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Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-04-27 · 17 (27.4.1923) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
3 (1923)
Issue
17 (27.4.1923)
Date
1923-04-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Sie erfahren ihren Gott als lebendigen Gott. Gott greift in die Geschichte ein, er ordnet das Naturgeschehen und gibt das Sittengesetz. Aber jedes Erleben, auch das größte, währt nur eine kurze (Zeit und verblaßt dann; es läßt sich nicht starr festhalten, noch weniger so überliefern. Um es lebendig und wirksam zu erhalten, muß man es umwerten. Dies geschieht, wenn es zur Aufgabe wird. Sich einer Aufgabe voll bewußt werden, heißt, sich auch der Bedingungen bewußt werden, unter der sie steht. Die Arbeit an der Aufgabe macht ihr das zu Grunde liegende Erlebnis immer wieder lebendig, und dadurch wird wieder der Wille zur Erfüllung der Sendung belebt. Wenn das ganze Leben aller Geschlechter unter dieser Aufgabe steht, so wird auf diese Weise dem einmaligen Erleben Dauer gegeben. Dies zu wirken, hat Israel übernommen, als es nach einem alten Ausspruch feine Kinder als Bürgen stellte. 2hnen das zu vermitteln, was es am Sinai empfangen hatte, ist seine Pflicht. „Du sollst Deinem Sohne erzählen," fordert die Thora. Doch nicht als von etwas Vergangenem soll man ihnen berichten, es soll ihnen lebendig werden, als wenn sie es selbst milerlebt hätten. Es gilt hier, sich der Vergangenheit bewußt zu werden als einer noch wirkenden Kraft, als des lebendigen Urgrunds, auf dem man steht. Da darf man sich nicht Vergangenes als etwas Fertiges gegenüberstellen, das führt nur zu schwärmerischem Anschauen, das jede Aktivität ausschließt. Die Vergangenheit ist nichts Starres; wie sie lebendig als Wurzel der Gegenwart wirkt, so stellt sie Aufgaben für die Zukunft. Nicht Anschauen, sondern Erleben der Vergangenheit fordert das Judentum. „(Zeder soll sich vorstellen, als wenn er selber aus Aeggpten gezogen sei." Ein klassisches Beispiel für die rechte Art die lebendige Vergangenheit für die (Zukunft auszuwerten, ist die Rede Aloses im Deuteronomium. Sie berichtet nicht und malt nicht einmal Geschehenes aus, sie wendet sich vielmehr an den Einzelnen und ruft ihm ins Bewußtsein: bedenke» was Gott Dir während der Wüstenwanderung getan hat. D u hast das alles miterlebt, Dir hat sich Gott so gewaltig offenbart. daß Du vergehen zu müssen glaubtest. Du hast es damals übernommen, Gottes Diener zu sein. „Hüte Deine Seele, daß Du das nicht vergißt. Erzähle es Deinen Kindern." Von D i r fordert diese Vergangenheit, daß Du ihr in der (Zukunft gerecht werdest und die Aufgaben erfüllst, die sie Dir stellt. Das heißt die Vergangenheit verlebendigen. Wenn Vergangenheit etwas Fertiges ist, wer darum auf sie zurücksieht als auf etwas Starres, Gesättigtes» dem erstarrt die Gegenwart und er verliert die (Zukunft. 2hm wird das Leben Betrachtung, Schwärmerei. Kein Vorwärts gibt es für ihn und keine Tat. Ein Schaffen der (Zukunft kennt er nicht. Darum muß ihm der Glaube an die (Zukunft verloren gehen. Die Aufgabe fehlt, damit der Glaube an sich und der Glaube an die Menschheit. Er kennt nur das verlorene Paradies, nicht aber die messianische (Zeit, die e r herbeiführen soll. Demgegenüber steht das Judentum als Religion der Tat. Sein eigenes Erleben wird ihm zur Aufgabe. 