Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 19 (11.5.1923)
- Date
- 1923-05-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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gekehrt sind. Bei uns Süden galt nie der Satz: „Iseeai mulier in ecclesia!" Deshalb sitzen nicht bei uns die Zrauen in besonderen Bäumen oder auf den Balkonen; sondern in allen Teilen des Gotteshauses sitzen, wenn auch im Anschluß an die Ueberlieferung getrennt, Männer und Zrauen. inwieweit es gelung-N ist, den hohen Reformgedanken in den äußeren Andachlsformen zum Ausdruck?a bringen, soll hier nicht erörtert werden. Ls liegt in der Zdee der Reformgemeinde, in dem Bekenntnis zur Lehre der Propheten, daß im weitesten Maße auch hier der Gedanke einer ständigen Entwicklung anerkannt wird. Die Reformidee wird durch äußere Formen nicht berührt. Wer unsere Andachten besucht, wer die Prediger hört, die wir zu unserm Glücke besitzen und besessen haben, der weiß, daß in unsern Reihen frisches, lebensvolles Zudentum herrscht. Wir bilden eine Gemeinde im schönsten Sinne des Wortes; wir stehen unsern geistlichen Führern alle nahe, wir kennen uns meist einander innerhalb der Gemeinde, und wir hängen treu an ihr, im weitesten Umfange erfüllt von dem Gedanken, daß jeder an seiner Stelle an der inneren Entwicklung unseres Gemeindelebens mitzuarbeiten berufen ist und sich als Glied unserer Gemeinschaft für die Gesamtheit verantwortlich fühlt. Sn schönster Weise kommt dies insbesondere in unsern Gemeindeabenden zum Ausdruck. Wer unser Gemeindeleben kennt, weiß aber auch — Entgleisungen kommen selbstverständlich vor, sind aber nie ohne Widerspruch geblieben —, daß wir niemals unsere Gemeinde als eine Kampfes-Organifation mißbraucht haben, um Gegensätze innerhalb der großen Gemeinde künstlich herbeizuführen. Wir haben uns stets, so stiefmütterlich wir oft genug bis in die neueste Zeit behandelt wurden, als Glieder der großen Gemeinde betrachtet, und niemals konnte bei uns bisher eine Austrillsbewegung propagiert werden, obwohl dieser Gedanke für uns nahe lag, wenn wir rein nüchtern Zweckmäßigkeitserwägungen folgen wollten. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!" Auf allen Gebieten des jüdischen Gemeinschaftslebens stehen Mitglieder unserer Gemeinde in vorderster Reihe, mag es sich um humanitäre Arbeiten oder um Aufgaben des religiösen Lebens handeln. Groß ist die «Zahl derer aus unsern Reihen, die lebenskräftige jüdische Arbeit verrichten, wie sie nur dem vergönnt ist, für den das Bekenntnis zum Sudentum — nicht blos in politischem Sinne — einen unlösbaren Teil seines eigenen Selbst darstellt. Die Geschichre der Verwaltung unserer großen Gemeinde in den letzten Zahrzehnten zeigt auf Schritt und Tritt führende Männer, die nicht nur der Reformgemeinde angehören, sondern auch in der Reformgemeinde führende Persönlichkeiten sind oder gewesen sind. Sch empfinde es als eine Gewissenspflicht, diesen Aufsatz nicht ohne ernste Worte der Warnung zu schließen. Sch will auf den gegenwärtigen Konflikt zwischen der großen Gemeinde und der Reformgemeinde in Berlin nicht näher eingehen. Möge jeder überzeugt sein, daß es niemanden innerhalb der Reformgemeinde gibt, der nicht mit blutendem Herzen den Erörterungen der neuesten Zeit folgt. Unsere Zeiten haben sich geändert. Ein religiöses Sehnen geht durch die Welt, ein Sehnen nach religiösem Zum iOO. Geburtslage fteymann Steintbals. (16. Mai 1923.) Von Rabbiner Dr. G o 1 tj d) a l k. 3u den Männern, die im vorigen Jahrhundert eine Zierde des deutschen Zudentums gebildet haben, gehört Hegman Lteinthal. Sprachforscher von Beruf, verband er damit eine tiefsinnige Religiosität und eine