Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 23 (8.6.1923)
- Date
- 1923-06-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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beten. Wir müssen wieder das Bedürfnis haben und lernen, die häuslichen Gebete?u verrichten, dann wird auch wieder ein größeres Interesse für den öffentlichen Gottesdienst fich einstellen. Religiöses Empfinden ist in liberalen Kreisen ebenso sehr vorhanden, wie irgendwo, und damit auch das Bedürfnis zum Beten. Wenn man in vielen Kreisen aufgehört hat, das Morgen- und Abendgebet und das Tischgebet zu verrichten, so liegt der Grund wesentlich darin, daß diese Gebete ihrem Inhalte nach den liberalen Anschauungen nicht entsprechen und in ihrer Formzu lang sind. Nach beiden Leiten muß eine Aenderung vorgenommen werden. Dann würden gewiß viele, sehr viele wieder im Hause beten und hierdurch sicherlich veranlaßt sein, viel öfter als bisher an Sabbat- und Feiertagen im Gotteshause zum öffentlichen Gottesdienste zu erscheinen. Das Tischgebet wäre in folgender Weise zu ändern: Der erste Vers bis Ki l’olom diassdoh, aus dem 4. Abschnitt: owinoh bis l’olom woed. Daraus können noch einige sgnongme Wörter gestrichen werden. Von den Horachamon’s sind der 4., 6. und S. bis ess Kol ascher lonoh, dazu die Worte biwrochoh sch'lemoh zu nehmen; ferner der Vers w’minzoh chen und der Schluß osseh scholom. Das Nachtgebet beginne mit: wi hie rozon bis w’saa’midenoh l’scholom, dazu das sch’ma bis m’odechoh, das hinne lo jonum, das lischmoschor Kiwissi adonoj (nur dieser Teil), als Schluß die beiden Verse b'jodo afkid. Unser Morgengebet enthält sehr viele und schöne Partien, sodaß es schwer ist, aus der Menge derselben einige Lätze zu wählen, welche in der erwünschten Kürze und inhaltlich das Erforderliche zum Ausdruck bringen. Zch fühle mich nicht imstande, in ähnlicher Weife, wie für das Tisch- und Nachtgebet, auch für das Morgengebet eine Auswahl zu treffen, deshalb mag dies von berufenerer Leite geschehen. Sollte meine Anregung berechtigt erscheinen, so würde durch Befolgung derselben für die Mitglieder der jüdischen liberalen Zugendvereine ganz besonders eine wirkungsvolle und erfolgreiche Aufgabe erstehen. -Zeder ZUngling und jede -Zungfrau müssen es sich zur unerläßlichen Pflicht machen, jeden Morgen, jeden Abend und jeden Mittag diese Gebete zu verrichten, und zwar in hebräischer Sprache. Man lernt englisch und französisch, auch wohl lateinisch und griechisch; dann sollte es doch leicht sein, so viel hebräisch zu lernen, daß man die Gebete nach Sprache und Znhalt mit Verständnis und Empfindung verrichten kann, um so mehr, als für die hebräische Sprache doch auch ein jüdisches Interesse vorhanden sein muß. Der Erfolg würde ein doppelter sein: ein subjektiver und ein objektiver. Das religiöse Empfinden wird gestärkt und entwickelt, und nach außen wäre der offenbare Beweis geliefert, daß die liberale Zugend, indem sie einreißt, zugleich aufbaut. — „Zung gewohnt, alt getan" und die religiöse Wirkung auf dos kommende Geschlecht kann nicht ausbleiben. Allerdings nur dann, wenndie Einsicht zum Willen und der Wille zur Tat führt. — Sonntagegotteedienft. Aus unserem Leserkreise geht uns der nachfolgende Aufsatz zu, den wir, obgleich die Frage des