Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 21 (25.5.1923)
- Date
- 1923-05-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2613366-2613709-2613730--0627-2617905- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
gesehenen Rabbinern angeordnel. datz die Lchwagerehe verboten sei und jeder öchwager die deshalb erforderliche Zeremonie des Schuhausziehens an sich vollziehen lassen müsse. Dieses vor kaum 900 Zähren erlassene Gesetz gilt heute als Neligionsgesetz, trotzdem das Landesgesetz die öchwagerehe erlaubt. Zn der Bibel begegnen wir als dem eigentlichen Gottesdienst nur dem Opfer. Ueberall wird es für alle Gelegenheiten angeordnel und nur an wenigen Stellen erscheinen Gebete. Die großen Propheten bekämpfen es oder mindestens seine Veräußerlichung, und das babylonische Exil machte die Einrichtung anderer gottesdienstlicher Formen notwendig. Diese, der Gebetgollesdienst, breitete sich mit Notwendigkeit immer mehr aus, und die neue Einrichtung trat beim Fall des zweiten Tempels als selbstverständlicher Ersatz für den Opfergottesdienst ein. Die Gebete waren kurz, und ein Borbeier, der Gott mit vielen Worten lobte und pries, wurde als Gotteslästerer bezeichnet. Die Sprache war selbstverständlich die Landessprache, denn man sollte nur in einer Sprache beten, die man verstand. Darum trat an die Stelle des Hebräischen das Aramäische. Wan betete in Palästina zu einer anderen Feit um Negen als in Babglonien. (Unsere Gesetzestreuen tun das heute nach babylonischer Sitte.) Als Gaonim an der Spitze der Hochschulen in Babglonien standen und Exilsfürsten die Geschicke der Zuden in diesem Lande leiteten, wurde selbstverständlich für ihr Wohl am Sabbat gebetet. Gaonim und Exilarchen gibt es seit 900 Zähren nicht mehr, aber heute noch legt man in gesetzestreuen Kreisen darauf Wert, daß in Berliner Synagogen das Gebet für ihr Wohlergehen wieder eingeführt wird. Beim Sabbatgottesdienst wurde ein Abschnitt aus der Thora vorgelesen. Da die Bewohner ganz kleiner Ortschaften am Sabbat dem Gottesdienste nicht beiwohnen konnten, dagegen am Wonlag und Donnerstag den Warkt in der Stadt besuchten, so richtete man an diesen Tagen für sie einen Gottesdienst mit Thoravorlesung ein. Daran wird bis zum heutigen Tage festgehalten, obgleich doch nur ein winziger Bruchteil unserer Glaubensgenossen den Gottesdienst am Wontag oder Donnerstag besuchen Kanu. Wenn aber für die große Zahl von Zuden, die aus wirtschaftlichen Gründen am Sabbat nicht zur Sgnagoge kommen können, ein Gottesdienst am Sonntag mit Thoravorlesung verlangt wird, so erklärt man auf Grund des jüdischen Neligionsgesetzes den, der solches fordert, als außerhalb des Zudenlums stehend. Die Gebote waren ursprünglich ganz kurz und wurden im Laufe der Jahrhunderte durch allerhand Hinzufügungen verlängert, besonders durch Gedichte (Piutim), die zum Teil sehr schön waren. Gegen sie erhob sich ein heftiger Streit, der im Namen des Neligionsgesetzes geführt wurde, und es kam vor, daß fromme Leute solche verlängerten Gottesdienste nicht besuchten. Als aber vor etwa 150 Bahren gegen die Ueberfüllung des Gottesdienstes mit solchen Zutaten Einspruch erhoben wurde und man diese allmählich entfernte, da erhoben sich die Gesetzestreuen dieser Zeit und schrien über eine Vergewaltigung der Neligionsgesetze. Als Woses ben Waimon im 12. Zahrhunderl die im Talmud enthaltenen und seit seinem Abschluß entstandenen Neligionsgesetze systematisch anordnete, und als er gar den Versuch unter¬ Sabbat.