2hm ist der Glaube geworden, daß es, von Gott gesendet, der Menschheit etwas zu geben hat, der unbedingte Glaube an sein Führertum» und dieser Glaube hat seinen Grund in dem unbedingten Glauben an einen gottgewollten Fortschritt der Menschheit. Der Glaube an seinen Gott, an seine Sendung, wird ihm untrennbar, ja fast identisch. Ein Rückwärtsschauen führt zur Verneinung der Welt. Den Blick nach vorwärts gerichtet, will 2srael die Vergangenheit lebendig zur (Zukunft gestalten. Es muß die Welt bejahen. Sein Gott fordert von ihm: „Du sollst das Leben wählenl" Das Leben und das Gute. So aktiv in Gottes Schöpfungswerk eingreifen zu müssen, helfen zu dürfen, das Gute zu verwirklichen, ist 2sraels innere Stärke, das Bewußtsein seiner Verantwortung, seine Kraft, seine Auserwähltheit. Rur ein junges und gesundes Volk konnte dies erleben. Müde (Zeilen und müde Völker spüren nicht mehr die Kraft in sich, die Zukunft zu deuten, sie sind rein betrachtend, ohne Aktivität. Es ist ihnen nicht möglich, das» was sie erlebt, zur Aufgabe zu schaffen, wie 2srael das, was es empfangen, zur zwiefachen Aufgabe geworden ist. Einmal muß es sich die Offenbarung seines Gottes selbst erringen und täglich erneuern, und dann muß es das Gotteswort den anderen künden, nachdem es durch die Offenbarung feine Sendung übernommen hatte. Diese Aufgabe hat 2srael in ihrem ersten Teile, der die Bedingung für die zweite ist, zu erfüllen versucht. Es hat es verstanden, sich das Erlebnis der Offenbarung lebendig zu erhallen. Dies konnte es nur, indem jeder Einzelne den Auszug aus Aeggpten als Mensch seiner (Zeit mit der gesamten kulturellen Einstellung dieser (Zeit erlebte. Für jede (Zeit bedeutet damit die Offenbarung etwas anderes, und bleibt dabei doch dieselbe Offenbarung, ist für jedes Geschlecht d i e Offenbarung! Sie ist damit aus ihrer Einmaligkeit herausgetreten, ohne dabei ihre Einmaligkeit zu verlieren. Daß dabei jedes Geschlecht die Offenbarung anders erlebt, ist das religiös Fruchtbare. Das Gotteswort will wirken, es spricht zu jeder (Zeit. Damit ist für das 2udentum die Gefahr der Erstarrung überwunden, zu der trotz ihres lebendigen Prinzips alle Religionen neigen. Denn alles Wertvolle und Heilige will man vor Veränderungen, die es zerstören könnten, bewahren und von äußeren Einflüssen abschließen. And tatsächlich besteht in dem Herantreten neuer kultureller Faktoren zunächst die Gefahr, durch den (Zusammenprall zerschmettert zu werden oder zum mindesten an seiner Eigenart Verlust zu erleiden, wenn dieses Reue nicht für den Empfangenden G e st a l 1 gewinnt, wenn es ihm fremd bleibt. 2ede 2ndividualität wird dadurch» daß sie alles das, was ihr gegenübertritt, in sich einbezieht, stärker differenziert» also innerlich gekräftigt, während sie, wenn ihr das nicht gelingt, unter dem Ansturm des ihr ewig fremden Reuen zugrunde gehen muß. 2frael hat als kraftvolle 2ndividualität alle Kämpfe innerlich bereichert Uberslehen, alle Einflüsse sich fruchtbar machen können. Dieser Kampf um die 2ndividualität ließ niemals feine kulturelle Produktivität versiegen, fand es doch Stützung und Anhalt in seinem Gott, als dessen Bote es durch die (Zeiten geht. Die Offenbarung bedeutet für es seine religiöse Eigenart. Schleiermachers bekannte Definition der Religion als dem „Gefühl der fchlechthinnigen Abhängigkeit", worin man sich der Beziehung zu Gott bewußt werde, ist für die Offenbarungsreligion des 2udentums keineswegs ausreichend. Das Gefühl der Abhängigkeit ist in ihr nicht das Dominierende, sie wird konstituiert durch das Gefühl der fchlechthinnigen Verbundenheit mit Gott. Durch das Verhallen zu seinem Gotte wird 2sraels ganze Geschichte bestimmt. Das Hineh Elauhechem „s eh 1, d a i st E u e