Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 16 (20.4.1923)
- Date
- 1923-04-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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höhere, sondern um Grundschulen handele. Heule, da die sozialen Unterschiede nicht mehr bestehen, oder nicht mehr bestehen sollten, soll die religiös-sittliche Erziehung für alle Kinder, ob arm oder reich, die gleiche sein. Line Trennung der Kinder und Verteilung auf höhere und niedere Schulen darf nur nach ihren geistigen Zähigkeiten erfolgen. Ueberdies haben die Zionisten oft genug «Märt, daß die Gründung jüdischer Volksschulen für sie jWfstens eine Abschlagszahlung bedeutet; ihr Streben gM danach, daß oas gesamte Unterrichtswesen „vom Kindergarten bis zur Universität" in jüdisch-völkischem Geiste geleitet werden solle. Daher P r i n z i p i i s o b s t a! Die Begründung jüdischer Schulen soll im Interesse unserer Kinder liegen, die unter dem Antisemitismus der Lehrer wie der Mitschüler zu leiden haben. Die Tatsache soll nicht bestritten werden, aber das Mittel, diesem Antisemitismus zu entgehen, ist verfehlt. Der Antisemitismus der Lehrer ist heute, da ein großer Teil der höheren Beamtenschaft deutsch-völkisch orientiert ist, vorhanden, aber ich bestreite, daß er sich häufig in Quälereien der jüdischen Schüler auswirkt. Wo das geschieht, da sollen die Eltern den Mut haben, ihre Kinder zu schützen. Man nenne mir Zölle, in denen die Behörde, wo sie angerufen worden ist, versagt hat. Wichtiger ist der Antisemitismus christlicher S ch ü t e r. Aber ich bin der Ansicht, daß man nicht dadurch das Uebel beseitigt, daß man in falscher Sentimentalität die jüdischen Kinder der allgemeinen Schule entzieht und sie in rein jüdische Schulen sperrt. Zm Gegenteil sollen die Kinder sich früh daran gewöhnen, wo es nottut. sich ihrer tz a u t zu wehren. Gleich weit entfernt von Überheblichkeit wie von Duckmäuserei, sollen sie ihre jüdische Ehre verteidigen. Den Verkehr mit Andersgläubigen können unsere Kinder nicht früh genug erlernen. Die Zionisten streben danach, eine Scheidewand zwischen Süden und Nichtjuden aufzurichten. Wir w ll n s ch e n , d a fz unsere Kinder s ch o n in f r ü h e st e r Zugend in deutsche Art und Sitte hineinw a ch s e n. Auf der Schule sollen die beiden Gruppen sich gegenseitig verstehen lernen. Bei einem großen Teil der Bevölkerung beruht der Antisemitismus darauf, daß die Christen die Süden persönlich nicht kennen. Aus vergifteten Zeitungsartikeln und Büchern schöpfen sie ihre Kenntnis von den Süden. Niemals sind sie mit einem Süden in nähere Berührung getreten und haben nicht Gelegenheit gehabt, sich davon zu überzeugen, daß viele Zehler und Schwächen uns von Geschlecht zu Geschlecht zu Unrecht angedichtet werden. Die Zionisten operieren oft mit der Behauptung, daß durch jüdische Schulen unsere Kinder zu besseren Süden erzogen werden, daß Taufen und Mischehen völlig verschwinden werden. Daß frühere Volksf ch ü l e r in erheblicherer Zahl dem Sudentum den Rücken gekehrt haben, wird man mit Zug kaum behaupten können, und auch unter denen, die aus höheren Schulen hervorgegangen sind, hat die Taufe schon jetzt stark abgenommen. Unter den gegenwärtigen politischen Verhältnissen fällt sogar für die „Strebsamen" jeder Grund zur Taufe fort, und