Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-05-11 · 19 (11.5.1923) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
3 (1923)
Issue
19 (11.5.1923)
Date
1923-05-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613709-2613728--0616-2617892
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Organ der Vereinigung fii? das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährl.M.ZVOO.- Anzeigeu: Grundpreis für die 5'jcm breite mm-Jette M. 0.25» Familienanzelgeu Al. 0.15. Bei Wiederholung Ermäßigung. Der Grundpreis wird mit der am Lrscheinungslage gültigen Schlüsselzahl des Buchse ea Händler-Börfenvereius multipliziert, ewa es Die „jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag, je dreiwöchentlich als wissenschaftliche Beilage „Liberales Judentum" und „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler jugendvereiue". Ar. 19 « Berlin, 11. Mai 1923 » 3. Jahrgang Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin W. S, Alauerstraße 22 IBereinigung für da» liberale Judentum e. D.), Fernruf: Amt Zentrum 162. Anzeigen-Annahme bei der Geschäftsstelle Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin AW. 7 Ar. 157069 (Bereinigung für das liberale Judentum e.B.). Sin beit und Vielheit. Bon Rechtsanwalt Heinrich Stern»Vorsitzender der Vereinigung für das liberale Judentum. Nicht nur die öchriftleitung dieses Blattes, die ja ihre Entschlüsse an sich unabhängig zu fassen und die Zeitung selbständigzu leiten hat, sondern auch der Vorstand, insbesondere der Schreiber dieser Zeilen hat in letzter Zeit wiederholt, die Erfahrung machen müssen, daß Mitglieder und Milgliedsgruppen» darunter auch Männer, denen man Kraft ihrer Stellung im jüdischen Leben eine gewisse Objektivität Zutrauen mühte, die Zentrale heftig angegriffen haben, wenn in Beschlüssen des Vereins oder in Auslassungen in der Zeitung ein Standpunkt eingenommen wurde, der sich mit ihrer persönlichen Auffassung vom Judentum im allgemeinen uM vom Liberalismus im besonderen nicht deckt. Dies gilt von unserer Haltung in der Frage des Keren ha Jessod, der Schulfrage und von unserer Stellung zum öonntagsgottesdienst, der Reformgemeinde, u. a. K r i - t i k ist das gute Recht jedes Mitgliedes, und jede jüdische Partei ist an Kritik im eigenen Lager gewöhnt. Es zeugt aber von geringer Einsicht und von einem bedauerlichen Mangel an Parteizugehörigkeitsgefühl, wenn der Betreffende feine abweichende Meinung stets durch eine Austrittsdrohung oder durch die Ankündigung unterstützt, nun nicht mehr Mitarbeiten zu wollen. Wie liegen die Dinge eigentlich? Außerhalb und innerhalb der Organisation klagt man darüber, dah das liberale Judentum es an Einheitlichkeit der Auffassung vermissen lasse. Das kann in gewissen Fragen zugegeben werden. Ein Blick aber auf die Parteigeschichte der anderen Richtungen im Judentum zeigt, dah der Liberalismus darin nicht etwa eine Sonderstellung einnimmt. Welche starken inneren Gegensätze z. B. zeigt das Rationaljudentuml Wenn man in der Durchführung des nationalen Prinzips die Auffassungen, der Gruppen Binjan Haarez mit dem Klatzkinstchen Flügel und der Richtung Blu menfeld vergleicht, oder wenn man die religiösen Gegen sätze zwischen Poale Zion und Misrachisten betrachtet, wie sie in den national-jüdischen Pressestimmen ganz offen zum Ausdruck kommen, ohne dah die Parteiorganisation darunter wesentlich leidet, so muh doch gesagt werden, dah hier das Einordnungsgefühl und das Bewuhtsein der Verantwortlichkeit für die Aufrechterhaltung der Einheitlichkeit der Partei größer ist, als das Gefühl der Zurücksetzung des eigenen Standpunktes. Aehnliches gilt für die gesetzestreue Gruppe, in der ja schon allein die Stellungnahme zum