Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 18 (4.5.1923)
- Date
- 1923-05-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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FWchliberaleZeitmg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. * Bezugspreis dnrch die Geschäftsstelle V* jährl.M.3000.- An;eigen: Grundpreis für die 3'/, cm breite mm-Ieile W. o.25, Familienanzeigen W. 0.15. Bei Wiederholung Ermäßigung. Der Grundpreis wird mit der am Erfcheinungstoge gültigen Schlüsselzahl des Buchazs so Händler-Börfenvereius multipliziert, m m Die „Züdifch-liberale Zeitungerfcheint jeden Freitag, je dreiwöchentlich als wissenschaftliche Beilage „Liberales Judentum- und „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Zugendvereine-. Ar. IS «> Berlin, 4. Mai 1923 * Z. Jahrgang Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin W. 8. Alauerstraße 22 lBereinigung für das liberale Judentum e. B.f» Fernruf; Amt Jeutrum 182. Anzeigen-Annahme bei der Geschäftsstelle Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin AW.-7 Rr.137089 (Bereinigung für das liberale Judentum e.B.f. Vas jüdifcbe (ftoblfabrtoamt Die allgemeine Verelendung des deutschen Volkes trifft auch weite Schichten des deutschen Judentums. Die Not der kleinen und mittleren Rentner, der Niedergang des selbständigen Mittelstandes, die Unterernährung und Verwilderung der Heranwachsenden Tugend, das Zurückbleiben des Einkommens der akademischen Berufsstände hinter der Geldentwertung und nicht zuletzt die wirtschaftlichen Nöte der geistigen Arbeiter jeder Art, das alles sind Probleme der Zeit, die die deutschen Süden keineswegs weniger drücken, als die übrigen Schichten unseres deutschen Volkes. Es ist eine nicht scharf genug zu bekämpfende antisemitische Tendenzlüge, wenn immer wieder behauptet wird, daß die Süden an der allgemeinen Not der Zeit sich bereicherten. Gewiß gibt es Berufe und Klassen, die unter der Währungsinflation nicht so stark leiden wie die übrigen Volkskreise, weil sie als Warenproduzenten oder Händler Sachwerte besitzen, die der Geldentwertung entzogen bleiben. Aber es ist durchaus unwahr, wenn gesagt wird, daß diese Kreise vorzugsweise Süden seien. Man braucht nur an die fast judenreine Schwerindustrie und an die Landwirtschaft zu denken, um zu dem Ergebnis zu gelangen, daß die Süden in ihrer Mehrheit keineswegs den Wirkungen der Nachkriegsnot sich entziehen können. Einer dünnen Schicht gut gestellter jüdischer Handels- und Sndustriekreife fleht auch innerhalb des deutschen Sudentums die große Masse der Notleidenden gegenüber, von denen gar viele, die früher als wohlhabend oder dem Mittelstand zugehörig angesehen wurden, heute auf Unterstützung Verwandler oder der Allgemeinheit angewiesen sind. Die Aufgaben der Wohlfahrtr- und Jugendpflege fast jeder Art sind daher im deutschen Sudentum in den letzten Sahren i n s Ungeheure gewachsen. Hinzu kommt die Fürsorge für die ungeheure Zahl der zugewanderten oder durchwandernden Ostjuden, die dnrch Pogrome oder wirtschaftliche Umwälzungen zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen worden sind und deren Unterstützung die deutschen Süden und die jüdischen Gemeinden Deutschlands seit jeher für eine humanitäre Pflicht gehalten haben. Alle diese wichtigen sozialpolitischen Aufgaben der jüdischen Gemeinde erfordern auch eine entsprechende Organisation der jüdischen Wohlfahrtspflege in den großen jüdischen Gemeinden. Der Löwenanteil an der jüdisch-sozialen Tätigkeit fällt natürlich der Weltstadtgemeinde Berlin zu. Die jüdische Gemeinde Berlin steht im Begriff, sich für ihre gesamte Wohlfahrtspflege eine große eigene Organisation zu schaffen. Die