Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 18 (4.5.1923)
- Date
- 1923-05-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Der gegenwärtige Stand der Gemeinschaftsschulfrage, Von Hermann Becker, Berlin. I. Die jüdische Öffentlichkeit hat ein Anrecht darauf zu wissen, welche Gestaltung die Zrage der Gemeinschaftsschule seit der letzten Tagung des Lehrerverbandes erfahren hat. Die jüngsten parlamentarischen Beratungen im Bildungsausschuß veranlassen ganz besonders zu einem Rückblick und Ausblick in dieser Zrage. II. Es ist allen Teilnehmern der Berliner Lehrerverbandstagung wohl noch in lebhafter Erinnerung, wie die Beratung über diese Zrage die Geister und-die Herzen ergriffen hat, wie sie die besten Männer der jüdischen Lehrerschaft auf die Rednertribüne geerufen oder zum Eingreifen in die Debatte veranlaßt hat; sind doch einige Kollegen — und nicht die schlechtesten — noch heute der Meinung, daß von der Entscheidung „Bekenntnisschule oder G emeinschaftsschule" der Bestand des deutschen Judentums abhjingt. Wir wollen andieser Stelle diese so oft ventilierte Zrage nicht noch einmal erörtern, aber ebenso wenig die gesetzlichen Grundlagen, die hier bei in Zrage kommen, wiederholen. Wir wollen vielmehr die Fragen beantworten: I. Was ist bisher von den Religionsgemeinschaften. den politischen Parteien und der Staatsregierung in Sachen der Gemeinschaftsschule geschehen? (Rückblick) und 2. Wie wird sich danach voraussichtlich die Gemeinschaftsschule in Zukunft gestalten? (Ausblick). — III. Seit Erlas) der Weimarer Verfassung, welche die Gemeinschaftsschule als Regel Vorsicht, daneben aber auch Bekenntnisschulen und besondere Weltanschauungsschulen gestaltet, ist von allen politischen Parteien und von allen Religionsgemeinschaften gegen diese Bestimmung Sturm gelaufen worden. Die politischen Linksparteien wollten lediglich Gemeinschaftsschulen und Weltan-schauungsschulen, die Religionsgemeinschaften und Bekenntnisschulen gellen lassen. Obwohl die oben genannte Berfassungsbestimmung bereits in Weimar einem Kompromiß aller Parteien ihre Entstehung verdgankt, ging sie den Oppositionsparteien noch nicht weit genug. Diese verlangten zunächst die Gleichberechtigung aller drei Schulsysteme: Gemeinschaftsschule, Bekenntnisschule und Weltanschauungsschule, sie lehnten die Gemeinschaftsschule als Regelschule ab. Es ist uns Allen noch in lebhafter Erinnerung, welche lebhafte Agitation von Elternbünden, Lehrervereinen, Kirchenbehörden — insbesondere von katholischer Seite — und der politischen Parteien gegen die Berfassungsbestimmung entfaltet wurde und heute noch entfaltet wird. Eine Zolge dieser Agitation war die Vertagung der Beratung des sogenannten Reichsschulgesetzes, welches diese Zrage regeln sollte, auf ein volles Zahr. Dabei hat der Reichstag selbst noch gar nicht über den Entwurf beraten, sondern ihn dem Bildungsausschuß überwiesen, in der Hoffnung, hier ein Kompromiß zustande zu bringen, auf das sich auch das Plenum des Reichstages einigen könnte. Dieses Kompromiß ist — mit Hilfe der Demokraten — tatsächlich im Vildungsausschuß angenommen worden und zwar mit den Stimmen der bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokraten und Kommunisten. Dagegen hat aber die Reichsregiorung durch den Mund des Staatssekretärs Schulz Einspruch erhoben. Wie sicht das