problem der Ethik hineinspielenden Fragen. Der zweite Teil dieser großen Arbeit ist nicht mehr zum Abschluß gelangt. Großzügige Pläne zu einem systematischen Werke über das Sndividuum im Weltbilde des Geschehens sind im Entwurf geblieben und nicht mehr ausgereift. Hier bleibt im Gebäude der Religionsphilosophie eine Lücke klaffen, die baustützend auszufüllen Kellermann ganz besondere Eignung besaß. Sn seiner liefen Gründlichkeit glaubte er hierzu des exaktesten Hilfsmittels nicht entraten zu können, und so vertiefte er sich in die höhere Mathematik mit demselben Eifer, mit dem er seine Kenntnisse in den alten klassischen, wie in den semitischen Sprachen ergänzt hatte. „Mein Herz schreit danach, „das niederzufchreiben; im Kopf ist alles fertig, nur fehlt mir „jetzt die Körperkraft", so sprach der schon vom Tode Gezeichnete. — Und das war es, was jener in seiner Umgebung empfand und als Erlebnis mitnahm, — auch wer ihm in die tiefen Schächte abstrakter Probleme nicht zu folgen vermochte: Hier schafft einer, arbeitet nicht um äußeren Vorteils willen, sondern aus innerstem Drange; diesem hier ist die Lehre „nicht eine Axl^ um damit zu graben", sondern die Forschung tiefstes Bedürfnis. Freilich, was fein Herz sehnlichst begehrte, an geeigneter Stätte den akademischen Nachwuchs mit seinem Wissen belehren zu dürfen, das hat sich ihm niemals erfüllen sollen. Kellermann war zum Dozenten prädestiniert. Durchdringende Kraft im zähen Verfolgen eigener Gedankengänge bis zur enderfassenden Schlußfolgerung mit neuem Ergebnis, eine klare, prägnante Diktion mit eigener Note, tiefgehende Kenntniste seines Forschungsgebietes und nicht weniger der Nachbardisziplinen befähigten Kellermann neben seiner wissenschaftlichen Qualifikation als Forscher zur Dozentur wie nur irgendeinen sonst. Daß ihm die akademische Laufbahn verriegelt blieb, wird keinen Wunder nehmen, der von den äußeren und inneren Widerständen Kenntnis hat, denen gerade die Marburger Richtung in der Schulphilofophie zu begegnen hatte. Nun hätte man aber meinen dürfen, daß ein Institut, das den stolzen Namen trägt „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums", bemüht gewesen wäre, einen Dozenten, wie ihn Kellermann abgegeben hätte, ihrem Lehrkörper einzureihen. Aber nein! Selbst die wärmste Befürwortung eines Hermann Lohen versagte, und schließlich und endlich bot man K e l l e r m a n n einen dekorativen Lehrauftrag an, ohne die Berechtigung, als Volldozent Abschlußprüfungen in seinem Lehrfach vorzunehmen. Die Gründe für diese sonderbare Taktik, für eingeweihte Kreise durchsichtig genug, sollen hier nicht erörtert werden. Diese Kränkung nagte an seinem Herzen; er hat sie nie verwunden. Gegen den energisch und konsequent liberalen K e l l e r m a n n, der sich nicht dazu verstand, sich der jeweiligen Majoritätsmeinung anzupassen, versuchte man es mit verkleinernder Herabsetzung: Kellermann sei nicht viel mehr als ein gewandter Ausleger Lohen scher Fdeen. Nichts irriger als diesl Auf Lohen fußend und wie wenige in die Lehre und Mechode des Meisters sich einfühlend, der ihn als den schärfsten Denker unter seinen Schülern bezeichnet hatte, stand Keller mann in streng sachlicher Kritik in wesentlichen Punkten auf anderem, eigenem Bechen, von sich aus durch Weilerführung der Probleme den Grundbau des' Lohenschen Systems mit ausgestaltend und zu seiner Vokenvung beitragend. Kellermann war alles andere, nur kein „Geistlicher". Seine Kanzelreden fesselten den denkenden (Zuhörer, der belehrt und angeregt sein wollte, durch Gedankenreichtum und durchsichtig-klare Darstellungsform. Ohne nüchtern zu sein, ermangelten sie fast jeden rhetorischen Beiwerks. Und obwohl er das Pathos vermied, das der Predigt die ihr eigene Klangfarbe zu geben bestimmt ist, und ebenso streng auch eine gesuchte Einfachheit der Form ablehnte, — der eindringliche Ton und der wertvolle Gehalt seines Wortes trug die Gemeinde zur Höhe seiner idealistischen Weltanschauung empor. Fm innersten Lein