Sonntagsgottesdienstes bereits sehr eingehend behandelt worden ist, noch zum Abdruck bringen, weil er aus Westdeutschland kommt, das bisher noch nicht das Wort erhallen hat. Die Red. Mit großem Interesse habe ich die Artikel des Herrn Rabbiner Dr. Eoblenz, Berlin, und des Herrn stud. et rer. pol. Reumann, Königsberg, zu obigem Thema gelesen. Leider nicht den des Herrn Rabbiner Dr. Lewkowitz, doch habe ich aus diesen beiden Artikeln genügend entnommen, was mich veranlaßt, auch meinerseits Stellung dazu zu nehmen. Zch will Stellung nehmen aus rein menschlichen Ansichten und Gefühlen heraus. Leider ist die Zahl derer, die zu dieser Frage sich hier äußern, viel zu gering. Die wahre Meinung kommt deshalb nicht zu Gehör derjenigen Stellen, denen es obliegt, endgültig darüber zu entscheiden. Vielleicht geben jedoch meine Ausführungen Anlaß dazu, auch die Säumigen, Abseitsstehenden aufzurütteln und durch Bekanntgabe ihrer Meinungen, sei es durch kurze Zuschriften oder aber durch Einsendungen gefaßter Resolutionen in den -Zugendverbänden oder Sgnagogenversammlungen, die maßgebenden Stellen von der allgcr mein vorherrschenden Meinung über die angeregte Frage zu informieren. (Zunächst möchte ich die Ausführungen des Herrn Rabbiner Dr. Tobten; in Rr. 15 Zhrer geschätzten (Zeitung Wort für Wort dick unterstreichen. Ein jüdischer Sonntagsgottesdienst hat wirklich mit dem Ehristentum auch nicht das allergeringste zu tun, denn in Wirklichkeit ist der Sonntag der soziale Ruhetag des allergrößten Teils der deutschen Süden, und dieser Ruhetag kann gar nicht besser eingeleilet werden als durch einen Gottesdienst, der natürlich auch der heutigen Zugend angepaßt und verständlich sein muß. Dazu gehört eine Predigt, die sie erbaut und von der sie etwas mit nach Hause nimmt. Sch will jetzt zunächst reden von der jüdischen Sugend, die am Sonnabend die Schule besuchen muß, von den vielen Geschäftsinhabern, denen es der Sonnabend als der lebhafteste Geschäftstag in der Woche nicht gestattet, die Sgnagoge an diesem Tage zu besuchen, und nicht zuletzt von der Unmenge jüdischer Damen und Herren, die als Angestellte in diesem Geschäftsleben tätig find. Wohl läßt es sich zu gegebener Zeit ermöglichen, ab und zu einmal zum Besuch der Sgnagoge einige Stunden Urlaub zu erhallen, aber mit welchen Schwierigkeiten ist dies verknüpftl Einmal ist es für die Betreffenden peinlich, den Ehef, sei es ein jüdischer oder christlicher Herr, aus diesem Grunde um Urlaub anzugehen, denn, wenn er auch nicht verweigert wird, in den seltensten Fällen wird er gern gegeben, und deshalb unterbleibt schon allein aus diesem Grunde bei vielen die Frage danach. Die Folge ist, daß gerade bei denen, die das Bedürfnis haben, sich mal an einem Gottesdienst zu erbauen, diese Frage in den Hintergrund gerückt wird, und naturgemäß damit auch der Besuch der Sgnagoge. Kann man es außerdem Erbauung nennen, findet man die Stärkung im Gottesdienst, die man sucht, so oft man ihrer bedarf, wenn man erst einige Stunden im Geschäft tätig sein muh, von dort aus §en Gottesdienst besucht, um dann auf möglichst schnellstem Wege wieder ins Geschäft zu eilen, damit nicht etwa der Ehef die Stirne runzelt über das allzulange Ausbleiben, und wenn man dann den Rest des Tages wieder angestrengt