Kompromiß aus und wie hat die Reichsregierung ihren Einspruch begründet? IV. ■ * Die Deutsche Volkspartei, die Vagrische Volkspartei und das Zentrum hatten folgenden Antrag im Bildungsausschuß eingebracht: „Die Gemeinschaftsschule soll den!in 1 erricht auf christlicher Grundlage ohne Aussicht auf die Besonderheiten der einzelnen Bekenntnisse für alle Kinder gemeinsam erteilen. Der Religionsunterricht soll nach Bekenntnissen getrennt erteilt werden. Bei Besetzung der Lehrerstellen an der Gemeinschaftsschule soll auf das religiöse Bekenntnis der die Schule besuchenden Kinder nach Möglichkeit Rücksicht genommen werden. Die Gemeinschaftsschule verliert ihren Eharak- 1er nicht dadurch, daß Lehrer an ihr tätig sind, die einem christlichen Bekenntnis nicht angehören. — Zch habe diejenigen Stellen in dem Anträge hervorgohoben, die für uns bedeutsam sind. 1. Der Unterricht in der Gemeinschaftsschule soll auf christlicher Grundlage erteilt werden. 2. Rach Möglichkeit soll bei Anstellung der Lehrer auf das religiöse Bekenntnis der Schüler Rücksicht genommen werden. 3. Die Gemeinschaftsschule verliert ihren (ch r i st l i ch e n, nach Abs. 1) Eharaktor nicht, wenn auch Lehrer nichtchristlichen Bekenntnisses (das Wort „jüdische" ist vermieden worden) an ihr tätig sind. Dieses Kompromiß ist, nachdem auf Antrag der Demokraten, der Passus in Rr. 2 „nach M ö g l i 6) k e i 1" gestrichen wurde, wie oben bereits bemerkt, von sämtlichen sogenannten bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokraten und Kommunisten im Bildungsausschuß angenommen worden. Die Demokraten wollten wenigstens einen Zetzen ihres liberalen Mäntelchens retten, als sie diese Abänderung einbrachten. Denn, wenn das Gesetz besagt, das) nur nach Möglichkeit bei der Besetzung der Lohrerstellen in der Gemeinschaftsschule auf das religiöse Bekenntnis der die Schule besuchenden Kinder Rücksicht genommen werden soll, dann ist der Willkür der Schulbehörden. 6.or und Tür geöffnet und reaktionäre Schulbehörden würden oft genug gerade unter Berufung auf die „Möglichkeit" die Einstellung jüdischer Lehrer an den Gemeinschaftsschulen auf christlicher Grundlage ablehnen. Der Vertreter der Reichsregierung, Staatssekretär Schulz, ein ehemaliger sozialdemokratischer Volksschullehrer, der Schöpfer des sogenannten Reichsschulgesetzentwurfes vom 21. 4. 21, hat bei den Verhandlungen in dem Bildungsausschus) Uber das Kompromiß zweimal das Wort ergriffen und es ist bedeutsam, daraus die Meinung der Reichsregierung zu erfahren. Dabei hat Staatssekretär Schulz folgendes festgestellt: 1. Die Regierungsvorlage-, (welche die Gleichberechtigun-g aller drei Schulsysteme: ■ Gemeinschafts-, Bekenntnis- und Weltanschauungsschule verlangt) ist dem vorausgegangen, das) noch dem Willen der Weimarer Verfassung als Regelschule nicht lediglich die Simultanschule, wie sie bisher in einigen Teilen Deutschlands besteht, ifi Betracht kommt. Dabei weist der Staatssekretär auf Hessen und Baden hin, von Bagern ganz abgesehen, wo die Simultanschule eigentlich nur eine gemeinschaftliche Schule für die beiden christlichen Konfessionen gewesen ist. Sch. fährt dann, wörtlich, wie folgt, fort: „Mit der Weimarer Verfassung haben aber auch die nichtchristlichen Bekenntnisse und bekenntnisfreien Weltanschauungen ihr verfassungsmäßiges Gesicht erhallen und müssen