Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 16 (20.4.1923)
- Date
- 1923-04-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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nenden Blättern für Snnere Mission (Sanuar-Zebruar 1923): „Die jetzt in unseren Schulen neu eingeführten Zibeln gleichen sich fast alle darin, datz sie den religiösen Lrfahrungskreis ängstlich vermeiden, d. h. sie sind ganz deutlich schon auf den Eharakter der „Gemeinschaftsschule" zugeschnitten." Steuert hier nicht deutlich der Furor theologicus auf Heuchelei los? Mit konfessioneller Entschiedenheit wird verlangt, datz alles ein kirchliches Gepräge tragen soll. Lesen, schreiben, rechnen — alles soll von Kindheit an gewaltsam zu etwas erbaulichem gemacht worden. Alles soll in das engere kirchliche — man darf nicht einmal sagen: religiöse — Sebiet eingeschlossen werden. Die allgemeine Volksbildung, aus einem sozialen, wissenschaftlichen und religiösen Zaktor zusammengesetzt, darf aus pädagogischen und psychologischen Gründen nicht aus einem Zaktor allein abgeleitet werden. Die evangelische oder katholische Pädagogik kann wohl für den Religionsunterricht den Snhalt bestimmen, aber nicht für jbie übrigen Lehrfächer. Die Pädagogik ist eine selbständige Wissenschaft und keine Hilfswissenschaft der Theologie (rmciUa tüeologiae). Aus dem Vorstehenden ersehen wir, wie wichtig der Grundsatz ist, datz der Staat — also auch die Republik — die Sugonderziehung leiten mutz, und nur der Staat. Und nun fragen wir: Rimmt denn die Gemeinschaftsschule keine Rücksicht auf die Minderheit der öuben? Mit vollem Rechte wird gerade in unseren Tagen von der so überaus notwendigen Einigkeit und Geschlossenheit des deutschen Volkes gesprochen — wo bleibt die Verwirklichung? Greift die Vergetzlichkeit so schnell um sich? Hat nicht der Schützengraben die! Bekenner aller Konfessionen miteinander vereinigt — zum Schutze des heimatlichen Herdes? Schulter an Schulter mit den christlichen Helden kämpften die jüdischen, und opferten willig wie andere ihr Herzblut auf dem Altar des Vaterlandes. Rie fragte die feindliche Kugel nach dem Religionsbekenntnis. Kulturell und materiell haben die deutschen Süden zum Wohlo ihres Vaterlandes veigetragen, sie haben stets ihre Pflicht und Schuldigkeit getan, sie bestehen auf ihrem Rechte und wollen es nicht erbetteln. Wir schlietzen mit den Worten Walter Rathenaus (o. 226 in dessen „Zur Kritik der Zeit". 'Berlin 191c.): „<3)'t der Makel sozialer Ungleichheit getilgt, so ist damit auch der offizielle Teil der Bolkrabneigung gegen die deutschen Süden beseitigt und der Weg zum herzlichen Verständnis gebahnt." Predigt-Gottesdienst am Sonntag Nachmittag. Von Dr. M. L i p s ch i tz. Berlin. Herbst 1901. Wieder einmal Wahlen zur Repräsentanten-Versammlung der jüdischen. Gemeinde zu Berlin. Der Wahlkampf scheint fürchterlicher zu werden, als in früheren Sahren. Die Liberalen fordern für diejenigen Gemeinde-Mitglieder, die niemals Gelegenheit haben, am Sabbat in die Lgnagoge zu gehen, die Linrichtung eines Predigt-Gottesdienstes für den Sonntag Vormittag, wie ihn die Reform-Gemeinde bereits vor 75 Sahren eingoführt bat. Wir sehen den Vorstand dos Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin, fiegesfrendig in den Wahl- Kampf ziehen. Kenner der Verhältnisse gaben dom Vorstand den Rat, den Programmpunkt: Ginführung eines Sonntags-Gottesdienstes fallen zu lassen. Sachverständige, Dozenten