Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 18 (4.5.1923)
- Date
- 1923-05-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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gung, wenn ich in der Tat derartigen Unsinn gesprochen hätte, wie ihn mir 2hr Breslauer Berichterstatter in den Mund legt. Die wirklichen Vorgäge waren folgende: Von den (Zwischenrufern, die mich während meines Schlußwortes vergeblichzu iiberschreien versuchten, rief auch einer: „Was verstehen Sie denn überhaupt-unter Judentum?" 2ch antwortete: „Och könnte Ohnen mit demselben Recht die Gegenfrage stellen, was verstehen denn Sie unter Judentum? Och bin überzeugt, daß, wenn ich die Möglichkeit hätte, jeden einzelnen der hier opponierenden Herren gesondert aufschreiben oder erklären zu lassen, was er unter Judentum versteht, jede Antwort von der anderen abweichen würde. Ls ist einer der Krebsschäden, unter denen die Behandlung der deutschen Oudonfrage leidet, das) mit leeren Wortsrhalen jongliert wird, als ob'es sich um ganz unzweifelhafte Begriffe handelte, während in der Tat jeder Einzeln« die leere Schale mit einem anderen Inhalt erfüllt. Line solche Wortschale ist das Wort „Judentum". Lin Teil der Süden versteht darunter lediglich eine jüdisch-völkische Zusammengehörigkeit; dies betrifft einen sehr erheblichen Teil der Zionisten und OUdischnationalen. die bekanntlich teilweise nicht nur irreligiös, sondern ausgesprochen antireligiös sind. Andere verstehen darunter lediglich etwas Religiöses und zwar jeder etwas anderes, denn das orthodoxe Oudentum im religiösen Sinne in seinen verschiedenen Ausprägungen I ist nun einmal etwas völlig anderes, als das liberale Oudentum und das Reform-Oudentum. Line dritte Gruppe versteht schließlich unter Oudentum das sozusagen amtliche Oudentum. d. h. im Grunde etwas Negatives, den Richtaustritt aus der jüdischen Religionsgemeinschaft, die im amtlichen Sinne das einzige „Oudentum" ist. Alle diese Leute aber reden von „Oudentum", ohne sich klarzumachen, ob sie gerade von der völkischen, der religiösen oder der amtlichen Seite der Dinge reden. Unser Standpunkt ist der: die blutmäßige Gleichmäßigkeit, die Abstammung, ist für alle, die sich Süden nennen dürfen, gemeinsam; sie umfaßt aber auch die Getauften und die Dissidenten. Was man in religiöser Hinsicht „Oudentum" nennen will, ist Prioatsache des Einzelnen; unser Verband umfaszt Mitglieder der allerverschiedensten religiösen Anschauungen. Lin Sudentum im völkischen Sinne aber lehnen wir mit aller Bestimmtheit ab. Sn dieser Hinsicht kann das Wort „Sudentum" erst zu einem Begriff werden, wenn die leere Wortschale mit dem Gefühl der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volkstum erfüllt ist. Die Zionisten erfüllen die Schale mit ihrem jüdisch-nationalen Gefühl. Wir erfüllen sie mit rein deutschem Gefühl. Französische oder englische Süden, die nicht jüdisch-national sind, werden sie mit französischem oder englischem Gefühl erfüllen. Das Sudentum als religiöse Ueberzeugung wird fortbestehen, wie es in dem Linzelmenschen als stammesmäßige Veranlagung fortbestehl. Als Volk hat das Sudentum abgewirtschaftet und alle Versuche, diesen Leichnam zu beleben, werden vergeblich sein; man wird die Fremdheit der irre geleiteten Süden in ihrer ondersstämmigen Umwelt vergrößern, ohne dadurch ein Volk, dps zu bestehen aufgehört hat, von Reüem zu schaffen. Wer, wie Herr Referendar Hirschberg cs getan hat, von einer Pflicht „zur Lrhaltung des Sudentums" spricht, ohne sich klar darüber zu sein, welches „Oudentum" er im Augenblick meint, befindet sich auf einem gefährlichen Wege, auf einem Wege, der schließlich im Zionismus, in letzte Linie in der Heimatlosigkeit enden muß. Das völkische Sudentum hat kein Recht auf Ewigkeit. Kein Volk hat ein solches Recht, auch dos deutsche nicht. Sedes