demgemäß Berück sichtigung in der Gemeinschaftsschule beanspruchen". Wir behaupten, diese Mitteilung des Staatssekretärs steht in Widerspruch mit den Tatsachen und sie entspricht auch nicht den Gesetzen der Logik. Sie ist ein sogenannter „Eiertanz", der nur den Rückzug der Reichsregierung markieren soll. — Sie steht im Widerspruch mit den Tatsachen. denn 1. Zn der Weimarer Verfassung heißt es wörtlich: Artikel 146 . . .. Auf einerfürallegemeinsamen Grunds ch u l e baut sich das mittlere und höhere Schulwesen auf". Zweiter Absatz des § 146 lautet: „Znnerhalb der Gemeinden sind indes auf Antrag von erziehungsbererhtigten Volksschulen ihres Bekenntnisses oder ihrer Weltanschauung einzurichten, soweit hierdurch ein geordneter Schulbetrieb, auch im Sinne des Absatz 1 (Das öffentliche Schulwesen ist organisch auszugestalten) nicht beeinträchtigt wird. Zm Einklänge mit diesen Verfassungsbestimmungen bestimmt der Reichsschulgesetzentwurf vom 22. 4. 21, der wie oben bemerkt, zum größten Teil das Work des Herrn Staatssekretärs Schulz ist, wörtlich: „D ie Volksschulen sind Gemeinschaftsschulen, soweit sie nicht nach näherer Bestimmung dieses Gesetzes Bekenntnisschulen oder bekenntnisfreie Schulen bleiben oder werden". Und in der Begründung zu diesem heißt es: „Reben der Regalschule. wie sie durch Artikel 146, Abs. 1, definiert w i r d". Wie kann also Herr Schulz behaupten: „Bei der Schaffung der Bestimmung im § 2 der im Bildungsausschuß eingebrachten Regierungsvorlage ist davon ausgegangen worden, daß nach dom Willen der Weimarer Verfassung als Regalschule nicht lediglich die Simultanschule in Betracht komm t". — Ein zweiter Widerspruch mit den Textsachen besteht in der folgenden Aeßerung des Staatssekretärs: „Die bisherige Simultanschule, wie sie bisher in einigen Teilen Deutschlands besteht, ist eigentlich nur eine gemeinschaftliche Schule für di beiden christlichen Konfessionen gewesen". Mit Verlaub, Herr tzlaatssekretärt Zst Zhnen als Schlesier nicht bekannt, daß in Oberschlesien. Posen und Westpreußen, ebenso in Berlin, eine ganze Reihe von Volksschulen bestanden hat, die von Schülern aller Bekenntnisse bestand und an welchen Lehrer aller Konfessionen angestellt waren? Za. es gab sogar in Posen einige Simultanschulen, an welchen selbst dann ein jüdischer Lehrer angestellt wurde, wenn n u r d r e i bis vier jüdische S ch ü l e r, i n einem Zolle sogar gar kein'jüdischer Schüler die 5 i - multanschule besuchten. Wer an so verantwortlicher Stelle steht und in einer so wichtigen Gesetzgebungsbehörde, wie im Bil- Nochmals die jüdische Frau und der Antisemitismus. Zu diesem Thema schreibt uns Zrau Emma Zrankenbacher, Nürnberg: Der Aufsatz „Die jüdische Zrau und der Antisemitismus" in Rr. >0 der „Züdisch-liberalen" Zeitung regt mich zu weiteren Anmerkungen zu der Zrage, an. Es sei mir gestattet, dieselben auf Grund meiner persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse hier weiterzugeben. Meiner Ansicht nach ist der Antisemitismus eine Pflanze, die sehr tief wurzelt, in friedlichen Zeilen nur vegetiert, dagegen von den erderschütternden Bewegungen großer Wellereignisse außerordentlich gefördert wird. Zn solchen. Zeiten setzt der Antisemitismus stärkste Blüten an, mit denen er ringsum alles überwuchert. Er wird zum Naturereignis wie Dürre und Regennot, wie Blitz und