und Rabbiner, die aus Ueberzeugung Anhänger des Liberalismus waren, erhoben warnend ihre Stimme gegen das Vorgehen der Liberalen, in Wort und Schrift! Vergebens! Die Zührer der Liberalen, glaubten den Sieg schon in der Tasche zu haben und wollten von einem Aufgoben ihres Programmpunkes nichts wissen. Der Wahltag kam heran. Scharenweise lietzen die Mitglieder des Liberalen Vereins den Vorstand im Stich. Die Gegner hatten die Parole ausgegeben, man beabsichtige mit der Ginführung dieses Sonntags-Gottesdienstes den vabbat abzuschaffon, und hatten damit zugleich das grotze Heer der indifferenten auf ihrer Seite. Alles, was sich seit der Var-Mizwah nicht mehr um sein, Sudentum gekümmert hatte, Alt und Sung, stimmte gegen die Liberalen. Die Schlacht war verloren . . . Der jüdische Liberalismus war damals in grotzer Gefahr. Wer die Kämpfe mitorlebt hat, wird es zu würdigen wissen, datz es der Tatkraft einiger liberaler Männer, deren Wortführer ich selber oft genug gewesen bin, gelungen war, die Sonntags-Gottosdienstfrage ein für alle Male aus dem Programm des Liberalen Vereins zu beseitigen. Richt weil die Zrage eines Gottesdienstes am Sonntag an und für sich verwerflich wäre. Auch Sonntags findet, wie an jedem anderen Wochentage, früh und abenZs in allen Lgnagogen ein Gottesdienst statt. Wogegen sich die Mitglieder der Gemeinde auflohnten, war, datz nian am Sonntag Vormittag 10 Uhr einen Gottesdienst einrichten wollte, in dom jeder Unbefangene einen verlegten L>abbat-Gottesdenst erblicken mutzte. Der Gedanke lag nahe, datz , aus dem verlegten Sabbal-Gottosdienft ein Gottesdienst an einem | Ruhetage und zur Weihe des Ruhetages sich entwickeln würde, und damit war die Gefahr heraufboschworen, datz die Sabbat-Sdee an Bedeutung verlieren würde. Die Sabbat-Einrichtung sollte aber jedem Süden, auch wenn er ihr nicht voll gerecht werden kann, heilig sein. Sst es doch eine der grötzten Ruhmestaten unseres Stammes, als erste Religion einen Ruhetag geschaffen zu haben. Datz dem so ist, beweist die Tatsache, datz diese Snstitution von den Kulturvölkern der ganzen Welt übernommen worden ist. Wer am Sabbat rüttelt, auch nur dadurch, datz er einen dem Sabbat-Sottosdien.st ähnlichen Gottesdienst an einem andern Tage abhält, oder, wie es neulich in einem Aufsätze hietz, „den sozialen.Ruhetag durch eine gottesdienstliche Grbauung weihen will", schmälert die hohe Bedeutung unseres Sabbat . . . Herbst 1922. Wieder einmal Wahlen zur Repräsontanten-Versammlung der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Die Gegensätze sind ) heute vielleicht noch stärker als vor 21 Sahren. Gs kommt trotzdem zu keinem Wahlkampf. Die Rot der Zeit zwingt zu einer Einigung mit den Orthodoxen und Zionisten. Die Gegensätze werden durch die geschichtlichen und vor allem kulturgeschichtlichen Richtung abzuleuchten. Zugute kam ihm dabei eine äußerst wertvolle, nach dem Urteil der Kenner in ihrer Art emsig dastehende Bibliothek und musikalische Sammlung, angefüllt mit tausenden von Rotizen und zahlreichen Kopien, die er in jüngeren Sahren auf seinen Reisen in den Bibliotheken in. London, Paris, Wien u. a. persönlich sich verschafft hatte. Schreiber dieser Zeilen, sein langjähriger Kantoratsschülor, hatte oft Gelegenheit, einen Blicken diese Schätze zu tun. Run sind sie, bald nach seinem Tode (seme Zrau ist ihm im vorigen Sahre gefolgt), leider nach — Amerika gewandert.