Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 16 (20.4.1923)
- Date
- 1923-04-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IiMhÄemkZeitn«! Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Sefchaftsstelle lU jährl.M.3000.- Anzeigen: Grundpreis für die 3'/, cm breite mm-Zeile M. 0.25, Familicnanzeigeu Al. 0.15. Bei Wiederholung Ermäßigung. Der Grundpreis wird mit der am Lrfcheinuugstage gültigen LchWelzahl des Buches czb Häudler-Börfenvereius multipliziert. ps «s IDle „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag, je I dreiwöchentlich als wiffenfchaflliche Beilage „Liberales Judentum- und! „AUtteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugeudvereine-. | Nr. 16 « Berlin, 20. April 1923 3. Jahrgang Redaktion uud Geschäftsstelle: Berlin W. S, Alauerpraße 22 (Bereinigung für das liberale Judentum e. B.), Fernruf; Amt Zentrum 162. Auzeigeu-Auuahme bei der Sefchäftrstelle Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin AW. 7 Ar.137069 (Bereinigung für das liberale Zudeutum e.V.). Mäische Volksschulen? Die Zrage der Errichtung jüdischer Volksschulen ist seit der Einbringung des Reichsschulgesetzes wieder einmal brennend geworden. In Preußen gilt bis jetzt das Volksschulunterhaltungsgesetz von 1S9S, das bestimmt, daß die Volksschulen konfessionellen Eharakter haben. Jur Errichtung einer Schule für religiöse Minderheiten bedarf es eines Antrages, der, von dem Vorstand der betreffenden Gemeinde unterstützt, von einer bestimmten Jcchl von Hausvätern an die politische Gemeinde gestellt werden muß. Die jüdische Lehrerschaft hat diesen Tatsachen gegenüber mit geringfügigen Ausnahmen ihren Standpunkt etwa in folgender Weise präzisiert: Wir sind grundsätzlich gegen die Errichtung jüdischer Volksschulen, weil wir darin einen Rückschritt sehen. Wir müssen aber den tatsächlichen Verhältnissen Rechnung tragen und wünschen daher mit Rücksicht auf die jüdischen Kinder und die jüdischen Lehrer die Errichtung jüdischer Volksschulen. Der Reichsschulgesetzentwurf sieht entsprechend der Verfassung als Grundlage der Volksschule die sogenannte Gemeinschaftsschule vor, das ist eine Schule, in der Kinder aller Konfessionen von Lehrern aller Konfessionen unterrichtet werden und nur im Religionsunterricht getrennt sind. Vor wenigen Wochen haben die bürgerlichen Parteien einschließlich der Demokraten ein Kompromiß geschlossen, daß zur Grundlage die „Gemeinschaftsschule auf christlicher Grundlage" machen will. Es scheint zwar, als ob die demokratische Partei mit dieser Ordnung nicht zufrieden sei. Aber es besteht begründete Aussicht, daß dieses Kompromiß eine Mehrheit findet, und dann sind wir tatsächlich auf demselben Punkte wie nach dem preußischen, jetzt gellenden Gesetz. Wenn auch der Reichstag gegenüber diesen Plänen sein letztes Wort noch nicht gesprochen hat, so will es mir doch scheinen, als ob wir uns rüsten müssen, für unsere Sache sofort einzutreten, d. h. die jüdische Volksschule vorzubereiten. Der Unterricht in den Gemeinschaftsschulen, ob sie auf christlicher oder nichtchristlicher Grundlage ruhen, wird sich wahrscheinlich nicht viel anders aufbauen als bisher, gleichviel, ob wir in paritätische oder konfessionelle Volksschulen blicken. Der deutsche und der Geschichtsunterricht sind selbstverständlich stark christlich beeinflußt. Unsere Lese- und Geschichtsbücher sind voll von Ideen, die das Ehristentum verherrlichen und nehmen entweder gar keine Beziehung auf das Judentum oder nur in gehässiger Zorm. <Ls besteht kaum Aussicht, daß dies in der nächsten Jeit anders wird, denn bis zum heutigen Tage find die Geschichtsbücher noch nicht im Sinne unserer jetzigen Reichsverfassung umgeändert und ebensowenig unsere Lesebücher. Sch will nur ganz nebenher erwähnen, daß auch der Sesangunterricht denselben christlichen Eharakter trägt, und daß es ein sehr altes Streitobjekt ist, ob jüdische Schüler die Ehoräle mitlerneu und milsingen sollen. Daß die Lehrerschaft zu einem großen Teile zum mindesten