Volk ist eins Uebergangsform, die schließlich einmal in einer höheren Einheit und damit in der ganzen Menschheit aufgeht. Für uns, die wir deutsch fühlen, ist nur der Unterschied der: das völkische Sudentum ist vergangen und kann uns nichts mehr bieten. Das völkische Deutschtum besieht und wird für Sahrhunderte und Sahrtausende fortbestehen. Wir, die wir uns mit diesem Volkstum unauflöslich verbunden fühlen, wollen uns nicht an das Wahngeblide des früheren völkischen Judentums, sondern an die greifbare Wirklichkeit des bestehenden Deutschtums halten. Das gilt nicht nur für uns, sondern auch für unsere Kinder und Kindeskinder, denn es ist meine Ueberzeugung, daß der Weg des Deutschtums zur Höhe erst beginnt. Sch kann mich natürlich nicht verbürgen, daß jedes Wort genau mjt dem ü b e r e i n st i m m t, das ich in Breslau gesprochen habe. Sedenfalls aber war die Gedankenfolge und im Großen und Ganzen auch der Wortlaut so, wie er hier wiedergegeben ist. Sie werden selbst erkennen, daß ich demnach etwas ganz anderes gesagt habe, als derjenige Leser annehmen mußte, der den Breslauer Bericht für maßgebend hielte". 2u dieser Zuschrift des Herrn Dr. Raumann wird uns von unserem Breslauer Mitarbeiter geschrieben: „Hätte Herr Dr. Naumann die von ihm angegebenen Ausführungen tatsächlich in der Versammlung gemacht, so hätten sich die (Zwischenrufer sicherlich' heute noch nicht beruhigt. Die Schärfe und Knappheit und damit die Klarheit ist in der Breite seiner „Berichtigung" völlig verloren gegangen. Herr Dr. Raumann schildert uns drei Arten von „Sudentum". Die erste und zweite lehnt er für seinen Verband mit Recht ab; der Rest ist Schweigen. Das stimmt immerhin bedenklich. Doch wollen. wir uns an das Positive der Ausführungen halten. „Die blutmäßige Gleichmäßigkeit, die Abstammung, ist für uns alle, die sich Süden, nennen dürfen, gemeinsam." Früher stellten die (Zionisten diese These auf. Sie haben sich aber offenbar von ihrer Unhallbarkeil überzeugt. Dafür wurde sie von den Deutschvölkischen aufgegriffen, nur daß diese für das unklare „Abstammung" — man denkt unwillkürlich an den Begriff Stammesgemeinschaft, der aber viel mehr in sich schließt — das Wort „Rasse" setzten. Will Herr Naumann wirklich dem gleichen Rassenwahn wie unsere Gegner verfallen? Er erklärt immer, ihn trenne vom Zentralverein dessen Anschauung vom Deutschtum, für ihn gäbe es keine Sgnthese von Deutschtum und Sudentum. Hier tut sich eine zweite Kluft auf. Der Zentralverein sieht eine seiner größten Aufgaben in der Bekämpfung des Rassenwahns, und wenn Naumann sich diesen zu eigen macht, muß sich unser Kampf deshalb auch gegen ihn richten. „Die „Raffe" umfaßt aber auch Getaufte und Dissidenten." Eine andere Folgerung bleibt schließlich auch nicht übrig. Hat Herr Dr. Naumann aber bedacht, daß ihn diese wieder auf den Standpunkt zurückfllhrt, dem er in seiner ersten programmatischen Schrift Ausdruck gegeben hat? Damals war er noch bereit, Getaufte und Dissidenten in seinen Verband aufzunehmen. Eiire bessere Einsicht sagte ihm jedoch, daß in einem Verbände national-deutscher Süden (wenn auch nur „im amtlichen Sinne") sich solche Leute nicht befinden dürfen. Wenn er dabei beharrt — und das ist der Fall —, dann muß es eben doch etwas anderes sein, was National-Deutsche mit dem Sudentum verbindet: der „jüdische Geist", den Naumann nicht versieht, weil er und seine Anhänger ihn nicht kennen. Unser Bestreben ist es, diesen Geist zu erhalten. Hier gähnt eine weitere Kluft zwischen Naumann und dem Zontralverein, dessen geistiger Führer Eugen Fuchs bleiben wird, wenn anders der Verein sich nicht selbst aufgibt. Mit der Behauptung, ein selbstbewußter Sude zu sein, ist es nicht getan. Man muß auch wissen, worauf man dieses Selbstbewußtsein gründen kann. Auf den Rassenwahn? O nein, hier heißt es: „Gehe hin und lerne!" * * * Wir haben nunmehr zwei Vertreter der beiden entgegengesetzten Meinungen in der Frage des national-deutschen Sudentums in liberaler Meise zu Worte kommen lassen. Für das religiös-liberale Sudentum kann es natürlich ohne religiös-jüdischen Geist ein wirkliches Sudentum nicht geben. Sm übrigen schließen wir hiermit zunächst die Aussprache über diesen Gegenstand. Die Wahrheit über die Ostjudengefahr. Das Arbeitsfllrsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands schreibt uns: Gegenüber den andauernden Versuchen der antisemitischen Bewegung, weilen Kreisen des deutschen Volkes die Einwanderung von Ostjuden nach Deutschland als eine fürchterliche, den Lebensnerv des deutschen Volkes treffende Gefahr hinzustellen, verlohnt es sich daraufhin zu weisen, daß die Antisemiten bisher wenigstens eine T a t - fache aufgegriffen hatten, die nur als Folgeerscheinung des Krieges und der Nachkriegsverhältniffe zu verstehen ist, wenn sie, wie auch unter völlig falschen Gesichtspunkten dargestellt und beurteilt haben, daß sie nunmehr aber ihren Hetzfeldzug zu einer Zeit fortsetzen, wo der Gegenstand iheror Entrüstung längst nicht mehr in einem erheblichen Umfange v o r h a n d e n ist. Die Antisemiten sind so froh darüber, einen SUndenbock gefunden zu haben, auf den sie die Aufmerksamkeit von ihren staatsgefährlichen und volksverderberischen Treiben ablenken können, daß sie sich garnicht Mühe geben, davon Kenntnis zu nehmen, daß aus der von ihnen mit so ungeheurem Geschrei befeindeten Einwanderung der Ostjuden inzwischen in überwiegendem Maße eine Auswanderung geworden ist. Das Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands, das als Hauptträger, der zur Regelung der Ostjudenfragen notwendigen Arbeit den besten Ueberblick Uber die genannten Verhältnisse besitzt, veröffentlicht seinen Bericht Uber die Ein- und Auswanderung von Ostjuden im Sahre 1922. Danach haben sich bei allen Fürsorgestellen des Arbeiterfürforgeamtes im ganzen als Neuzugewanderte 2665 Personen gemeldet. Bon diesen sind aus dem Osten zugewandert I8Z» Personen, aus dem Westen zurückgewandert bezw. abgeschoben worden 826 Personen. Dieser verhältnißmäßig geringen (Zahl der Einwandernde» steht gegenüber, daß allein durch die Fürsorgestellen des Arbeiterfürsorgeamtes im genannten Sahre l 1247 Personen abbefördert wurden. Bon diesen gelangten nach dem Osten 1645 und nach den westlichen Ländern 9602. Die Abwanderung war also erheblich größer als die (Zuwanderung. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß von den Neuzugewanderten ein großer Prozentsatz direkt weiter nach dem Westen befördert wurde. Dies war insbesondere dadurch möglich, daß es sich auch bei der Zuwanderung im Sahre 1922 im allgemeinen um eine Arbeiterwanderung handelte. Wie wir erfahren, hat sich die Abwanderung im ersten Vierteljahr des Sahres 1925 noch verstärkt, wenngleich die Verkehrssperre durch die Ruhrbesetzung natürlich hemmend eingewirkt hat. Es besteht also keinerlei Anlaß, die Ostjudenfrage immer wieder zum Mittelpunkte politischer oder gar demagogischer Erörterungen zu machen. Aus den Ortsgruppen und Gemeinden. Die Repräsentauteuoersammlnug der Berliner SSdischen Gemeinde. Die letzte Repräsentantenversammlung, die am 19. April tagte, war durch den starken Besuch der Mitglieder wie der Tribünenbesucher als eine wichtige und entscheidungsvolle schon äußerlich gekennzeichnet. Der Vorsitzende, Rechtsanwalt Stern, eröffnet« die Versammlung mit Glückwünschen zum 70. Geburtstag des Herr» Lewinski und zur Silberhochzeit des Herrn Prof. Türk. Ein Dringlichkeitsantrag auf ärztliche und zahnärztliche Fürsorge für die Schüler der Knabenschule fand nach Befürwortung durch Herrn Lipschitz einstimmige Annahme. Ueber die Satzungen des neuen Wohlfahrtsamtes der Südischen Gemeinde berichtete Herr Dr. Löb. An des Aussprache nahm von der Volkspartei Herr Dr. Klee, von der liberalen Partei Herr Eafparg teil. Die Satzungen fanden einstimmige Annahme. Auch Uber die Ersatzwahlen zu verschiedenen Kommissionen kani man ziemlich schnell und ohne größere (Zusammenstöße hinweg. Sn den Schul- und Talmudtora-Vorstand wurden die Liberalen Dir. Gutlmann und Hirschfeld gewählt, nachdem ein Vertagungsantrag der Rechten mit I I gegen 10 Stimmen abgelehnt war. Sn die Rabbinerkommission. wurden die Herren Prof. Türk, Pincus und Dr. Neumann wieder-, Herr R.