*) Novelle. Von Arthur Silbergleit. Smmer wunderlicher sangen die Sabbatkerzen im Stübchen von Moses in der alten, verwitterten Sudengasse, und ihr goldenes Lied, ihr Geknister und Geflüster fand so seltsamliche Weisen, das? Moses von seinem Siddur wie erstaunt auffsah, noch einmal nachdenklich den Sinn eines von ihm eben gestammelten Satzes durch den Kopf gehen ließ und in jenes unfaßbare Staunen hineinsank, das uns manchmal selbst beim Wachen in einen Halbschlaf wiegt. Nun lieh er die weißen Säume seines Kinnbarles durch seine Hände fliehen, und die zarte, gleitende Bewegung seiner Finger mochte etwas von dem Wohlbehagen verraten, dos seine Seele atmete. Er war aber auch wunderschön — dieser Sabbat; wie feierlich und reich sah das onft so dürftige Stübchen aus; wie heimelte ihn die liebe Traulichkeit anl Die gestickte Decke über den Varches nahm sich wie eine ürnehme Frau sehr würdevoll aus, das weiße Linnen schien zum ilbernen Leuchter zu äugeln, und dieser lächelte im Glanze seiner Seligkeit. Denn er trug in seinen sieben Armen sieben Kerzen, und eine jede sang einen goldenen Gesang, vielleicht ein Zriedenslied nach der rauhen Reihe der Tage. Sa das Glück auf dem erglühten Gesicht des Leuchters war zu verstehen; er kam sich wie ein fürsorglicher Vater vor, der seine sieben Kinder in seinen Fingern liebevoll hält und gern dem Lallen ihrer Lippen wie der Geburt junger Lieder lauscht. Und manchmal flog der Atem Moses' in das Gesicht der Liryter, als wollte er alle liebkosen und küssen. Es war eine gnadenmilde Nacht, und der schamhafte, silberhauchzitternde Mond schien seine ganze Weihe und Stille durch die halbblinden Fensterlein des Stübchens hindurchgießen und die starren, winzigen Scheiben mit langen Liebkosungen durch ihre gläsernen Gezelte um Durchlaß bitten zu wollen. Die Ruhe freute sich ihrer eigenen Seele; der Kamin hatte seine traumleise Musik längst eingestellt. Rur die Lieder der Lichter tropften, raunten und rieselten unaufhörlich in den Mondfrieden hinein. Welch ein seltsamer Gesang klang aus ihren Stimmen! War es nicht ein heimliches Sauchzen, das immer schwoll und sich senkte? Wie eine Woge flutet und ebbt? Und Moses neigte sein Ohr dem Liede der Lichter und lauschte: Wunderlichl Sn dem heimlichen Sauchzen schwang ein Ton verhaltener Trauer und Bangigkeitl Und er wollte durch alle Kerzen zittern. Oder sangen nur sechs Lichter Lieder der Freude, und opferte sich nur das letzte, das winzigste, der Wehmut? Nein, durch die Lieder aller zog es wie ein leises Bangen. Durch die Seelen aller huschle gar heimliche Trauer, die aber immer wieder von dem stärkeren Sauchzen übersungen wurde. Und Moses sah sich im Stübchen um. starrte auf die ihm gegenüberftehende Wand und er erblickte nur seinen Schatten. Und er erinnerte sich jäh, daß er auf ihr schon mehr Schalten gesehen habe. Plötzlich blitzte in ihm das Gefühl auf, der leise, klagende Klang dev Kerzen Halle ein Sterbelied. War etwa die ruhelose Stimme einer toten Geige oder das letzte Wimmern einer zerschlagenen Harfe in das Kerzenlied hineingeflossen? Nein, aus ihm *) Aus dem Südischen Novellenschatz „Prinzessin Sabbat". Verlag von Hermann Seemann Nachfolger, Berlin und Leipzig. nahm, die Neligionslehren in bestimmter Weife zu formulieren, da wurde er und feine Anhänger verketzert und in den Bann getan, ja man rief die Inquisition zu Hilfe, und heute? Woses ben Waimon gilt als Führer im Zudenlum, und wer es wagen würde, dies zu bezweifeln, würde sicher als,außerhalb des Judentums stehend bezeichnet werden. * öofef Karo hat im 1b. Zahrhunderl in der Türkei ein Neligionsgesetzbuch, den Lchulchan-Aruch, geschaffen. (Zeder Kundige weiß, daß dieses Werk in den ersten 50 bis 100 Zähren seines Daseins heftigen Angriffen ausgesetzt war und daß es heute nicht ohne die Anmerkungen des Nabbi Woses Zsserles gedruckt und benutzt wird. Die Anschauungen des Verfassers und des