Zionismus, aber auch die Fragen religionsgesetzlicher Ratur selber starke Gegensätze in die Partei Hineingelragen haben, ohne dah darum immer der Leitung die Gefolgschaft aufgekündigt worden ist. Wir liberalen Juden müssen uns einig wissen in unseren großen Zielen, der Fortentwicklung des religiösen Lebens, der Aufrechterhaltuug der liberalen Gemeinde- und Gemeinschaftsarbeit. Und dieses Bewußtsein einheitlicher Grundauftassung und einheitlicher Ziele muh stark genug sein, um auch über Abweichungen in wichtigen Einzelfragen hinweghelfen zu können. Es ist ganz klar, dah in einer Partei, in der bie junge und die alte Generation eine gewisse Gegen sätzlichkeit trennt, in der der sogenannte politische (natürlich jüdisch-politische) und der religiöse Liberalismus sich ineinander noch nicht ausgeglichen haben, hier und da Verschiedenheiten der Auffassungen zutage treten. Man braucht, um ein Beispiel zu nennen, kein Freund der Sonntagsgottesdienstbewegung zu sein und kann auch über die Stellung der hebräischen Gebetsfrage im Gottesdienst streiten; daran wird man aber zweifellos fest Hallen müssen, dah auch die Reformbewegung nur eine Erscheinung derselben liberalen Bewegung ist, der wir alle dienen, und die aufgebaut ist auf der Idee einer Fortentwicklung der religiösen Ausdrucksformen, auf der Ausgleichung zwischen Leben und Lehre. Die liberale Partei muh mit dem linken Flügel genau so rechnen wie mit dem rechten. Wenn wir heute stärker als je das Gemeinschaftsbewuhtsein, das alle Juden verbindet, auch in unserem Lager betonen, so wäre er eine bodenlose Kurzsichtigkeit, zu vergessen, dah die Reformbewegung nicht mit der Berliner Reformgemeinde beginnt und aufhört, sondern daß in Amerika eine gewaltige Volksbewegung hinter dieser Reformbewegung steht, die im jüdischen Leben der Gesamt¬ Oer ftsanten-kericbe über die RußlandflücbtUnge. In feinem Bericht an den Völkerbund über die Lage der rufsichen Flüchtlinge teilte Dr. Fritjofs Nansen mit Bezug auf die vom Beratungskomitee angenommene Resolution über die Notwendigkeit, die Immigration von russischen Flüchtlingen. nach der neuen Welt zu erleichtern, mit, dah das hohe Kommissariat diese Resolution der weitesten Oeffentlichkeit bekanntgegeben und in den einzelnen Fällen auch schon die nötigen Schritte unternommen habe, «doch seien diese Schritte infolge der wirtschaftlichen Weltkrisir bis- )er erfolglos geblieben. Auf Grund eines vsn den jüdischen Organisationen ausgesprochenen Wunsches hat Nansen mit der Sowjet-Regierung wegen der Repatriierung der Flüchtlinge Rücksprache gepflogen und es erzielt, dah sie unter den gleichen Bedingungen, wie die aus Bulgarien Repatriierten (unter der Aufsicht des Nanfenfchen Kommissariates), nach der Heimat zurückkehren dürfen. Was die Personalausweise für die Flüchtlinge betrifft, so haben nicht allein die meisten dem Völkerbund angehörenden Nationen, sondern auch Deutschland darin eingewilligt, solche Ausweise zu erteilen. Von Japan, Lhina und Polen sei ein diesbezügliches Linverständnis noch nicht erzielt worden. Nansen Halle auch an den Vertreter Polens appelliert, mit dem Hinweis darauf, wie wichtig es sei, den Anschluß Polens an diese Maßregel zu erlangen. Mit der türkischen Regierung ist bezüglich der Personalausweise für die Flüchtlinge prinzipiell bereits ein Einvernehmen erzielt worden, es bleibt nur noch übrig, die Formalitäten zu ordnen. Iüditcbe Landarbeiter in den Vereinigten Staaten. Nach Angaben des amerikanischen Jüdischen iavdwirtschaftlichen Berbandes zählt man jetzt in de» Bereinigten Staaten gegen 75 000 jüdische Farmer; das von diesen bebaute Land beträgt mehr als eine Million Acre und hat einen Wert von gegen 100 Millionen Dollar. Reine bevorrugte Lollbebandlung Englands in Palästina. 