Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 25 (18.7.1923)
- Date
- 1923-07-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IMchGemleZeitma Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle V* sLhrl.M.5000.- Auzelgeu: Grundpreis für die 3'|, cm breite rnm-Zeile W. 0.25, Familieuanzeigeu M. 0.15. Bei Wiederholung Ermäßigung. Der Grundpreis wird mit der am Grfcheiuuugslage gültigen Schlüsselzahl des Bnch- <sa a» HSudwr-Bö, feuvereius raultiplijicrt ew es Die „Jüdisch-liberale Teilung" erscheint jeden Freitag, je dreiwöcbeutllch als wissenschaftliche Beilage „Liberales Judentum" und „Mitteilungen der Agbeltsgemelufchaft jüdisch-liberaler Jugendvereiue". Ar. 25 * Berlin, 18. Juli 1923 5. Jahrgang Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin W. 5, Mauerstratze 22 (Bereinigung für dar liberale Judentum e. B.s, Fernruf: Amt Arnirum 162. Auzelgeu.Annahme bei der Sefchaftsstell« Sämtliche Zahlungen: Popfcheckkonlo Berlin RW. 7 Ar. 1Z7060 (Bereinigung für dar liberale Judentum e.D.s. Jüdische Kultur. Sudische Kultur ist religiöse Kultur. Wenn wir diesen kurzen Latz an die Spitze unserer Darlegungen setzen, so sind wir uns des Gegensatzes bewußt, in den wir damit zu der heute bei 2uden und Richtjuden weit verbreiteten Auffassung des Judentums treten. Antisemiten wie Rationaljuden sehen nur die jüdische Rasse und das jüdische Volkstum der Vergangenheit. Shnen ist der jüdische Geist nur der Ausfluß einer Volkseigenart, das Judentum eine nationale Wesenheit wie jede andere, die die einen für die Wurzel alles Uebels in der Welt, die anderen dagegen für etwas Reuzuentwickelndes, zur Wiedergeburt Bestimmtes Hallen. Beide aber sind darin einig, daß der jüdische Geist, in dem sie das völkisch Gebundene oder in der fremden Umgebung Entartete bekämpfen, von seiner Verbindung mit der abendländischen Kultur wieder getrennt werden müsse. Antisemitismus und nationales Judentum wollen eine reinliche Scheidung zwischen der abendländischen Kultur und dem, was sie — vielfach zu Unrecht — für jüdischen Geist Hallen. Angesichts dieser VerkennungdesWesens des Judentums und der kulturellen Aufgabe, die ihm in der Entwicklung der Menschheit gestellt ist, muß es von besonderer Bedeutung sein, daß ein hervorragender nichtjüdischer Gelehrter, der Historiker und Geschichtsphilosoph Friedrich Mückle, soeben in einem geistvollen, viel beachteten Werke („Der Geist der jüdischen Kultur und das Abendland", Rikola-Verlag, Wien 1923) die innige, untrennbare Vermählung nachgewiesen hat, die abendländische Kultur und jüdischer Geist tatsächlich im Laufe der Jahrhunderte miteinander eingegangen sind. Mückle setzt sich scharf mit den Theorien Oskar Spenglers auseinander, und indem er „die großartige Welt der jüdischen Kultur" durchschreitet, gelangt er zu der Erkenntnis, daß „gerade die jüdische Kultur als eine erweckende, helfende, beschwingende Lebensmacht das Abendland gewaltig in ihren Bann gezogen hat". Erweist an der Hand einer liebevollen, forschenden Vertiefung in die Geschichte des jüdischen Volkes nach, daß es im Bereiche der abendländischen Kultur kein Gebiet gibt, für das nicht der jüdische Gei st Bau st eine geliefert h a b e. Zn der versinkenden germanischen Heldenzeit, im Mittelalter, selbst in der Renaissance, der Reformation und Gegenreformation, in der Aufklärung, im Idealismus und in der Romantik, im Zeitalter der Zivilisation mit ihren Klassenkämpfen und Revolutionen, überall findet Spengler das jüdische Erbe als „eine befruchtende, ja zuweilen als eine geradezu überwältigende Macht". Für das moderne liberale Judentum ist dieses Werk Friedrich Mückles nicht nur deshalb von Bedeutung, weil es — gefördert und beeinflußt von dem hervorragendsten modernen deutschen Historiker Karl Lamprecht — an