Donner, durch nichts aufzuhalten. Darum glaube ich an keine große Wirkung der Abwehrmaßnahmen gegen den Antisemitismus. Zch glaube nicht daran, selbst wenn wir uns olle, Männer und Zrauen, in tiefste Demut flüchten, wenn wir uns in Sack und Asche hüllen würden. Was wir dagegen unternehmen, tlin wir um unserer Selbstachtung willen, um. komme, was da wolle, rein da zu stehen, vor uns selbst oder der höheren Macht, der wir Rechenschaft schuldig sind' über all unser Tun und Lassen. Von diesem Standpunkt aus möchte ich das Verhältnis der jüdischen Zrauzum Antisemitismus betrachten. Daß ein großer Teil unserer Glaubensgenossen nicht in ausreichendem Maße Selbstzucht üben, scheint wahr zu sein, aber ich möchte dieses Manko nicht als absolut jüdisches festlegen. Es ist ein Mangel an Takt und Kultur, den wir auch bei Ehristen ohne Tradition beobachten können. Wenn freilich zwei das Gleiche tun, so ist es noch lange nicht das Gleiche, sagt ein altes Sprichwort. Wir können uns von seiner Wahrheit überzeugen, wenn wir eine ZUdin und eine Ehristin in die gleiche Kleidung stecken würden; ihre Wirkung wäre gewiß eine ganz verschiedene, womit ich nicht gesagt haben will, daß man jede Zrau sofort auf ihre Abstammung erkennt, und Verwechslungen sind außerordentlich häufig.. Selbverständlich ist, daß wir Zrauen niemals ab-/ lassen sollen, von dem Streben nach äußerer und innerer Ausgeglichenhet. Zch kenne genug jüdische Zrauen, die darin mit gutem Beispiel vorangehen und die auch Brüdern und Schwestern gegenüber wohlwollende Kritik üben. Zch bin überzeugt, man wird ihnen da und dort sogar dankbar sein. Was die jüdische Hausfrau und den Antisemitismus betrifft, so zeigt es sich hier, daß der Antisemitismus nicht logisch ist, daß er die tüchtigen Eigenschaften eines Menschen mehr verfolgt, als seine Schwächen. Zch möchte mir hier noch kein abschließendes Urteil erlauben. Zmmerhin erscheint es mir fraglich, ob die jüdische Frau, die sich ihrer Bequemlichlüit und dem Wohlleben überläßt, mehr zum Antisemitismus anregt, als die, die jahraus, jahrein in Küche und Speisekammer, in Keller und Boden Bescheid weih. Daß der Verkehr zwischen Züdinnen und Thristinnen seltner ist, als zwischen jüdischen und christlichen Männern, rührt wohl davon her, daß Zrauen überhaupt vorurieilsvoller sind als Männer, daß sie jedes Abweichen von ihrem gewohnten Milieu kritisch beurteilen, überhaupt das Elich6 lieben. Trotzdem muß ich sagen, habe ich eine Menge großzügiger vorurteilsloser Ehristinnen kennen gelernt, aber sie standen auch in ihren Kreisen ziemlich einsam. Zur Anbahnung «euerer Beziehungen zwischen Zuden und Ehristen halte ich die gegenwärtige Zeit für wenig geeignet. Der Antisemitismus hat z. Z. alle Kreise derart überwuchert, daß der einzelne Thrist es einfach gar nicht wagt, von der Allgemeinheit eine Ausnahme zu machen. Zch bin fest überzeugt, es möchte mancher und manche den Verkehr mit der oder jener jüdischen Zamilie pflegen, aber er wagt es nicht, weil er fürchtet, im eigenen Lager Mißfallen zu erregen. Diejenigen» die sich nicht beirren lassen, müssen wir darum um so mehr achten. Um ihretwillen dürfen wir die Zuversicht nicht verlieren, daß auch wieder Zeilen kommen, wo ein allgemeines geselliges Rebeneinanderleben zwischen Zuden und Ehristen möglich ist. Vorerst glaube ich, ist es wichtiger, den