2m englischen Unterhause richtete Mr. Gilbert verschieden» Anfragen an die Regierung bezüglich des Zollsystems in Palästina, darunter vor allem auch die, ob England dabei eine Bouagsbehandlung erfahre. Der Vertreter des Eolonial Office, Mr. Ormsbg Sore, erklärte, daß das Palästinamandat keine bevorzugte Be- Handlung des englischen Imports oder Exports in Palästina gestatte. Ein Meltverband jüdischer Studenten. Auf einer provisorischen Konferenz der jüdischen Studentendelegationen in Wien wurde einstimmig die baldige Gründung eines Weliverbandes jüdischer Studenten beschlossen. Mit B^ug auf die Intervention beim Völkerbund wegen der Studienbeschränkung der jüdischen Jugend wurde die betreffende Bestimmung auf Anfrage der jüdisch-sozialistischen Studentenkorporationen in folgender Weise abgeändert: Ls wird bei allen völkerrechtlich anerkannten Organisationen interveniert, bei gleichzeitigem Appell an die gesamte Kulturwelt. Die Vorkonferenz hat eine scharfe Resolution gegen den Numerus Llausus gefaßt. Ls wurde ferner beschlossen, einen Aufruf an die jüdischen Studentenschaften in allen Ländern zu erlassen, daß sie sich dem Wellverband jüdischer Studenten anschließen. In einer weiteren Resolution wurde an die gesamte jüdische Oeffeutlichkeit appelliert, den Kampf der jüdischen Studentenschaft für ihre Rechte moralisch und materiell zu unterstützen. Hucb ein „6roacbcnder“. Die widerlichste Szene während der letzten namentlichen Abstimmung über den Antrag auf Abschaffung des Gesetzes über den Numerus clausus in der ungarischen Nationalversammlung bot unstreitig der getaufte Jude Samuel Mandg, als er auf seinen Namensaufruf sich erhob und gegen den Antrag, also für die Beibehaltung des Numerus clausus, seine Stimme abgab. Line ggnze Anzahl von Mitgliedern, der einheitlichen Regierungspartei hielt es für unter ihrer Würde, die Fortführung dieses Schandgesetzes offen zu decken. Dieser Renegat Samuel Mandg aber hatte den traurigen Mut, die Zielscheibe des Hohnes auf der Leite seiner jetzigen Gesinnungsgenossen und den Gegenstand der tiefsten Verachtung in den Reihen der liberalen und konservativen Abgeordneten abzugeben. Dieser getaufte „Erwachende" stammt aus Ngirbator in Ungarn. Lein Großvater Abraham Mandel gehörte zu den führenden Persönlichkeiten der Orthodoxie des ganzen Komitates und galt als Musterbild von Frömmigkeit und'tiefer Religiösität. Lein Vater stand als frommer jüdischer Grundbesitzer in Ngirbator in hohem Ansehen. Lin Onkel, Desidor Mandel, Grundbesitzer, wurde, obzwar er im jüdischen öffentlichen Leben eine hervorragende Nolle spielt, Ehrenbürger der Stadt Ngirbator, in welcher eine Straße nach diesem jüdischen Wohltäter benannt ist. Nur jenes einzige Mitglied der Mandelfamilie, der nicht nur seinen Namen, sondern auch seine jüdische Religion und die jüdische Ethik wechselte, hat sich der christlich-nationalen Regierung angeschlossen. Der Hohn, der sein Votum begleitete, war verdient. Me Smtzvanderung in Palästina. Aus den offiziellen Angaben des Kolonialministeriums geht her vor, daß 2495 Juden (1059 Männer. S15 Frauen und HZY Kinder) im ersten Viertel des Jahres 1925 in Palästina eingewandert sind. Di« Anzahl der Immigranten im ersten Viertel des Jahres 1922 betrug 2452. heil eine erhebliche Rolle spielt. Die einzige Möglichkeit, seine Anschauungen durchzusetzen, ist rege Mitarbeit, nicht aber verdrossenes und beleidigtes Zurückhalten. Mit derselben Energie, mit der die Parteileitung die großen grundsätzlichen Fragen des liberalen Judentums unbeirrt weiter verfolgen wird, mit derselben Objektivität und Weitherzigkeit wird sie allen Richtungen im eigenen Lager die