glühende Liebe zum Judentum. Von weitgehendster Toleranz nach rechts und links beseelt, gehörte jeder zu ihm, dem „das Gebot der Liebe zu Gott und zum Nebenmenschen ausschließlich und rücksichtslos das Wesentliche, das Verbindende und Umschlingende" war. Für das Deutschtum erglühend, prägte er doch den Satz: „An drei Stätten liegen die Wurzeln unserer heutigen Bildung: Nom, Athen, «Zion. Gerade in ihm liegt die Herzwurzel unserer Humanität." Ohne Selbsttäuschung über unsere Zehler. die „offen vor aller Augen liegen", bekennt er sich mutig, aber in geläuterter Weise und im Bewußtsein der schweren Verantwortung zu dem Gedanken der „Auserwählung": „Das auserwählte Volk nennen wir uns, nicht um die Höhe zu bezeichnen, auf welcher wir ständen oder jemals gestanden hätten, nicht um uns als die Vorzüglicheren unter unsern Mitmenschen hinzustellen, sondern um uns jederzeit die Kluft vorzuhalten, die unsere Wirklichkeit von der idealen Aufgabe der Sittlichkeit trennt, die Kluft zwischen unsern Mängeln und dem von den Propheten gezeichneten Borbilde." Gr- Haben über die Zudenfeindschaft, erfüllt von dom Gedanken, „daß die Lösung der Zudenfrage in der Höhe liegt, daß der „Mensch" sie vollziehe, den es unter Zuden und Christen geben kann", verurteilt er doch voll Zorn die „schmachvolle Zeit", in der der Zude, „wenn er zu höherer Bildung gelangt war, sich seiner Abstammung schämte, diese in Wort und Tat verleugnete, so stark er konnte..." Tief versenkt er sich in das Wissen seiner Zeit» bildet sich zu ihrer Kultur heran und bekennt doch in rührender Pietät: „Sch kann nur sagen, daß mir die Melodien, welche ich in der Sgnagoge gehört und an unserem Zamilientisch gesungen habe, wunderbar tief im Kerzen sitzen und alle Zeit meines Lebens meine Stimmung beherrscht haben." Ergründer der deutschen Sprache, weiß er den Wert der Sprache der Väter doch voll zu würdigen: „Die hebräische Sprache ist die heilige Sprache. Sie ist es darum, weil wir nur in ihr eine heilige Literatur und in ihr nur die heilige Literatur besitzen. Sie.ist die Sprache Gottes, weil wir in ihr Gottes Wort haben, weil sie die Sprache der Religion ist." Und in vollem Gegensatz zu vielen heutigen „Gebildeten", davon Kinder für alles mehr Zeit haben als für Religions-Unterricht, ruft er den Tltern zu: „Religions-Unterricht tut nicht alles, aber wenn Du wohl überlegst, wie Du Dein Kind Gemeinschaftsleben. Dieses Lehnen geht auch innerhalb unserer Reformgemeinde durch die Herzen und die Gemüter, und strömt insbesondere aus den Herzen unserer Tugend, der sich unsere Prediger in vorbildlicher Weise widmen. Zeder ehrliche Streben nach religiöser Entwicklung verdient freie Entwicklungsmöglichkeil, gleichgültig, ob es sich auf der rechten oder auf der linken Leite geltend macht. Zeder erkenne den. anderen als gleichberechtigt an, der strebend sich bemüht! Bei gutem Willen ist dies möglich. Zch selbst rechne es zu den schönsten inneren Erlebnissen, daß in gemeinsamer Arbeit ich stets mit Männern und Zrauen der verschiedensten Richtungen im jüdischen religiösen Leben nicht nur gemeinsam gearbeitet habe und arbeite, sondern daß aus dieser gemeinsamen Arbeit und dem daraus sich ergebenden gegenseitigen Verständnis schönste freundschaftliche Beziehungen sich entwickelt haben. Die Gemeinschaftsarbeit darf nicht gestört werden! Die große jüdische Gemeinde in Berlin befindet sich in so bedeutungsvoller und für das ganze Judentum so verantwortlicher Stellung, daß sie eine solche Störung nicht erleben darf. Es darf nicht dazu kommen, daß so viele wertvolle Anhänger und Vorkämpfer des Judentums aus der großen Gemeinde hinausgedrängt werden. Dies wird nicht geschehen, wenn