Mut und die Selbstachtung in uns und in unsern Kindern zu heben. Mögen die Männer den offenen Kampf aufnehmen, für uns Zrauen ist jetzt die Zeit stillen Wirkens. Wir wollen uns nicht am offenen Kampf beteiligen. Wir wollen auch noch keine Friedensangebote machen. Aber wir wollen unsere Kinder zu freien Menschen erziehen, die kein Unrecht dulden und kein Unrecht tun. Wir wollen ihr Wissen fördern, ihr ästhetisches Empfinden heben, ihr Verantwortungsgefühl wecken. Sagen wir unseren Kindern nicht: Sucht christlichen Verkehr, sondern repräsentiert Euren Glauben mit Einfachheit und Würde. Wo ihr angegriffen werdet um seinetwillen, da wehrt Euch mit der ganzen Macht Eurer Selbstachtungl Es werden wieder friedlichere Zeiten kommen, und hoben jüdische Zrauen die Zahre dazu benutzt, in diesem Sinne an sich und ihren Kindern zu arbeiten, dann werden die deutschen Zuden zum Deutschtum wieder jüdische Zntelligenz, jüdische Weltanschauung in die Wagschale legen, und man wird sie für z:s wertvoll finden, um sie länger auszuschalten. * * * Aus jüdisch-liberalen Zrauenkreisen wird uns zu der gleichen Zrage geschrieben: Zn einer der letzten Nummern unseres Blattes hat man dem Zrauenproblem ein ziemlich weites Zeld eingeräumt, was eigentlich der beste Beweis dafür ist, daß der Liberalismus dem Mitwirken der Zrau eine wesentliche Bedeutung beimißt. Wenn man auch die Zrau und den Antisemitismus in Zusammenhang bringt, also auch Schwächen zur Sprache kommen, so sehen wir hierin keineswegs eine Herabsetzung der Zrau, sondern es soll lediglich ergründet werden, woher derartige Erscheinungen kommen und wie man eine Besserung herbeiführen kann. Um dem Uebel auf den. Grund zu gehen, muß man sich zunächst fragen: „Wie war die jüdische Zrau in früheren Zeiten? Hat sie mit der von heute Aehnlichkeit? Wenn wir wahrheitsliebend sein wollen, müssen wir diese Zrage verneinen. Die jüdische Zrau im alten Zudentum galt als Zierde des Hauses, galt überall als Vorbild von Häuslichkeit, Pflichtgefühl und Sittlichkeit; von diesen Tugenden ist aber nur sehr wenig übrig geblieben. Es geht sogar so weit, daß man die jüdische Zrau als Beispiel für eine Zrau, wie sie nicht sein soll, nennt. Woher kommt nun diese Wandlung zum Schlechten, sind die Zrauen an dieser traurigen Tatsache einzig und allein schuld? Dieletzte Zrage müssen wir auch verneinen. Nicht daß wir unsere Hände in Unschuld waschen wollen, aber wir müssen gestehen, daß die Männer zum großen Teil an dem Uebel Mitschuld haben. All das, was wir im alten Zudentum so zu schätzen wußten, das innige Zamilienleben, die Wertschätzung der Zrau und die Liebe dungsausschuß des deutschen Reichstages, verantwortliche Aeßerungen macht, der hat die unbedingte Pflicht, sich vorher recht genau zu orientieren, wenn er nicht will, daß man ihm Unkenntnis zum Vorwurfe macht! — Die Aeußerungen des Herrn Slaatssekrotärs stehen aber auch im Widerspruch mit den Gesetzen der Logik. Der Herr Staalsse^relär sagt: „Nach dem Willen der Weimarer Verfassung kommt als Regelschule nicht lediglich die Simultanschule in Betracht".