Entfaltung und Betätigung einräumen und gönnen. Es wird von der Intensität der Mitarbeit abhäugen, welche Richtung die Maffen mit sich reißen wird. Vielheit der Anschauungen, Einheit des Willens, das ist das Zeichen politischer Klugheit und politischen Opferwillens. Rur wenn unsere Freunde daran festhallen und Uber ihre eigene Scholle hinaussehen können, werden sie in Verbindung mit dem Ganzen bleiben und ihre Partei erhallen, anstatt sie ^u schwächen. Die jüdische Reformgemeinde in Berlin. Von Dr. Julius B r o d n j tz. Wenn die Schriftleitung mich um eine Aeuherung über die jüdische Reformgemeinde in Berlin ersucht hat, so hat ste dies, wie ich annehme, getan, weil sie in mir nicht nur einen freudigen Bekenner des Reformgedankens, sondern auch einen eifrigen und ehrlichen Verfechter religiöser Gemeinschaftsarbeit in allen Kreisen, * die den guten Willen zu dieser Arbeit haben, steht. Ich begrüße die Anregung dankbar als eines der Zeichen, dah man der Reformbewegung nunmehr mit größerem Verständnis entgegenkommt; die Zeit ist nicht fern, da man in dem Reformer einen halben Konvertiten, wenn nicht mehr, gesehen hat, und zwar auch in Kreisen, die sich zum Liberalismus bekennen. Man wird von mir nicht einen historischen oder theologischen Aufsatz erwarten. Ich spreche als einer der vielen, die mit Liebe am Judentum und an der Reformgemeinde hängen. Die Reformgemeinde entstammt der Liebe zum Judentum, wie es in der Lehre der Propheten so gewaltig und so klar zur Erscheinung gelangt. Sie ging weiter hervor aus dem Streben, die aktive Beteiligung am religiösen Leben nicht erdrücken zu lasten durch die eisernen Notwendigkeiten des profanen Eageslebens. Lediglich daraus resultierte insbesondere die Einführung des Sonntagsgottesdienstes. Niemals kam darin der Wunsch nach Aufhebung des Sabbat zum Ausdruck. Oft genug ist es von unfern Predigern und den Führern unserer Bewegung für alle diejenigen, die hören wollen, gesagt worden, dah die wellbeglückende Idee des Sabbat, die vielleicht das bedeutungsvollste Ruhmesblatt in der jüdischen Glaubensgeschichte darstellt, von uns genau so geehrt wird, wie von den Anhängern irgendeiner anderen Richtung im Judentum. Unsere Andacht schließt sich der altüberlieferten Gebetsordnung pietätsvoll an. Sie ist aber beherrscht von dem prophetischen Gedanken der Wahrhaftigkeit. Sie schaltet deshalb alles aus, was nur die Lippen beten. Die äußeren Andachlsformen bringen in vorbildlicher Weife den Gedanken zum Ausdruck, dah wir trotz aller Achtung vor der Ueberlieferung uns als Deutsche fühlen auf deutschem Heimatsboden, ohne unsere ehrfurchtgebietende Geschichte zu verleugnen. Deshalb ist die Gebetssprache ganz überwiegend deutsch, auch hierbei ganz im Sinne der prophetischen Entwicklung, weil wir in deutscher Sprache denken und unsere Sorgen im Gebet sich in deutscher Sprache lösen. Wir haben die hebräische Sprache nur für denjenigen Teil der Andacht beibehalten, der den Lebensinhalt unseres Glaubens darstellt. Wer den heiligen Schauer erlebt, der sich in der Gemeinde auslöst, wenn das alte Glaubensbekenntnis in der überlieferten Sprache gesagt wird, der erlebt auch, dah es sich hier nicht um eine pietätvolle Verbeugung gegenüber der traditionellen Gebeisübung handelt, sondern daß hier lebensvoll das Gefühl des Zusammenhanges mit allen Geistern zum Ausdruck kommt, die für dieses Bekenntnis gelebt und gelitten haben. In der äußeren Gestaltung unseres Gottesdienstes kommt ferner die hohe Achtung vor der Frau zum Ausdruck, indem wir auch hier den Schutt abgegraben haben, und zu den hohen Anschauungen unserer Väter zuriick- Zugendvereins-Anzeigeu letzte Seite.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.