Nepräsentantenversammlung hat in ihrer letzten Sitzung eine Vorlage endgültig und einstimmig angenommen, in der die Satzungen für das neu zu bildende Wohlfahrtsn n d Jugendamt festgelegt sind. Aufbau und Tätigt keit dieses Amtes entspricht vollkommen den Grundlagen, die das Neirhsgesetz über die Wohlfahrtspflege und das Neichsjugendwohlfahrtsgesetz für die staatliche und kommunale Wohlfahrts- und Sugendpflege in Deutschland geschaffen haben. Der Umfang, .zu dem sowohl die Wohlfahrtswie die Sugendpflege innerhalb der Berliner Südischen Gemeinde angewachsen sind, entspricht in der Tat durchaus dem eines deutschen Mittelslaals oder irgend einer deutschen Großstadt. Der Grundgedanke der Neugestaltung ist eine Zentralisierung, bei der die Gesamtleitung straff zufammengefaßt ist, während die Einzelarbeit den Bezirken, die entsprechend den städtischen Verwaltungsbezirken von Groß-Berlin gegliedert sind, übertragen wird. Den Bezirksorganisationen werden auch die im Verbände für jüdische Wohlfahrtspflege bereits zusammengeschlossenen privaten Wohltätigkeitsvereine und Anstalten fest angegliedert. Auf ein verstärktes Zusammenwirken mit den Organen der öffentlichen Fürsorge wird besonderer Wert gelegt. Erstrebt wird dabei, die gesamte jüdische Wohlfahrtspflege zu erfassen, zusammenzufassen und dabei überall in jüdischem, d. h. zugleich sozialem und religiösem Sinne zu wirken. Zweck der zentralisierten Organisation ist die Erreichung möglichst großer Wirkungen unter bester Ausnutzung der vorhandenen oder herbeizuschaffenden Mittel. Der wichtigste zentrale Träger des ins Leben zu rufenden Wohlfahrts- und Jugendamts soll ein Hauptausfchuß sein, dem die allgemeinen Aufgaben übertragen sind. Die eigentliche Fürsorgetätigkeit wird dagegen den Bezirkskommissionen in die Hand gegeben. Sn den Hauptausschuß werden S in der Wohlfahrtspflege erfahrene Gemeindemilglieder berufen werden, wobei dem Verbände Der bayerische Antisemitismus vor dem Reichstage. Sn der Sitzung des Reichstages vom 24. April, in welcher der Gesetzentwurf gegen Versammlungssprengungen verhandelt wurde, sprach der sozialistische Abg. Vogel über die Gefahren dieses Gesetzes für die bayerische Demokratie und sagte u. a.: „Die bayerischen Nationalsozialisten hallen in engstem Zusammenhang mit der Reichswehr und der Landespolizei Schießübungen und Felddieustübungen ab. Sn ihren Versammlungen wird regelmäßig zur Ermordung der Süden und „Novembermänner" aufgefordert. Hitler darf im „Völkischen Beobachter" ungestraft das deutsche Reich einen „Marxistisch-jüdischinternationalen Saustall" nennen. Die bayerische Landespolizei liefert den Hitlertruppen Gummiknüppel. Hitler hat in feinen Versammlungen aufgefordert, sich Notizbücher anzulegen, in treuen die Namen von Süden und „Novemberverbrechern" zu verzeichnen find, an denen am Tage der Abrechnung Rache genommen werden soll. Arbeitslosenstatistik in Palästina. Rach den Mitteilungen der palästinensischen zionistischen Exekutive zählt man gegenwärtig über 2000 jüdische Arbeitslose im Lande. Die zionistische Exekutive berät über Maßnahmen, wie denselben Arbeit tzu verschaffen sei. Ein neuer Antisemitenbund. Eine neue antisemitische Organisation, die sich „Erneuerungsgemeinde nennt, hat mit der Herausgabe einer Anzahl judenhetzerischer Schriften begonnen, die in einer Unzahl von Exemplaren Uber ganz Deutschland verbreitet werden, Sn dem letzten Flugblatt der „Erneuerungsgemeinde" wird nachzuweisen versucht, die Süden hätten den Weltkrieg geschaffen, um die Völker auszuplündcru und alle Staaten in Schuldknerhlfchaft zu stürzen. Grak Reventlow und die „Meisen von Zion“. Vor dem Amtsgericht Berlin-Mitte fand der Termin in der Angelegenheit