durchdrungen und ausgefüllt von seiner Lebensarbeit des Forschens nach Wahrheit, war ihm die Wahrheilsidee so wesenseigen geworden, daß er auch kleine Zugeständnisse der Konvention selbst außerhalb des Berufes in seiner Lebensführung verschmähte. Dieser ausgeprägte Wahrheitssinn äußerte sich bei K e l l e r m a n n oft in einer naiven, erfrischenden Aufrichtigkeit, die ihn denen, die ihn kannten, doppelt lieb und wert machte. Der hohe Flug der Gedanken hat ihn nicht überheblich, auch nicht llberempfindsam werden lassen. Ueber die Maßen bescheiden und für kleinste Freuden aufnahmefähig und dankbar, mit gesundem Sinn für den Humoi^ des Tages, war er seinen Freunden in grundgütigem, treuem Herzen ein heilerer Weggenosse. Wenn aber der Kampf der Geister ihn auf den Plan rief, da wurde er ernst und erregt, und wuchtig und tönend war sein Ruf im Streite, wenn ihm der Fortschritt religiöser Fdeen gefährdet erschien. Die von ihm erkannte Wahrheit gab auch der Form seiner Polemik das Gepräge, die, von strenger Sachlichkeit getragen, niemals in die Tiefen persönlichen Parieihaders Nnabstieg. Fn harter Arbeit hat K e l l e r m a n n die geistigen Waffen geschärft für einen lebendigen Liberalismus, der kraftvoll kämpfen soll gegen selbstgefällige Ueberhebung Ver einen, gegen gleichgültiges Versagen der anderen Seite. Macht man dem Liberalismus den Vorwurf, er habe im Wesentlicher», negierenden Eharakter, so ist K e l l e r m a n n s Lebensarbeit ein lebendiger Gegenbeweis gewesen. Dieses sein Erbe zu erhalten und auszubauen, muß uns als hohes Fiel vor Augen stehen. Eine jüdisch-liberale Richtung ist d^seinsberechtigt und lebensfähig einzig und allein im Sinne Kellermanns. — „Seine Seele werde aufbewahrt im Gebinde des Lebens." Dr. H. Sach s, Berlin. Moses bei Pharao. Sn ihrem historischen Roman „Die fremde Erde" hat Lotte Gumlau uns die Erzählung der Bibel vom Auszuge aus Aegypten anschaulich machen wollen. Wir veröffentlichen daraus nachstehend mit gütiger Erlaubnis von K. Thienemann's Verlag in Stullgart eine Textprobe, die hoffentlich recht viele unserer Leser veranlassen wird, sich das auch für die reifere Fugend sehr empfehlenswerte Buch anzufchaffen. Es kostet gebunden Grundpreis 3,60 M (multipliziert mit der Buchhändlerschlüfselzahl). Wunderbar wohltuend, nach den Wartestunden in blendender Glut, war das sanfte Licht, das, durch hochgelegene Fenster in kunstvoller Verteilung hereinströmend und an den schönfarbig bemalten Wänden horabrieselnd, die Königshalle erfüllte, und Mose atmete mit einem Schreck des Wiedererkennens den besonderen Duft dieses Hauses, der aus dem Geruch irgend eines Räucherwerks und der überall aufgestelllen Vlumengarben und aus der Frische der in Wandnischen plätschernden Brunnen entzückend gemischt und vom Wedelschlag der Diener wie von Schmettergingsflügeln unaufhörlich bewegt war. Sn halb verstohlener Vorsicht ließ er die Blicke umherwandern und sah, daß nichts sich geändert hatte: die regungslosen Türhüter, erlesen schöne Menschenbilder, deren edle Nacktheit das durchscheinende Gewand kaum verhüllte; die prunkvoll gekleideten Würdenträger, die den Thron umstanden, herrisch hochgeiragene Häupter oder die scheinbar ausdruckslosen Minen der geheuchelten Demut; und auf dem löwenfüßigen Prunksitz, unter dem mit goldenen Uräusschlangen gezierten Purpurhimmel die Gestalt des Einzigen, in dämmerige Höhe entrückt und schwer erkennnbar vor dem Geflimmer der Edelsteine, die den unantastbaren Leib bedeeckten. Der oberste Wedelträgor des Pharao, der die (Zeremonie des Empfanges leitete, hatte das (Zeichen gegeben, das die Bittsteller zum Sprechen ermächtigte. Mose sah Sezear vortreten, den Wortführer, den er selbst ausgewählt, hörte ihn die Rede Vorbringen, die er selbst ihn gelehrt hatte. Er verfolgte und verstand alles, — trotzdem war ihm für einen Augenblick, als fei alles Umgebende in sehr weite Ferne entwichen und er selbst ganz allein in dieser Halle, allein mit dom unglaublich verwegenen Plan, den