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Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-05-18 · 20 (18.5.1923) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
3 (1923)
Issue
20 (18.5.1923)
Date
1923-05-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Das Gebot der Stunde. €in« Antwort aus der liberalen Zugend an Herrn Dr. Lipschitz. Von Arthur Lilien 1 hal. Die Frage der Einrichtung eines jüdischen Sonntagsgottesdienlles ist in dieser Zeitung in letzter Zeit recht ausgiebig erörtert worden. Wenn wir trotzdem den nachfolgenden Artikel nochzum Abdruck bringen, so geschieht es, weil er von einem Führer der jüdischen Zugend geschrieben ist, und den Bedürfnissen der Tugend soll ein Sonntagsgottesdienst in erster Linie dienen. 2m übrigen sei daran erinnert, datz für alle mit dem Namen dos Verfassers gezeichneten Artikel dieser, nicht die Schriftleitung der Zeitung die Verantwortung trägt. Zn der Züdisch-liberalen Zeitung vom 20. 4. hat Herr Dr. Lipjchitz einen Aufsatz veröffentlicht, in dem er lebhaft davor warnt, die Forderung nach einem Prediglgottesdienst am Sonntag Vormittag wieder auf das Programm des Liberalismus zu setzen. Soweit er sachliche Bedenken dagegen geltend macht, gehen sie im wesentlichen dahin, datz ein solcher Gottesdienst sabbatlichen Eharakter tragen würde, und datz darin eine „Schmälerung der hohen Bedeutung unseres Sabbats" liegen würde. 2ch halte diesen Gesichtspunkt für falsch. Wenn ich es für nötig halte, für diejenigen, die das Bedürfnis nach Besuch des Gottesdienstes empfinden, und die dieses Bedürfnis nur am Sonntag befriedigen können, einen Sonntagsgottesdienst einzurichten, so kann dessen Ausgestaltung nur unter einem Gesichtspunkt erfolgen, nämlich dem: in welcher Gestalt erfüllt der Gottesdienst am ehesten seine Aufgabe und entspricht am besten dem religiösen Bedürfnis? Und darum dürfen, wenn ich Thora- und Prophetenvorlesung für einen wertvollen Bestandteil des jüdischen Gottesdienstes holte — und darüber, daß sie das sind, wenn auch teilweise in anderer Gestalt als heute, dürfte wohl Einigkeit bestehen —, beide auch im Sonnlagsgottesdienst nicht fehlen. 2hr Fehlen aber ist wohl für Herrn Dr. Lipschitz eine sehr wesentlicher Punkt in dem von ihm vorgeschlagenen Goltesdienst. Wie kann jedoch die „Sabbat- 2 d e e" dadurch „aa Bedeutung verlieren", datz diejenigen, die am Sonnabend dri, Gottesdienst nicht besuchen und die Thora-Vorlesung nicht hören, dies wenigstens am Sonntag tun? Und wenn Herr Dr. Lipschitz sagt, datz die „Sabbat Einrichtung" jedem 2uden, auch wen» er ihr nicht voll gerecht werden kann, heilig sein soil, so glaube ich, datz die Sabbat- E i n r i ch t u n g dem mehr heilig ist, der das Wort der heiligen Schrift am Sonntag hört, als dem, der es gar nicht hört. Keinesfalls aber ist die Frage des Sonntagsgottcsdienstes dadurch zu lasen, datz man, wie Herr Dr. Lipschitz oorschlägt, einen Gottesdienst am Sonntag Nachmittag einrichtet. Das Bedürfnis nach einem Nachmittags- und Abendgottesdienst wird durch den FreitagÄbendgsttesdienst befriedigt; man mutz sich nur dazu entschließen, ihn regelmäßig zu einer geeigneten Zeit anfangen zu lassen. Es bandelt sich doch nicht als Selbstzweck darum, nun gerade am Sonntag einen Goltesdienst abzuhaiten, sondern darum, das Bedürfnis nach einem Bormittagsgottesdienst zu befriedigen. Für Herrn Dr. Lipschitz scheinen da nicht nur diese sachlichen Gründe ausschlaggebend zu sein, sondern sehr