-Und er fährt dann fort: „-Mit der Weimarer Verfassung haben aber auch die nichtchristlichen Bekenntnisse und bekemilnissreien Weltanschauungen ihr verfassungsmäßiges Recht erhalten und müssen demgemäß Berücksichtigung in der Gemeinschaftsschule beanspruchen". Rach den Gesetzen ber Logik gibt es also und kann es gar nicht — wie die bürgerlichen Parteien es wünschen — eine allgemeine Volksschule geben, die auf christlicher Grundlage ruht, sondern wie § 146 der Weimarer Verfassung es glücklich ausdrückt: „Auf einer für alle gemeinsamen Grundlage baut sich das. mittlere und höhere Schulwesen auf". Nach diesen Bestimmungen müßte also der Herr Staatssekretär logischer Weise das Kompromiß der bürgerlichen Parteien, das e i n e Volksschule aus christlicher Grundlage fordert, unzweideutig und rundweg ablehnen. Was tut aber der Herr Staatssekretär? Zn jener Sitzung des Vildungsausschusses nimmt er zum zweiten Male das Wort und sagt: „D er Herr R e i ch s m i n i st e r des Z n - neren wolle die weiteren Abänderungsanträge und den Fortgang der A n s s ch u ß b e r a t u n g e n abwärts», ehe er sich Uber seine Stellung zu diesem Anträge im Zolle der Annahme abschließend äußern wird". Wie diese abschließende Aeußerung lauten wird, das ist heute schon klar. -Der Herr Reichsminister des Aeußeren, Herr Dr. Oeser, ist Demokrat, .das Kompromiß ist mit Hilfe der Demokraten im Bildungsansfchuß zustande gekommen, im Plenum des Reichstages haben die bürgerlichen Parteien, also mit Einschluß der Demokraten, die Majorität und — die Gemeinschaftsschule auf christlicher Grundlage wird Gesetz.-Die Linksparteien haben die Tragweite der Erklärung des Herrn Staatssekretärs in jener Sitzung auch sofort erkannt. Der sozialdemokratische Abgeordnete sagte: „Die Erklärung des Staatssekretärs erfüllt mich mit großem Bedauern, denn sie erweckt den Eindruck, a l s wolle die Regierung damit ihren U m f a l l vorbereiten. Die sozialdemokratische Fraktion würde prinzipiell der Gemeinschaftsschule auf christlicher G und läge i d e r st a n d entgegensetze »“. — Bon einem Vertreter der sächsischen Landesregierung wurde die Erklärung abgegeben, daß Sachsen eine christliche Gemeiuschaft/sschule als Verfassungsänderung betrachten müßte. Zrau Zetkin endlich, die Kommunistin, sagte: „vie gesunden Gedanken der christlichen Religion sind mit der europäischen Kultur schon so verwachsen, daß sie nicht ir. einem besonderen Aellglonsunlerricht gelehrt zu werden brauchen. (Schluß folgt) Die Breslauer Aaumauu- Berjammlung. Zu unserem Bericht über die Versammlung der Ortsgruppe Breslau des Verbandes nationaldeutscher Zuden in Rr. 15 unseres Blattes erhalten wir von Herrn Dr. Naumann, dem Vorsitzenden des genannten Verbandes folgende Zuschrift: „Der Bericht enthält eine derartige Zülle von tatsächlichen Unwahrheiten und Mißverständnissen, daß eine Gegenschrift, die den Umfang des Berichts selbst um ein Mehrfaches überschreiten würde, notwendig wäre, um jeden einzelnen Punkt richtig zu stellen. Zch begnüge mich deshalb damit, auf den Schlußabfatz des Berichts, der die gröbsten und wichtigsten Unrichtigkeiten enthält, einzugehen. Zhr Bericht enthält folgende Sätze: „Auf die Herrn Dr. Naumann entgegengerufene Frage, was denn das Zudentum seines Verbandes sei, hatte er als Antwort nur die Gegenfrage, was denn das Zudentum der Anderen fei. Zmmer wieder betonte er sein deutsches Gefühl. Dazu stand allerdings eine .... Aeußerung in scharfem Widerspruch: er glaube nicht an die Ewigkeit des Zudentums, auch nicht an die des Deutschtums, sondern an die der Menschheit .... Der Höhepunkt der