der Hebräer mit wenig Sicherheit und ängstlich sich an die eingelernten Weisungen haltend, dort vortrug. Als Sezear schwieg, hörte Mose ein mühsam unterdrücktes, stöhnendes Aufatmen und blickte seitwärts in Aarons graublasses Gesicht, aus dom die ganze verzehrende Spannung der Stunde brannte: was wird geschehen? was werden sie antworten? Aber diese Erwartung fieberte ziellos in die eisige Stille höfischer Beherrschung hinein: die einflußreichen Männer, die den Thron umstanden, blieben scheinbar so gleichmütig, als habe man sie mit der belanglosesten Sache der Welt belästigt, und der Pharao beharrte regungslos wir bisher. Sn seinem schmalen, langgezogonen Gesicht, über dem die Doppelkrone Ober- und Unterägyptens aufragte, war die Beweglichkeit der Füge von dicht anfgetragener Schminke übertüncht, und unter den halb herabgosunkenen Lidern lagen die Augen glanzlos und starr, grenzenlos gelangweilt. Das Schweigen dauerte lange. Endlich kamen Worte, wie einzelne, trägfallende Tropfen, unter dem Purpurhimmel hervor. „Auswandern wollt ihr, — wenn ich das Gestammel recht verstand, — ihr Hebräer, alle —?“ Sezear, besten Kraft bereits völlig verbraucht war, neigte sich schweigend die andern taten wie er; wie wehrlose Tiere vor dem Schlächter standen sie. Wieder blieb cs still. Dann sprach der Pharao: „Remenrhoperl" Von Dr. Ssmar Freund. Unter diesem Titel hat in Nr. 12 dieser Leitung Herr Dr. Adolf Löwenberg einen längeren Aufsatz veröffentlicht, der sich in heftigen Angriffen gegen die Schulverwaltung der Südischen Gemeinde ergeht und sich insbesondere auch mit mir befaßt. Sch habe es bisher grundsätzlich vermieden, auf derartige Angriffe, die mir ja nicht gerade ungewohnt sind, öffentlich zu erwidern, und der vorliegende Artikel konnte mir seinem Snhalt nach gewiß keinen Anlaß bieten, von diesem Grundsatz abzugehen. Nachdem mir jedoch von verschiedenen Seiten und auch von der Schriftleitung dieses Blattes der Wunsch ausgesprochen worden ist, zwecks Aufklärung der OeP fentlichkeit, an die der Verfaster appelliert, zu dem Artikel Stellung zu nehmen, will ich, soweit die Ausführungen mich persönlich betreffen, dies in Folgendem tun. 17 Herr Dr. Löwenberg beschäftigt sich mit meiner gesamten öffentlichen Tätigkeit, um zu dem Ergebnis!-.' zu gelangen, daß eine so extensive und intensive Beschäftigung mir nicht die genügende Feit für das Schuldezernat lassen. Sch bin Herrn Dr. Löwenberg herzlich dankbar für seine Besorgtheit um mein Wohl und Wehe. Doch darf ich ihn beruhigen. Auch mir ist es schließlich nicht gänzlich entgangen, daß sich mein amtlicher Pflichtenkreis im Laufe der (Zeit allgemach in einem Ausmaß erweitert hat, daß es mir nictjt möglich ist, neben meinen sonstigen Obliegenheiten auch noch das gesamte Schuldezernat mitzuverschön, das, wie Herr Dr. Löwenberg richtig bemerkt, „gerade in Groß - Berlin einen unermüdlich wachsamen, stets erreichbaren und arbeitsbereiten Leiter" erfordert. Aus diesem Grunde habe ich, was Herrn Dr. L. offenbar nickt bekannt ist, (vielleicht ihm aber hätte bekannt fein sollen, wenn er sich berufen fühlt, als Lato cenforius den kurulifchen Sessel zu be steigen) längst dieses Dezernat — abgesehen von den Fragen des Schulrechts und der Schulpolitik — in andere Hände gelegt. Denizufolge ist es wohl nicht ganz richtig, wenn sich seine Klage gegen mich richtet, als gegen denjenigen, „der für alle persönlichen und sacklichen Angelegenheiten dieses Restarts zuständig ist". Ganz unabhängig davon, ob die Klagen, die Herr Dr. L. vorbringt, berechtigt oder unberechtigt sind, wenden sie sich in jedem Falle an die falsche Adreste. Zuständig und verantwortlich ist überhaupt keine einzelne Person, sondern der Schul- und Talmud- Torah-Vorstand, also ein Kollegium von rund 20 Mitgliedern, und es scheint mir nicht gerade eine Liebenswürdigkeit gegenüber den übrigen Mitgliedern des Kollegiums zu bedeuten, wenn Herr Dr. L. sie als meine gefügigen Werkzeuge ohne eigene Meinung hinzustellen beliebt. Was von der Behauptung im Ernst zu halten ist, wird jedem ohne weiteres klar fein, der sich die Persönlichkeiten der derzeitigen Mitglieder des Schulvorstandes vergegenwärtigt. 