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Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-05-25 · 21 (25.5.1923) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
3 (1923)
Issue
21 (25.5.1923)
Date
1923-05-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IWchLmckZÄmg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. B«zug»prel» durch die Geschäftsstellejährl.M.3000.- Auzeigeu: Grundpreis für die 3'/, cm btdft mm-Zeile W. 0,25, Jamllleuaureigeu M. 0.J5, Bei Wiederholung LrmaKiguug. Der Grundpreis wird mit der am Lrfchelnuugstage gültigen Schlüstelrahl de» Buchse ta Häudler-Börlenvereius multipliziert. &» &» Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag, je dreiwöchentlich als wissenschaftliche Beilage „Liberales Judentum" und „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugeudverelue". Rr. 21 « Berlin, 25. Mai 1923 * 3. Jahrgang Redaktion « « d Geschäftsstelle: Berlin W. S, Mauerstraße 22 (Bereinigung für da» liberale Judentum e. B.), Fernruf: Amt Feutru« 142. Aureigeu-Annahme bei der Geschäftsstelle Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin RW. 7 Ar. l 37069 (Bereinigung für da» liberale Judentum e.B.s. Jüdilek liberale Werbearbeit. Das liberale Judentum hat in Deutschland bisher nur eine kurze Blütezeit erlebt. Aeußere Einflüsse, insbesondere der wachsende Antisemitismus, haben andere Bewegungen erstarken lassen, die dem herrschenden Geist des Nationalismus und der Abschließung besser entsprachen. Die Abwehrbewegung gegen die äußeren Feinde des Judentums hat weiter alle Kräfte im Judentum stark in Anspruch genommen und für eine innere Renaissance des Judentums, für einen inneren Neuaufbau auf dem Gebiete der Neligion und des Kultus wenig Zeit und Interesse übrig gelassen. Trotzdem kann auch heute noch gesagt werden, daß die große Mehrzahl der deutschen Juden liberal denkt und dem liberalen Judentum der inneren Ueberzeugung nach zuzurechnen ist. Aber der Indifferentismus läßt einen großen Teil der jüdischen Massen sich ihrer liberalen Gesinnung nicht bewußt werden. Der einzelne Liberale fühlt sich nicht als ein Glied einer großen Kulturbewegung. Ls fehlt dem liberalen Judentum die starke Organisation, die die Einzelnen aufrüttelt und zur bewegenden Kraft zusammenfaßt. Ls fehlt ihm die große, weitverbreitete Presse, die liberale Ideen verbreitet und dem Einzelnen zeigt, daß seine Anschauung die einer großen, die Mehrheit des deutschen Judentums umfassenden Kulturbewegung ist. Die Orthodoxie und der Zionismus haben auf dem Gebiete der Organisation und der Preßpropaganda ganz erheblich mehr geleistet als der jüdische Liberalismus. Sie verfügen sowohl über eine gute Organisation, wie über eine verbreitete Presse. 5o kommt es, daß diese straff organisierten Minderheiten bisher eine weit größere Werbekraft entfalteten, sich erheblich besser durchzusetzen wußten, als das unorganisierte oder zu schwach organisierte liberale Judentum, obgleich hinter diesem zweifellos eine große Mehrheit steht. Die liberalen Juden müssen sich also, wenn sie sich nicht in den Hintergrund drängen und nicht über ihre Bestrebungen die andern zur Tagesordnung übergehen lassen wollen, mit der Frage beschäftigen: Me verschaffen wir uns eine gute Organisation und eine einflußreiche, vielgelesene Presse? Organisation und Presse sind die Mittel, mit denen allein wirksam und erfolgrich Werbearbeit geleistet werden kann. Line Bewegung, die nicht zu werben versteht, ist von vornherein zum Absterben verurteilt. Ls unterliegt aber keinem Zweifel, daß der jüdisch-liberale Gedanke heute im deutschen Judentum lebendiger und werbekräftiger ist