Erklärers stehen einander oft schroff gegenüber, und heute wird der Zchulchan Aruch als „das ewig-unverbrüchliche Gesetzbuch der Zuden" bezeichnet, trotzdem nur wenige ihn in seiner ganzen Ausdehnung befolgen können. Es sind noch keine 200 Zahre verflossen, daß die Kenntnis des Hochdeutschen selbst in Berlin als gegen das Neligionsgesetz verstoßend angesehen wurde, und noch vor 100 Zähren war deutsch lesen in Polen und Ungarn ein sicheres Zeichen dafür, daß der damit Behaftete außerhalb des Zudentums stehe. Und heute haben selbst die Führer unserer deutschen Orthodoxie höhere Lehranstalten besucht und ihr Doktor-Examen gemacht, und ihre Zeitschriften, selbst die für die unschuldige Zugend, erscheinen im reinen Hochdeutsch. Wir verzichten darauf, auf die Veränderungen hinzuweisen, die sich vollzogen haben auf dem Gebiet der Lpeisegesetze und der Feiertage, die Vorschriften über das Tragen der Haare und Kleider, denn wir glauben, daß jeder Vorurteilslose zugeben wird: das jüdische Neligionsgesetz ist niemals etwas Starres und Unabänderliches gewesen, sondern hat sich immer den veränderten Anschauungen und Verhältnissen angepaßt, und darum sind auch ivir noch heute berechtigt, es zu verändern, wenn das Neligionsgesetz nach unserer Ueberzeugung nicht mehr unseren religiösen und ethischen Anschauungen entspricht. KuMleber Geist an amerikanischen ftocbfcbulen. 5eit einigen bahren macht sich in den Bereinigten Staaten eine antisemitische Bewegung immer mehr breit, die zu denken gibt. Sie hat einen großmächtigen Förderer in dem berühmten Automobilkönig Henrg F o r d, der mit einem Aufwand von vielen Millionen Dollars judenfeindliche Bücher, Broschüren und Zeitschriften verbreitet; das Buch ^ord's über die famosen „Weisen von Zion" allein fand einen Absatz von X- Million Exemplaren. Es wird nötig sein, den Ursachen dieses, aller amerikanischen Tradition Hohn sprechenden Umschwunges nachzuforschen. Diesmal wollen wir uns mit einem seiner wichtigsten Sgmptome befassen, das um so wichtiger ist, als es direkt auf russisches Muster zurückgeht, und zwar auf russisches Muster von der „besten" zarischen Art. Wir meinen die Bestrebungen, für die Süden in den höheren Schulen, den „Colleges" und „Universities" einen Numerus Elaufus zu schaffen, wonach jüdische Zöglinge nur bis zu einer gewissen Prozentnorm der Gesamtzahl ausgenommen werden sollen, ganz wie es in Rußland, besonders feit Beginn der 80er bahre, als gesetzliche Norm galt, die von P l e h w e sorgfältig ausgebildet wurde. Die Bewegung ging von den Studenten und Professoren der Bostoner Harvard Universitg aus, dem vornehmsten Snstitut dieser Art in den Vereinigten Staaten („fsir HorvoiA"). Die amerikanischen Hochschulen sind fast ausnahmslos aus Privatmitteln entstanden, 'besitzen, unter einer gewissen Kontrolle des Staates, eine sehr weitgehende Selbstverwaltung; an der Spitze steht ein auf Lebenszeit gewählter Präsident. Auch die Studenten sind als autonome Körperschaft mit einem Präsidenten und „otlicers" organisiert, bede Hochschule besieht aus einer eigentlichen „Universitg", entsprechend unseren vereinigten vier Fakultäten, und einem „College", einer Borbereitungsschule, ähnlich unserem Sgmnasium oder Realschule. Die Studenten legen sehr viel, für unsere Begriffe viel zu viel Gewicht auf körperliche Uebungen und sportliche Spiele. Sie nennen das „social life" (soziales Leben). Zu Ende des letzten Sommersemesters hat nun der Professor für soziale Ethik an der genannten Harvard Universitg, Dr. R i ch a r d E. E a b o 1, den Schülern der drei obersten Klassen des College folgendes Thema zur Bearbeitung aufgegeben: „Es ist so aufrichtig und unvoreingenommen als möglich, die