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Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-05-18 · 20 (18.5.1923) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
3 (1923)
Issue
20 (18.5.1923)
Date
1923-05-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Der Zarismus in Mitteldeulfchlaud. Die Bevölkerung Mitteldeutschlands ist seit der Revolution politischen Extremen besonders zugänglich. Das bat der Kommunisten- Aufstand im Sahre 1921 bewiesen, der eine grobe Gefolgschaft in Mitteldeutschland fand. So ist es denn kein Wunder, daß. besonders gefördert durch die immer mehr zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, sich auch weite Kreise in Mitteldeutschland der rechtsradikalen Bewegung anschlossen, die im Rational-Sozialismus, in der Deulfchsozialen Partei oder in der Deutsch-Völkischen Freiheitspartei organisiert ist. Der Herd für den Zarismus in Mitteldeutschland ist in Staßfurt, wo unter Leitung von Hans Hottenrot die „Mitteldeutsche Presse erscheint, ein Blatt, das in der allorübelsten Tonart Pogrom- und Gosien-Antisemitismus verzapft. Da mit dieser Hetze in vielen Zöllen auch eine solche gegen die bestebende Staatsform verbunden war, so sah sich der Oberpräsident der Provinz Sachsen bereits sechsmal veranlaßt, das Blatt auf Grund des Gesetzes rum Schutze der Republik zu verbieten. Vor Kurzem wurde Hottenrot von dem Slaalsgerichlshof in Leipzig wegen Beschimpfung der Republik und der Regierung;u 2'A Sahren Gefängnis und 100 000 Ji Geldstrafe verurteilt. €s sei hier nur eitle von den vielen Stilblüten wiedergegeben, die sich tagtäglich in jeder einzelnen Nummer der „Mitteldeutschen Presse" wiederholen und rwar nicht nur in politischen Artikeln, sondern auch in fast allen Lokal- und Feuilleton-Artikeln. So schrieb Herr Hottenrot kürzlich einmal, daß die Süden, die auch die Rätediktatur in Bagern gemacht hätten, dort während der Kommunisten-Herrschaft 69 katholischen Geistlichen die Zunge hätten herausschneiden lassen, und das Allerfürchterlichste ist, dah ein derartiger Unsinn geglaubt wird, und daß ein solches Blatt in einer Auflage von 10 000 Exemplaren über, ganz Mitteldeutschland verbreitet ist. Daß Herr Hottenrot weiterhin behauptet, nicht die Völkischen hätten Rathenau ermordet, sondern die Süden selbst hätten die Mörder gedungen, weil Rathenau ihnen zu deutschfühlend eingestellt gewesen sei, ist eine weitere Leistung dieses Herren, die für den Charakter der Zeitung spricht. Sn fast regelmäßigen Abständen kehren Gotteslästerungen. Beschimpfungen der jüdischen Religionsgemeinschaft und Aufreizung zum Klassenhäß gegen die Süden immer wieder, so daß bereits 17mal eine gerichtliche Bestrafung Hottenrots erfolgen mußte, und daß weiterhin auch eine Anzahl von Fällen in der Voruntersuchung schweben. Sn Staßfurt selbst ist durch Hottenrots Blatt eine solche Athmosphäre geschaffen worden, daß die Glaubensgenossen dort in der übelsten Weise belästigt werden, daß sogar frühere Patienten des jüdischen Arztes Hans Rieger. unseres dortigen Vertrauensmannes, denen er das Leben gerettet hat, diesen Mann heute beschimpfen und bedrohen, und daß sein Sohn in der Schule von den Kindern solcher Leute beschimpft und bespien wird. Ls ist fostzustellen, daß von Seilen der Völkischen sgstematisch eine Agitation in allen Arbeiterzügen stattfindet, und