als je. Lr muß nur in richtiger Weise geweckt und verbreitet werden. Was den liberalen Juden heute noch fehlt, ist die richtige Würdigung der ungeheuren Bedeutung von Organisation und Presse. Nur zu viele gut liberale Gesinnte glauben noch immer, daß es ohne diese Werbetätigkeit gehe, und daß die Opfer, die der Ausbau dieser beiden Kampf- und Propagandawaffen erfordert, den Liberalen erspart werden könnten. Das aber ist der fundamentale Fehler, dem allein es zuzuschreiben ist, daß die passiv und abwartend bleibenden Liberalen heute so oft von ihren Gegnern überflügelt und als quaniite negligeable behandelt werden. Man darf sich dann freilich nicht wundern, wenn andere Bewegungen, die dem Liberalismus feindlich und dem Fortschritt des religiösen Judentums hinderlich sind, unter den Massen und besonders in der leicht zu begeisternden, leicht durch Propaganda zu gewinnenden Jugend Anhängerschaft finden, weil die Umworbenen das Gefühl haben, daß jene andern sich wenigstens um sie kümmern und ihnen Wege zu weisen sich bemühen, während das liberale Judentum den Einzelnen meist ganz auf sich angewiesen sein läßt und die notwendige Werbearbeit fast völlig vernachlässigt. Auf diese Weise sind bereits erhebliche Teile der deutschen Juden und ganz besonders der Jugend auf Irrwege geraten, die bei regerer liberaler Werbetätigkeit leicht für das liberale Judentum hätten gewonnen werden können. Heute, wo die Jüdisch-liberalen schon vielfach in die Abwehrstellung gedrängt worden sind, wo die Gefahr, daß das Judentum den reaktionären Kräften wieder rettungslos verfällt und damit der inneren Auflösung in ein kleines Häuflein Fanatiker und die Masse der völlig Indifferenten preisgegeben wird, riesengroß geworden ist, ist es allerhöchste Zeit, daß das liberale Judentum sich endlich darauf besinnt, daß ohne eine starke Organisation und eine gute, gelesene Presse keine geistige Bewegung Anhänger werben und sich durchsetzen kann. Die allgemeine Not der Zeit darf niemanden abhalten, aus dieser Präsident Harding über die Rolle der Juden in der Entwicklung Amerikas. In einem an den Kongreß der jüdischen historischen Gesellschaft in 'Amerika gerichteten Schreiben dankt Präsident Harding für die an ihn ergangene Einladung, Sitzungen des Kongresses beizuwohnen und äußert sein Bedauern darüber, daß es ihm unmöglich sei, dieser Einladung Folge zu leisten. Hierbei spricht der Präsident seine Genugtuung darüber aus, daß die Gesellschaft nunmehr an eine Geschichte der Teilnahme der Juden an der Entwicklung Amerikas schreitet. Präsident Harding nennt die Rolle der Juden in dieser Entwicklung „eine der ruhmreichsten Leiten der Geschichte unserer gemeinsamen Heimat Amerika". Die jüdische historische Gesellschaft gedenkt, ein besonderes Gebäude für ihre Zwecke zu errichten, welches gleichzeitig ein Denkmal für die im Weltkriege gefallenen amerikanischen Juden sein soll. Bynagogerireforni in England Loudou. Line Versammlung von Lgnagogenbesuchern von West- London hat gegen die Stimme des Vorsitzenden mit überwältigender Mehrheit den Beschluß gefaßt, daß künftig Frauen und Mädchen während des Gottesdienstes im Hauptraum der Synagoge neben den Männern Platz nehmen sollen. Eine Mische Gemeinde in Buenes Aires. Obgleich es in Buenes Aires, der Hauptstadt Argentiniens, eine große Anzahl Juden und jüdische Vereine aller Art gibt, existierte bisher keine jüdische Gemeinde. Am 25. April dieses Jahres sind aber 42 Delegierte der verschiedenen jüdischen Organisationen der Stadt zur Gründung einer Kehilloh zusammengetreten. An der Spitze der neugegründeten Gemeinde Buenes Aires steht eine Verwaltung, die