-Ob solchen Könnens und Wissens ist es sicher keine Uoborschwänglichkeit, wenn der Historiker Kohut ihn zu den „berühmten israelitischen Männern rechnet und sagt, datz wir „von ihm (V i r n b a u m) Wunderdinge" erfahren können. Sn ähnlichen bewundernden Simne ehrt ihn die ihm von seiner Gemeinde Königsberg gewidmete Grabsteininschrift (ein hebräisches Zitat des mittelalterlichen Dichters Gharifi). Obgleich aus dem Osten stammend und die Zähigkeiten eines „Chasan“ alten Stils mit vortrefflich geschulten Stimmitteln vereinend, war sein Sdeal doch der neuzeitliche, zwischen Altem und Reuem vermitlelnde. auch von ä st h e 1 i s eh e n Rücksichten geleitete Kantor. So hatte er es einst seinem hehren Borbilde und Lehrer Sulzer in Wien, abgesehen und in diesem dein Sudentum nur zum Rutzen goreiche.ndcn Sinne suchte er auch seine Schüler anzuleiten. Reben zahlreichen Zeitungsartikeln ist seine zwar kleine, aber wissenschaftlich auf der Höhe stehende Broschüre „S ii d i s ch e Musiker am Hofe von M a n t u a" zu erwähnen, die sich hauptsächlich mit Sal. Rosst befatzt. Eine stattliche Anzahl seiner Kompositionen ist im Druck erschienen, u. a. eine ganz instrumental gehaltene Klavier-Bearbeitung Einheitsliste nicht überbrückt. Alles deutet darauf hin, datz schwere Kämpfe bevorstehen, einerseits zwischen Liberalen und Konservativen, andererseits zwischen Liberalen und Zionisten. Da wagt sich der längst begrabene Programmpunkt wieder hervor. Sn tot jüdischliberalen Sugend fängt die Bewegung an. Die Sugend weitz nichts von den Kämpfen, die der jüdische Liberalismus in Berlin vor einem Viorteljahrhundert grade wegen dieses Sonntags-Gottesdienstes durchgemacht hat. Die Sugend ahnt nicht, datz sie ein sündhaftes Spiel treibt mit dem Zcuer. Roch eine Brandfackel hineingeworfon, und die Einheit dos Liberalismus geht in die Brüche. Demnächst soll eine Aussprache der interessierten Kreise stattfinden. Oiscite monitii Die Gegner der Einrichtung eines Sonntags-Gottesdienstes von Seiten der Gemeinde werden schon einen Sturm Hervorrufen, selbst wenn die Gemeinde die Sgnagoge Zasanenftratzo der Reform- Gemeinde^ nur zur Abhaltung eines solchen Gottesdienstes überlassen würde. Es hat sich in den beiden Sahrzehnten nichts geändert. Lohnt es diesen Kampf und um solchen Preis? Vor 55 Sahren — es war während meiner Studentenzeit — besuchte ich. ab und zu den Gottesdienst der Reform-Sgnagoge. Er wurde meist in einem bescheidenen Raum abgehalten. Etwa 50—40 Personen betrug die Zahl der Besucher. Sm Mai 1922 war ich wieder einmal dort. Die Zahl der Besucher betrug 78. An anderen Sonntagen soll es nicht anders sein. Wen.» selbst die wirkungsvollen Kanzelrednor, über welche die Reform-Gemeinde verfügt, keinen größeren Zuspruch haben, dann ist der Beweis dafür erbracht, datz dieser Gottesdienst mehr oder weniger überflüssig ist. Sagt doch schon Grätz in seiner Geschichte der Süden von dem Besuch dieses Gottesdienstes: „Diese Lauheit und geringe Teilnahme, welche die Schöpfer selbst erlebt haben, hätte sie darauf führen müston, datz in ihrer Berechnung ein hohler stecken müsto." Hier soll dieser Zehlor nicht näher untersucht werden, aber das sei wenigstens angedoutet, datz nach me'nror Meinung die Zeit, in welcher der Gottesdienst abgehalten wird, eine recht unglückliche ist. Die Berliner wollen einmal in der Woche wenigstens ruhen, und das können sie nur am Sonntag. Ob die Vorlegung der Lgnagoge'nach dem Westen