Frage zu erörtern: bst eine Schule sittlich berechtigt, zum Wohl aller in Betracht kommenden Personen die Zahl der jedes bahr neu eintretendon Schüler einer bestimmten Rasse auf eine Prozentnorm der Gesamtheit zu beschränken?" SZ Schüler haben das Thema bearbeitet, davon waren 41, lauter Nichtjuden, „Nestrictionisten", das heißt f ü r die Zulässigkeit von Nassenbeschränkungen; 34, darunter 7 Süden. verwarfen sie entschieden; 7, darunter »i n bude, ließen die Frage unentschieden. Die erste Gruppe konstatiert zunächst, daß die Zahl der jüdischen Havardzöglinge bedeutend stärker als die aller anderen Rassen zunimmt. „Havard ist ein amerikanisches bnstitut, amerikanischen bdealen geweiht, soll dem Besten der größten Anzahl dienen; sobald eine Raste hier überhand nimmt, ist dies weder dem Wohl dieser Raste, noch Amerikas dienlich." Manche stellen sich auf einen merkwürdigen Standpunkt: „Ein College ist eine Privatanstalt, und es steht ihr frei, dem einen ihre Ware zu verkaufen, denn anderen nicht." „Ein College hat ebensowenig die Verpflichtung, jedermann seine Pforten zu öffnen, wie ein Automobil, jeden Fahrgast mit eintreten. zu lasten." Manche befürchten, das „Prestige" von Harvard könnte durch den Zudrang von buden leiden. „Man denke sich eine so zahlreiche jüdische Studentenschaft, daß sie ihren eigenen Präsidenten und ihre eigenen Officers wählen könnte. Gott soll uns davor bewahren!". Andere sind um die materielle Zukunft des bnstituts besorgt, welches aus den reichlichen Zuwendungen, seiner ehemaligen Zöglinge bedeutende Einnahmen zieht: Diese aber könnten ausbleibon, wenn die Studenleiischaft viel zu semitisch würde. (Sollten jüdische Spender von wistenschaftlichen Anstalten die Hand obziehen, wenn deren Studentenschaft viel zu arisch würde, müßte kein bude einer solchen. Anstalt Zuwendungen machen.) Diese ganze Gruppe ist übereinstimmend der Ansicht, daß die College-Erziehung nicht allein akademisches Misten boizubringen hat, sondern vor allem die soziale intellektuelle und athletische (sportliche) Vollkommenheit bezwecke. „Auf wissenschaftliche Kenntnisse allein kann die Zulastung nicht begründet werden. Man muß die ganze Persönlichkeit des Zöglings in Betracht ziehen." „Vom wistenschaftlichen Standpunkt üuite man gegen die buden überhaupt nichts einzuwenden. Allein sie ftören die Einheit der Schule, sie widerstreben dem Geschmack jener Männer, die Harvard zu dem gemacht haben, was es heute ist, und wenn ivir nicht vorsichtig sind, werden diese Kreise aufhören, ihre Söhne aus Harvard zu schicken." Sehr merkwürdig sind die Klagen, die gegen die buden erhoben werden: Sie seien zanksüchtig, und es sei schwer, mit ihnen zusammen zu leben; „wenn sie ihre Manieren verbessern und sich andere — Vorfahren anschassen würden, hätten sie bessere Chancen." (Die amerikanischen Studenten stammen offenbar von lauter französischen Herzögen und englischen Lords ab.) „Die buden. haben das Losungswort: raffe an dich! Anstalt „nimm und gib". Sie seien selbstsüchtig und nur insofern bestreb., sich Freunds zu erwerben, als sie Geschäftsbekanntschafion für die Zukunft brauchen" (wie greisenhaft klug dieser junge Mann urteilt!). „Sie gehen durch das College so wohlfeil als möglich, und wenn sie ihre Erziehung vollendet haben, hört man nichts mehr von ihnezr, nicht einmal, wenn sie aufgefordert werden, zur Darlehnskaste etwas beizutragen." (Dieser Vorwurf ist völlig neu. Die buden als Knauserl Anderwärts, besonders in Deutschland, hat man ganz andere Erfahrungen mit den buden gemacht. Biele rein christliche Snstitutionen wären ohne die Freigebigkeit der buden längst untergegangen. Daß ein bude einer wistenschaftlichen bnstilution eine