alle jüdischen Interessen der Regierung gegenüber vertreten soll. Mlliardenlegate der famtlic JVIond für deutsche Kulturanftalten. Wie aus London telegraphiert wird, ist die Witwe des im Jahre 1909 verstorbenen bekannten englischen Industriellen Dr. Ludwig Mond am 17. Mai in London verschieden. Dr. Ludwig Mond hatte in seinem Testament Universitäten und Kunstanstalten in Deutschland mit größeren Legalen bedacht und verfügt, daß die Legale nach dem Ableben seiner Frau zur Auszahlung gelangen. Auf Grund dieser Verfügung erhält nun die Universität Heidelberg 50.000 Pfund, die Akademie der bildenden Künste in München 20.000 Pfund, der Magistrat der Stadt Lasset ebenfalls 20.000 Pfund. Dr. Ludwig Mond war im Jahre 1S39 in Lasset geboren. Er studierte Naturwissenschaften an den Universitäten Heidelberg und Marburg. Rach Beendigung seiner Studien wanderte er nach England aus und begründete dort eine chemische Fabrik. Schon bei Lebzeiten hatte er deutsche wissenschaftliche Institutionen, sowie seine Vaterstadt Lasse! mit ansehnlichen Unterstützungen bedacht. Vor Einführung des Numerus clausus in polen. Aus Warschau wird gemeldet: Obwohl über die Bildung der neuen zentrorechten Regierungsmehrheit noch keine offizielle Verlautbarung vorliegt, sind die politischen Kreise genau darüber unterrichtet, daß die Verständigung zwischen dem Block der rechten Parteien in Polen und dem von Vitos geführten Bauernzentrum endgültig zustandegekommen ist. Schon in der allernächsten Zeit ist die Demission des Kabinetts Sikorski und die Bildung eines Kabinetts aus der Mitte der neuen Parlamentsmehrheitzu erwarten. Ls kann ferner als feststehend betrachtet werden, daß die Einführung des Numerus clausus für jüdische Studierende an polnischen Hochschulen eine der ersten Maßregeln des neuen Kabinetts sein wird. Diese Frage steht bereits wieder auf der Tagesordnung der Lejmkommission für Unterricht, obwohl die Verhandlung erst neulich auf unbestimmte Zeit verschoben worden war. Die Einführung der Numerus clausus ist eine der wichtigsten Verpflichtungen der Rechtsparteien den Massen ihrer Wähler gegenüber und sie sind entschlossen, mit aller Energie darauf hinzuarbeiten, daß diese Maßregel baldmöglichst verwirklicht werde. In jüdischen Kreisen herrscht angesichts dieser neuen Konstellation eine ungeheure Erregung. Denn die Einführung des Numerus clausus würde den ersten Schritt auf dem Wege zur Aufhebung der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden im neuen Polen bedeuten. Eine Biesenbibel im Befitze des papttes. Katholische Zeitungen melden, daß sich im Besitze des Papstes eine in hebräischer Sprache geschriebene Bibel befindet, die 320 Pfund wiegt und das größte Buch der Welt darstellt. Die Blätter berichten weiter, daß die Juden Venedigs im Lahre 1572 dem Papste Julius II. das Angebot machten, ihnen diese Bibel gegen Entrichtung von 320 Pfund Sold (soviel als die Bibel selbst wiegt) auszufolgen. Der Papst Julius H. lehnte aber dieses Angebot ab, und so ist die Riesenbibet in dem Besitze der Päpste bis heute geblieben. Erkenntnis die notwendigen Folgerungen zu ziehen. Wenn das Judentum und der Fortschrittsgedanke innerhalb unserer jüdischen Neligion lebendig bleiben sollen, wenn es in Zukunft noch ein entwicklungsfähiges Judentum geben soll, dann müssen die liberalen Juden, die diesem Ziele nachstreben, endlich weit mehr, als das bisher geschehen ist, ihre Organisation und ihre Presse ausbauen. Soll der jüdisch-liberale Gedanke werbekräftig werden, so muß noch weit mehr als bisher die Mahnung beherzigt werden, die wir immer und immer wieder an alle liberalen Juden