einen durchgreifenderen Erfolg bringen würde, wage ich zu bezweifeln. Man weise n.icht darauf hin, datz der zahlreiche Besuch der zweiten wundervollen gotlesdienstlichcn Einrichtung der Reform-Gemeinde an den hohen Zeiertagen den Schluß zulätzt, datz der Gottesdienst im Westen bester besucht worden würde. Die Tatsache des starken Besuches an den hohen Zeiertagen lätzt nur den Schlutz zu. datz die Haupt-Gemeinde noch immer nicht genügend für gottesdienstliche Veranstaltungen an den hohen Zeiertagen Sorge trägt, dann aber, datz auch von der Hauptgemeindo gerade an den hohen Zeiertagen ein rein deutscher Gottesdienst, wie ihn die Reform-Gemeinde hat, veranstaltet werden mutz, falls das Bedürfnis derjenigen Gemeinde-Mitglieder, besonders der Zrauen, die nicht mal hebräisch losen können, befriedigt werden soll. Datz die Reform-Gemeinde in den. letzten Sahren^an Mitgliedern etwas zugenommen hat, will bei dem grotzen Zuzug von Glaubensgenossen nach Berlin, der im letzten Dezennium stattgofunden hat, und bei der von ihr betriebenen Propaganda, garnirhts besagen, denn prozentualiter steht der Zuwachs hinter dom Zuwachs der Haupt-Gemeinde zurück. So stehen die Dingo. Sch würde mich freuen, wenn das Gotteshaus der Reform-Gemeinde am Sonntag überfüllt wäre. Denn es unterliegt gar keinem Zweifel, datz es für das Sudentum nur förderlich sein kann, wenn Kreise, die sonst keine Gelegenheit haben, einem Gottesdienste beizuwohnen, in der grotzen Gemoittde Berlin an einer Stelle wenigstens sich durch einen Gottesdienst erbauen lassen können. Aber fort mit dem sabbatlichen Gewände, mit dem man diesen Gottesdienst umgibt! An der geheiligten Snftitution des Sabbat darf in keiner Weife gerüttelt werden! Wie wollen wir nun aber für diejenigen sorgen, die nur an dem „sozialen Ruhelage" in die Lgnagoge gehen können? Da komme ich auf einen Vorschlag zurück, den ich schon vor 22 Sahren gemacht habe, von dem meine liberalen Zreunde damals aber in ihrem Siegostaumel nichts wissen, wollten. Sch habe den Vorschlag nicht weiter propagiert, weil die Zeit mir für ihn noch nicht gekommen schien. Setzt aber ist die Zeit da. Mein Vorschlag will nichts weiter als die Einfügung einer Predigt in den gewöhnlichen Gottesdienst am Sonntag Rarhmittag. Um zu verhüten, datz man auch in diesem Gottesdienst einen verlegten Sabbat-Gottesdienst erblickt, schlage ich vor: 1. Abhaltung dieses Predigt-Gottesdienstes nur in einer Orgel-Sgnagoge. 2. Der Gottesdienst wird nur von Raufch-Haschonoh bis Srhewuoth abgehalten. 5. Die Zeit für den Gottesdienst wird regelmätzig auf 5K> Uhr festgesetzt. 4. Der Gottesdienst darf nur 1 Stunde dauern. 5. Der Gottesdienst soll möglichst in deutscher Sprache abgehalten werden. 6. Sämtliche Berliner Rabbiner, die in Orgel-Sgnagogen amtieren, sollen abwechselnd die Predigt halten. 7. Der Gottesdienst soll mit einem würdigen Ehorgesang ausgestattet sein. Zu Punkt 1. Es genügt zunächst, diesen Predigt-Gottesdienst in einer Lgnagoge abzuhallen. Man hat s. Zt. gegen meinen. Vorschlag eingewandt, datz die Berliner Süden am Sonntag Rachmittag doch nicht zum Gottesdienst kommen würden, da sie lieber abends ins Theater gehen. Das stimmt nicht! Abgesehen davon, datz gerade unsere Glaubensgenossen nicht den Sonntag Abend für den Theaterbesuch bevorzugen, gibt es in Berlin, wo jährlich in mehr als 2000. Zamilien Trauer emtritt, Personen genug, die in dieser Zeit religiöser gestimmt find und