so fährt von Magdeburg nach Schönebeck oder nach Burg kaum ein Arbeiterzug, in dem nicht die völkischen Agitatoren gegen die Süden Wematisch hetzen; ganz besonders zeichnen sich hierbei Werksstudenten aus. Sn Halberstadt haben die Rational-Soziaiisten kürzlich unter Führung des berüchtigten Herausgebers der Wochenschrift „Sturm" in Hannover, die auch in Mitteldeutschland sehr stark verbreitet ist, des Herrn Quindel versucht, eine größere Aktion zu unternehmen. Quindel war dort mit einem Stabe von früheren Offizieren und Studenten, die teilweise sogar aus München gekommen waren, erschienen und trieb in einer Vertrauensmännor-Versammlung der Völkischen eine wüste pogrom-antisemitische und staatsgefähriiche Hetze. Snzwischen ist Quindel wegen staatsgefährlicher Umtriebe verhaftet worden. Daß Halle in übler Weife verseucht wird» braucht wohl nicht erst besonders betont zu werden, denn bei dem Charakter Halles als Universitätsstadt muß man das ja heute leider als selbstverständlich betrachten. Aber auch hier sind in der Arbeiterschaft schon starke national-sozialistische Strömungen bemerkbar. Sn den durch den Kommunistenputsch bekannt gewordenen Leuna- Werken, die zwischen Merseburg und Weißenfels liegen, macht sich ganz besonders in der Angestelltenschaft ein starker Faszismus breit, der offensichtlich noch durch die Werkleitung, der zum Konzern der Badischen Anilin- und Sodafabrik gehörigen Werke gefördert wird. Auch das Mansfelder Bergrevier ist von den Völkischen stark bearbeitet worden. Dort ist der deutschvölkische Propagandist Dolle herumgereist, der überall vor den Bergarbeitern in Knappschaftstracht spricht, und hat den Arbeitern das Märchen von ritualem Mord und andere Schauergeschichten Uber die Süden erzählt. Der nördliche Teil Mitteldeutschlands, die Altmark, ist nicht wie das übrige Mitteldeutschland, industriell, sondern agrarisch eingestellt, und auch in diesem Teil macht sich der Radau-Antisemitismus lebhaft bemerkbar. Sn Gardelegen wurden kürzlich bei jüdischen Geschäftsleuten die Scheiben eingeworfen und Firmenschilder besudelt und demoliert. Man scheut sogar nicht zurück, die Schilder von jüdischen Aerzten zu zerstören. Sn Salzwedel erscheint dar Salzwedel- Gardelegenor Wochenblatt, das durch seine Sudenhetze dazu beitrug, eine derartige Radauatmosphäre zu schaffen. Cs ist ganz selbstverständlich, daß von Seiten des Zentralvereins alles getan wird, um dieser Hetze, die nicht nur eine starke Gefahr für die Sudenschaft. sondern auch für die Ruhe und Sicherheit des Staates überhaupt bedeutet, entgegenzutreten und daß versucht wird, weite Kreise der christlichen Bevölkerung über die Sudenfrage aufzuklären. Line Aufklärung und Abwehr kann aber nur dann Erfolg haben, wenn sich sämtliche Glaubensgenossen der ungeheuren Gefahr bewußt sind, die aus diesem faszistischen Treiben entsteht, und wenn sie ihrerseits dazu beitragen, ein jeder in se'nrem Kreise, im Beruf wie im Privatleben Aufklärungsarbeit im Sinns des Oentralvereins zu treiben. Kurt Sabatzkg. Amerika und der Antisemitismus. Hauptmaun Hibben» der längere Zeit im ayrerikanischen diplomatischen Diensten stand und gegenwärtig eine Abteilung der Ransen-Organisation Ar Kinderhilfe in Rußland leitet, äußerte sich dem S. G. B.