nichtjudenfreundlich ist, kann wohl als feststehende Tatsache angesehen werden. Und daß sie sich in absehbarer Jeit ändern wird, glaubt im Ernst wohl Niemand. Und selbst da, wo ein gewisses Verständnis für jüdische Angelegenheiten vorhanden ist, können die Lehrer sich garnicht von ihrer Erziehung und Umgebung befreien. Wir müssen also mit Rücksicht auf die Erziehung unserer jüdischen Kinder die jüdische Volksschule fordern. Man könnte uns, den Vertretern der jüdischen Lehrerschaft. entgegenhalten: Ihr sprecht in dieser Angelegenheit zu sehr für Euer Interesse. Und es ist nicht zu leugnen, daß wir auch persönlich an dieser Zrage interessiert sind. Denn die Ausbildung jüdischer Lehrer, die in der letzten ^eit fast ganz aufgehört hat, würde wieder in größerem Maße aufgenommen werden können. Heute will kein junger Mensch sich einem so aussichtslosen Berufe widmen, während er, wenn jüdische Volksschulen vorhanden wären, sich mit Freuden einem Berufe zuwenden würde, der, wie kaum ein anderer, einen idealveranlagten Menschen befriedigen kann. Es sind aber doch auch noch wesentlich andere Gesichtspunkte dabei zu berücksichtigen. Unser Judentum beruht zu einem sehr großen Teil auf der Erziehung unserer Jugend. Und wir können heute schon mit fast mathematischer Sicherheit berechnen, wann der letzte jüdische Lehrer übrig geblieben sein wird. Dann werden unsere kleineren und mittleren Gemeinden entweder zusammenbrechen oder, was ziemlich dasselbe bedeutet, sie werden sich, wie in Cm Weltkongreß jüdifcbcr frauen. Der Council of Sewifh Women, Amerika labet die jüdischen Frauen Europas und Amerikas?u einem Well-Kongreß ein, der vom 6.—13. Mai in Wien staltfinden. wird. Der Kongreß, der sich mit den Lebensfragen der jüdischen Frauen beschäftigen wird, soll den Jüdinnen Europas und Amerikas Gelegenheit geben, sich zu gemeinsamer Arbeit fester zusammenzuschließen. Das Programm enthält Vorträge über Auswandererfürsorge (besonders für Frauen und Kinder), Kinder- und Frauenfchutz, sowie andere religiöse und pädagogische Fragen. Der Council of 2ewish Women erwartet eine rege Beschickung des Kongresses durch die jüdischen Organisationen, und hofft, daß auch viele interessierte Einzelpersonen (jüdische Frauen, die von keiner Organisation delegiert werden) an dem Welt-Kongreß teilnehmen werden. Weitere Auskunft erteilt die Sekretärin des Council, Mrs. Elinor Lachs-Barr. c/o Anglo Ausirian Bank, Vienna. Oie jüdische Orthodoxie und der fall Sadt. Der „Israelit", das Hauptorgan des orthodoxen Judentums in Deutschland, wendet sich ebenfalls, wie es bereits von liberaler Seite geschehen ist, gegen den Versuch des Herrn Ministerialrats Dr. Badt, die beabsichtigte vorläufige Regelung des Gemeindewahlrechts zu verhindern. Er verlangt von Dr. Badt Rechenschaft darüber, welches die Motive feines an sich schwer begreiflichen Vorgehens find. „Sollte es wahr fein," schreibt das orthodoxe Blatt, „daß es sich lediglich darum handelt, den Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlin möglichst klein zu halten, um den zionistischen Einfluß darin nicht zu gefährden, sollte es wahr sein, was Herr Dr. Klee in der Repräsentantenversammlung bekannt haben soll, daß die zionistische Parteitaktik nicht jetzt, sondern erst in drei wahren Neuwahlen auf Grund des Gesetzes wünsche, so war es zweifellos nicht Sache des Ministerialrats und des Abgeordneten Dr. Badt, sich zur Förderung dieser politischen Pläne herzugeben." Mit Recht wünscht der „2sraelit" eine klare Auskunft hierüber, und vermißt diese sowohl in dem Artikel der „jüdischen Rundschau", wie in dem Bericht an die Repräsentantenversammlung. Cin Vorstoß der R-atsenketrer in der Suknengenossen sebakt. Auf der Leipziger Tagung der Deutschen Bühnengenossenschaft ist nach der Breslauer „Silbischen Bolkszeitung" ein Antrag nationalsozialistischer Münchener Bühnenkünstler eingebracht worden, durch den die Rassenfrage auf die Tagesordnung gesetzt werden sollte. Wie wir hierzu erfahren, ist dieser