beruflich tätig sein muß? Zst das vielleicht .Erbauung am Gottesdienst, soll dies den Glauben befestigen und stärken, ihn helfen den Kindern einzuschärfen und davon zu reden, wenn man zu Hause sitzt oder auf dem. Wege gehet, wenn man sich niederlegt und wenn man aufsteht? — -Zn anderen Geschäften, auch in solchen mit gemischtem Personal verschiedener Konfessionen, besteht z. B. in der Entlöhnung ein Provisionssgstem. Ze mehr eine Verkäuferin oder ein Angestellter für seinen Kopf umsetzt, desto größer ist sein Einkommen. Der Selbsterhaltungstrieb. zumal bei den heutigen schweren (Zeilen, gebietet es schon von selbst, deshalb ganz besonders auf dem Posten zu sein, um gar keine Gelegenheit zu verlieren. Geld zu verdienen. — Die Folge ist hier, es unterbleibt der Besuch der Sgnagoge schon aus materieller Rücksicht. Wie ganz, anders wäre es und würde es sein, wenn — nicht an Stelle, sondern neben dem Samstagsgottesdienst — ein Son-ntagsgottesdienst eingerichtet würde. Die Rabbiner und Gemeinden, die sich so sehr gegen diese Einrichtung sträuben, sollten nur mal einen Versuch machen, und sie würden überrascht sein über den Erfolg. Die Aufhebung des Samstagsgottesdienstes steht ja garnicht zur Diskussion. Zch wünsche nur, neben dem Samstagsgottesdienst einen ebensolchen für den Sonntag. Wie oben bereits erwähnt, ist der Sonntag der soziale Ruhetag, es feiert alles und alle haben (Zeit. Niemand braucht zu fragen, Niemand versäumt etwas, und ich halte es meines Erachtens tatsächlich für eine Todsünde, was bereits von Herrn Rabbiner Dr. Eoblenz mit Holtheims Worten gesagt wurde, „daß diejenigen, die bis zur StunLe die Sabbatruhe vom Sonnabend auf den Sonntag verlegt haben, erst jetzt, in dem Augenblick, da sie am Sonntag auch beten wollen, das Heiligtum des Glaubens verlassen und aus dem Judentum exkommuniziert werden sollen,, während diejenigen, die nach wie vor am Sonnabend ihr Tagewerk, aber am Sonntag ihre Ruhe fortsetzen, ohne eine Gottesdienstfeier hinzuzusetzen, mit einem Liebesmäntelchen zur Umhüllung ihrer Schande beschenkt werden." Gerade was Herr Reumann sagt, bewegt die (Zugend. Die Sehnsucht nach religiöser Wiedergeburt macht sich bei ihnen vielfach anders gellend, als bei den Alten. Man braucht nicht an der Scholle kleben bleiben, nicht am Althergebrachten hängen, und kann doch ein guter, frommer (Zude sein. Nicht alles, was für frühere (Zoitepochen richtig war. ist angebracht für die Gegenwart. — Es ist aber sehr einfach und bequem zu sagen, wie Herr Reumann es tut, „wer den Freitagabend aus Zeitmangel nicht begeht, wird auch nicht Zeit finden, am Sonntag in der Frühe einen Gottesdienst zu besuchen." Aus meinen Ausführungen wird er vielleicht eines Besseren belehrt werden. Schreiber dieses hatte z. B. Gelegenheit, vor einer Reihe von (Zähren im Wirkungskreise des Herrn Rabbiner Dr. Loblenz den Sonntagsgottesdienst ineiner mittleren Gemeinde besuchen zu können. Herr Reumann und Herr Rabbiner Dr. Lewkowitz würden, wären sie Zeugen des Besuches dieses Gottesdienstes gewesen, sicherlich nicht Streiter sein gegen, sondern Mitstreiter für einen Gedanken, der unbedingt berufen ist, das religiöse Gefühl nicht nur in der jüdischen (Zugendbewegung, sondern in der ganzen (Zudenheit zu wecken und zu wahren und