die weiteren Verhandlungen von dem Wunsche beseelt sind, dem Streben des andern Achtung entgegenzubringen. Es muß die Reformgemeinde als gleichberechtigtes Glied der Gemeinschaft anerkannt werden. Es hat so schön kürzlich eine der führenden Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinde, die nicht der Reformgemeinde angehört, gesagt: „Wenn die Reformgemeinde nicht bestände, müßte sie jetzt gegründet werden." Von diesem Geiste müssen die Verhandlungen getragen sein. Richt Duldung, sondern Anerkennung verlangt die Reformgemeinde, und diese muß ihr gewährt werden. Dies ist insbesondere ein Gebot eines seiner Aufgabe bewußten Liberalismus! Toleranz! Sehr geehrte Redaktion! Sie wünschten meine Meinung über folgende beiden Fragen zu hören: 1. Welche Stellung soll der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde gegenüber der Reformgemeinde einnehmen? 2. Soll insbesondere der Reformgemeinde die Synagoge Fasanenstraße für Sonntagsgottesdienste zur Verfügung gestellt werden? Bevor ich die beiden Fragen beantworte, schicke ich voraus, daß ich kein Anhänger der Reformgemeinde bin. Zch kann namentlich die fast vollständige Ausschaltung der hebräischen Gebetsprache aus dem Gottesdienst der Reformgemeinde nicht billigen; denn für mich gehört die hebräische Gebeisprache zum jüdischen Gottesdienst, Sie ist für. mein Gefühl untrennbar mit dem jüdischen Gottesdienst verwachsen. Es ist zuzugeben, daß leider ein sehr großer Teil unserer Glaubensgenossen nur eine geringe Kenntnis der hebräischen Sprache besitzt und hebräische Gebete nicht versieht, ein Teil sogar sie kaum lesen kann. Das kann aber kein Grund sein, sie aus dem jüdischen Gottesdienst zu verdrängen. Es muß vielmehr nach meiner Meinung mit größter Energie darauf zweckmäßig erziehst, so wirst Du stets finden, daß durch guten Religions-Unterricht Deine Erziehung die eigentliche Grundlage finden muffe." Wenden wir uns nun zu diefen Grundlagen, auf denen die gekennzeichneten Anschauungen Steinthals beruhen. „Was ist Religion? Nichts anderes und nichts weiter als das Gefühl der Erhebung. . Begeisterung für das Gute, das Wahre und das Schöne schlechthin. — Der Schwung und die Nähe des Unendlichen erzeugt das wohltuende Gefühl der Erhabenheit, und dieses ist Religion." Wir sehen: Religion ist für Steinthal keine Summe von Lätzen, erschöpft sich nicht in einer Anzahl von Bräuchen, sie ist nichts von außen Hereingetragenes, sondern etwas, was immer da ist, nichts Zufälliges, sondern Wesenhaftes. Religion ist Steinthal Religiosttät, ist lebendig wirkende Leelenkraft. Sie ist der Zug zum Zdealen und die Sehnsucht danach. Aber nicht in diesem Gefühl allein steht Lteinthal das Wesen des religiösen Menschen, hier liegt nur der Quell, aus dem die religiöse Tat entspringt. Ausdrücklich prägt er uns das ein, wenn er den Gegensatz zwischen „heilig und profan" dahin erläutert: „Profan ist, wenn nur der 7. Tag als Labbat gilt, bloß weil dieser Tag so heißt. Hätte er den Sabbat wirklich in stch, so würde ihm dieser auch ati den 6 Werktagen nicht fehlen ... ein kräftig religiöser, ein wirklich frommer und sittlicher Geist durchhaucht alles Materielle, er haucht es wenigstens an." Wundervoll ist der religiöse Mensch hier gezeichnet, er, bei dem jeder Gedanke, jedes Gefühl, jede Willensregung und erst recht jede Tat Religion ist. Entweder man ist immer religiös oder man ist es überhaupt nicht. Lin Mittleres kennt Lteinthal nicht — so wenig wie Gott. Und so faßt Gott für ihn die Lumme all der Gefühle, die unsere Religiosität bilden, in sich, er ist der Höhepunkt alles dessen, worauf unser Streben abzielt, unser Lehnen geht. Er ist „der unauslöschliche Herd