-Vertreler gegenüber Uber die auf Vorträge russischer Reaktionäre sich stützende antisemitische Kampagne des „Rew Zork Herold" und des „Boston Transcript", die mit dem Schlagwort arbeiten, Rußland werde von Süden regiert und die Süden trügen an allen Röten Rußlands die Schuld, folgendermaßen: „Ls ist vollkommen klar, dah eine derartige Kampagne dem Geiste der amerikanischen Oeffentlichkeit fremd ist. Der Antisemitismus ist ein schädliches Ueberbleibsel des Mittelalters, für ihn ist kein Platz mehr im modernen Leben. Gegenwärtig wird die Anteilnahme von Süden am öffentlichen Leben in Sowjetrußland benützt, um die Verantwortlichkeit für alles, was in Rußland geschieht, auf die Süden abzuwälzen. So;. B. wird Trotzki als der tatsächliche Beherrscher Rußlands hingestellt. Und da er Sude ist, wird der Gedanke lanciert, als ob es die russische Sowjetregierung auf den Kampf gegen das Christentum abgesehen hätte. Diese Propaganda soll sowohl das neue Rußland, als auch das Sudentum diskreditieren. Dieses ist das Ziel der russischen Reaktionäre, die in Amerika in der Rolle der unterdrückten Sntelligenz auftreten, aber in ihren Vorträgen beweisen, daß sie weder von der vor-, noch von der nachrevolutionären Geschichte ihrer Heimat Kenntnis besitzen." Die Internierung der flücbtltnge in Danzig. Wie bekannt, sind die in Danzig eingetroffenen jüdischen Flüchtlinge im Emigrantenlager eingeschiossen und dürfen die Stadt nicht betreten. Wie der 2. C. B.-Vertreler erfährt, will sich der Danziger Senat bereit erklären, den Flüchtlingen zu erlauben, dreimal in der Woche je zwei Stunden in die Stadt zu kommen. Die Flüchtlinge sind damit nicht zufrieden. Sie gründeten ein Selbsthilfskomitee, welches sich demnächst in dieser Angelegenheit an den Danziger Oberkommissar, der der Vertreter des Völkerbundes ist, wenden wird. Ein Verband der jüdischen Gemeinden Ungarns. Sn Ungarn sind Bestrebungen im Gange, einen einheitlichen Verband der jüdischen Gemeinden aller religiösen Schattierungen zu gründen, der angesichts der das öffentliche Leben Ungarns vergiftenden antisemitischen Bewegung das Recht der ungarischen Süden wahrnehmen und für die Sicherheit der jüdischen religiösen und kulturellen Bestrebungen sorgen soll. Auch soll eine einheitliche Gestaltung des Gemeindesteuerwesens erreicht werden. Die Anregung geht vom stellvertretenden Präsidenten der Pester israelitischen Religionsgemeinde, Dr. Alexander Lederer, aus und soll bereits die Zustimmung einer Anzahl größerer Gemeinden gefunden haben. Einladung jüdifeber Studenten nach Italien. Die italienische Regierung hat verfügt, daß ausländische Studenten. die sich in die öffentlichen Schulen Staliens, welchen Ranges und Grades immer, und in die höheren Lehranstalten einfchreiben, von der Bezahlung jeder, sei es normalen, sei es außerordentlichen Gebühr, befreit sind. Das „Comitito Iialiano Di Assistenza Agli Emigranti Ebrei" (Stalienisches Komitee zur Unterstützung der jüdischen Emigranten) erläßt eine Bekanntmachung, in welcher es sich bereit erklärt, jede gewünschte Snformation, sowie moralischen Beistand denjenigen jüdischen Studenten zu gewähren, die in Stalien ihr Studium fortsetzen wollen. Das Komitee erklärt aber zu seinem Bedauern, daß ihm seine materielle Lage nicht gestatte, den Studenten auch eine finanzielle Unterstützung angedeihen zu lassen. Das jüdilcbe Bchulwefen in Bulgarien. Das bulgarische Unterrichtsministerium