wesentlich auch taktische. Und gerade zu ihnen ist es nötig, ein paar Worte zu sagen. Herr Dr. Lipschitz erinnert an die schwere Niederlage, die dem Liberalismus in Berlin um die 2ahrhundertwende sein Eintreten für den Sonntagsgottesdienst gebracht hat. Er rechnet es sich zum besonderen Verdienst an, dafür gesorgt zu haben, datz diese Frage „ein für alle Wal" aus dem Programm des Liberalen Vereins verschwand, und er beklagt es als „sündhaftes Spiel mit dem Feuer", daß die 2ugend diese Forderung jetzr wieder aufnimmt. Gewitz: man soil aus den Ereignissen der Vergangenheit lernen. Aber man mutz es wirklich verstehen, im Buche der Geschichte zu lesen. So einfach ist es nicht, datz alles, was einmal zum Schlechten ansgeschlagen ist, auch schlecht ist und für immer gemieden werden muh. Nein! Ueber die Wahrheit einer 2deo, über die Berechtigung einer Forderung entscheidet nicht der Ausgang eines Wahl- Kampfes, mag sein Ergebnis sein, wie es wolle. Nur eins geht vielmehr aus jenen Vorgängen hervor: datz damals die Geister für die Einführung des Sonntagsgottesdienstes durch die Gemeinde noch recht genügend vorbereitet waren. Noch gar zu viele Liberale sehen nicht ein. datz es sich nicht um eine Verlegung des Sabbats von' Gemeinde wegen handelt, sondern einfach um die elementare Pflicht der Befriedigung des religiösen Bedürfnisses einer grotzen Anzahl von Glaubensgenossen. Und das nur ist aus jenen Vorgängen zu lernen, datz der praktischen Einführung des Lonnlagsgottesdienstes die Verbreitung der Einsicht an die Notwendigkeit seiner Einführung oorangehen mutz. Das ist es, was die liberale 2ugend feit einigen Fahren in Berlin getan hat. und was Herr Dr. Lipschitz ein „sündbaftos Spiel mit dem Feuer" nennt. Wir haben bisher nicht gethifieren, denn die 2uden sind eine der stärksten Stützen des „Neuen Argentiniens". von dem Du immer sprichst. Die jüdische Nasse ist vielleicht die lebhafteste und dynamischste, wie sie auch die modernste ist. 2n unserem Lande interessiert sich niemand so wie der 2ude für das geistige Leben. Darum betrachte ich die 2uden als wahre argentinische Patrioten, die ich als Mitarbeiter an unserer Kultur anerkenne und schätze." „Das mag alles sein, aber sie wollen uns beherrschen." „Und wer will nicht herrschen? Du zum Beispiel, willst du nicht auch beherrschen? Und ist es nicht logisch, datz sie herrschen, denn sie bilden eine intelligente Nasse. Eine heilige intellektuelle Leidenschaft besitzt 2srael. Hier in Buenos Aires leide» hunderte ihrer jungen Leute und Mädchen heroisch Hunger, Frost und Einsamkeit um di« Schulen und die Universitäten zu besuchen. Für sie ist die höchste menschliche Betätigung der Schriftsteller, der Gelehrte, der Künstler. Und sieh: hier, wo der geistige Arbeiter so wenig geachtet ist, findet der Schriftsteller, der Gelehrte, der Künstler Nospekt, Sympathie und Zuneigung nur in den jüdischen Kreisen. Victor mutzte zugeben, datz in dem „Neuen Argentinien" die Zudeu den. modernsten und lebendigsten Teil bildeten. So wie sie dazu beigetragen hatten, den Jankee-Tgpus zu beeinflussen, so würden sie in ähnlichem Sinne auch aus die argentinische Nation wirken. Bald werden sie das intellektuelle Leben des Landes mitbeftimm^n, also auf den nationalen Geist einwirkcn, das hoitzt auf unser köstüchftes Gut. Und er mutzte zugeben. datz die 2uden Ausdauer und Zuversicht besähen. Er. der die Zuversicht bei gowision politischen Parteien und bei den Frauenrechtlerinnen bewunderte, mutzte gezwungenerwoiso dies auch bei den 2uden tun.". 