2. Herr Dr. Löwenberg geht bei feinen Angriffen von den Verhandlungen in der Repräsentantenverfammlung am 25. November 1921 aus und spricht von dem einmütigen Verdikt der Versammlung: „Gewogen und zu leicht befunden". Er fährt dann fort: „Herr Dr. Freund, der Schulreferent im Vorstande, gab klugerweise zu, daß die (Zustände auf dem religiösen Schulgebiete unhaltbar seien". Er erweckt damit den Anschein, als ob die Initiative von der Repräsentantenversammlung ausgegangen sei, daß diese erst die bestehenden Mißstände aufgedeckt und ich» notgedrungen, klüglich zugegeben habe, was nicht mehr zu bestreiten war. Er beliebt zu verschweigen, daß der Snterpellaut dev Anlaß zu seiner Futerpellation einer Denkschrift entnommen hat, die von mir der Schulverwaltung vorgelegt worden war, daß das Urteil, das er und mit ihm die Versammlung. über die Religionsunterrichtsverhältniste aussprach, das von mir in der Denkschrift niedergelegte.war, daß ich mit diesem Urteil einen umfastenden von mir aufgestellten Reformplan begründete, daß es sich also bei jenen Verhandlungen in der Repräscntantenversammlung nicht um eine Stellungnahme gegen mich, sondern um eine einmütige Billigung des von mir vertretenen Standpunktes handelte, und daß dies auch darin zum Ausdruck kam, daß die Versammlung — ein immerhin nicht ganz gewöhnlicher Vorgang — einmütig den Beschluß faßte, den Wortlaut meiner Ausführungen in der nächsten Nummer des Gemeindeblattes zu veröffentlichen. 3. Daß gerade Herr Dr. Löwenberg alle diese Dinge verschweigt, ist besonders befremdlich. Gehörte er doch zu jener Vertrauensmännerkommission der Neligionslehrer, die im Fahre 1919 mit dem Schul- und Talmud-Torah-Vorstande über die in einer Denkschrift von ihr niedergelegten Vorschläge für eine einheitliche Organisation des Religionsunterrichts verhandelte. Bei diesen Verhandlungen mußte ich mich gegen die von der Kommission gemachten Vorschläge aussprechen, weil sie mir von falschen Voraussetzungen auszugehon und das Wesen der Dinge nicht zu treffen schienen. Fch habe mich Der Aufgerufene, nach Haltung und Miene einer der beträchtlichsten unter den königlichen Ratgebern, trat einen halben Schritt vor. Es war ein Priester, und feine Machtvollkommenheit neben dem Thron war offenbar so weit gediehen, daß er die Trachtoorschriften des Tempels einzuhalten, nicht mehr nötig hatte: er trug ein zum Obergewand umgeschaffenes, köstliches Pantherfell, besten in Gold gefaßte Klauen ihm von den Schultern hingen. Mose sah es und gedachte, während ihn die Versuchung eines Hohnlächeln in die Mundwinkel biß, der gehässigen Verachtung, die der junge Meren-ptah einst für alles Priestorwefen gehegt hatte.' „Re-men-cheper, ist es ausführbar, daß die Hebräer das Land verlassen?" fragte der Pharao. Der Priester zuckle wegwerfend die Achseln. „Keineswegs. Die Forderung ist unsinnig und nicht wert, daß man ein Wort an sie verliert". „Erkläre, was der Erfüllung im Wege steht", sprach der Pharao; es klang übellaunig und geschäftsmäßig. * „Wir brauchen die Hebräer. Wer soll die (Ziegel streichen bei den königlichen Bauten? Diese Arbeit verweigern selbst die Gefangenen". „Fhr hört es"! sprach der Pharao mit einer lässigen Vewegm'.g seiner von Ringen starrenden Hand, als würfe er den Abgewiefenen einen Brocken zu. Die Hebräer standen stumm, widerstandslos ergeben. Rur Pallu wagte es, flehend die Arme zu erheben: „O König, unser Herr! Bedenke — und laß unsere demütige Bitte nicht also in den Staub fallen! Unsere Seelen hangen daran, —“ „Was ist cn euren Seelen gelegen"! sprach der Pharao. Die vollkommene Kälte, mit der er das Wort ausfprach, wirkte schlimmer, als beißender Hohn oder Gewalttat es vermocht hätten. Er hob zwei Finger zu der hundertmal geübten, endgültig abweisenden Gebärde, aber die Gebärde blieb unausgeführt. Mer-en-ptah