r G o 1 t", ist 2srael Richtung gebend. Sein Weg geht zu seinem Gotte, Gott ist ihm das (Ziel, gleichwohl weiß es sich von seinem Gott begleitet, geführt und bestimmt. Dabei ist es sich bewußt» seinen Ursprung in Gott zu haben, der (Ziel nur ist, weil er Ursprung ist. Dieses „von Gott zu Gott" mit der ihm innewohnenden Spannung, dieser Gedanke, daß Gott ihm nicht Besitz sein darf und doch Besitz — und zwar lebendiger Besitz — bleibt, wird 2srael zum Bewußtsein de Gottesvolkes. Gott gehört es zu, es ist sein Eigentum. Darum ist es aus Aeggpten geführt. „2ch habe euch aus Aeggpten geführt, daß ihr mir zum Volke seid." 2srael empfindet seinen Bund mit Gott als weltgeschichtlich bedeutend, als notwendig für die Existenz der Welt; wenn es nicht dis Thora angenommen hätte, so wäre nach einem alten Ausspruch die Welt ins Ehaos zurllckgefunken. Und „wenn es sein Bekenntnis, das Sch’ma ausfpricht", so sagen unsere Weisen, „wird tiefes Schweigen im Himmel; wenn diese Worte ausgesprochen sind, beginnen die himmlischen Dinge von neuem ihre Bewegung." Es spricht eine ungeheure Einschätzung von 2sraels Verhältnis zu Gott aus dem Gedanken, daß das Sichbekennen zu dem Bunde von grundlegender Bedeutung für den Weltenlauf sei. Es zeigt auch, daß das Verhältnis nicht einseitig durch die Abhängigkeit 2sraels von Gott bestimmt ist» sondern daß im gewissen Sinne auch Gott, der allmächtige Weltenherr, 2sraels bedarf. (Ein Gedanke, der sich auch sonst im jüdischen Schrifttum findet.) Das ist eine jener Paradoxien, die so durch die eigene Spannung des Gefühls und den Ausgleich der Spannung für das religiöse Erleben bedeutsam sind. 2n diesem Bewußtsein der «Zusammengehörigkeit mit Gott erneut sich noch einmal das Erlebnis der Offenbarung. 2n der Verknüpfung von Befreiung aus Acggpten, der Offenbarung mit ihren Forderungen und dem Weg zu Gott erfüllt sich 2sraels Religion. Oswald Spengler und das Judentum. Von Ernst Heinrich Seligsohn, Berlin. I Das große 2nterefse, das man — wie kaum einem Buche der letzten 2ahrzehnte — dem „Untergang des Abendlandes" von Spengler entgegengebracht hat, und das sich zunächst als Tagesgespräch und Mode kund tat, dann aber sich zu Erwiderungen und Kritiken entwickelte, dieses großes 2ntereffe findet feine Erklärung in der natürlichen Tatsache, daß ein Angegriffener, ein Bedrohter sich gegen den Angreifer zur Wehr setzt. Sie waren alle angegriffen, die zum „Spengler-Thema" das Wort ergriffen, ob Historiker, Mathematiker, Philosophen, ob Künstler oder Rachempfindende, ob alte Leute oder 2ugend. Denn ihnen allen leugnete Spengler die Möglichkeit, noch einmal eine Kultur zu schaffen. Sie alle wurden als Erklärer und Ausführer längst vorhandener Geislesrichtungen, nicht mehr als Neuerer und Umgestalter angesprochen. Trotz dieser Kritiken ist meines Erachtens Spengler bisher nicht widerlegt worden; das wird deshalb auch nie geschehen können, weil letzten Endes fein Weltbild auf seiner — höchst spenglerisch-subjektiven — Anschauung beruht, wie alle letzte Meinung vom rätselhaften Auf und Ab der Weltgeschichte nur — Meinung sein kann. 2ch gestehe, daß ich mit einer gewissen Reugier den zweiten Band jenes Werkes hauptsächlich wegen eines Problemes erwartet hatte. Wegen des Phänomens der jüdischen Kultur. Denn diese schien mir der klarste Gegenbeweis gegen Spenglers historische Auffassung. Wie würde er, so fragte ich mich, seinen Gedanken, daß die großen Kulturen — die chinesische, indische, ägyptische, antike» arabische und abendländische — in sich abgeschlossene, in keiner