richten: Stärkt mit allen Mittel« Eure Organisationen und Euren Preßfonds, bevor es zu spät ist, bevor rückschrittliche Orthodoxie und irreführender Rationalismus das liberale Judentum in die Stellung einer einflußlosen Minderheit verdrängt haben, weil diesem die starke Organisation und Presse fehlen, um seinen Ideen Geltung und Beachtung zu verschaffen. Onlere Stellung zum Religionagefetz. Von Robert Hirschfeld-Berlin. „Die Mitglieder der Reformgemeinde stehen außerhalb des Judentums. Das Recht, dieses Urteil, zu fällen, gibt mir das jüdische Religions-Gesetz." So sagte vor Kurzem einer der Führer der Berliner Orthodoxie. Lein Ausspruch veranlaßte mich, darüber nachzudenken, was daran Wahres sei, bzw. wie man solchen Anschauungen entgegentreten könnte. Von vornherein ist festzustellen, daß die Vertreter der konservativen Anschauung, die sich so gern gesetzestreü nennen, eben dieser Anschauung entsprechend» die Meinung verbreiten, als ob die Religionsgesetze von Ewigkeit her dieselben gewesen seien und von den Gesetzestreuen immer in derselben Weise beobachtet worden seien. Ls müßten also heute die Vertreter dieser Richtung genau so leben, wie unsere Vorfahren vor — ja, da stocke ich, soll ich sagen 5000 oder 1000 Jahren oder gar nur vor 500 oder 100 Jahren in Palästina oder Babglonien? in Spanien oder Polen? oder in Deutschland? Diese Fragen stellen, heißt schon die ganze Absonderlichkeit der Anschauung beweisen. Das Religionsgesetz ist nach traditioneller Anschauung in der Wüste für ein Bauernvolk gegeben worden, es mußte sich selbstverständlich in der babylonischen Gefangenschaft und den darauf folgenden Jahrhunderten den veränderten Verhältnissen anpassen und auf Handel und Gewerbe Rücksicht nehmen. Ls mußte außerdem darauf bedacht sein, die von Palästina verschiedenen klimatischen Verhältnisse zunächst in Babylonien zu berücksichtigen. Als der Schwerpunkt des geistigen jüdischen Lebens sich nach Spanien verlegte und Islam und Ehristentum die Umgebung der Juden ausmachten» als die Verfolgungen des Mittelalters und der neueren Zeit über unsere Vorfahren dahingingen, als sie in großen Scharen in Deutschland und Polen, in der Türkei und anderen Ländern sich niederließen, da hat sich selbstverständlich das Religionsgesetz den veränderten Verhältnissen angepaßt, und seit dem Eintritt der Juden in die westeuropäische Kultur war das noch viel mehr der Fall. Wenige Beispiele mögen das Gesagte erläutern und beweisen. Der Bauer» der zur Beschaffung von Saatgut oder für ein landwirtschaftliches Gerät oder dergl. Geld brauchte und dies von seinem Nachbarn geliehen bekam, brauchte nach der Anordnung der Thora, dem ersten jüdischen Religionsgesetz, diese Schuld nur bis zum Erlaßjahr zu bezahlen, denn er hat ja das Geld zur Erhaltung seines Lebens gebraucht, und wenn er in den ersten Jahren nicht imstande ist, es wieder zu erstatten, so soll man ihn später nicht damit quälen. Als aber die Juden vielfach Kaufleute wurden und mit geliehenem Gelde Geschäfte machten, wurden sie durch eine Neu^ ordnung des Religions-Gesetzes gezwungen, auch nach dem Erlaßjahr ihre Schulden zu bezahlen, und damit war das Thoragesetz aufgehoben. Rach dem Gesetz des Pentateuchs war eine kinderlos Hinterbliebene Witwe gezwungen, den Bruder ihres verstorbenen Mannes zu heiraten, wenn es diesem gefiel. Als aber in christlichen Ländern die Schwagerehe verboten war und habsüchtige Männer nur gegen Bezahlung hoher Summen auf ihr Recht der Schwagerehe verzichten wollten, wurde um 1050 in Deutschland von an- Zugeudvereius-Auzeigeu SC* letzte Sette.

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