3m Ganzen schildert Manuel Galvez die sozialen und geistigen r-tröinungen unter den argentinischen 2uden nicht unrichtig, wenn rr auch bisweilen die Farben etwas stark aufträgt. Merkwürdig jedoch ist, datz er die in verschiedenen Landosleilen gelegenen jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien, in denen ein Drittel aller in der La-Plata-Republik lebenden 2sraeliten angesiedelt sind, nicht in den -Kreis seiner Betrachtungen gezogen hat. fordert, datz seine Einführung von der Gemeinde verlangt wird, sondern wir haben über ihn gesprochen und seine Einführung geistig vorzubereiten versucht. Und wenn Herr Dr. Lipschitz uns mit Unkenntnis der Vergangenheit zu entschuldigen sucht — eine Entschuldigung, die beinahe eine Verschärfung des Vorwurfes ist —, fo fei er versichert, datz mir. der ich mich für diefe Bewegung in der Berliner liberalen 2ugend in erster Neihe verantwortlich fühle, diefe Vorgänge seit langem bekannt sind, was er ja auch gerade bei mir nicht ernstlich bezweifeln wird. Aber ich habe die Folgerung aus ihnen gezogen, datz es noch viel Arbeit zu tun gibt, bevor unsere berechtigte Forderung erfüllt werden wird, und habe danach gehandelt. 2ch glaube, datz das eine fruchtbarere Art ist, aus der Geschichte zu lernen, als die, wegen einer Wahlniederlage eine Forderung „ein für alle.Mal" vom Programm abzufetzen. Herr Dr. Lipschitz fürchtet, um ihm einmal aus das Gebiet der taktischen Fragen zu folgen, als Folge der Einführung eines Predigtgottesdienstes am Sonntag Vormittag, datz bei den Wahlen wieder viele Liberale zu den Konservativen abschwenken werden. Nun, auch er weitz, datz andernfalls mit mindestens ebenfogrotzer Wahrscheinlichkeit der Austritt derer, die für sich einen Sonntagsgottesdienst wünschen, aus der Berliner jüdischen Gemeinde erfolgen könnte. Man mag das billigen oder nicht. Man wird jedenfalls kaum den Stab über diejenigen brechen können, die einer Gemeinde, die erklärt. für ihre religiösen Bedürfnisse nicht ebensogut wie für die aller anderen Glaubensgenosien sorgen zu können oder zu wollen, den Nucken kehren. Was das aber für die Zukunft des Liberalismus in der Gemeinde und für die Entwicklung des ganzen Gemeindelebens, die der Einheit heute stärker bedarf als je, bedeutet, braucht für jeden denkenden Menschen nicht erst ausgcführt zu werden. Deshalb scheint mir gerade die taktische Lage des Liberalismus zu gebieten, datz in der Frage des Sonntagsgottesdienstes jetzt etwas geschehen mutz. Man äutzert — und das ist wohl auch das Hauptbedenken von Herrn Dr. Lipschitz —, datz die Einführung eines Prodiglgottesdienstes am Sonntag Vormittag als Vorbereitung einer „Verlegung" des Sabbats von Gemeindewegen angesehen werden könnte. Es bedarf kaum der Erwähnung, datz daran kein Mensch denkt. Aber gibt es einen geeigneteren Weg. um auch diese Auslegung zu vermeiden, als den, der Neformgemeinde eine Gomeindesgnagoge für ihren Gottesdienst zur Verfügung zu stellen? Dann ist es ganz deutlich: die Gemeinde denkt nicht daran, den Sabbat zu verlegen. Wohl aber wird sie ihrer Aufgabe, alle religiösen Bedürfnisse zu befriedigen, dadurch gerecht, datz die Gemeinde denjenigen, die einen Sonntagsgottesdienst für sich wünschen, eine ihrer Sgnagogen zur Verfügung stellt. Ob der Gottesdienst in der Fasanenstratze gut besucht sein wird, diese Sorge sollte man füglich der Neformgemeinde überlassen. 