Berührung miteinander lebende, dem Naturgesetz des Werdens und Vergehens in allen seinen Phasen (Frühling, Sommer, Herbst und Winter, der die (Zivilisation darstellt), wie würde er diesen Gedanken mit den Tatsachen vereinigen» daß die Bibel auf verschiedene Kulturen entscheidend gewirkt hat und daß sich das 2udentum durch die 2ahrtausende erhallen hat? Spengler ist sich der Schwierigkeit dieses Problems bewußt gewesen, und hat deshalb, um seine Anschauungen nicht zu untergraben, an verschiedenen Stellen seines zweiten Bandes das Problem des 2udentums ausführlich behandelt. Freilich, was er, um seine welthistorische Anschauung zu Hallen, aus dem 2udentum gemacht hat, ist trotz aller bestechenden Vergleiche ein (Zerrbild, man kann getrost sagen: ärger als alles, was er sonst dargestellt hat. Folgen wir seinen Gedankengängenl Die jüdische Kultur gehört in einen großen Kulturkreis, den der „magischen Seele", hinein. Diese magische Seele wird mit mystischen Worten definiert. 2hre Eigenart wirke sich nach außen in dem „Consensus" aus, d. h. in der tief im Gefühl verankerten Uebereinstimmung von Menschen, die ganz verschiedenen Völkerstämmen angehören. Alle Magier sind Völker ohne Land, daher unfähig, einen Staat im abendländischen Sinne zu bilden (d. h. einen Staat, der auf der Gemeinsamkeit der Landschaft und des Klimas aufgebaut ist). 2hr Staat besteht nur in der Gleichheit der Religion und des Kultus; daher geht von 2uden, Ehristen des Orients und Mohammedanern die Mission aus, die Proselgtenmacherei. Daher die schon im Altertum nachzuweisende Verstreutheit der 2uden über den ganzen Orient und später über den Okzident; daher der Uebertritt ganzer Staaten in den jüdischen „Staats"-Verband, besser in den jüdischen „Konsensus", wie es bei 2zates, dem Fürsten von Adiabene e-inige 2ahrzehnte vor der (Zerstörung 2erufaletns durch Titus und bei dem Ehazarenreich der Fall gewesen ist. Line Definition, die den 2 n h a l t dieser magischen Seele angibt, glaubt Spengler in der Betonung des Gegensatzes von Geist und Seele („mach" und „nephesch" hebräisch), von Gut und Böse, von Göttlichem und Menschlichem zu finden. Die Gestaltungskraft dieser Seele drückt sich in einer teilweise ganz weltabgewandten („Mem Reich ist nicht von dieser Welt") Religiosität aus; und allen magischen Kulturen ist der märchenhafte Glanz, in den ihre Erzählungen und Sinnsprüche getaucht sind, gemeinsam. Run zum geschichtlichen Verlauf der jüdischen Kultur: Als Vorverkünder dieser Kultur stellt Spengler die älteren Propheten bis auf 2 ere - m i a dar. Er bringt sie mit ihrem „Weggenossen" (Zarathustra zusammen; ihnen ist der Kampf gegen alte, wilde Religionsvorstellungen gemeinsam. Als dritten Voroerkünder der magischen Seele vermutet Spengler einen für uns nicht bekannten Schöpfer der chaldäischen, d. i. babylonischen, Religion, der ähnliche Gedanken geäußert haben muß. Der Kern der prophetischen Religion ist schon magisch: die 2dee des einen wahren Go-1tes, neben dem alle Götzen nichtexistieren, sondern nur ohnmächtig und böse sind, der eschatologische Gedanke des Messias und die Auslegung der Geschichte nach dem Gesichtspunkte einer guten und gerechten Wellregierung („moralisierte Weltgeschichte"). Freilich, einen Unterschied zwischen diesen drei Vorverkündern machte das babylonische Exil; denn seit der Zeit hängt dem sich bildenden 2udentum ein (Zug der Unterwürfigkeit an. während die persische Religion im Vertrauen auf die äußere politische Macht etwas Herrenmäßiges hat. Welch' Unterschied zwischen den