der Ueberwindung der Ideen Spenglers, auf die sich der deutsch-völkische Antisemitismus vielfach zu berufen pflegt, erfolgreich arbeitet, sondern vor allem deshalb, weil es als das Wesen des Iudsntums und der jüdischen Kultur den r e l i g i ö s e n G e i st nachweist und uns zugleich die mannigfache Entwicklung zeigt, die dieser Seist, fremd aller Starrheit und Gebundenheit, schon im alten Israel erfahren hat. Gerade in der religiösen Wesenheit der jüdischen Kultur findet Mückle den großen Gegensatz zwischen Die reichsten Männer der Aleit. Die „New Zock Timer" hat die zehn reichsten. Männer der Welt ermittelt und zählt sto nebst ihrem Vermögen auf wie folgt: Henrg Ford, der AutomobÜbauer, 550 Will. Dollar, 2ohn D. Rockefeller 500, der Herzog von Westminster 150, Sir Basil Zahaross, Hugo Stinnes, Percg Rockefeller, Baron H. Mifui, Baron K. 2wasaki, 2. B. Dukee und George §. Baker je 100 Will., der Goekwar von Barodi 125 und T. B. Walker 100 bis 500 Will. Unter den zehn reichsten Männern befindet sich also kein 2ude, dagegen aber zwei bekannte Antisemiten. ,/Jude“ im englischen Parlament. Als im Laufe einer Debatte im englischen Unterhaus Mr. Shinewell, ein 2ude aus Whitechapel, das Wort ergriff, lieh Sir T. Hamilton ein Wort fallen, dar wie „2ude" klang, worauf große Aufregung entstand. Mr. Lhinewell sagte: „Dar ehrenhafte Mitglied hat eine Bemerkung gemacht, die sich vermutlich auf meine Abstammung, auf die ich stolz bin, bezieht. Der Ministerpräsident hat bei Uebernahme seines Amtes erklärt, die Politik eines 2uden, nämlich Disraelis, durchführen zu wollen." Mr. Buchanan und andere Parlamentsmitglieder verlangten unter großer Aufregung den Ausschluß des Lir Hamilton von der Sitzung. Der Vorsitzende erklärte jedoch, daß er dar betreffende Wort nicht gehört habe, und forderte Mr. Buchanan auf, seinen Platz^ einzunehmen. Als dieser sich trotz wiederholter Aufforderung weigerte, der Aufforderung nachzrckomviÄt," wurde er von der Sitzung ausgeschlossen. Sir T. Hamilton entschuldigte sich wegen der getanen Aeußerung. Dr. JVIorttz Geiger nach München berufen. Der außerordentliche Professor Dr. Moritz Geiger in München, ein Neffe der amerikanischen Philantropen 2akob Schiff und ein naher Verwandter Ludwig Geigers, hat einen. Ruf auf den Lehrstuhl der Philosophie an der Universität Söllingen erhalten. Jüdischer Pavillon in cler Moskauer )4grikulturausstellung. 2n der Moskauer landwirtschaftlichen Ausstellung wird ein besonderer Pavillon eingerichtet sein, um von den Leistungen der 2uden in der Landwirtschaft Rußlands ein Bild zu geben. Das Komitee der jüdifeben Delegationen in Paris an die dnion der Volker buvdliga. Das Gesuch des Komitees der jüdischen Delegationen in Paris, die Union der Bölkerbundligen zu einem Protest gegen den Numerus Tlausus in Polen zu veranlassen, wurde während der Wiener Tagung nicht verhandelt» sondern dem Generalrat überwiesen. Eine Konferenz der Daager zionittifchen Opposition in Karlsbad. Mr. T. H. Kann, der Präsident des Haager zionistischem Komitees, sowie Mr. Nehemia de Lieme haben an Zionisten, die mit dem Standpunkt der Haager zionistischen Opposition ganz oder zum Teil übereinstimmen, Einladungen zu einer am Sonntag, den 5. August, in Karlsbad stattfindenden Konferenz versendet. Weitere Konferenzen werden zur Zeit der Tagung des 15. Zionistenkongrefses stattfinden. den Juden und ihren Vorgängern in der menschlichen Kulturgeschichte, den Babyloniern. „Kein großes Weltreich entsteht, das der auf seine Heere sich stützende Wille eines Eroberers zufammenhält; es fehlt das gewaltige, raumüberwindende, unerschöpfliche Energien entbindende Wirtschaftsleben, es fehlt eine die Ratur bändigende Technik .... Aber mit einer ungeheuren, alle Kräfte der Seele zusammenraffenden