deshalb gern an einem Sonntag Aachmittag einer gottesdienstlichen Veranstaltung beiwohnen würden. Die grotze Zahl derjenigen, die sich in einem Trauerjahr befinden, bürgt allein schon für einen guten Besuch des Gottesdienstes. — Zu Punkt 2. Datz der Gottesdienst in der heißen Sahreszeit ausfallen kann, ist ja selbstverständlich. Denn gerade diejenigen Kreise, für die der Gottesdienst bestimmt ist, erbauen sich im Sommer vornehmlich an Gottes freier Aatur, abgesehen davon, datz die Reisezeit diesen Gottesdienst überflüssig macht. — Punkt 3, 4 und 5 haben sich durch die Erfahrung als zivockmätzig erwiesen, sodatz darüber kein Wort mehr gesagt zu worden braucht. — Zu Punkt 6. Datz sämtlichen Rabbinern hier Gelegenheit gegeben wird, zur Gemeinde zu sprechen, mutz ebenfalls als selbstverständlich hingestellt werden. Auch ist dadurch die Belastung der einzelnen Rabbiner nur sehr gering. Der Wetteifer, das Beste zu geben, wird sicher die schönsten Zrüchte Hervorbringen. — Zu Punk 7. Die Gesänge sollen von einem freiwilligen Ehor ausgoführt werden, der sich der neuen Veranstaltung ehrenhalber zur Verfügung stellt. Es ist nicht zweifelhaft, datz sich in der grotzen jüdischen Gemeinde Berlins eine genügende Zahl von Sängern und Längormnon finden wird, die zu Gottes Ehr und des Lhanukaliedes „Moaus zur“, mit mufikhiftorifcher Einleitung und der Trauun-gsgefang „Mi addir“ für Solo, Ehor und Orchester. Gar Vieles befindet sich noch als Manuskript z. T. in der Königsberger Partitur (einiges auch in meinem Besitze). 1855 zu Krakau geboren und einer Gelehrtenfamilie entstammend, wurde er zwar früh für den Rabbinerberuf bestimmt. Doch seine schöne Stimme und kantorale Anlagen gaben Gönnern und Freunden Anlatz, ihn dem Kantorato zuzuführen. Bei Sulzer in Wien sich mit Eifer darauf vorbereitend, hat er sehr eifrig daneben seine Allgemeinbildung vervollkommnet und seine musikalischen und gesanglichen Zähigkeiten weitorgebildot. Deutsch in Breslau wird ihm zum zweiten Zühror. Männer wie Grätz und Zränkel sind eifrig bemüht, ihm den Wog bahnen zu helfen und Soseph Soachim sucht ihn vergeblich für den Künstlerberuf zu gewinnen. Mit 17 Sahren zweiter Kantor in Magdeburg, 2 Sahre später erster Kantor in Beuthen (O.-Lchl.), führt ihn der Weg schon mit 24 Sahren .nach Königsberg auf den wahrlich sehr anspruchsvollen Posten eines in der Kantorenwelt mit Ehrfurcht genannten Wointraub. Uober'vierzig Sahre hat er dort segensreich gewirkt, unvergotzlich allen, die je mit ihm in Berührung gekommen sind. KUcbertiscb Otto Ltobbe: Die Süden in Deutschland während des Mittelalters. Dritte Auflage. — Berlin 1923. Verlag Louis Lamm, Sonderausgabe für den Philo-Verlag. 312 Seiten (gebunden). Die dritte Auflage erlebte vorliegendes Work. Zür wissenschaftliche Arbeiten ein gutes Zeichen, selbst in den sechziger Sahren Preis ihre Sangeskunst gern in den Dienst der guten Sache stellen werden. Wenn mich noch ein besonderer Umstand angeregt hat, meinen Vorschlag der Oeffentlichkeit zu übergeben, so ist es der, datz ich wünsche, datz die belehrenden Vorträge, die in allen Berliner Sgnagogen mit altem Ritus so vielfach geboten werden, den Liberalen, die bisher von der Verwaltung mehr als zulässig vernachlässigt worden sind, in Zorm eines erbauenden Gottesdienstes zugänglich gemacht werden. Wenn mich meine Kenntnis der Psgche unserer liberalen Gemeinde-Mitglieder nicht täuscht, dann glaube ich zu der Hoffnung