2ch glaube es allerdings sicher. Besser als beim Sonnabendgottesdienft mancher Sgnagogen wird der Besuch jedenfalls sein. Und darum: wenn auch nur hundert oder fünfzig Besucher allein dadurch wieder überhaupt zum Gottesdienst kommen, würde, zumal sie einen grotzen Teil der Kosten selbst tragen, es sich nicht um ihretwillen schon lohnen? Also: zweierlei scheint mir nun das Gebot der Stunde zu sein: die Verbreitung und Erkenntnis von der Notwei'Gigkeit eines Sonntagsgottesdienstes und die vorläufige praktische Verwirklichung dieser Forderung durch die Ueberlassung der Sgnagogo Fasanenstratze an die Neformgemeinde. Schafft liberale Zugendliteratur! Bon Hermann Becker, Berlin. l. Ein Freund unserer Zeitung aus dem besetzten Gebiete beklagt den Mangel jüdisch-liberaler 2ugendlektüre, welche sowohl der Belehrung, als auch der Unterhaltung für die Mitglieder der Zugendvereine dienen sollte, die aber auch als Werbematerial für die Vereine selbst von guter Wirkung sein könnte. Zunächst danken wir unserem Mitgliede für die fruchtbare Anregung, die um fo anerkennenswerter ist, als sie beweist, datz trotz des schweren Leides, das unsere Freunde gerade jetzt in jenem Gebiete erfahren, unsere Bestrebungen auch dort nicht vergesien werden und datz überall, wie die Schrift sagt, „vegel machane b’ne jisroel" die Fahne des Lagers der Kinder 2fraels entfallet wird. Wir wollen im Anschlüsse an diese dankenswerte Anregung in Nachstehendem die Fragen erörtern: 1. Besteht tatsächlich ein Mangel an jüdisch-liberaler 2ugendlektüre? 2. Wenn ja, welche Gründe führen zu diesem Mangel? 3. Werden die von dem Einsender gewünschten Zwecke durch eine solche Lektüre erreicht? 4. Stoffe und Form jüdisch-liberaler 2ugendlektüre. N. Die Frage, ob tatsächlich ein Mangel an jüdisch-liberaler Zugendlektüre besteht, kann nicht ohne weiteres mit 2a oder Nein beantwortet werden, wenn wir nicht zuvor einen kurzen Blick auf die Zugendlektüre, bester die Zugendschriftenbewegung im allgemeinen, werfen, wie sie feit Zähren in der deutschen Lehrerwell sorgsam und zielbewuht gepflegt wird. Die Erkenntnis, die Goethe mit den Worten bezeichnet hat „Für die Zugend ist das Beste gut genug", führte vor Zähren zur Gründung von Zugendschristen-Kommissionen in dem Deutschen Lehrerverein und in seinen Landes- und Provinzialzweigvereinen. Das Organ dieser Zugendschristen-Kommissionen war die „Zugendschriftenwarte", in welcher nach einer hier nicht näher zu erörternder Methode fast alle neu erscheinenden Zugendschriften, aber auch ältere, in den Händen der Zugend befindliche Zugendschriften sorgfältig beurteilt wurden. Die „Zugendschriftenwarte" selbst tag den einzelnen Lehrerzeitungen bei, sodatz der Lehrer im kleinsten Dorfe jederzeit wutzte, welche Bücher er für die Schülerbüchereien, der Zugend und den Eltern mit gutem Gewisten empfehlen konnte. Wie wirksam die Zugendschriften-Kommissionen arbeiteten, das beweist die Gegnerschaft der Verleger und Verfaster der sogenannten Schundliteratur, die häufig zu Prozesten wegen „Gefchäftsschädigung" führte. Za mir können sogar ohne Ueberhebung sagen, datz der Kampf gegen die Schundliteratur, welcher seit Zähren vom Staate, namhaften Schriftstellern. Volksfreunden und Bildungsvereinen geführt wird, feinen Ausgang von den Zugendschristen-Kommissionen der Deutschen Lehrervereine und ihrem Organ, der „Zugendschriftenwarle" genommen hat. Auch der Berbaud der jüdischen Lehreroereine hatte diesen Kampf ausgenommen, auch er gründete eine