veröffentlicht soeben eine Statistik jener Schulen der Minderheilsnationen, die vom bulgarischen Staat erhalten werden. Unter der Rubrik „Südische Schulen" werden 24 vom Staate subventionierte jüdische Unterrichtsanstalten aufgezählt. Diese Schulen unterstehen dem allgemeinen Snspektorat der staatlichen Volksschulen. Ungeheures Elend unter der "Juden febaft der Krim# Laut de» Rachrichten, die die Südische Welchilfekonferenz aus der Krim erhielt, befindet sich die dortige jüdische Bevölkerung in einer furchtbaren Notlage. Die angestammte jüdische Einwohnerschaft der Krim, die sogenannten „Krimtschakis", sterbe buchstäblich Hungers. So sind z. B. in Karasubazar, wo ungefähr 3500 Süden leben, mehr als 400 Kinder unter 15 Sahren an Hunger und Epidemien zugrunde gegangen. Die Einwanderung nach Argentinien. Berlin. (3. C. V.) Rach einem Telegramm aus Buenos Aires eröffnele der Präsident der argentinischen Republik de Alvear am 7. Mai das argentinische Parlament mit einer Botschaft, auf welcher er unter anderem verkündete, die Regierung sei bereit, die Einwanderung nach Argentinien in jeder Weise zu fördern und werde zu diesem ^weck Beratungsstellen für Fragen der Kolonisierung cinrichten. Kurze Betrachtungen. Wir haben in zwei Artikeln dieser Zeitung darauf hingewiesen, wie verfehlt die Fassung des t 2 des Reichsschulgesetzentwurfs sei, wenn betont wurde, daß die G e m e i n s ch a f 1 s s ch u l e auf „christlicher" Grundlage ruhen müsse. Diese Fassung ist umgeändert in „religiös-sittlicher", dafür aber der Zusatz ausgenommen worden: „Snsbesondere hat sie die aus dem Christentum erwachsenen Werte der deutschen Volkrkultur unterrichtlich und erziehlich lebendig zu machen". Hier ist wiederum der Begriff „Christentum" unklar und der Erklärung bedürftig. Sst das katholische oder evangelische Christentum gemeint, oder das orthodoxe, pietistische, oder nationalistische" Ls gibt religiös-sittliche Werte, die allen Religionen gemeinsam sind, und die den einzig wahren Kern echten Menschentums in sich bergen, wie sie z. B. in Lessings Toieranzdrama .,'Nathan" zum Ausdruck kommen, ^ch, nein, wird uns da von christlichen Theologen zugerufen, die Toleranz beruht auf „einer sittlich wertlosen, ja bedauerlichen Gleichgültigkeit". Wir erinnern an den'Sturmlauf, den das Kirchenregiment, das doch vorwiegend aus streng gläubigen Dementen besteht, gegen H a r n a ck s „Wesen des Christentums" seiner Zeit veranstaltete. Ls wird gepredigt, daß das Christentum nicht nur Lehre sondern auch Leben ist, daß es eine Religion der Liebe bedeutet — aber in der Praxis? Was nutzt eine Lehre ohne praktische Betätigung? Wir lasen unlängst die grellen Worte eines christlichen Schriftstellers: „Durch Blut und Greuel watet das Christentum seinen Weg"-„Denn nicht die Humanität Sesu ist das wichtige Moment für das Dogma, sondern der Opfertod; nicht auf dem Leben und Wirken des Erlösers liegt der religiöse Nachdruck, sondern auf seinem Leiden und Sterben; nicht der lehrende, liebende, segnende, verzeihende Christus ist das kirchliche Vorbild, sonder» der gegeißelte, dornengekrönte usw. Wir sehen also, daß der Begriff „Christentum" mit dem daraus erwachsenen „Werte der deutschen Volkskultur" geklärt werden muß. Cs müßte dabei auch scharf präcisiert werden, welchen Standpunkt das Christentum der jüdischen Gottesidee gegenüber einnimmt, die „zu ihrem ausschließlichen Snhalte die Sittlichkeit des Menschen" hat. (Hermann Cohen).