Unterstützung verweigert, zumal einer solchen, welcher er seine Ausbildung verdankt, ist eine unerhörte Seltenheit.) — Setzt kommt eine Anklage, die sehr schwer wiegt und offenbar auch wohl begründet ist. An den amerikanischen Universitäten bestehen viele reich ausgestattete Preis-Stipendien (sccholirsüips) für Zöglinge, die sich bei den Prüfungen oder durch wistenschaftliche Leistungen auszeichnen. Nun haben die buden die abscheuliche Gewohnheit, solche Stipendien zu „raffen", flüsterte ein Menschenlaut. Etwas ganz Seelenvolles, Liebes und; Leises. Da kamen dunkle Melodien mancher Traumabende und klangen Gräbergrüße. Und der Mund seiner entschlafenen Frau hallte wieder Märchen und Mädchenlieder durch das stille Stübchen, bede dunkle Melodie trug ein dunkles Feierkleid. Alle sieben Kleider aber knisterten, ihre Sehnsucht nach vergestenen Tänzen. Zuweilen war es ihm, als ob er eine ganz zarte Kinderhand sich vergebens an ein Kleid anklammern fühlte. Da erfror Moses' warme Sabbatfreude. Und er ließ sein Haupt auf sein Gebetbuch fallen und verhüllte es, als fürchtete er sich, seine Wehmut der ihm gegenüberstehenden, unbewegten Wand zu zeigen. Und verschleierten Hauptes schluchzte er vor der Mauer in sich hinein und versank in seinem Leid in eine Starrnis, als würde er selbst zu einem Stück Klagemauer. Wie aber die Kerzen in. das Geriesel seiner heißen Zähren die Mitloidmusik ihrer weißen Tränen sickern ließen, als wollten sie seinen Schmerz trösten, faßte sich Moses und er vermählte noch einmal alle seine Gedanken mit seiner toten Frau. Und die Heimlichkeiten des Stübchens mochten ihn nun an sie gemahnen. Der kleine Vogel hinterm Gitter sang ihre Träume; die Fensterblume zögerte, der Toten letzten Hauch aus ihrem Kelch zu zittern, und die winzige Scheibe, die dem Silbermonde und seinen Liebkosungen Durchlaß bot. ließ auf ihrem schattenhaften Grunde ahnen, daß sie einst unvergestenes, dunkles, schweres Frauenhaar gespiegelt, schweres Haar, dem der Tod leicht die Spangen gelöst. Auch die alte, dürftige Nischentruhe mit ihren durch Gebrauch bereits zeitgebräunten Gebetbüchern, mit ihren lavendelduftigen, vergilbten Linnen und welkenden Gewändern wandelte eine Erinnerung an, und was ihr Gast, der Holzwurm, an. Heimlichkeit verriet, tickte sich in einem Gleichklang mit der traulichen Wanduhr hinein und sang wie eine Legende aus der Hagada: „Liegt ein altes, seidenweißes Hochzeitskleid in mir; sieben Mägde spannen es einst und ist nun dünn und fadenscheinig. Die es einst trug, ist nun einem anderen Kleide treu. Einem Gewände mit phantastisch dunklen Runenstreifen. Nahm's vom Weltenbräutigam, dem Tod!" Da ergriff Moses wieder stärker der Schmerz, und es verlangte ihn sehr nach seiner fernen Lebensgefährtin. Und er ging ans winzige eigenwinklige Fenster, sah auf die Gaste längs der Giebelreihen, wo die Schalten ihre abenteuerlichsten Tänze hingaukelten, und er hegte die Hoffnung, in dem Wehen von Licht und Dunkel, das auf ihn zu- und von ihm abzurücken schien, die Seele seiner Frau zwiespältig wie dieses Licht, halb im Wachen und halb im Schlaf, auf sich zukommen zu sehen. Und er merkte gar nicht, wie mählich der von seinem Gotte vorgezeichnete Schattenweg seine Gedanken über die Gaste hinauszog, und während er eine Hand, um seiner Bewegtheit Herr zu werden, am Fensterkreuz angeklammert hielt, tastete sich seine Seele zu den kreuzelosen, aber kränzereichen Gefilden der Entschlafenen. Seine Füße schienen voll Unruh dahinzuhasten; die ewig zitternde Musik und das stete Geknister der Sabbatkerzen im stillen Stübchen aber mochte nun den Widerhall seiner Schritte in der Traulichkeit der Gasten und der Verträumtheit der morschen Giebel verraten. Und