überdies trifft der Antisemitismus den Täufling nicht weniger als den Süden. Daß von den früheren Schülern jüdischer Schulen verhältnismäßig weniger Mischehen geschlossen worden sind, mühte die Statistik erst einmal Nachweisen. Aber die Behauptung der Zionisten wird durch sie selbst widerlegt. Sie gebärden sich ja als die wahren Süden. Sst nicht die Mehrzahl von ihnen durch die allgemeine Schule hindurchgegangen? Man irrt, wenn man meint, daß die Schule auf die Entwicklung des Eharakters und der Denkweise einen entscheidenden Einfluh ausllbt. Alle in der Schule geübte Tendenz schlägt oft genug in ihr Gegenteil um, besonders wo sie aufdringlich hervortritt. Entscheidend ist nicht die häusliche Erziehung — man denke an den Gegensatz der Generationen —, sondern lediglich das soziale Milieu, in das wir eintreten, sobald wir die Schule verlassen haben. Die Orthodoxie verlangt die Gründung jüdischer Schulen, damit die Kinder den Sabbat heiligen können. Von ihrem Standpunkt durchaus begreiflich. Nun aber ist der Sabbat für die Mehrzahl der Süden längst nicht mehr der Nuhetag. Es wäre ein seltsames Bild, wenn die Kinder den Sabbat beobachteten, während die Eltern ruhig ihren Geschäften nachgehen. Hier würde ein Gegensatz zwischen Eltern und Kindern sich auftun, der alle religiös-sittliche Erziehung zunichte machen mühte. Südische Volksschulen werden auch um der jüdischen Lehrer willen verlangt. Ein Teil der jüdischen Elementarschulen in Preußen ist vor dem Kriege aus Mangel an Schülern, n a ch dem Kriege durch den Verlust gerade derjenigen Landesteile eingegangen, in denen eine erhebliche Zahl jüdischer Volksschulen vorhanden war. Die wirtschaftlichen Verhältnisse haben die Zahl der jüdischen Lehrer dezimiert, die Seminare entvölkert. Unsere Gemeinden, insbesondere die Grohgemeinden, stehen in einer finanziellen Krisis, die es ihnen verbieten mühte, Schulen zu errichten, selbst dann, wenn ein Teil der Lasten von der Kommune oder vom Staate übernommen würde. Da scheint mir die Anstellung der jüdischen Lehrer an den Gemeinschaftsschulen eine sicherere Grundlage für ihre Existenz zu bieten. Se stärker die Gemeinschaftsschulen von jüdischen Kindern besucht werden, desto begründetere Aussicht haben die Lehrer, an den Gemeinschaftsschulen angestellt zu werden. Sn dem Augenblick, in dem ich dies schreibe, ist die Zrage der Besetzung der Lehrerstellen noch nicht entschieden, aber ich hoffe zuversichtlich, daß in letzter Linie nicht die Zugehörigkeit zu einer Konfession, sondern die Qualifikation entscheidend sein wird. Es bleibt die ostjüdische Zrage, die, wie in viele Verwaltpngszweige, auch in das Gebiet der Schule hineingreift. Qstjuden sind in Preußen während des ganzen 19. Sahrhunderts eingewandert, wenn auch nicht in solchen Massen, wie heute; eine große 0>ahl deutsch-jüdischer Zamilien sind Abkömmlinge solcher ostjüdischen Einwanderer. Aber zwischen den damaligen und den heutigen besteht ein fundamentaler Unterschied: jene hatten den festen Willen sich zu assimilieren, und bei der merkwürdig starken Assimilationsfähigkeit der Süden gelang ihnen dies in dem Maße, daß schon die zweite Generation weder in Sprache, noch in Lebens- und Denkweise sich von den eingeborenen Süden unterschied. Die nach dem Kriege eingewanderten Ostjuden aber wollen