würde dann selbst den Sonntagsgottesdienst fordern, damit durch ihn neues Leben erblühe und neuer Geist einziehe in alle jüdischen Gemeinden. Den Freitagabcndfeiern und den häuslichen Feiern, Sederabenden usw. oder aber den gemeinsamen Feiern innerhalb der (Zugendverbände habe ich stets das Wort geredet, als ich selbst noch inmitten der (Zugendbewegung stand. Aber diese schließen doch nicht aus, daß die (Zugend oder aber die mitten im Erwerbsleben Stehenden nicht auch die Forderung erheben müßten, im Gotteshause selbst an einem Gottesdienst sich zu erbauen, und zwar an einem Tage, an dem sie nicht durch den Alltag bzw. dem gewerblichen und Geschäftsalltag behindert sind. Dies wäre dann für diejenigen, denen hierzu Gelegenheit geboten würde, ein doppelter Ruhe- und Erbauungstag, ein wirklicher Sonntag. (Zch möchte es nicht unterlassen, Herrn Rabbiner Dr. Eoblenz meine Zustimmung zum Ausdruck zu bringen zu seiner Forderung: „Religiöse Andacht — aber wirklich religiöse Andacht, als Ergänzung des sabbatlichen Gottesdienstes am Sonntag, ober auch dann ganz und gar andächtig und bei der Andacht sein und sich nicht oblenken lassendurch Fragen des Alltags, Geschäft und Kleidung und sonstiger unpassender Unterhaltungen in der Sgnagoge", wie man es leider allzu häufig findet. (Zulius Bonnin, Dortmund. Die jüdische Gegenwart. Einbruch in eine Synagoge. Dem großen Einbruch in das jüdische Museum in der Oranienburger Straße, über den wir vor einigen Wochen berichteten, ist in der vergangenen Nacht ein Einbruch in die Sgnagoge auf demselben Gelände an der Artjlleriestraße ZI gefolgt. Die Verbrecher machten auch hier wieder große Beute an Silbersachen. Sie stahlen einen neunarmigen Leuchter mit Sockel, mehrere Becher und andere Kultusgeräte, alles Sachen aus schwerem Silber. Der Wert der gestohlenen Gutes steht noch nicht genau fest, ist aber sehr hoch. Oie Nichtigkeitserklärung der Stabten in den Gesetrgebenden Rat Palästinas. lieber die am 29. Mai in (Zerusalem veröffentlichte Regierungserklärung über die Anullierung der auf Grund eines königlichen Erlasses vor kurzem stattgefundenen Wahlen in den Gesetzgebenden Rat Palästinas wird in London amtlich erklärt: Die Annullierung der Wahlen in den Gesetzgebenden Rat ist dadurch notwendig geworden, daß der größte Teil der arabischen Bevölkerung es unterlassen hat, von seinem Wahlrechte Gebrauch zu machen und auf diese Weise die Einsetzung von zwölf gewählten Mitgliedern zu ermöglichen, die mit dem Oberkommissar und weiteren zehn von der Regierung ernannten Mitgliedern zusammen den Rat hätten bilden sollen. Die Sanktionierung der Bildung eines Gesetzgebenden Rates ist aber nicht aufgehoben worden und der neue Erlaß — das Amendement zum Königlichen Erlaß über Palästina vom (Zahre 1925 — trifft Bestimmungen über die Konstituierung eines Gesetzgebenden Rates „zu einem vom Oberkommissar festzustellenden Zeitpunkt, der durch Veröffentlichung im offiziellen Blatte bekanntgegeben werden wird." Die ersten allgemeinen Wahlen der zwölf von der Bevölkerung gewählten Mitglieder haben binnen sechs Monaten nach Veröffentlichung der betreffenden Bekanntmachung stattzufinden.. (Zn der Zwischenzeit soll eine Beratende Körperschaft (Advisorg- Eouncil) gebildet werden, die der Oberkommissar im