stolzen Worten eines Darius, die uns infchriftlich erhallen sind, und den Klagen, dem „verzweifelten" Bemühen eines 2eremia, das Bild des siegenden 2ehova in sich zu retten! Die zweite Vorstufe zur jüdischen Kultur, die wiederum in enge Beziehung mit den übrigen orientalischen Kulturen zu setzen ist. bezeichnet Spengler mit der hauptsächlich in der Diaspora entstandenen Apokalgpse, die, mit Deuterojesaia und Ezechiel beginnend, Werke wie den Hiob und Kohelet, Esther und Ruth hervorgebracht haben soll. Sie steht im gewaltigen Gegensatz zur kleinen Schar der aus dem Exil Heimgekehrten, deren nationaler und religiöser Starrsinn zu einer schöpferischen religiösen Tätigkeit sich nicht aufschwingen konnte, und nur an die Kodifizierung der vorhandenen biblischen Stoffe ging. Die palästinensischen 2uden haben also in den ersten Jahrhunderten nach dem Exil keine Bedeutung für das 2udentum. Erst allmählich gärt es auch in 2udäa; alle möglichen Sekten und Parteienbildungen (man denke an Sadduzäer, Efsäer und Pharisäer), Einflüsse der hellenistische« Kultur führen schließlich zum Erwachen der magischen Seele, deren stärkste Schöpfung das Urchristentum ist. Aber auch die spezifisch jüdische Kultur erreicht hier anläßlich der Bildung der Mischna ihren Höhepunkt durch das Aufkommen vielfältiger Sagen, die sich um die Gestalten der Bibel ranken. Daß nun 2erusalem zerstört wird, ist belanglos, denn das 2udentum als „Consensus" steht fester da und ist ausgebreiteter als je. Darum können die noch unklaren religiösen Strömungen Gestalt gewinnen, durch die feste, strenge Art der Talmudschulen im alten Persien und Babglonien: Sie werden mit der Tätigkeit der römischen 2uristen verglichen und als mit ihnen verwandt hingestellt. 2n dem Augenblicke, da Mischna und Gemara in ihren Grundzügen fertig sind, hat die jüdische Kultur ihren Höhepunkt erreicht (600 n. Ehr.). Die nun folgenden 2ahrhunderte, das „Barockzeitalter" der jüdischen Kultur, sind teilweise durch ein erneutes Aufkommen mystischer Strömungen — Kabbala —, teilweise durch die Durchdringung des Lebens in allen seinen Formen mit dem Geiste jüdischer Kultur und zwar nicht jener strengen „klassischen" Art der Talmudschöpfer, sondern in der leichteren, von esprit erfüllten Weise der spanischen Blütezeit, gekennzeichnet. Aber damit hat sich die jüdische Kultur ihrem Ende d. h. der E i v i l i s a 1 i o n zunächst zugeneigt. 2etzt in der Eivilisation, die sich durch die Differenziertheit aller Denkweisen, aller Wissenschaftsgebiete auszeichnet» erscheint noch einmal eine Periode, die an die (Zeiten erwachender Kultur gemahnen könnte, die (Zeit, „der zweiten Religiositä 1". Diese Religiosität zieht ihre Kräfte aus dem Boden primitiver Volksanschauungen, nicht besteht sie in einem (Zurückkehren der mit Geist übersättigten Eivilisationsmenschen zur Kulturreligion. Diese Periode fällt noch' in die spanische (Zeit und ist durch Werke wie die des Jehuda Halevi verkörpert. (Zugleich wird noch einmal in umfassendster Weise das Ergebnis der Kultur zusammengefaßt (Maimonidesl. Dann aber ist auch die Periode der Eivilisation vorbei und das 2udentum nähert sich dem (Zustand eines Fellachenvolkes. Hier wird der Mensch »geschichtslos". Alle Kämpfe »die er führt, find ohne Bedeutung, mögen sie mit noch so großer Energie betrieben werden. 2n diesem (Zustand fehlt die R i ch 1 u n g, d. h. die Kämpfe werden nicht mehr zu einem großen (Zweck ausgeführt. Die Schöpferkraft ist versiegt; das Denken kehrt zu den

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