sich nicht assimilieren, auch dann nicht, wenn der Aufenthalt in Deutschland für sie nicht bloß eine Etappe auf ihrer Wanderung ist. Sie haben sich untet dem Einfluß der Zionisten, die unter und hinter ihnen sichen, zu festen Verbänden zusammengeschlossen. Sie wollen ihr heimatliches Eigenleben führen und wollen mit uns nicht einmal auf demselben Zelde begraben sein. Sie treten an die Gemeindeverwaltung mit den entsprechenden Forderungen heran. Sie haben für ihre Kinder bereits jüdische Schulen begründet, von denen eine wenigstens von unserer Gemeindeverwaltung nicht unerheblich unterstützt wird. Die Zrage entsteht: Sollen wir für die ostjüdischen Kinder eigene Schulen errichten? Diese Zrage verneine ich mit aller Entschiedenheit. Es gibt kein besseres Mittel, diese Kinder geistig und sittlich einzubürgern, als indem sie die öffentlichen Schulen besuchen. Nur wenn sie nicht unter sich bleiben, wird ihr ostjüdisches Sdiom am ehesten dem rein deutschen weichen. Sie werden auch nach und nach durch redliche Arbeit, sei es im Handwerk, sei es in der Zabrik oder auf sonst einem Gebiet, sich zu brauchbaren Menschen entwickeln und vielleicht später, in besseren Tagen, auch die staatliche Einbürgerung erlangen. Von welcher Seite auch immer ich an die Zrage herantrete, immer komme ich zu demselben Ergebnis: Keine jüdischen Schulen! Gemeinschaftsschule — aus christlicher Grundlage?) Von Dr. M. Spanier- Magdeburg. Christliche Gemeinschaftsschule ist offenbar eine contraäictio in aUjecto. Betrachten wir die geschichtlichen Ereignisse, die ein beredtes und mahnendes Wort sprechen. Wie jetzt durch den Vertrag von Versailles, so erfolgte 1807 durch den Frieden von Tilsit ein völliger Zusammenbruch des preußischen Staates. — Zwei Zahre (1788) nach dem Tode Friedrichs des Großen war das berüchtigte Religionsedikt des Ministers von Wöllner erschienen, das — wie Oskar Säger schreibt — unter viel salbungsvollen Worten mit Entschiedenheit gegen die sogenannte Aufklärung und für die unantastbare Autorität der sogenannten symbolischen Bücher der Kirche Stellung nahm. Vornehme Heuchler, die ihre eigene Unsittlichkeit mit kirchlichem Gobahren zudeckten oder von servilen Geistlichen mit orthodoxer Rednerei Zudecken liehen, halten den König umgarnt. Das Edikt drohte mit Anwendung schwerer Strafe gegen die, welche den *) Vgl. unfern Artikel „Das Schulkompromih" in Ar. 12 der „Züd. lib. Zeitung". Lehren der Kirche zuwider lehren würden. Am 11. März 1798 erhielt Wöllner seine Entlassung. Bereits 1799 bemerkte Minister von Massow in einem Bericht an den König über die Schulreform: < „Das Objekt der Reform ist Nation alorziehung." Sn demselben Zahre enthält ein Bericht des 0 b e r k o n s i st o r i u m s die Aufforderung: „zur Bekämpfung des nur zu sehr verbreiteten Voruri e i l s, als ob die Schulen zunächst die Sache einzelner Aeligions- , Parteien wären und fein mühten, denn es sei nicht zu leugnen, dah die Schulen als Znstitute des Staates und nicht einzelner Religions- Parteien zu betrachten wären." Das Allgemeine Landrecht von 1794 hatte Schulen und Universitäten als Veranstaltungen des Staates anerkannt. Damals wie heute Unkenrufe: Der Kirche droht Gefahr, die Religion wird untergrabonl Der preußische Staat lag 1806/7 zerschmettert am Boden. ^un waren, denkende, für