wenn aus dem altes Gebälk llberhangenden Weinlaub zuweilen ein windberührter, verschlafener Falter aus seinem heimlichen Verstöck aufhuschte, empfand es Moses nicht, als liehe Gott, der Äernenentzünder, auch in der dunklen Leidensgaste einen leuchtenden Gedanken der Schönheit wie einen Trost mit bunten Schwingen durch die Menschenfinsternis reisen. Und wehbewegt bemerkte er nicht, wie sich das Weiß des Mondlichts und das Dunkel der Schatten gleich den Farben eines Gebetmantels auf dem Umriß der verwitterten Giebel abzeichneten. Unberührt auch blieb er von dem Rachtlied des Bronnens in der Gaste «tib von dem steingedämpften Gelall seiner Märchen. Seine Sehnsucht stürmte wild dem Gastenende entgegen, zitterte dem Friedhöfe zu. Durch die leise angelehnte Gittertür, die sein Traum zur Seite schob, trat er in den Garten der Toten, in das Land Gottes und seiner Liebkosungen. Welch tiefer Friede lag hier! Ewige Sabbatruhel Heiter erglänzten die ölräucher im Mondlicht; es war, als ob aus ihrem weißen versilberten Gezweigs die Fittiche hier heimlich eingenisteter Gottesengel hervorfunkelten. Nur die jahrhunderte alten Bäume standen ein wenig schwarz und schweigend da, und sie beschatteten mit ihrer Laubfülle wie mit Gebetmänteln die greise Schwermut ihres Antlitzes. Alle Blumen aber atmeten Gebete, als hauchten ihre Kelche noch die letzte Friedenssehnsucht der Toten. Die mondgeküßten, lichten Wolken glichen weißen Festtagslinnen. Aus der Stimme eines einsamen Vogels klang Moses' Trauer, die Klage seiner ruhelosen, unerlösten Seele. Und die Musik der Sternenkerzen, die Gottes Gnadenhand droben angezündet, schien wie der Ehor der Sabbatlichter des stillen Stübchens sanfte Trauer und Wehmulweise durch die friedensschöne Mondnacht gießen zu wollen und bemühte sich wohl, immer wieder Wunderweisen aus schon vergestenen Herzen und Himmeln heraufzuzaubern. Längs den ihm bekannten Reihen der Gräbersleine schritt Moses, bis er zu d^r seiner Frau gelangte. Und er berührte mit heißen, zitternden Händen einen starren und laukühlen, den Grabstein seiner Frau, als wollte er diese durch desten herbe Kälte bindurch die Kraft seiner Seelenglut fühlen lasten. Und während feine Finger über den Stein und seine regenverwaschene, mählich verwitternde Anschrift hintasteten, beschlich ihn eine seltsame Empfindung. Zhm war es, als müßte er hier seine Hände über die Seiten eines sturmgeliebten Gebetbuches gleiten lasten, das in einst goldenen, nun verblaßten Zeilen von dem Snhalt eines halb dunklen und halb Hellen, halb gelebten und halb ungelebten Lebens erzählte. Vielleicht war dieser rauhe Stein gar ein Denkmal menschlicher Schmerzen, und seine Runen und Riste ließen die nicht vernarbten Wunden der Entschlafenen noch einmal über dem Hügel heraufklaffen. Und wenn der Wind durch die Spalten des Gesteins mühsam ächzend einen Weg schabte, zitterte es wie ein Schüttern und Schluchzen durch die harte Zelsenseele: den starrkalten Stein durchzuckte und durchfieberte wohl ein Menschenweh. Die gelben Gesichter der Kerzen aber, die an manchem sternenlosen Traumabend die alten Mondmärchen aus goldenen Augen kinderselig durchs stille Stübchen glühen ließen, tropften ihre weißen Tränen in die weiße Trauer des Steines hinein. Da zerwühlte Moses Verzweiflung; er preßte fein Herz an den Stein und sprach: „Estherl, warum weinst du? Hast du keine Ruh? Alle Kerzen klingen von deiner Klagel Soll ich bei dir sein? Sch will nicht von dir gehen! Sst dir kalt? Sch will dich wärmenl Denn ich trage wohl dein Bahrtuch, und du mußt frieren. Sch will dir auch meine Seele zum Gewand geben!" Und er umklammerte den Stein mit aller Snbrunst und horchte in die Nacht hinaus, ob ihm