Achad-Haam gegen 'den Grafen Reventlow statt. Achad-Haam wurde durch Rechtsanwalt Gronemann vertreten. Sn diesem Termin wurde seitens des Angeklagten die folgende Erklärung Zu Protokoll gegeben: „Graf Reventlow bedauert, daß er aus dem Artikel der „La vieille France" die Behauptung, U. Ginzberg fei der Verfasser der „Weisen von Zion", übernommen hat, und erklärt, daß er heute diese lediglich auf die Darstellung der „La vieille France" gegründete Behauptung nicht aufrechterhallen kann. Er übernimmt die Verpflichtung. diesen Vergleich in dem „Deutschen Tageblatt" zu verösfent- Delegiertentag der Zionistifcben Vereinigung kür vcutscbland. Der Landesvorstand der deutschen Zionisten hat beschlossen, einen Dolegiertentag im Suni d. S. abzuhalten. Ort und genauer Zeitpunkt werden noch bekanntgegeben werden. Eine vilksaktion kür die falatchas. Sn der Schweiz hat sich ein „Pro Falascha-Komitee" gebildet, das das Ziel verfolgt, den notleidenden Falaschas in Abessinien Unterstützung zu gewähren. Das Komitee, welchem jüdische Persönlichkeiten aus allen Städten der Schweiz angehören, erläßt einen Aufruf an die Schweizer Sudenheit. in welchem betont wird, es fei eine Bruderpflicht für alle Süden, den Ueberrest eines alten jüdischen Stammes dem Sudentum zu erhallen. Ein jüdischer viel ermann. Sn den Berichten über die Hochverratssache Fuchs-Machhaus spielte auch die Persönlichkeit eines gewissen Kohlenhändlers Munk eine bedeutende Rollo. Er soll der Mann gewesen, sein, der das ganze Unternehmen finanzierte. Rach einer Meldung des Prager „Sozialdemokrat" hieß Herr Munk früher Sacob Mund und ist in Brünn als Sude geboren. Als Vertreter einer Wiener Firma verschwand er nach Aufdeckung eines Fehlbetrages von 80 000 Zriedenskronen nach Amerika und kam erst bei Ausbruch des Krieges wieder nach Europa zurück. Er trat aus dem Sudentum aus und änderte feinen. Vornamen in Sohannes um. Sn München etablierte er sich als Kohlenhändler und fand Anschluß an die Hitler-Leute. fünfrigjäbriger Befand dev Mener Rotbfdrildfpitata. Das Rothschildspital der Wiener israelitischen Kultusgemeinde hat in diesen Tagen das Subiläum seines 50jährigen Bestehens gefeiert. 2m Sahre 1889 teilte der Baron Anselm Rothschild der Kulturgemeinde mit, daß er ein großes, allen modernen Anforderungen entsprechendes jüdisches Krankenhaus auf den Namen seines Vaters Solomon Freiherr von Rothschild als Geschenk für die israelitische Kultusgemeinde errichten, lassen will. Am 10. April 1873 war das Spital vollendet und so weit eingerichtet, daß die ersten jüdischen Kranken ausgenommen werden konnten. Die Söhne des Barons Anselm: Nathaniel, Ferdinand und Albert von Rothschild ließen im Sahre 1897 auf den Namen der Baron Anslm auf ihre Kosten eine chirurgische und gynäkologische Abteilung hinzubauen. Dafür verpflichtete sich die Kultusgemeinde, für die laufenden Ausgaben des Spitals aufzukommen. Die Familie Rothschild steuert nur zeitweise Subventionen bei. für jüdische Wohlfahrtspflege teilweise ein Vorfchlagsrecht eingeräumt wird. 2m übrigen gehören dem Hauptausfchuß zwei Gemeindevorftandsmitglieder, vier Mitglieder der Nepräfentantenverfammlung, die Vorsitzenden der Bezirks-, Wohlfahrts- und Zugendkommiffionen, Zwei Gemeinderabbiner, ein juristischer Beirat, sowie zwei Vertreter der Beamtenschaft des Wohlfahrtsamts an. Die Vezirkskommiffionen bestehen aus je 25 Gemeindemilgliedern, die als Pfleger oder Pflegerinnen bezeichnet werden. Unter ihnen sollen sich auch Rabbiner, Aerzte, Lehrer, Frauen und Vertreter der freien Wohlfahrtspflege befinden. Die Vorsitzenden der Bezirkskommissionen halten in den Bezirken Sprechstunden für Hilfsbedürftige ab. Den Bezirkskommissionen