das Gemeinwohl begeisterte Männer rastlos tätig, die Schäden im Znnern von Grund aus zu heilen und den Staat widerstandsfähig zu machen. Fichte hielt feine Reden an die deutsche Ration. Wilhelm von Humboldt, dieser feinsinnige Patriot, wurde Kultusminister, von Freiherrn vom Stein berufen, das Schulwesen auf Grundlage der allgemeinen Volksschule zu organisieren. Pestalozzis Einfluß machte sich geltend. Dieser edle Mann Hatto die h a r m o n i s ch e Ausbildung aller geistigen Kräfte der Zugend betont. Der ideale Aufschwung des preußischen Schulwesens war offensichtlich. Und in unseren Tagen" Deutschland ist zur Ohnmacht verdammt, es blutet aus tausend Wunden. Alan möchte mit dom Propheten rufen: Zst kein Arzt da, der helfend cingroifi" Es wird wiederum, wie früher, eine Gemeinschaftsschule für alle Kinder des Volkes ohne Rücksicht auf Rang, Stand und Glauboiisbokountnis gefordert — nicht aus egoistischen Motiven., sondern lediglich aus nationalen, sozialethischen und wirtschaftlichen Znleresfen, lediglich aus patriotischen Gründen. Der Verwirklichung dieser Forderung ist hinderlich, wenn Sonderbestrobungen mit ihr verquickt werden. Staatsoinrichtungon dem Kirchenglauben zu überantworten, wird auch von christlich gesinnten Männern nicht gutgeheihen. So schreibt der Domprobst Dr. Dittrich, sicherlich kein Doktrinär: „Die Fortsetzung der religiösen Kämpfe, ihre Uobertragung auf das politische, soziale und gesellschaftliche Leben muh zum Ünheil unseres Volkstums ausschlagen. Wir haben so viele Gebiete, auf denen wir zum Wohle des Vaterlandes miteinander arbeiten können. Tun wir das." Und in den Leitartikeln der katholischen „Kölnischen Volkszeilung" vom 1., 22. und 25. Oktober 1908 kommt der Gedanke zum Ausdruck, dah religiöse Organisationen abzulehneu sind „bei der gesamten weltlichen. Kulturarbeit, mögen auch religiöse Fragen mit hinoinspielen". Keinen besseren Gewährsmann können mir anführen, als Luther, der sich grundsätzlich für eine Trennung des Geistlichen und Wirtschaftlichen erklärt. Zn seinem Schreiben an den Danziger Rat vom 5. Mai 1525 heißt es: „Aber das Evangelium ist ein geistlich Gesetz, darnach man nicht regieren kann. Darum soll man das geistliche Regiment des Evangelü ferne frhoiden von. äußerlichem weltlichem Regiment und ja nicht durcheinander mischen." — Der Begriff Gemeinschaftsschule auf christlicher Grundlage drängt auf Konfessionalisierung hin. Wie der Mensch auch ringen mag, bemerkt Wilhelm von Humboldt, die einzelne, in jedem Moment wirkende Kraft durch die Mitwirkung aller übrigen modifizieren zu lassen, so erreicht er es nie, und was er der Einseitigkeit abgewinnt, das verliert er an Kraft." Und an einer anderen Stelle: „Daher ü müssen, sich die Menschen untereinander verbinden, nicht um an Eigen- I tümlichkeit, aber an ausschliehendem Zsoliertsein zu verlieren." Hören I wir die trefflichen Worte Dr. Leo Baecks in seiner ausgezeichneten I Schrift „Romantische Religion" (B^lin 1922): „Was das Kirch- I liche gewinnt, verliert das Religiöse. Mit ihm verengt sich die Humanität in dieser Konfesfionalisierung." Es ist nicht immer Sache des engbegrenzten Konfessionalismus gewesen, wahre Bildung und echte Sittlichkeit hervorzubringen; Religion als Kirchenglaube betrachtet, führt gar zu oft zur Regalion der