berechtigt zu sein, datz mit der neuen Einrichtung die religiöse Erbauung weitester Kreise der Berliner jüdischen Gemeinde gefördert werden wird. Am Vorstand und an den Repräsentanten liegt es, den Vorschlag schnell in die Tat umzusetzen. Zu dem gleichen Thema schreibt uns Herr Sigmund Salin - g e r, Borlin-Eharlottenburg: „Auf den religiösen Streit der beiden Herren Rabbiner Dr. Lewkowitz und Dr. Eoblenz möchte ich als Laie nicht eingohen. Aus praktischer Erfahrung weitz ich aber, datz, als vor ca. 22 Sahren die Zrago, ob auch Sonntagsgottesdienst oder nicht, bei der Ropräsontantonwahl eine grotze Rolle spielte, sehr viele liberale Wähler sich dagegen sträubten und die liberale Fraktion eine grotze Riederlage erlitt. Bei dem Freitagabend-Gottesdienst, der schon seit Wochen um 6^> Uhr und später beginnt, also zu einer Zeit, wo Sedor oder sehr Viele Zeit hätten, sich religiös zu erbauen, sind trotzdem die Orgelsgnagogen, bis auf die Sgnagoge Zasanenftratzo, leer. Letztere auch von Platzinhabern derselben; genau so würde dies am Sonntag der Zall sein. Herr Rabbiner Dr. Eoblenz wird mir zugeben müssen, datz dieses Leersoin auch in der Roform-Sgnagogo am Sonntag der Zall ist, trotzdem die Slidon nach feiner Meinung Zeit haben und hätten, sich religiös zu erbauen. An Sntereffe mangelt es also, nicht an Z e i t." Oie Hauptversammlung «ler Orthodoxie. Der Vorstand des Grupponvorbandes der Agudas Sisroel in Deutschland ladet im Mainzer „Ssraelit" zu einer Hauptversammlung der Gosamtorganisation ein, die am 4. Elul, also am 16. August, in Wien tagen soll. Liberales I^lobammeclanertum. Von allen monotheistischen Religionen hat sich der Mohammedanismns bisher am fortschrittfeindlichston und am unfähigsten zur Anpassung an die Kulturentwicklung erwiesen. Dort aber, wo starke europäische Einflüsse in geistiger und wirtschaftlicher Hinsicht sich geltend machen, gibt es auch unter den Mohammedanern religiöse Reformbewegungen. Sn Tirana;. B. hat kürzlich ein Kongreß der albanischen Mohammedaner getagt, auf dem sich diese mit der Begründung, datz es nach Mohammed keinen wahren Kalifen mehr gegeben habe, von der Autorität des Konftantinopeler Kalifats losfagten und eine eigene albanische Glaubensorganisation errichteten. Abgeschafft wurden u. a. die Möglichkeil, mehrere Zrauen zu heiraten, sowie die im Koran vorgeschriebenen religiösen Waschungen. Auch wurde den Zrauen gestattet, moderne Kleidung zu tragen. Die Gebete werden nicht mehr kniend, sondern stehend verrichtet. Da ein grotzer Teil der mohammedanischen Bevölkerung, sowie auch der Regent Albaniens diesen Beschlüssen zustimmen, haben wir 'es hier mit einer ernsten religiösen Reformbewegung im Mohammedanismus zu tun. Aus den Ortsgruppen u. Gemeinden Der liberale Verein der Sgnagogeugemeinde Breslau übersendet UNS folgenden Sahresbericht über seine Tätigkeit im Sahre 1922/23: „Sm Dezember 1921 ist Herr Geheimrat Reich, der Gründer und Vorsitzende des liberalen Vereins der Sgnagogengemeinde Breslau, gestorben. Kurze Zeit vorher hatte er aus Gesundheitsrücksichten sein Amt als Vorsitzender niedorlegen müssen. Er wurde zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Den Vorsitz übernahm Herr Zabrikbesitzer Alfred B i e l s ch o w s k g, der bisherige stellvertretende Vorsitzende, dem schon seit vielen Sahren in Gemeinschaft mit Geheimrat Reich die Zührung der Geschäfte oblag. Die Keren üajessaud Bewegung wurde im Sanuar 1922 innerhalb der Gemeinde Breslau autzerordentlich stark propagiert. Die Zührer der Zionisten suchten bei ihren Anhängern und vor allem in weiten Kreisen der Gemeindemitglieder für die R. H.