Zugendfchriften-Kommisfion, welche die Zugendschriften vom jüdischen Standpunkte aus beurteilte. Diese Urteile wurden periodisch im Berbandsorgan veröffentlicht. Leider war es nicht möglich, von den jüdischen Zeitungen Rezensionsexemplare der neuerschienenen Schriften zu erlangen und ihre Beurteilung, für welche kein Honorar berechnet wurde, der Zugendschriften-Kommissi-n des Verbandes zu überweifen. Die Grotzloge B'ne B’ri’th hatte gleichfalls die Bedeutung der Zugendschriften für das Zudentum erkannt und einige Zahre den „Wegweiser" für jüdische Zugendschriften unter der Leitung des Kollegen Dr. Spanier-Magdeburg auf eigene Kosten erhalten. Leider erscheint infolge der ungünstigen Zeitumstände und der Lösung wichtigerer Ausgaben der „Wegweiser" schon seit einigen Zähren nicht mehr. Es gibt also tatsächlich bereits eine Menge guter Zugendschriften für die jüdische Zugend, wenn auch nicht gerade für die jüdisch-liberale Zugend. Der Raum ist hier zu beschränkt, lim diefe Sd>riften alle aufzuführen. Wer sich aber der Mühe unterziehen will, die alten Zahrgänge des „Wegweisers", des Verbandsorgans des Lehrerverbandes und auch der „Zugendschriftenwarte" daraufhin zu untersuchen, der wird seine Mühe reichlich belohnt finden. Wir haben hier auch die in der „Zugendschriftenwarte", dem Organ des pariätifchen Deutschen Lehrervereins und seiner Zweigvereine, beurteilten, also nicht speziell jüdischen Zugendschriften empfohlen, und das mit Recht. Denn die Zugendfchriftenkommifsion des jüdischen Lehrerverbandes hotte feiner Zeit ausdrücklich befchlosten, Zugendschriften, die nicht rein christlichen Znhaltes sind, oder solche, die nicht antisemitische oder gar Bekehrungspropaganda treiben, sondern Vilduugszwerke verfolgen und sittliche Erziehung fördern wollen, auch der jüdischen Zugend zu empfehlen, weil wir für unsere Zugend doch dieselben Ziele erstreben. Freilich sind dies nicht die einzigen, denn wir wollen unserer Zugend ja auch die Kenntnis der jüdischen Geschichte, der jüdischen Religion und des jüdischen Schrifttums vermitteln in möglichst verständlicher und anregender Form, und dazu brauchen wir jüdisch-liberale Zugendschriften. Die Zionisten, die uns Liberalen ja stets — worauf ich fo oft hingewiefen habe — an Opfermut, Taktik und Energie weit voraus sind, haben bereits eine Reihe von zionistischen Zugendschriften geschaffen. Sie gaben in diesen Schriften ganz offen und ehrlich ihre Absichten zu; ja diese Offenheit geht so weit, datz beispielsweise in einer Bearbeitung des Buches Esther für die Zugend, die Hauptpersonen sich den zionistischen Grutz zurufen, als ob schon vor Zahrtaufenden die jüdische „Volkspariei" bestanden hätte. Zch habe in der mir von der Zugendfchriften-Kommission des Lehrerverbandes seiner Zeit übertragenen Beurteilung einiger zionistischer Zugendschriften ausdrücklich darauf hingewiesen. Wo diese Besprechung hingekommen ist, habe ich bis heute noch nicht erfahren, in unserem Verbandsorgan ist sie jedenfalls noch nicht — es sind etwa drei Zahre her — zum Abdruck gelangt. Dieser rührigen Agitation der Zionisten gegenüber hat die liberale Bewegung allerdings nichts, aber auch gar nichts aufzuweisen. Das führt uns zur Erörterung der zweiten oben mitge- Israels Geitteskönig. „Und du Bethlehem in Ephrata, klein im Verhältnis zu deiner Angehörigkeit zu den Gemeinden Zsraels, aus dir soll mir hervorgehen der künftige Herrscher in Zfrael: und fein Ursprung ist von jeher aus den Tagen der