-Der frühere Pastor, jetzige Schriftsteller Frenßen meint in seinen „Grübeleien": „Alle die sind Christen, welche sich zur Bergpredigt bekennen". Die Bergpredigt umfaßt die bekannten Seligpreisungen (Co. Matthäi c 5), die jüdischen Ursprungs sind. Sn Luthers Uebersstzung des Reuen Testaments werden die Quellen genau angegeben. Man möchte Frenßen die Worte „Nathans" zurufen: „Denn was mich auch zum Christen macht, das macht auch mich zum Sudenl" Das angeborene Gefühl christlicher Oberhoheit läßt anderen keine Gerechtigkeit widerfahren. — An einer anderen Stelle sagt Frenssen: „Es ist nie vorgekommen, dah ein Mann von Geist orthodox gewesen ist". Ls ist die Eigentümlichkeit vieler Aphorismen und Lakonismen, daß ihnen mehr Geistreichtiinrelei als Wahrheit anhafte. Auf jüdische Theologen, die der gesetzestreuen Richtung angehören, kann das Dictum nicht angewandt werden. Wir denken an den Chacham Vernags, gestorben 1849 in Hamburg; er nannte sich Chacham, um nicht mit den freisinnigen Rabbinern damaliger Zeit indentifiziert zu werden. Heinrich Heine äußerte sich über ihn: „Bernags habe ich predigen hören — aber er ist doch ein geistreicher Mann und hat mehr Spiritus in sich als Kleg. Salomon, Auerbach 1 und 2". Nicht minder geistvoll war der in Frankfurt a. Main 1888 verstorbene Rabbiner Samson Raphael Hirsch, eine Säule des orthodoxen Sudentums.-Oft begegnen wir der These: Das römische Volk hatte die besondere Gabe, den Staat zu bilden, das griechische die K u n st, das jüdische die Religion. Wir Süden freuen uns dieser Anerkennung, leider macht man bei der Prämisse Halt und verschluckt die Schlußfolgerung, sodaß sich ein Cnthgmem bildet. Man geht noch weiter und ignoriert das Sudentum als Religion. Den Süden gegenüber ist alles gestattet -Wie alle Vergleiche hinke», so auch folgender: Der Hauptvorzug der Griechen im Vergleich mit den Orientalen war Nüchternheit. Besonnenheit, gesunder Sinn. Man zählt die Süden zu den Orientalen — und dennoch ist bei ihnen das Maßlose, Grenzenlose weit mehr verpönt, als bei anderen. Wenn die Griechen die Vollkommenheit in dem Begrenzten, dem Abgeschlossenen erblicken, ihr Tolos, Ziel und Abschluß bedeutet, so haben die Süden ihr C a ch l i s, Ziel, Vollendung. Die Frage: Wer ist ein Held? beantworten unsere alte» Weisen mit dem Satze: Derjenige, der seine Leidenschaften bezwingt. Sst das nicht Ausdruck der Besonnenheit? Oder sie fragen: Wer ist reich? und sie geben zur 'Antwort: „Wer sich begnügt mit dem, was er hat". Hier ist also nichts von einem Flug ins Land der Träume, von phantastischer Ausmalung zu merken, sondern der nüchterne Wirklichkeitssinn tritt in die Erscheinung. Nichts überspannen ist ein Charakteristikum im Sudentum, immer das menschlich erreichbare wollen, aber auch verbunden mit dem Streben und dem Drange nach höheren Zielen. Dr. M. Spanier, Magdeburg. Ein argentinischer Schriftsteller über die Süden Argentiniens. Von Arturo Bab, Rivera (Argentinien). Manuel Galvez, einer der bekanntesten Autoren der argentinischen Republik, bemüht sich in seinem, im Laufe dieses Sahres (1922). veröffentlichten Romane „La tragedia de un hombre fuerte" (Die Tragödie eines starken Mannes) die verschiedenen Elemente zu schildern. aus denen sich