Vernunft. Religion als Erzieherin ist stets nutzbringend und erkeuntnisfördernd, der Kirchenglaube tritt kulturellen und zivilisatorischen Bestrebungen hemmend in den Weg. Denken wir nur an das christliche Dogma der Erbsünde, vor dem selbst der konservative Provinzialschulrat Professor Voigt (Die apologetische Aufgabe des Religionsunterrichts. Berlin 1912) warnt mit dem Hinblick darauf, in ungesunde, weil unwahre, Uebertreibungen zu verfallen, die in der Lehre von der gänzlichen Verderbtheit der menschlichen Aatur ihre innere Erhebung unbegreiflich machen. Und weiter ge- . steht er zu, „dah wir in der kirchlichen Lehrentwicklung Gedankenreihen begegnen, die wir wohl geschichtlich begreifen, aber nicht teilen, weil wir von ihrer Unrichtigkeit überzeugt sind." Der moderne Protostantsmus hat denn auch die Dogmen überwunden und lehnt sich nur an die Evangelien an, die fast ganz aus jüdischen. Elementen bestehen. Wir wollen den Satz nicht unterschreiben, daß Humanisl mus und Sittlichkeit iu dem Maße zunehmen, in welchem Religion und Kirche abnehmen. Aber jüdisch gedacht, ist freier Gedanke nie eine Gotteslästerung gewesen, im Gegenteil, unsere Weisen sagen: Die Wahrheit ist das Siegel Gottes. Man darf nur nicht den Unglauben der Sittenlosigkeit mit dem freien Gedanken identifizieren. — Gemeinschaftsschule auf ch r i st l i ch e r Grundlagei Man sieht hier nicht klar, ob die Evangelischen ihr Ehristentum meinen oder die Katholiken das ihrige, denn es ist doch nicht zu leugnen, daß ein scharfer Gegensatz zwischen evangelischer Auffassung und Katholizismus besteht. Kann es heißen, daß der evangelische oder katholische Religionsunterricht christozentrisch sein muß? Das ist eine Auffassung, die ihre Berechtigung haben mag. Rein, es kann nicht anders gedeutet werden, als daß alle Unternchtsgegenstände, der gesamte erziehliche Unterricht, von christlichen * Gedaukengäugen beeinflußt werden sollen. Hierfür charakteristifch ist die Bemerkung eines Theologen in den hier in Magdeburg erschei- 3m Kino. Von Z o s e f a Metz. Sie halten sich wieder ausgesöhnt, und nun saßen sie hier im Kino. Den Kinobesuch hatte er sich für diesen Abend vorgenommen, und er wich nicht gern von seinem Programm ab. — Der Streit war wieder aus einem nichtigen Grunde entstanden, wie so oft in letzter Zeit, wo beide nervös und in gereizter Stimmung waren, da der Kampf um das einfache Weiterleben zu viel Kräfte forderte. Sie liebten sich noch, aber ihre Liebe wurde überwuchert von den kleinen, trostlosen Mihhelligkeiten des Alltags. Der Mann suchte Zerstreuungen, an denen seine Frau nicht teilnahm, von denen sie nichts wußte. Hie und da bat er sie, ihn zu begleiten, eine Beschwichtigung seims Gewissens. So hatte er sie vor dem Streit gebeten, mit ihm ein Kino zu besuchen. Streit und Versöhnung vermochten an diesem Plan nichts zu ändern. Früher sahen sie häufig gute Theatervorstellungen, aber seit der Preissteigerung war das unmöglich; auch waren sie, seelisch herabgeftimmt, nicht mehr so aufnahmefähig wie in früheren Tagen. So muhten iynen die leichtfaßlichen Darbietungen auf der Leinewand Ersatz sein. Die Frau, früher Verehrerin des gesprochenen Wortes, fühlte sich von diesen Vorführungen nicht ausgefüllt, dennoch folgte sie heute gespannt dem Gang der Handlung. Za, das Spiel tat