Ewigkeit." Micha 5, 1. Nicht selten haben wir es erlebt, datz grotze Männer kleinen Hütten entstammen. Vielleicht hat das seine Ursache darin, datz in der engen Verknüpfung mit der Natur, in ihre lebendige Einfühlung, die Geisteskräfte hier ungebundener und weniger abgelenkt sich entfalten können. Der König David wird geboren in einem kleinen Ort, in Bethlehem. Und weil er einen Teil der Hoffnungen feines Volkes erfüllt hat, nämlich äußere Machtentfaltung und sozialen Fortschritt, so hat seit dieser Zeit der Gedanke eines machtvollen Reiches aus Davidifchem Geschlecht in Israel Wurzeln gefaßt.- Dieser volkstümlichen Anschauung vom äußeren Messiasreiche steht aber eine andere, die prophetische Richtung der \ geistigen Erfassung des mefsianifchen Reiches entgegen. Denn die Propheten betonen, datz äußere Gewaltreiche die Menschen nicht erlösen können — nie erlösen werden! Das fühlt auch David, darum bittet er Gott um einen neuen festen Geist und ein reines Herz. Micha leitet den Geistesfürsten aus Bethlehem her, weil die Uebsrlieferung bei dem Gedanken an dos mefsianifche Zeitalter an die Vorstellung von der davidifchen Zeit anzuknüpfen pflegt. Der König der äußeren Alacht ist ein Hinweis auf den König des Geistes als wahres Vorbild für die Menschheit. Von gleicher Auffassung wie Micha läßt sich auch Zesaja leiten, wenn er hervorhebt: „Es keimt ein Sproß aus dem Stamme Zsais, und ein Zweig aus seiner Wurzel wird Frucht bringen. Aus ihm wird ruhen der Geist des Herrn . . . ." der mit Gottesgeist erfüllte Herrscher ist also der wahre Führer Ziraols, der Zdealmensch, den die Propheten als Bahnbrecher und Lrlofer predigen — ja nicht nur predigen, sondern herbeisehnen. Die Propheten selbst fühlen diese Geistesmacht noch nicht in sich — denn [ie verlogen ja dieselbe in die Zukunft. „Sein Ursprung ist von jeher aus den Tagen der Ewigkeit." Micha sieht, datz der Gedanke eines fplchen göttlichen Führers, als das Beispiel eines wahren, mit göttlichem Geiste erfüllten Menschen „von jeher" im Plane des göttlichen Weltengrundes gelegen hat. Zst aber der Gedanke Gottes: ein göttlicher Mensch — so ist es ganz offenbar, datz die gesamte Weltfchöpfung allein im Hinblick auf einen solchen Bahnbrecher zur Gestaltung einer geisterfüllten Menschheit, als das Messiasreich, entstanden ist. E. O. Du 'Cbora Gottes. Zur Konfirmalionsfeier in der özmagoge;u Ljjen. Von Dr. S. Samuel. Du Thora Gottes, vollkommen, mit Klarheit Die Seele erfüllend, Du Zeugnis Gottes, ein Spiegel der Wahrheit. Die Weisheit enthüllend; Zhr Ordnungen Gottes, verständig und grade, Die Herzen berückend l Du Furcht des Herrn, wie bleibst Du erhaben, Bestehst alle Zeiten; Zhr Rechte Gottes, wie berget ihr Gaben, Das Hoi! zu bereiten. Viel köstlicher gilt mir, denn Gold und Geschmeide Und schimmernder Hort, Und süßer denn Honig und Gaumens Weide Dein teures Wort. Auch mich soll es mahnen mit mächtigem Klange Und warnen mit Dräu'n, Auf datz ich den Lohn Deines Dienstes empfange, Zn Harren und Treu'n. Verirrung, wer merkt sie? tilg' heimliche Sünde, Berborgen begangen; Auch datz ich mich rohem Frevel entwinde. Zst heißes Verlangen. Gewonnen Hab' ich das Ziel meines Lebens, Nimmst Du mir die Schuld, Gerungen nicht um den Kranz vergebens. Schenkst Du mir die Huld. O laß Dir gefallen der Deinen Spende. Die huldigend kamen, Und führe das Opfer der Herzen und Hände Heut' himmelwärtsl Amen. (Nach Psalm Id).

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