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Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-04-27 · 17 (27.4.1923) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
3 (1923)
Issue
17 (27.4.1923)
Date
1923-04-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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^WjchNackZriimg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle V« jahrl.M.5000.- Anzeigen: Grundpreis für die 31/» cm breite mm-Zeile M. o.25, Familieuanzeigeu M. 0.15. Bei Wiederholung Ermäßigung. Der Grundpreis wird mit der am Lrscheiuuugstage gültigen Schlüsselzahl des Buches ei Häudler-Börsenvereius multipliziert. &s es Die „Züdijch-liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag, je dreiwöchentlich als wissenschaftliche Beilage „Liberales Judentum" und „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Zugeudvereme". Ar. 17 « Berlin, 27. April 1923 » 3. Jahrgang Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin W. S, Mauerstraße 22 (Bereinigung für das liberale Judentum e. B.), Fernruf r Amt Zentrum 162. Auzeigeu-Aunahme bei der Geschäftsstelle Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin AW. 7 Ar. 157064 (Bereinigung für da» liberale Judentum e.B.). ]VIitteUuric|eti der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands. Ar. 3 April 5. Jahrgang Jüdische Weltanfchauungsfrageu Gesetz und Freiheit. Von Rabbiner Dr. Albert Wolf -Dresden. Der stärkste Einwand, den man seit alter Zeit gegen das Judentum erhoben hat, ist der, die jüdische Religion sei eine Gesetzesreligion. Auf diesem Linwande beruhte die Stärke des jungen Ehristentums. Häufig genug hat der Widerspruch gegen das Gesetz auch Süden zum Abfall bestimmt. Auf der anderen Seite hat man das Gesetz als die ewige Kraft des Judentums angesehen. Die Liebe zum Gesetz verleiht dem gesetzestreuen Judentum unserer Tage seine anerkennenswerte innere Stärke. Und doch klingt ein Ton des Zweifels und der Unsicherheit mit, wenn Moses Mendelssohn das Wesen des Judentums darin sieht, daß es „geoffenbartes Gesetz" sei. Die Möglichkeit des liberalen Judentums ist, theoretisch wie praktisch, bedingt durch seine Einstellung zum jüdischen Gesetz. Läßt der Gesetzescharakter des Judentums die Möglichkeit einer freireligiösen Entwicklung des Judentums zu, so lautet die Frage. Man kann die Frage einseitig verneinen, man kann, ebenso einseitig, die Tatsachen übersehen und den Gesetzescharakter des Judentums leugnen. Und die Tatsachen, mit denen auch das liberale Judentum rechnen mutz, sind die folgenden: Das Judentum hat im Laufe seiner Geschichte eine Fülle von Verordnungen und Bestimmungen geschaffen, die dem jüdischen Leben ein besonderes Gepräge verliehen haben. Das Judentum unterscheidet sich von anderen Religionen wesentlich dadurch, datz es alle Lebensäutzerungen in die Sphäre der Religion einbezieht und sie dem religiösen Gebote unterwirft. Für jedes Tun des Menschen, vom frühen Morgen bis zum späten Abend gibt es im Judentum Vorschriften und Gesetze. Dieser Eharakter des Judentums ist so stark ausgeprägt, datz selbst im Bewußtsein des nicht „frommen" Juden das Gesetz in gewissem Sinne als geoffenbartes, als göttliches, gilt, zum Mindesten als urjüdifch. Und es kommt als dritter Faktor hinzu, und vielleicht als der entscheidendste, datz das jüdisch-religiöse Gefühl auf die Formen, Bräuche und Gesetze nicht zu verzichten vermag. Lin Judentum ohne jüdischem Brauch, ohne jüdisches Gesetz, ohne jüdisches Leben erschiene kalt, unjüdisch. Das sind die Tatsachen, mit denen gerechnet werden mutz, auch wenn wissenschaftlich nachgewiesen ist, datz die Formen, Bräuche und Gesetze, die dem heutigen Judentum sein Gepräge geben, selber ein Produkt geschichtlicher Entwicklung sind. Das Judentum, wie es sich dem Bewußtsein der großen Mehrheit der Juden darstellt, ist mehr als eine religiöse Weltanschauung, ist auch mehr als nur eine sittliche Forderung. Beides, religiöse und sittliche Weltanschauung, will das Judentum geben. Aber dem einfachen jüdischen Empfinden ist der fromme Brauch ebenso heilig und weihevoll und sicher viel vertrauter. Weil eben Religion nicht nur Weltanschauung und gewiß nicht allein Sittlichkeit bedeutet, darum kann sie auf die religiöse Handlung nicht verzichten. Denn die Weltanschauung ist Sache des Verstandes, die sittliche Forderung wendet sich an den Willen. Das Gemüt findet nur in der weihevollen Handlung