ihr wohl, vielleich, weil die Vorgänge, an eigenes Erleben ermahnend, zu ihrer augenblicklichen Stimmung paßte. Die Erregung des Streits zitterte noch in ihr nach. Sie fühlte, wie diese oberflächlichen. Versöhnungen nur eine schwache Brücke zu neuen Zwistigkeiten waren, an deren Ende einmal der große Zusammenbruch stand. — Das Filmdrama handelte gleichfalls von einer ehemals glücklichen, nun getrübten Ehe, aber hier war das Motiv Treulosigkeit des Mannes. Das erfüllte die zuschauende Frau irgendwie mit Genugtuung, sie fühlte sich gleichsam der Frau dort oben überlegen, fühlte eine gewisse Dankbarkeit gegen ihren Mann, dessen Treue sie sicher war. Die Sorge um die Existenz schien ihr plötzlich klein, hinfällig, verglichen mit jenen schweren Seelenkonflikten, und sie nahm sich vor, milder zu sein, scharfe Entgegnungen zurückzuhalten, auch ungerechten Vorwürfen gegenüber. Eine warme Welle Uberströmte sie. und in plötzlicher Aufwallung suchte sie nach der Hand ihres Mannes. Sie war erstaunt, sie kalt und zögernd zu finden. Der zweite Akt war nun beendet, und eine neue Gruppe von Zuschauern drängte durch die vordere Reihe. Eine geschminkte Person, die eine Wolke von Parfüm mit sich führte, blieb beim Anblick des Mannes überrascht stehen und sagte in heausforderndem Ton: „Ranu, Felix, du hast mir doch heute Morgen gesagt . . ." Ein. Blick des Mannes lieh sie verstummen. Mit pikiertem Gesicht drängte sie weiter. Da die Frau in jenem Augenblick das Opernglas benutzt hatte, hoffte der Mann, der Zwischenfall sei, ohne von ihr bemerkt zu worden, an ihr vorübergegangen, aber ein scheuer. JHen Zigvr eines vetneroanojpieis. Sie ging davon und trug die Schmerzen Anderer heim als die ihren, und unwillkürlich ahmte sie die Geberde nach, mit der jene den schweren Schlag empfangen hatte. Zhr einziger Trost war, daß diese Geberde edel war und nichts preisgab von ihrem inneren Zusamnienbruch, oder doch nur denen, die eingeweiht waren in die Mgsterien des Schmerzes. Einige Aeminisreryen au Eduard Birnbaum. Von S. Guttmann, 1. Kantor in Potsdam. Am 8. August 1920 traf uns die Trauerbotschaft, daß Birnbaum (Oberkantor der Königsberger Gemeinde) unerwartet füv immer die Augen geschlossen Hatto. Diese Rachricht rief tiefe Wehmut hervor, nicht nur bei seinen Fachgenossen, sondern auch in seinem bis jenseits des Ozeans reichenden Verehrerkreise, dem hervorragende Gelehrte vieler Länder angehörien. Denn V. war mehr als ein hochbedeutender Vertreter seines Standes, er war selber, obwohl Autodidikt, auf gottesdienstlichem (nicht bloß m u f i k a l i - f ch e m) Gebiete ein Gelehrter^ ersten Ranges, dessen Umgang Männer von Ruf hochschätzten. Sein, einige Zahre vor dem Kriege im Berliner Verein für jüdische Ges ch ich Io und Literatur gehaltener Vortrag über sgnagogale Musik legte Zeugnis von der ihm gezollten Achtung und Verehrung ab. Nicht unerwähnt bleibe, daß er 1899 den Auftrag erhalten hatte, auf der Weltausstellung in Paris vor der Weltintelligcn; über das gleiche, ihm ureigenste Gebiet zu sprechen. Durch den Tod eines Kindes wurde er jedoch verhindert, solchem^einom Kantor wohl noch nie zuteil gewordenen ehrenvollen Rufe Zolge zu leisten. Wie keiner vor ihm hatte er es verstanden, die Sgnagogenmusik allseitig zu erfassen und nach der musikalischen, religiösen,