Notfälle, sobald es sich um die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung, sowie um die Sicherung der Landesverwaltung handelt, befragen wird. Diese Beratende Körperschaft, oder eine andere, die von Fall zu Fall vom Oberkommissar mit der Genehmigung des Staatssekretärs für die Kolonien gebildet werden kann, wird solange bestehen bleiben, bis ein Gesetzgebender Rat eingesetzt werden wird. Der Oberkommissar wird ohne vorhergegangene Beratungen mit der genannten Körperschaft keine Verordnung erlassen; in keinem Falle eine Verordnung. die eine Einschränkung der vollen Gewissensfreiheit oder der freien Ausübung des Glaubensbekenntnisses betrifft, mit Ausnahme von Fällen, wo die öffentliche Sicherheit oder Sittlichkeit gefährdet wird oder wo unter den verschiedenen Teilen der Bevölkerung Zwistigkeiten auf Grund von Rassen-, Reiigivns- oder Sprachunterschieden entstehen können. Auch wird keine Verordnung erlassen werden, die, in welcher Weise immer, den Bestimmungen des durch die alliierten und assozierlen Mächte an Großbritanien verliehenen Mandats zuwiderläuft oder mit ihnen unvereinbar ist. Cbrtftltcbe Mllionstätigkeit unter den falafcbas» Der Pastor Friedrich Flad gibt augenblicklich die Erinnerungen seines Vaters, des bekannten Begründers der christlichen Mission unter den Falaschas (eingeborene abessinische Zuden), heraus, und teilt hierbei mit, daß bei der günstigen Stimmung, die augenblicklich bei der abessinischen Negierung gegenüber europäischen Missionaren zu herrschen scheint, die Wiederaufnahme der Falascha-Mission durch europäische Missionare erfolgen würde. Er selbst werde der Aufforderung des Londoner Komitees zur Vorbereitung des Christentums unter den Zuden Folge leisten und nach Abessinien gehen. Postor Flad befürchtet aber, daß infolge des Hilfswerkes der ausländischen (Zuden im Znteresse der Falaschas die Missionstätigkeit sehr erschwert werden wird. Er weist besonders darauf hin, daß gegenwärtig der jüdische Falascha-Freund Dr. Foitlowitsch in Begleitung von Aerzten, mit Medikamenten und Geld seitens der amerikanischen (Zuden ausgestaltet, in Abessinien weilt. Oer antijüditcbe Cerror in J^eupolen. ZN mehreren Städten der an Polen gefallenen ehemaligen Provinzen Posen und auch Westpreußen wird — wie preußische Provinzblätter melden — ein umfangreicher und andauernder Terror gegen die jüdische Einwohnerschaft geübt. Zin der Stadt Duk wurden in jüdischen Häusern durch junge Burschen mit faustgroßen Feldsteinen die Fenster eingeworfen, wodurch die Betroffenenschwer geschädigt und zum Teil auch verletzt wurden. Auf den Steinen waren allerhand antisemitische Bemerkungen mit Kreide geschrieben, wie: Raus mit Euch, für Euch ist es höchste Zeit usw. An verschiedenen Haustüren waren schwere Drohungen mit Kreide angeschrieben, zahlreiche jüdische Firmenschilder wurden mit Teer beschmutzt. Zn Mauern. Türen und Anschlagsäulen waren große, weithin sichtbare Plakate angebracht, die gegen die jüdischen Einwohner hetzen. Zede einzelne jüdische Familie hat einen schwarz Sprache seiner Brüder, immer die Sprache wahrer Menschlichkeit verstehen, ohne daß sie uns erst verdolmetscht werden muß, werden zu denen, die diese Sprache reden, immer sprechen: „Zch bin Zoseph, Euer Bruder. Lebt nicht auch in