-Bewogung Gelder aufzubringen. Die hiesige jüdische „Volkszeitung", das Organ der Konservativen und Zionisten, arbeitete autzerordentlich eifrig in diesem Ginne. Es mutz festgestellt werden, datz innerhalb der jüdisch-liberalen Kreise der K.-H.-Gedanke weite Unterstützung fad. Einzelne Mitglieder des Gemeindevorstandes bezw. der Repräsentantenversammlung, sowie Mitglieder der Gemeinde die auf exponiertem Posten standen, halten die Aufrufe für das Palästina-Hilfswerk (bvna fide) mit unterzeichnet. Auch in den Kreisen der liberal organisierten Gemeindemitglieder herrschte grotze Verwirrung, zumal die „Südisch-liborale Zeitung" (die damals noch vom liberalen Verein der Ggnagogen-Gemeinde herausgegeben und in Breslau redigiert wurde) ein grotzes Snferat für den K. H. gebracht hatte. Es galt zunächst festzustellen, welchen Standpunkt die einzelnen Mitglieder des Vereins-Vorstandes in dieser Zrage einnehmen. Am 25. 2. fand eine Vorstandssitzung statt, zu der als Gäste die Herren Geh. Sustizral Landgorichtsrat Goldfeld (ftellvertr. Vors, des Gem.- Vorstandos), Professor Dr. Albert Wohlauer (Vors, der Repr.- Vers.) und Zabrikbesitzer Sgnatz Walsch (Mitglied der Repr.-Vers). eingeladen waren. Die Sitzung verlief autzerordentlich bewegt. Eine nicht geringe Anzahl von Vorstandsmitgliedern glaubte in dem Paläftina-Hilfswork lediglich eine wohltätige Snstitution zu sehen, während andererseits die Mehrheit den K. H. als eine verkappte zionides vorigen Sahrhundorts, in denen Stobbe gelebt und geschrieben. Zum Unterschied von mehreren Abhandlungen über die Geschichte der Süden, die allgemein ihre Religion, Philosophie und Literatur zum Thema wählen, geht obengenannte Schrift auf die rechtliche und staatliche Stellung der Süden ei.n. Ltobbe legt als Rechtshistoriker einen ganz anderen Matzstab an als der Ehronist, der oft auf der Zinne der Partei steht und der Tradition häufig genug Gewalt antut. Was aber ganz besonders wichtig ist: der Rechtshistoriker vermag eine Kette zu winden vom Rechtsleben der deutschen Süden zum Rechtsleben des deutschen Volkes im grotzen. — Verfasser bringt möglichst viele Einzelheiten über die besonders wichtigen Gemeinden und zeigt ihr wechselreiches Los; hier fanden die Sudan Schutz, dort waren sie vogolfrei. Hervorgehoben seien die Kommunen Mainz. Aürnborg, 2(egensburg. Augsburg, Eöln, Zrankfurt a. M. Aus den Ausführungen vorliegenden Buches spricht nicht die Lrorvosität unserer Zeit, die in. ihrer oft allzugeschraubten Ausdrucksform und Geistreicholei das Modernste vom Modernen bietet und das geschichtliche Bild der ruhig objektiven Zorschung trübt. Gerade die Breite der Darstellung tut uns so wohl, weil wir neben dem nervenstarken Zorschorgeist, der aus jedem Kapitel herausleuchtot, genaue Belehrung empfangen über so viele interessante Erlebnisse, denen die Süden des Mittelalters unterworfen waren, wie;. B. über ihre Kammerknechtschaft, Sudenschutz, Steuern. Handel und Geldgeschäfte, Gemeinde- und Gerichtsverhältnisse, Sudenverfolgungon. Das Werk atmet klassische Luft, da es beeinflutzt und untorstützt ist von Grätz und Frankel, den Korgphäen des Breslauer jüdisch-theologischen Seminars. Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal. Beuthen O/S.