dar in Bildung begriffene argentinische Volk aufbaut. Sm sechsten Kapitel dieses Buches kommt er auch auf die jüdischen Bewohner des La Plata-Landes zu spreche». Vorausgeschickt sei, daß bis vor einem Menschenaller in Argentinien Süden nur in ganz geringer Zahl wohnten, die sich außerdem als deutsche, französische, italienische, englische Einwanderer von den christlichen Snmigranten der betreffenden Rationen tgpisch wenig abhoben. Die schon damals vereinzelt einwandernden Spaniolen aus Marokko, Eggpten, Kleinasien wurden meist mit den sogenannten „Türken", das heißt sgrischen Arabern, verwechselt. Erst mit den neunziger Sahren des vorigen Sabrhunderts begann die immer mehr anschwellende Welle der osteuropäischen Süden am La Plata zu landen, das heißt Snmigranten ans dem heutigen Sowjet-Rußland. Ukraine, Littauen, Lettland, Polen, Besfarabien usw. Man schätzt die Anzahl der Ssraeliten in Argentinien heute auf 150 000 Seelen, das sind an 1,8 Prozent der etwas über acht Millionen zählenden Bevölkerung. An 60 000 Süden wohnen in der Bundeshauptstadt Buenos Aires, an 40 000 in anderen Städten, wie Rosario, Santa- §e, Cordoba, Mondvza, Tucuman, während an 50 000 in den landwirtschaftlichen Kolonien ansässig sind. Neunzehntel dieser Ssraeliten sind osteuropäischen Ursprungs, acht Prozent Spaniolen und der Nest mittel- oder westeuropäischer Herkunft. Für den argentinischen Volkswirt ist also der „Sude" schlechtweg der Osteuropäer oder seine im Lande geborenen Kinder. Sn dem erwähnten Roman-e trifft die Hauptperson, der Kongreßabgeordnete Victor Urgel, in einem Cafe der Hauptstadt einen Bekannten, den Sournalisten Garbini, der ihm erzählt, daß er sich mit einigen jüdischen jungen Leuten ein Stelldichein gegeben habe. Der Roman fährt dann in deutscher Uebersetzung fort: „Und woher, kennen Sie diese Süden?" fragte Victor. Garbini begnff, daß Victor, wie viele Leute in Buenos Aires, nicht wußte, welchen Einfluß die Süden in den letzten Sahren gewonnen hatten. Die intellektuellen Kreise, in denen der Sournalist verkehrte, waren voller Süden. Man trifft sie in den Redaktionen aller Zeitungen, selbst der allergrößten. Sie selbst besitzen ausgezeichnete Zeitschriften, in denen die berühmtesten Schriftsteller Mitarbeiten. Sie beherrschen de» Cinematograf und beginnen in das Theater einzudringen. Sn der medizinischen Fakultät — Garbini wußte dies durch seine Freunde — gab es vierhundert jüdische Studenten. die selbstverständlich die besten waren. Unter den Hörern der „philosophischen und litterarischen Fakultät" waren die Mehrzahl Ssraeliten. Die Süden hatten begonnen, in die Universitäten einzudringen, in zehn Sahren werden sie die Volks-:) und Ggmnasial-Vildung in den Händen haben. Sn der Politik gehörten sie fast alle zur Sozialdemokratie, und die Erfolge der russischen Revolution hatte sie zu Revolutionären gemacht. Diese jungen Leute," sagte Garbini mit naiver Bewunderung, „sind zwei Talente, zwei Gelehrte. Sch habe sie in den Redaktionen, im Kasseehause und auf der Straße kennengelernt-(hier folgt eine Charakter-Schilderung Garbinis)-Schließlich kamen die beiden Säuglinge. Einer war abschreckend häßlich, mit einer großen, an der Spitze verdickten Rase, dunklen kleinen Augen und kaltem, unangenehmen Gesichtsausdrucke. Der andere, ungefähr L2 bis 23 Sahre alt, war sympathisch und ein