Euch mein Vater noch? Der Gott, der seinen Propheten sprechen ließ: „Haben wir nicht alle einen Vater? Schuf uns nicht alle ein Gott? — Gelangen wir fo zu der Auffassung, daß die Geschichte des nachexilischen Zudentums sich sehr wohl mit dem Schicksal Zosephs vergleichen läßt,, so können wir ebenso gewisse Gruppen einzelner im jüdischen Bekenntnis geborener Menschen finden, deren Schicksal und Laufbahn eine gleiche Aehnlichkeit aufweisen. Rur besteht ein Unterschied insofern, als sie auf diesen Weg zum Teil von jüdischen Slaubensrichtungen veranlaßt, zum andern Teil jüdischen Einzelpersonen geleitet wurden. — Unter die ersteren kann man in der Hauptsache die Zuden rechnen, die im ersten Drittel des vorigen Zahrhunderts während der Periode der Massentaufen dem Glauben ihrer Väter den Rücken kehrten-. Es waren unter ihnen viele, die nicht zu den schlechtesten Löhnen Zsraels gehörten. Aber man drängte sie hinaus, weil man ihre freiere Auffassung von Zudentum und jüdischen Dingen, ihre Ansicht, daß auch Religion, besonders aber das Zudentum dem Gesetz der Entwicklung unterworfen sei, von orthodoxer Seite als geistige Ueberhebung bezeichnete, ihren Glauben an die schon im Augenblick mögliche Versöhnung der verschiedenen Konfessionen als unsinnige Träumerei ansah, weil man sie aus diesen Gründen als Abtrünnige und Ketzer verfehmte. Kurzsichtige Unduldsamkeit hat sie zum Abfall getrieben und dann erklärt, daß sie vom Unglauben zerrissen und für das Zudentum völlig tot wären. Der andere Teil der modernen Zosephschicksale zeigt sich dort, wo Eltern ihre jugendlichen Kinder laufen ließen. Könnte man allenfalls einen Standpunkt erklärlich finden, der überhaupt die Religionsbestimmung des Kindes von Llternfeite verwirft und dem konfessionslos erzogenen Menschen die spätere Entscheidung in dieser Beziehung anheimstellt, so bedeutet die Uebergabe eines Kindes an eine andere Religion wie die. in fc* es geboren- und der man womöglich noch selbst angehört. den schlimmsten Mißbrauch von Llterngewalt. Solcher Mißbrauch ist übrigens nicht nur bei Zuden zu verzeichnen, auch andere Bekenntnisse weisen ihn aus. Von jüdischer Seite verübt, bedeutet er aber noch Schlimmeres; man nimmt nicht nur dem Kinde ein Recht, das es der Geburt verdankt, man verkauft in diesem Falle einen Glaubensbruder (oder eine Glaubensschwester) für das schnöde Entgelt irdischer Vorteile, die, wenn sie auch natürlich in erster Reihe dem Verkauften zugute kommen sollen, doch gleichfalls für den Verkäufer Vorteile bringen. Wie denkt die Mehrzahl der heutigen Zudengegner. Uber diese Angelegenheit? Sie sagen, daß die Taufe den Zuden nicht ändere, daß das jüdische Blut unter dem Kreuze weiter pulsiere und sich bemerkbar mache. Mit dem zweiten Teile dieser Behauptung haben sie aus alle Fälle Unrecht. Den.n nicht das jüdische Blut, das materielle, was der völkische Standpunkt Rasse nennt, arbeitet weiter in dem Getauften oder dessen Nachkommen, sondern der G e i st. Rein geistig ist die Zahrhunderte alte Tradition des reinsten Monotheismus und der Menschenliebe, deren Siegelbewahrer das Zudentum ist. Und dann zeigt sie sich eines Tages gegenüber irgend einem Projekt oder Zdeal edler Menschenliebe oder schöner Duldung, und wir sehen mit geistigem Auge die innerlichen