seine Befriedigung. Rur dann wird der jüdische Liberalismus unter den Massen Anhänger gewinnen können, wenn er auf diese Tatsachen die nötige Rücksicht nimmt. Allein alle Rücksicht kann Grundsätzliches nicht aus der Welt schaffen. Und dieses Grundsätzliche ist der Widerspruch des Liberalismus gegen alle Heteronomie, der Widerspruch gegen jedes Gesetz, das nicht seine Rechtfertigung aus dem religiösen Bew u tz 1 s e i n selbst herleitet. Alle Religion, solange sie vom religiösen Erleben getragen ist, ist schöpferisch; d. h., sie schafft sich ihre Begriffe, ihre Formen und Aeutzerungsweisen aus eigener Kraft. Wo echte erlebte Religion vorhanden ist, gebietet das religiöse Erleben unbedingt und ursprünglich über das, was Rechtens ist. Rur dadurch haben die Propheten eine neue religiöse Welt geschaffen, datz sie aussprachen und taten, was ihr Erleben und ihr Gewissen ihnen vorschrieben. Ursprüngliches religiöses Erleben ist allem Zwang abhold, lehnt alle Forderungen ab, die nicht einen Widerhall finden in der eigenen Seele, mutz mit Notwendigkeit alle Gesetze zurückweisen, die mit dem religiösen Gewissen unvereinbar sind. Und das ist die innere Rechtfertigung des Liberalismus. Mag sein, datz in der Geschichte der liberalen Bewegung oft andere Ursachen den Anstoß gegeben haben. Sein ewiges Recht leitet der Liberalismus her aus der schöpferischen Kunst des religiösen Erlebens. Wahre Religion mutz immer liberal fein. Darum ist die Treue zum Gesetze oft schwer zu vereinen mit dem religiösen Empfinden. Zumal, wo die Treue zum überlieferten Gesetz zum Kriterium der Frömmigkeit erhoben wird, mutz der wahrhaft religiöse Mensch in schweren Gewissenskonflikt geraten. Wenn Herkommen, Ueberlieferung, ein äußeres, wenn auch altes und ehrwürdiges Gesetz mit dem Anspruch auftreten, das Leben beherrschen zu wollen, dann mutz sich die religiöse Seele unfrei fühlen, und sie mutz darnach trachten, die Fessel zu sprengen. Fast immer, wenn im Laufe der Geschichte Menschen sich aufgelehnt haben gegen die hergebrachte Form der Religion, geschah es nicht, um die Religion zu bekämpfen, sondern um die Religion zu retten; geschah es, weil die Menschenseele im hergebrachten Kult ein Hindernis erkannte, Gott mit ganzer Hingebung zu dienen. Das Religionsgesetz hatte gar zu oft aufgehört, das Mittel zu fein, die Menschen Gott nahe zu bringen; gar zu oft war es zur Scheidewand geworden zwischen Mensch und Gott. In Zeiten, da die religiöse Schöpferkraft versagte, wurde die Religion zu einer Lehre, die Lehre zum Sgstem. Ob das Sgstem in einem Gesetzeskodex seinen Ausdruck fand, oder ob die Kirche sich zur Hüterin des Religionsfgstems machte, ist in der Wirkung auf die religiöse Seele gleichgültig. Darum gibt es in allen Religionen das Auflehnen gegen das Hergebrachte und den Kampf der „Frommen" gegen die Neuerer, die doch in Wahrheit Gottsucher sind, in deren Seele Relgion lebendig ist. Religion fordert Freiheit und steht im scharfen Widerspruch zum Gesetz, wenn das Gesetz seine Geltung nur herleitet aus der Tradition, wenn das Gesetz die religiöse Tat einseitig bestimmen will. Gesetz und Freiheit sind vereinbar, wo das Gesetz in sich selber begründet ist, wo es aus dem religiösen Bewußtsein gefordert wird und keine Vergewaltigung bedeutet des religiösen Gewissens. Religiöse Formen, Gebräuche und Gesetze verlangt das menschliche Gemüt, dem nicht Genüge getan ist mit kalter Weltanschauung und strenger sittlicher Forderung. Das Judentum besonders wäre nicht lebensfähig ohne religiöse Handlung. Die Ueberlieferung bietet der Formen und Bräuche genug, die erwärmen, die schön sind und unserem Leben Innigkeit verleihen. Diese Bräuche mit Liebe zu hegen und zu pflegen, wird Aufgabe des liberalen Judentums fein. Aber Gesetz darf sein, was das religiöse Bewußtsein von uns fordert, was unser religiöses Gewissen als notwendig anerkennt. Kein Gesetz aber darf geduldet werden, das geeignet ist, den religiösen Geist zu töten. Lin Schlagwort unserer Zeit fordert lebendiges Judentum. Rur auf liberaler Grundlage ist lebendiges Judentum möglich. Denn recht verstanden heißt diese Forderung: Lasset das Judentum, lasset die Religion zur Sehnsucht und zum Besitz der Seele werden. Sorget dafür, daß das Judentum wieder ein lebendiger Organismus werde, nicht ein erstarrtes Sgstem bleibe, sorget, daß nicht ein Gesetzeskodex darüber entscheide, was religiös fei, was nicht, strebet, datz nicht mehr