Energie strömt sich der Machtdrang Zu das in der Form der Religion au s." Jüdische Kultur ist religiöse Kultur. In diesem Kernpunkt seiner geschichtsphilosophischen Ergebnisse stimmt das liberale Judentum dem die Bedeutung des Judentums im allgemeinen richtig erfassenden und würdigenden Geschichtsforscher aus vollem Herzen zu. Es betrachtet sich noch heute als der Erbe und Fortbildner dieser jüdischen Kultur, die es immer als ihre besondere Aufgabe betrachtet hat, dem Denken und Fühlen der Zeit sich anpassend, den ganzen Menschen zu ergreifen und einer Aufwärtsentwicklung zuzuführen, deren Ziele und Wege in den unveränderlichen religiösen Grundgedanken des Judentums niedergelegt sind. H. R. Rabbiner Dr. Kellermann zum Gedenken. Auf dem Friedhof gesprochen von Rabbiner Dr. B a e ck. Zur Stätte seines Zieles auf Erden wollen wir Benzion K e l - l e r m a n n hier geleiten — und dieses Wort Ziel, Jo will es dünken, hat der Tod erst zu ihm gesprochen. Das Leben hat es ihm nie gekündet, hat es ihm immer geweigert. Er hat gekämpft 2ahr um 2ahr, von 2ugend auf, gekämpft um jeden Platz, der ihm im Wirken und Schaffen eingeräumt wurde. Und es war immer nur ein halber Platz, der ihm verstauet war, ein Platz ohne Sieg, ein Platz ohne Ziel. Er hat geackert und gesät, rastlos und unermüdlich, und was ihm das Leben dann an Früchten seines nie ermattenden Fleißes gewährte, es waren immer Früchte der Kargheit, Früchte halber Ernte, niemals Früchte des Zieles. Wie unverdient erscheint manch anderer Erfolg, wenn wir an ihn denken! 2edes Leben, wenn anders es das Leben eines Menschen, und eines Schicksals ist, kennt den Widerspruch zwischen dem, was die Persönlichkeit bedeutet, und was das Schicksal gibt. 2n dem Entschlafenen ist dieser Widerspruch, dieses Ertragen und Entsagen, daß . er ein Ganzer war und Halber nur empfing, die Geschichte seines Lebens, die Geschichte und nicht ein Ereignis nur. Aber klingt darin nicht das Tröstliche auch, ja, das Erhebende dieser Stunde! Denn das ist doch die wahre Geschichte des Lebens des Verewigten, daß er in al! dem Halben, das ihm zuteil wurde, ein Ganzer blieb, daß er sich nie besiegen, nie beugen und nie beengen ließ, daß er immer stärker war als das Schicksal, daß, wo immer er stand, er aufrecht und gerade seiner selbst und seiner Sache bewußt, ein ganzer, echter Mensch dastand. Er war keiner derer, die etwas bedeuten erst durch den Platz, auf den die Menschen ihn stellen; sein Platz war immer weniger als er selbst. So viel Halbes und Unerfülltes in d e m Dasein des Entschlafenen war, das aus seinen Tagen bestand, das Leben, das in feiner Persönlichkeit gegeben war — und das war doch wahrhaft fein Leben—, dieses Leben hatte sein Ganzes, sein Geschlossenes, war ein Leben der Erfüllung; es war das Leben, das er selber baute, vom Grunde bis zum First sich errichtet hat. Wie seine Philosophie, so war sein Leben: in sich gefügt und in sich geschlossen, einheitlich und ganz, mit dem Glauben an. die Erkenntnis, mit der Gewißheit des Systems, mit der Zuversicht der Erfüllung, mit dem Glanze des 2deals. Persönlichkeit und Philosophie waren in ihm eins, und auch darum war er aufrecht, ein Mann mit dem Mute zu sich selbst, echt und ehrlich, lauter und klar — „das, was aus ihm sprach, war so wie das, was in ihm war". So haben wir Benzion Kellermann kennen gelernt. So steht er in dieser Stunde des Abschiedes vor uns, größer als das Wegen der hohen Nachnahme-Unkosten bitten wir unsere Leser, den Abounementsbetrag für das Vierteljahr Juli- September im Betrage von 3000 Mark umgehend auf das Postscheckkonto der Bereinigung Mr das liberale Judentum Berlin RW. 7, Av. 137089 ein?u?ahlen. Verlag u. Scbriftleitung der Jüdisch-liberalen Zeitung. Jugeudverems-Auzeigeu W* letzte Lette.