-A. Sonnenfeld neugewählt. Auch bei der Beratung der (Zuwendungen ging es noch ganz friedlich zu, wenn auch Herr Professor Loewe bei dieser wenig passenden Gelegenheit es sich nicht versagen konnte, die Liberalen als plutokratifche Partei zu bezeichnen, ein ganz unbegründeter Borwurf, den Herr Prof. Türk gleich an Ort und Stelle energisch zurückwies. War bis dahin in der Hauptsache ober noch ruhig und sachlich verhandelt worden, so platzten die Gegensätze in der Versammlung scharf aufeinander, als der vielumflrittene Antrag der Rechten, auf dem Weißenseer jüdischen Friedhof ein besonderes Feld abzugrenzen, auf dem weder Aschenrefte, noch Richtjoden begraben werden dürfen, zur Debatte stand. Herr Loeb trug in seiner Begründung sogleich Weltanschauungsfragen in diese nach liberaler Anschauung höchst nebensächliche Angelegenheit hinein. Er bezeichnete u. a. die Beisetzung von Nichtjuden auf einem jüdischen Friedhof als eine Prämie für diejenigen, die in einer Mischehe leben. Ein anderes Mitglied der Rechten bekannte sich zu dem sehr anfechtbaren Satze: „Die Frevler sollen nicht mit den (Zadikim zusammen die ewige Ruhe finden —Wer entscheidet nun aber darüber, wer ein Zrevler und wer ein (Zadik ist? Wir dachten bisher, das würde gerade nach orthodoxer Auffassung erst am großen Gerichtstage entschieden und nicht sofort nach dem Tode durch die Friedhofsaufnahme-Onstanz. Sn ruhiger und sachlicher Weise wurde gegenüber diesen Forderungen durch materialistisch seien. Man soll natürlich nicht verallgemeinern. Es gibt auch heute noch jüdische wie christliche Mädchen, die bescheiden. häuslich erzogen find, denen die luxuriöse, protzige Art, das Nichtstun nicht sympathisch ist. Man findet aber heute diese Art Mädchen und Frauen „spießig". Die Oberflächlichkeit, sie wird zur Überlegenheit und erzeugt letzten Endes Unfreiheit. Kommt es dann gelegentlich zu Anklagen und antisemitischen Aeußerungen, 'so ist die Südin denselben nicht gewachsen, denn einerseits muß sie sich sagen, daß die Vorwürfe oftmals nicht ganz unberechtigt find, andererseits weiß sie zu wenig vom Sudentum, ist auf allen diesen Gebieten zu wenig bewandert, um den Angriffen sicher entgegentreten zu können. Stillschweigen kann ihre einzige Waffe sein, und um von dieser keinen Gebrauch zu machen, meidet sie den Verkehr. Der Höhepunkt dieser üblen Erscheinungen ist glücklicherweise schon überschritten, und mit Freude sieht rnan, wie die Sugend cs ist. die mit solchen Erziehungsmethoden nicht mehr einverstanden ist. Vielleicht half auch die ernste, schwere (Zeit die Wandlungen schneller vollziehen. Die Mädchen von heute ergreifen fast alle einen Beruf, denn die Untätigkeit befriedigt sie nicht mehr. Geistiges Snteresfe macht sich gellend, und schon die Kinder, die jetzt in ihren Bereinigungen Zusammenkommen, finden in Einfachheit, Bescheidenheit ihre große Freude. 