der tote Buchstabe dem Leben gebiete. An einer ganzen Reihe von Beispielen könnte gezeigt werden, wie das „religiöse" Gesetz , dem religiösen Geist zuwider ist. In einem späteren Aufsatz sollen die praktischen Forderungen erörtert werden, die sich aus dieser theoretischen Abhandlung ergeben. Die Zeilen sind unseren Bestrebungen nicht günstig. Aber vielleicht gelingt es doch wieder einmal, auch im Judentum den religiösen Geist und religiöse Verantwortlichkeit zu erwecken. Dieser Sieg der Religion über das starre Gesetz wäre zugleich der Sieg des liberalen Gedankens. Befreiung und Offenbarung. Von MaxVogelstein (Breslau). Am Anfänge der Geschichte des Volkes Israel steht die Befreiung aus Aeggptens Sklaverei. Nicht in dem gewöhnlichen Sinne ist es ein Anfang, es ist nicht der Punkt, über den weiter zurückzublicken nicht möglich ist. Das Bolk kennt seine Vorgeschichte und weiß, datz seine tatsächlichen Anfänge viel weiter zurückliegen, weiß auch, datz es keine bloße Reihe von Geschlechtern ist, auf die es zurückgehl. Ls ist sich dessen wohl bewußt» datz diese Reihe eine ganz bestimmte Entwicklung bedeutet, spezifisch unterschieden von der Entwicklung anderer, datz es sich in seiner sittlichen und religiösen Eigenart aus dieser Reihe entwickelt hat. Und dennoch wird die Befreiung aus Aeggpten nicht bloß als äußerst bedeutender Einschnitt empfunden, der diese Entwicklung gliedert, sondern als unbedingter Anfang der eigentlichen Geschichte Israels und damit als Beginn einer neuen Epoche der Menschheitsgeschichte. Lin neuer Gott entsendet Moses als Befreier. Ls ist der Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs, und doch erkennt ihn Mose als einen neuen, der neu in die Geschichte eingreift. „Ich erschien dem Abraham, Isaak und Jakob als Gott, der Allmächtige („Elschadaj“), aber unter meinem Namen, Ewiger („IHWH"), bin ich ihnen nicht kundgeworden." Ihm werden die Nachkommen Jakobs zugeführt, zu einem Volke geworden durch die neue Gotteserkenntnis. Der Gott der Vergangenheit und Gegenwart ist ihm zum Gott der Zukunft geworden. Die Erinnerung an diesen Auszug aus Aeggpten, an seine Geburtsstunde. hat sich unauslöschlich in das Bewußtsein des Volkes eingeprägt. Sie bestimmt sein gesamtes Denken und seine religiös-sittliche Einstellung. Die Freiheit hat ihm die Entfaltung gebracht. Doch das Zerbrechen des Lklavenjoches, so bedeutsam es auch erscheinen mutzte, konnte unmöglich diese alles begründende Bedeutung gewinnen. Das Erlebnis war nicht groß genug, der Auszug durch die bloße Tatsache des Verlasfens Aeggptens noch nicht vollendet. Ls ist die „Hauzooh", „Herausführung". Entscheidend ist das Bewußtsein, nicht aus eigener Kraft die Gewalt gebrochen zu haben, sondern von Gott herausgeführt zu sein, mit der Bestimmung, ihm zu dienen. Schon das Bewußtsein, geführt zu sein, also einen Richter zu haben, mutzte dem Volke eine innere Sicherheit geben. Die Erkenntnis, die ihm am Sinai ward. Gottes Diener zu fein, sein Bote, der sein Wort unter den Völkern verbreiten sollte, war für seine Grundeinstellung ein für allemal ausschlaggebend. Das Erfahren des Gotteswortes bedeutete zugleich die Forderung, es zu verkünden, sein Träger zu sein. Dadurch war das Volk aus der Reihe der Völker herausgehoben und ihnen gegenübergestellt als Abgesandter und Beauftragter seines Gottes. Line Aufgabe ist ihm gestellt. Das ist die Auserwählung Israels. In der Verantwortung, die es damit auf sich nimmt, wird es sich seiner Individualität bewußt. Jetzt erst ist es zum Volke geworden, dem Gottesvolke. Die Befreiung findet so ihre Ergänzung und Erfüllung in ihrem Ziel, der Offenbarung. Offenbarung aber bedeutet Auserwählung und zugleich ist sie — Befreiung selbst. Rur dies Erleben seiner Individualität in der Offenbarung seines Gottes, die ihm Befreiung und Auserwählung, d. h. Zukunft war, konnte für Israel zu dem ungeheuren, alles bestimmenden Urerlebnis werden. Ls ist die Offenbarung und wird als solche empfunden. Sie ist durchaus verschieden von den Offenbarungen der Gottheit, die täglich den Menschen werden. Sie ist das einmalige große Erlebnis eines Volkes. Für das Volk, das aus Aeggpten zog, war die Offenbarung der Gottheit unmittelbares Erleben so gewaltig in seiner Unmittelbarkeit, datz selbst die stumpfen Massen davon ergriffen und vorwärts gerissen wurden. Zugeudvereins-Anzeigeu PF* letzte Sette.

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