der Begeisterung, von welchem die Strahlen abwärts gehen." Um diesen Gott freilich ringt Lteinthal wie nur ein frommer Gotteskämpfer, mit unendlicher Liebe möchte er alle sammeln und an stch ziehen, die sich diesem Gotte in irgend einer Zorm nahen wollen. Worauf es schlechthin ankommt, das ist die Erhebung des Menschen, Verfeinerung des Gefühls, Veredlung der Triebe zum Handeln, Reinigung der Gedanken. Zst Gott das Hohe an sich, das Zeine, Edle, Reine, so wird jeder Schritt in der Erhebung unseres gesamten Gemütes eine Annäherung an Gott darstellen." Und so möchte er auch nicht, daß sich durch das Mehr oder Weniger der Zeremonien eine Kluft innerhalb der Zudenheit auftue; nur auf Vertiefung und Vergeistigung dringt er immer wieder und wieder. Das Gebet soll vor allem „von aller Kleinlichkeit befreien und in höhere Gedankenkreise erheben, und stärken und reinigen zur guten Tat". Und Andacht ist ihm nicht bloß äußerliches Stillesein, Andacht ist eine „innere Tat. es ist die „Anspannung hingearbeitet werden, daß ein Fehler, den die letzte Generalien in der Vernachlässigung der hebräischen Sprache begangen hat, wieder gut gemacht wird, und daß unsere Lügend mehr Hebräisch lernt. Zch kann den Einwand nicht gellen lassen, daß ihr die Zeit dazu fehlt, und daß dies eine Ueberlastung unserer Zugend bedeutet. Die Zeit muß dazu da sein, ein Zude darf die Sprache nicht* vergessen, in der seine Väter seit Zahrtausenden gebetet haben, die er als lebendiges Gut und als heiliges Erbe überkommen hat. Er hat die Pflicht, dies heilige Erbe zu ehren und zu erhalten und muß die Zeit aufbringen, es zu pflegen, um in den heiligen Stunden des Gottesdienstes seine Kraft zu fühlen. Wenn ich so die Verdrängung der hebräischen Gebeisprache aus dem* Reformgottesdienst tief bedaure, so kann ich darum doch nicht sagen, die Reformgemeinde sei keine jüdische Gemeinde. Zch kenne viele Mitglieder der Reformgemeinde und habe bei allen jüdisches Empfinden, bei vielen einen sehr stark ausgeprägten jüdisch - religiösen Sinn gefunden, ich kenne solche, vor deren jüdischen Kenntnissen ich die größte Hochachtung besitze, und auch solche, die ich zu den besten Zuden rechnen möchte. Der Gottesdienst der Reformgemeinde ist in seinem Geist jüdisch, wenn er es auch in der Form für mein Gefühl nicht ist. Ls wird vielleicht die Zeit kommen, wo er sich auch in der Form mehr den jüdischen Traditionen nähern und namentlich auch die jüdische Gebeisprache wieder mehr in ihr Recht einsetzen wird. Die Reformgemeinde umfaßt eine große Anzahl von Mitgliedern, und sie hat das Verdienst, viele Elemente am Zudentum festgehalten zu haben» die abzubröckeln drohten. Sie hat dies Verdienst vielleicht gerade den Konzessionen zu verdanken, die sie in der Form gemacht hat, und deshalb möchte ich glauben, daß sie jetzt, wo die religiöse Zndifferenz abgenommen hat und die Anhänglichkeit an das Zudentum gewachsen ist, allmählich die allzu starke Konzession an die Assimilierungssucht aufgeben und sich wieder mehr zu der alten, durch eine Geschichte von Zahrtausenden geheiligten Form des Gottesdienstes bekennen wird. So hat also auch die Reformgemeinde zweifellos ihr Verdienst um das Zudentum. Ls wäre dvher wohl eine Kurzsichtigkeit, wenn die Hauptgemeinde gegenüber der RefvMgemeinde eine feindselige Haltung einnehmen wollte, und ich bin auch überzeugt, daß dies garnicht der Fall ist. Die Reformgemeinde ist zwar eine Privatgemeinde, aber ihre Mitglieder sind auch Mitglieder der Hauptgemeinde. Sie sollte vor allen Dingen seitens der Hauptgemeinde in gleicher Weise unterstützt werden, wie alle jüdischen privaten Sgnagogengemeinden. Sie sollte aber auch, wenn sie das Bedürfnis