Tränen eines Menschen, der eigentlich in unsere Glaubensgemeinschaft hineingehörte, vernehmen mit geistigem Ohr von ihm die ungesprochenen Morte: „Zch bin Zoseph, Euer Bruder; lebt mein Vater noch? Dieser uralte Glauben an einen einzigen Gott, den Vater aller Mens chen, die Gottheit, deren R e i rh die Frommen aller Bekenntnisse a u f n i m m t." — Sin solcher Mensch ist auch ein biblischer Zoseph in neuzeitlicher Gestalt, denn der Raine Zoseph soll ja bedeuten „er (Gott) vermehre" und auch durch diese von uns getrennten- Brüder wird menschliche Ethik und jüdische Weltanschauung vermehrt. Und wie das Volk Zsrael, als es aus Eggpten zur Eroberung des gelobten Landes auszog, in hartem Kampfe und langjähriger Wüstenwanderung die Gebeine Zosephs mit sich führte, so wird das Zudentum in seinem geistigen Ringen und Streben, die Menschheit in das gelobte Land des verwirklichten Messiasmus zu führen, des Gedenkens an das Leben und Wirken derer nicht entraten können, die nicht aus feiler Käuflichkeit und freiwillig in das zur Staatsreligion erhobene Ehristentum übergetreten sind, sondern durch Gewissenlosigkeit jüdischer Ellern Hineingetrieben wurden. — Von Ehajim Sleiuthal's Werdegang. Ein verspätetes Lrinueruvgswort zu seinem 100. Geburtstage. Am 12. Oktober IS4I schrieb der Primaner Lhajim Steinchal — er hat sich niemals Heinrich genannt — einen langen Brief aus Bernburg nach Eoswig an seinen Vetter Eduard Lteinthal, I K* Seiten in. der heiligen Sprache und 2X- Seilen in deutscher. Nachdem er die neu einzuweihende Schule und ihre Aula genau geschildert und von dem Wechsel in der Leitung derselben berichtet hat, fährt er fort: „Zu thun wird's geben. Soviel aufgegeben wird, arbeite ich; „mehr nicht! Denn ich muß täglich außer den Schularbeiten „(nach meinem mir vorgeschriebenen Gesetz) eine Parschoh ler- „nen, sodaß ich alle Woche mit einer zidroh fertig werde, und „wenn ich übers Zahr abgehe, ich die Tauroh durchgelefen habe, „und zwar so genau, daß ich sie s a st wörtlich auswendig kann; „dabei wird Raschi und Raschbam Wort für Wort, von dem „dunkeln Aben Esra, so viel ich verstehe, durchgenommen. Zer- „ner muß ich t ä g l i ch einige Kapitel in Zesajah und zwei Perokim „lernen. Rechne nun noch hinzu, daß ich wöchentlich 6 Stunden „bei Leib zur Mischnajaus und ebensoviel beinahe zur Repe- „tition des Gelernten haben muß, daß ich auch deutsche, lateinische, „französische, griechische und englische schriftliche Arbeiten machen „muß, so wirst Du einsehen, daß mir wenig Zeit zur Erholung „und gar keine zu freiwilliger Schularbeit bleiben kann. Und „bleibt mir dennoch dann und wann eine halbe Stunde übrig, so „muß ich auch hebräisch geschriebene philosophische Schriften aus „dem Mittelalter lesen und jüdische Geschichte studieren. „Zch glaube, wenn Du bedenkst, daß ich täglich 6 Stunden in der „Schule bin. oft sogar 7, Du könntest zweifeln, daß ich das oben „Versprochene leisten werde; ich thue es fast selbst, bitte aber „darum Gott, mich zu stärken, meinen Vorsatz auszuführen." Wenig bekannt dürfte es sein, daß Steinchal auch einmal gepredigt hat. Er tat dies am Sabbat B’reschith zu Eoswig, wo er unmittelbar nach der Rückkehr aus Paris seine Verwandten besucht hat. wahrscheinlich im Zahre 1S55. Dr. S. Lteinthal.