5e haben vielleicht auch selbst gefunden, daß die Art, vorlaut, unbescheiden. Uberhebend, laut zu sein, wie sie vielfach gerade Kindern besserer Kreise eigen war. nicht dazu angetan ist, sich in der Welt Freunde zu verschaffen. Der rechte Weg ist wieder eingeschlagen, und an den Männern liegt es nun, den Frauen helfmd zur Seite zu stehen. Es ist lobend erwähnt worden, daß der Liberalismus der Frauenarbeit volles Verständnis entgegongebracht hat, und es erwächst ihm hier eine schön« Aufgabe, nämlich die, alle Zähigkeiten der Frau zur Entfaltung zu bringen, damit man von der jüdischen Zrau wieder mit derselben Achtung spricht, wie es einst der Zoll war. Das ist positive Arbeit, an der Männer und Zrauen in gleichem Maße arbeiten müssen. Das Snteresse an jeglicher Mitarbeit darf fürderhin nicht unterdrückt worden, sondern man muß es wecken und fördern. Die jüdische Zrau wird durch Mitarbeit auf den verschiedensten Gebieten auch wieder Fühlung mit den Andersgläubigen bekommen. Man wird wieder lernen, sie mit anderen Augen zu betrachten, und die Zrctu wird nicht mehr dazu dienen, Antisemitismus hervorzurufen, sondern diesen zu verscheuchen. Gelingt es, durch gemeinsame Arbeit dieses (Ziel zu erreichen, dann hat das liberale Sudentum eine der schönsten Aufgaben erfüllt, und wird den besten Beweis dafür bieten, daß auf unserm Schild steht: „Keine Worte, sondern Talent" C. F. Biicbertifcb Dr. Michael Traub, Sudische Wanderungen. Södlscher Verlag, Berlin. Eine Broschüre in rocht ansprechender Ausstattung liegt vor uns. Sie kündet vom ewigen Süden, der wandern muß und — wandern. Sn zwei große Abschnitte gliedert sich der Snhalt des Buches; der erste spricht von den Ländern der jüdischen Auswanderung, der zweite von den. Ländern der jüdischen Einwanderung. — Mit Ausbruch des Weltkrieges wurde der gewaltige Wandererstrom eingedämmt. Von 1899—1914 sind etwa anderthalb Millionen Süden nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika ausgewandert; nur 7,14 Prozent der nordamerikanischen Einwanderer kehrten in ihre Heimat zurück und 92,86 Prozent blieben dauernd dort. Nicht Sensation und Wandertrieb drückte den Süden Osteuropas den Wanderstab in die Hand, es waren wirtschaftliche, rechtliche und sozialpolitische Gründe, die sie zwangen, die Scholle zu verlassen. — Unmenschliche Gesetze trieben etwa 94 Prozent der jüdischen Gesamtbevölkerung Rußlands im „Niederlasfungsgebiet" zusammen; im eigentlichen Rußland fanden sie kein Tätigkeitsfeld. Shnen war die staatliche. höhere und niedere Beamtenlaufbahn verschlossen. (Zur Landarbeit ließ man sie nicht zu und auch nicht zu den freien Berufen. Sn einem Dreiundzwanzigstel des russischen Riesenreiches mußten jene Hunderltausende hausen. So wanderten sie unter dem eisernen Zwang der Notwendigkeiten aus. Es begann eine Binnenwanderung, und nur schwer entschloß man sich zum Weg ins Ausland. Bon 1881—1914 wanderten aus Rußland I 592 185 Süden, aus, und zwar nach den Bereinigten Staaten. Bon 1899—1914 kamen auf je 1000 Auswanderer 407 Süden. Das prozentuale Uebergewicht der jüdischen Auswanderung nach den Vereinigten Staaten ist ganz besonders in den Pogrom- und Nevolutionsjahren 1904—1907 bemerkbar. — Aus Oesterreich (Galizien) trieb der wirtschaftliche Verfall des galizischen Sudentums die Süden aus dem Lande. Durch die antisemitische Hetze im großen Oesterreich und die völlige Entrechtung unserer Glaubensbrllder in Rumänien kam es so, wie es kommen mußte: teils wanderten sie freiwillig, teils wurden sie des Landes verwiesen. Zast drei Millionen Süden siedelten innerhalb 54 Sahren von Osteuropa nach England und hauptsächlich den Vereinigten Staaten über. Sn zweiter Linie erst sind u. a. Deutschland, Frankreich und die Schweiz in Europa und außerhalb Europas Argentinien, Kanada, Palästina, Südafrika neben anderen zu nennen. Vorliegende Arbeit bringt über diese Liedlungsfragen eine leicht faßlich« Uebersicht. Traub's Werk enthält 41 Tabellen, die ein genaues Bild von der jüdischen Emigration und Smmigration entwerfen. Sie geben dem Statistiker interessante Auskunft, und auch dem Laien werden die toten (Zahlen zu lebendigen Gedanken, erzählend von den gewaltigen Dimensionen jüdischer Sorge und Unrast. Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal, Beuthen O/S. Martin Buber, Sch und Do. Snselverlag 1925. Das ist ein Buch ganz aus Bubers Geist und Bubers Sprache geschrieben. Der Mystiker spricht in mystischen Worten zu seiner Gemeinde, die wohl gewöhnt in einer ganz bestimmten Sprechweise viel zu hören, was dem Uneingeweihten verschlossen bleibt, weil er den zwischen den Worten klingenden Sinn nicht in sich aufnehmen kann. Buber sucht darzulegen, soviel habe ich wenigstens verstanden, daß es eine Verbindung gibt zwischen dem Sch und einem absolut nahen Kongenialen und Adäquaten. Und eine Verbindung zwischen dem Sch und allem anderen, was nicht an ihn herankommen kann, was ihm im innersten Wesen immer fremd bleibt. Er dehnt diese Beziehungen auf alle Lebenslagen des Menschen, besonders auch auf das Religiöse aus und findet dabei manches schöbe Bild, manchen schön klingenden Satz, aber auch Vieles, was dem Uneingeweihten wie Phrase klingt. Darin liegt aber die große Gefahr, die von Buber und seinem Keise ausgeht, sie führen besonders unsere Sugend zu einm Mystizismus, der schließlich im Symbolismus und Formelhaften enden muß, weil er in jeder Handlung und jedem Worte geheime Beziehungen zu sehen oder zu finden glaubt oder, wie mir manchmal scheint, sich selbst einredet, und anderen einreden will, daß es so sei. Das muß schließlich zur Beobachtung von Formen führen, in die man etwas hineinlegt, was sie niemals enthalten haben und auch nicht enthalten können. Und es führt, wie mir scheint, schließlich zur sinnlosen Nachahmung der Sprache, der Gebärden und der Taten des Meisters. Das muß von unserem religiös fortschrittlichen Standpunkte aus als eine Gefahr angesehen und bekämpft werden. Als Beweis für meine Anschauungen möchte ich zwei Stellen aus dem Buche anführen, die manchen schönen Gedanken enthalten, aber doch auch manches, was mir abwegig scheint. Nebenher sei bemerkt, daß Buber bei dem Versuch oder der Sucht eigenartig zu sprechen der deutschen Sprache manchmal ewas Gewalt antut: „Und der Opferer? Sch kann ihn nicht verachten, den redlichen Knecht der Vorzeit, der meinte, Gott habe Verlangen nach dem Duft seines Brandopfers: er wußte, in einer närrischen und kräftigen Weise, daß man Gott geben kann und soll; und das weiß auch, wer seinen kleinen Willen Gott darbringt und ihm im großen begegnet. „Dein Wille geschehe", nicht mehr als das spricht er, aber die Wahrheit spricht weiter für ihn: „durch mich, den toi brauchst".— Was unterscheidet Opfer und Gebet von aller Magie? Diese will wirken, ohne in die Beziehung einzutreten, und übt Künste im Leeren; sie aber stellen sich „vor das Angesicht", in die Vollendung des heiligen Grundworts, das Wechselwirkung bedeutet. Sie sprechen Du, und vernehmen. Die reine Beziehung als Abhängigkeit verstehen wollen, heißt de» einen Träger der Beziehung und damit sie selber entwirklichen wollen. Von der entgegengesetzten Seite aus geschieht das gleiche, wenn ma» als das wesentliche Element im religiösen Akt die Versenkung oder Einwandlung in das Selbst ansieht — sei er durch dessen Entledigung von aller ichhaften Bedingtheit, sei es durch dessen Erfassung als des Einen Denkenden und Seienden. Die erste Betrachtungsweise meint» daß Sott in das ichledige Wesen eingehe oder dieses in Gott aufgehe, die andre, daß es unmittelbar in sich selbstt, als dem göttlichen Einen stehe". Seite 98. — Aber ist nicht auch die Einsamkeit eine Pforte? Tut sich nicht zuweilen im stillsten Alleinsein ein unvermutetes Schaue» auf? Kann sich nicht der Verkehr mit sich selbst geheimnishaft in einen mit dem Geheimnis verwandeln? 2a, ist nicht erst der keinem Wese» mehr Verhaftete würdig, dem Wesen gegenüberzutreten? „Komm,' Einsamer, zum Einsamen", ruft Symeon der neue Theologe seinen Gott an". Seite 120. Robert Hirschfelto