Ausführungen .... war vielleicht doch die Definition feines Zudentums. zu der er sich entschließen mußte: „Das Zudentum sei ihm eine hohle Schale, die mit deutschem Rationalgefühl angefüilt werden ^mnßte". Zhr Bericht schließt mit dem anscheinend redaktionellen Zusatz: „So also sieht das Zudentum dieses nationaldeutschen Zuden aus!" Dieser Schlußsatz hätte wirklich eine gewisse Berechtizu den Kindern, lie haben sich oft zu Auswüchsen übelster Art herausgebildet. Die Zrau, die früher nicht nur ihren Hausfrauenpflichten nachkam, sondern mithalf, das tägliche Brot zu verdienen, man nahm ihr die „Lasten" nacheinander alle ab, um ihr das Leben leichter und angenehmer zu machen. Gute Absicht lag wohl zugrunde, sie führte aber zum Wohlgefallen am Nichtstun. Es waren auch sicher nicht immer die Zrauen, die ihre Schlichtheit und Einfachheit aufgeben wollten, sondern durch die Freigebigkeit der Männer und den Hang, den ändern nicht nachzustehen, wurden sie erst dazu veranlaßt. Die Liebe zu den Kindern war immer groß, und aus die Erziehung wurde immer besonderer Wert gelegt, selbst wenn sich die Eltern auch die größten Entbehrungen auferlegen müßten.. Auch hier artete aber die Liebe zu einer Art Abgötterei aus. Die Zrüchtr dieser Entwicklung hat man jetzt geerntet. Es gab in den letzten Zeiten bei vielen nur ein Znteresse, das da lautete: Putz, Luxus und Amüsement. Den Kindern wurde das Streben noch diesen Dingen sgstematisch eingeimpft. Es galt als durchaus moderne Erziehung der Töchter, wenn diese lernten, ihre Zeit mit Nichtstun, Flirt und Toiletteangelegenheiten auszufüllen, ja beinahe als Schande wurde es betrachtet, wenn man sich auch - nur in irgendeiner Weise nützlich betätigte. Beruhte die Erziehung der Töchter auf derartiger Basis, so fand sie bei den Männern großen Anklang und wurde noch weiter in diesem Sinne ausgebaut. Die Aeußerung: „auf gebildete Zrauen verzichten wir", gehörte wohl nicht gerade zu Seltenheiten. Zn den Augen der Männer war die Zrau nur dazu da. damit man mit ihr Staat machen kann, damit sie bewundert würde, was der Eitelkeit des Mannes sehr schmeichelte. Sie durfte den Zrauen ihres Bekanntenkreises in keiner Weife nachstehen, im Gegenteil, sie wurde eher angospornt, Bekannte zu übertrumpfen. Wollte sich die Zrau vielleicht in ihrer Häuslichkeit nützlich machen, so war man damit nicht einverstanden, da man den. Händen Arbeit ansehen könnte, und es den Anschein erwecken könnte, man wäre nicht in der Lage, stch Leute zu halten. Ob die Zrau wollte oder nicht, sie wurde in das Netz der Oberflächlichkeit verstrickt, aus dem das Herauskommen sehr schweb war. Noch eigenartiger ist aber der Umstand, daß diejenigen Mädchen, die sich vor der Ehe verschiedentlich sozial oder auf anderen Gebieten betätigt haben, ' damit aufhören, sobald sie verheiratet waren. Man kann nicht -sagen, daß das Znteresse sofort aufgehört hat, aber vielfach war es der Mann, der derartiges Znteresse und die Weiterarbeit nicht wünscht. Das geistige Znteresie bei der Zrau wurde bewußt erstickt, war auch fast erstorben. Nur auf Aeußerlichkeiten wurde Wert gelegt, und alles und jedes wurde nur noch dem Gelds gewertet. Geld hieß der Gott, den man in diesen Kreise« anbetet. und aus diesem Ergebnis heraus ist vielleicht wiederum der Vorwurf, den man uns Zuden macht, geboren, daß wir durch und