gehören schließlich auch hauptberuflich tätige Lozialsekretäre und Fürsorgerinnen an. Dem so gegliederten Wohlfahrtsamt der jüdischen Gemeinde liegt in Zukunft die gesamte Fürsorge durch Unterstützung und Vorbeugung, ferner die Gefangenen- und Durchwandererhilfe, die Waisenpflege, die Jugendfürsorge einschließlich der Zammelvormundschaft und endlich auch die stiftungsgemäße Verwendung der Erträge der Stiftungen ob. Mit der Aufnahme der Tätigkeit dieses neuen Wohlfahrtsamts find alle bisher bestehenden Armen-, Waisen-, Fürsorge- und Stiftungs- Kommissionen der Gemeinde aufgehoben. Es beginnt mit dem Aufbau dieses Wohlfahrtsamts eine neue, bedeutungsvolle Aera moderner jüdischer Sozialfürsorge. Die Bedeutung dieses Werks reicht weit über die Grenzen der Stadt Berlin hinaus und soll, wenn es gelingt, die zeitgemäße Organisation mit dem rechten jüdisch-sozialen Geist zu erfüllen, für das ganze deutsche Judentum und seine Wohlfahrts- und Jugendpflege vorbildlich wirken. H. N. Sonntagsgottesdienst und jüdische Volkshochschule. Eine Anregung. Der jüdische Liberalismus in Deutschland ist im Gegensatz zu Amerika wenig positiv gewesen. Die Rennaissance jüdischen Lebens, die im Allgemeinen von der jüdischen Sugendbewegung ausging, hat darin glücklicherweise eine Aenderung gebracht. Allerdings bestehen diese Aenderungen. meist in einem Wiederanknüpfen an jüdische Dinge, die die alten Liberalen abgeschasst haben. Der Sonntagsgoltesdienst z- B. hat sich in Deutschland nicht einbürgern können, er existiert wohl nur noch in der Berliner Reformgemeinde. Dabei steht es doch aber fest, daß seine Einrichtung einem religisen Bedürfnis entspricht. Allerdings muß die Form geändert werden. Wenn er den Sabbathgottesdienst, so schwach dieser auch, infolge unserer sozialen Verhältnisse, besucht sein mag, verdrängt, ist er in Deutschland — von meinem Standpunkte aus glücklicherweise — unmöglich. Aber die Sugeud drängt nach jüdischem Wissen, nach religiöser Belehrung. Sch habe im vergangenen Winter alle 14 Tage am Sonntag vormittag um 11 Uhr fortlaufend Vorträge über den Talmud und die talmudische Literatur gehalten; im nächsten Winter soll dies fortgeführt und auf eine breitere Grundlage gestellt werden. Zu den Vorträgen kommen Arbeiten über den Talmud oder auf anderen jüdischen. Gebieten, ausgeführt von den Hörern. Dann wollen wir auch ein kleine Einfchreibegebühr erheben. So nähert sich diese Art des jüdischen Arbeitens den Bestrebungen einer Volkshochschule. Zu den Stunden sind naturgemäß auch Nichtjuden in weitem Umfange zuzulassen. Unter den Besuchern hier in Halle befanden sich einige christliche Mitglieder des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Dennoch hatten die Vorträge durchaus keinen apologetischen, sondern rein wissenschaftlichen Eharakter. Geplant sind ferner Vorträge von Suristen und Aerzten, aber stets über jüdische Dinge. Auch die jüdischen Kantoren werden sich überall gern in den Dienst dieser Sache stellen und Uber jüdische Musik Vorträge und Uebungen abhalten. Dann entsteht leicht die Grundlage?i| einem geschulten» freiwilligen Sgnagogen-Ehor. Auch in anderer Beziehung läßt sich dieser Gedanke weiter ausbauen, wobei Einzelheiten jeder Gemeinde überlassen bleiben. Hingewiesen sei nur noch auf Stunden, in denen, evtl, ohne Referat, über ein wichtiges jüdisches Thema, das gerade zeitgemäß ist, nachdem es rechtzeitig vocher angekündigt worden, diskutiert wird. Sedenfalls erwächst dem jüdischen Liberalismus, der mit Eifer dieser Frage näher tritt und ihre Behandlung rechtzeitig vorbereitet, eine dankenswerte, erfolgreiche Aufgabe. Dr. A. Kahlberg, Halle o. 5. Zugeudverelue-Auzeigeu W“ letzte Sette.