fühlt, sich inniger an die Hauptgemeinde anzuschließem und die Forderung der Eingemeindung, also der Uebernahme ihrer Znstitute in die Gemeindeverwaltung stellt, mit möglichstem Entgegenkommen behandelt werden. Zch habe bei früherer Gelegenheit bereits betont, daß ich es als das schönste Ziel ansehe, alle Richtungen von der Reformgemeinde bis zur Adaß Zisroel unter dem Dach der jüdischen Hauptgemeinde zu vereinen. Erst dann wäre die Berliner Gemeinde die kraftvolle Vertreterin des Berliner Zudentums, die sie sein muß, und zugleich auch die gewichtige Stimmführerin in allen Fragen des deutschen Zudentums. Um dieses Ziel zu erreichen, müßte aber auch die Reformgemeinde innerlich den Zusammenunseres innersten, Denken, Zählen und Wollen beherrschenden Seelenorgans". Das Gotteshaus soll noch Steinthal nie Selbstzweck sein, sondern „Vorbereitung für den Gottesdienst im Leben". Und wie hätte er nicht die Uebung von Zeremonien schätzen sollen, sofern sie in> frommem Geiste erfolgt, er, der noch als Mann vom Tempel der Kindheit erzählt, in dem „alles das Gemüt des Knaben hob", ihn „mit frommem Stolze und mit frommer Demut erfüllte, mit religiöser Andacht und sittlicher Scheu"; er, der die Religion ein „Gemiitsheim" genannt hat; er, für den die Zreitag-Abende bei Lazarus „die Oase seines damaligen Lebens waren" — wie Nahida Nemg berichtet. Und so gesteht er: „Alle Uebung religiöser Zeremonien mit dem rechten Geist ist erhebend und erquickend, tröstend und stärkend für das ganze Leben." Zur das ganze Leben — darauf zielte ja Steinthals Religion ab. Und so können wir es denn auch nicht übergehen, wie er die großen Fragen des Lebens: Glück und Unglück, Schicksal und Schuld aufgefaßt wissen wollte. Zn einem seiner schönsten Aufsätze erklärt er: „Heiter ist der Gottesglaube." Und er meint damit jene innere Heiterkeit, Seligkeit und Ueberlegenheil, aus der heraus der Psalmist ausruft: „Die Nähe Gottes ist meine Lust." Er meint damit jene Weltanschauung, die als Optimismus das Wesen des Zudentums bildet, jene Anschauung, die er in den Worten vertritt: „Wir glauben an den Zortschritt des Guten. Wir glauben an den Zortschritt der Zukunft. Wir glauben an den Sieg des Guten." Er versteht unter Heiterkeit jenes Hinauswachsen über die Not und das Leid und die Vergänglichkeit, wie er es in dem Wort niedergelegt hat: „Wenn alles . . Göttliche deine Freude ist, so kann dich alles Srdische . . nur zur Wehmut stimmen, und wenn du nur recht sorgfältig hinsiehst. . . zur Heiterkeit." Bei solcher Auffastung kann er freilich nicht zugebon, daß wir unser Schicksal nach unserer „kleinen Einsicht" deuten. „Gott prüft und nicht wie Menschen tun." Leid sollen wir als Gelegenheit zu unserer „Stärkung und Erhöhung" betrachten und im Glück nie das Gefühl der Demut verlieren. „Gott gibt uns ohne Gegengabe." Aber diese Demut soll uns doch nicht Niederdrücken, nicht stumpf gegenüber dem Leben machen, das Gefühl unserer Hoheit uns niemals rauben. „Der Mensch kann vor Gott dem unendlich Erhabenen nicht als mächtig erscheinen, ohne sich zugleich als zur Hoheit Gottes hinaufsteigend und -schauend zu erfassen." Und so ergibt stch daraus die Forderung. „gegen Mißstimmung, Ueberdruß und Ermattung sich zu stemmen", „den Lebensweg in Sittlichkeit und Ruhe^ bis zu Ende zu wandeln" — aber freilich „ohne Ansvrüche an Gott". Der ganze Lteinthal spricht grade aus diesen letzten Worten, sein reiner 2dealismus, seine tiefste Religiositätl Das Gute tun um dos Gute» willen — es ist der prophetische Standpunkt, den Lteinthal hier einnimmt, der Standpunkt der Männer, denen er selbst so verwandt war. Eilt dock von ihn: selbst, was er von ihnen gesagt: „Solch