schöner Menschenschlag, mit vornehmen Manieren. Cr hatte eine breite Stirn, etwas weiblichen und roten Mund, glatten und weißen Teint. Beide sprachen mit ausländischem Akzente.2) Sie plauderten eine Stunde mit dem Kongreß-Abgeordneten. Da sie ebenfalls Pazifisten waren und die Rede Victors gelesen hatten?), so betrachteten sie ihn anfänglich als einen politischen Gesinnungsgenosse». Aber bald wurden sie mißtrauisch und aggressiv. Cs waren unstreitig zwei junge Leute von hoher Kultur und großem D Sn den Lehrerinnen-Seminaren gibt es allerdings eine gewisse Anzahl jüdischer Schülerinnen, dagegen sehr wenige unter den Lehrern. 2) Die in den geschlossenen jüdischen Agrar-Kolonien aufgewachsenen jungen Leute haben wohl im Spanischen einen etwas fremden Akzent, nicht aber die städtischen. Z) Sm Anfänge des Romans hält Victor Urgel im Kongresse eine Rede für die Neutralität im Weltkriege. Talente, aber unsympathisch. Victor erkannte wohl ihren geistigen Wert, fühlte aber doch, daß 'er sich mit ihren Anschauungen nicht identifizieren könne. Sie sprachen von der Lage der Süden, und obgleich sie geborene Argentinier waren, behaupteten sie doch zuni Verdrusie Victors, daß es im Lande Antisemitismus gäbe.4) Für sie war das bewunderungswürdigste Land der Welt die nsrdamerikanische Union, doch war offenbar der Grund dafür der Einfluß, welchen dort die Süden haben. Sie erwähnten mit Stolz, daß in New Jork ein und eine halbe Million Süden lebten. Skr litterarischer Geschmack war eigenartig. Sie lobten nur die revolutionären und antiklerikalen Schriftsteller. Die übrigen hatten sie überhaupt nicht gelesen. Victor fiel es auf. daß die jungen Leute, wovon sie auch sprachen, doch stets ihres jüdischen Ursprungs eingedenk blieben. Bald darauf kamen noch zwei andere. Victor bat sie um einig« Snformationen. um sich über die Wichtigkeit der Ssraeliten in unserem Lande Rechenschaft zu geben. Sie sagten ihm. daß in Buenos Aires 100 000 Südens) wohnten u»d im ganzen Lande 150 000 Seelen, und einer von ihnen behauptete, daß in zehn Sahren das ganze geistige Leben Argentiniens von den Süden geleitet werden würde. Alle diese Mitteilungen bestätigten das bereits von Garbini angeführte. Victor war überzeugt, daß die Süden eine gewaltige Kraft bildeten, welche im Begriff sei, die geistige Physiognomie des Landes umzuformen. Dies sprach er auch wenige Tage später Rauchü) gegenüber aus und verhehlte nicht, daß er mit ihnen nur wenig sympathisiere. „Du tust unrecht," sagte Rauch, „nicht mit ihnen zu sgmpa- 4) E§ gibt in Argentinien seit der Sowjet-Herrschaft in Rußland in weiten Kreisen Mißtrauen und Widerwillen gegen di« „Russen" als vermeintliche Träger bolschewistischer Sdeen. Da fast alle „Rusien" im Lande aber Süden sind und fast alle Süden aus Rußland stammen, so trifft dieselben in erster Reihe dies Mißtrauen. Eigentlicher Antisemitismus ist es aber nicht. Die zahlreichen deutschrussischen Ackerbauer, die es in vielen Landesteilen Argentiniens gibt, rechnet man mit Recht „völkisch" nicht zu den Russen. s) Ls sind, wie erwähnt, nur an 60 000 Seelen. l>) Ranch ist ei» intimer Freund Victor Urgels. Der Name „Rauch" (5er Argentinier spricht „Rautscb") ist im La Plata-Lande nicht unselten. Bereits im Unabhängigkeitskriege gab es einen I Oberst Rauch.

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