Antrag in Leipzig glatt unter den Tisch gefallen. Antireligiöse kommunistische Sederfeiern. Der antireligiöse und darum auch antijüdische Fanatismus der russischen Kommunisten hat zu Erscheinungen geführt, die man nicht anders als eine Verhöhnung des Judentums bezeichnen kann. Die russische kommunistische Partei hat die jüdischen Parteigenossen aufgefordert, eine kommunistische Pessachfeier zu begehen. Diesem Befehl wurde an vielen Orten Folge geleistet, wenn sich auch nur kleine Gruppen jugendlicher jüdischer Kommunisten an den Veranstaltungen beteiligten. Außer Slraßendemonstralionen und antireligiösen Propagandaversammlungen wurden sogenannte „Ehomez-Seders" eingerichtet, auf denen also gesäuertes Brot gegessen und anstelle der Hagada kommunistische Propagandoschriften verlesen wurden. Gegen jüdische Kommunisten, die sich an dem Mazzothbacken in ihren. Häusern beteiligten, wurde ein Verfahren eingeleitet. An vielen Orten wurden Pessachfeiern veranstaltet, an denen sich Süden und Nichtjuden beteiligten und auf denen antjüdische Pamphlete verlesen wurden. Die große Masse der jüdischen Bevölkerung Rußlands wird durch dieses Treiben in seinen innersten Gefühlen aufs schwerste verletzt und wehrt sich gegen diese Gewalttätigkeiten der Sowjets aufs äußerste. 2n Moskau, wo der Sowjet die Sgnagogen beschlagnahmt und geschlossen hat, mieteten die Süden eine koptische Kirche und verrichteten dort ihren Gottesdienst während der' Pessachtage. Trotz dieser Verfolgungen der jüdischen Religion durch den russischen Kommunismus fahren in Deutschland wie in Polen die Rationalisten fort, die Süden für alle kommunistischen Untaten verantwortlich zu machen. So haben die polnischen Rationalisten, an die Regierung die Forderung gerichtet, sämtliche Rabbiner in Polen zu verhaften und, falls der Erzbischof Cieplak von den russischen Kommunisten nicht freigelassen werde, hinzurichten. Die Antisemiten brauchen in allen Ländern Vorwände, um das Volk gegen die Süden aufzuhetzen. Darum verbreiten sie, der Wahrheit zuwider, immer wieder die Behauptung, daß die Süden in. Rußland mit dem Kommunismus verbündet seien, während die Dinge in Wirklichkeit entgegengesetzt liegen und auch das russische Sudentum unter der antireligiösen Gewaltpolitik der Sowjets aufs schwerste zu leiden hat. Cin Großrabbiner vor dem Revolution sgeriebt. Wie Havas aus Riga meldet, ist der Großrabbiner in Homel unter der Beschuldigung antisemitischer Propaganda und wegen der Weigerung, den Sowjets Kultusgegenstände auszuliefern, vor das Revolutionsgericht gestellt worden. Sahre har er vurr ..,....,, ihm in Berührung gekommen sind. Dis Bücbertifcb Otto Stobbe: Die Süden in Deutschland während des Mittelalters. Dritte Auflage. — Berlin J923. Verlag Louis Lamm» Sonderausgabe für den Philo-Verlag. 312 Seiten (gebunden). ** -Ql-». —aalnhfn j^oxIiano.tiAft'-- -9flnrk. ’ ~!.ir mitten» noch garnicht so lange vergangenen Jeiten, irgendeinen aus dem Osten zugewanderten Mann, der gut Hebräisch, aber schlecht Deutsch und schön singen kann, für ihre religiösen Bedürfnisse anstellen» und die großen Gemeinden werden ihnen sehr bald folgen müssen. Man kann sich diese Jukunft garnicht schwarz genug ausmalen, denn sie wird wahrscheinlich unsere schlimmsten Befürchtungen überlreffen. Das würde aber n i ch 1 so sein, wenn überhaupt wieder der Anreiz bestände zur Ausbildung jüdischer Lehrer. Die jüdische Volksschule, so wie wir sie meinen, soll aber keine Einrichtung sein, die von einer jüdischen Gemeinde unterhalten wird, vielmehr sollen die Vorstände der Gemeinden an die politischen Gemeinden herantreten und den Antrag stellen, jüdische Kinder in besonderen jüdischen Volksschulen unterrichten zu lassen. Das wird natürlich nur d a Aussicht auf Erfolg haben, wo die nötige Iah! von jüdischen Kindern vorhanden ist. In Berlin z. B., wo etwa viertausend jüdische Kinder die Volksschule besuchen, wäre ohne weiteres die Möglichkeit hierzu gegeben, und es unterliegt keinem Iweifel, daß wir dadurch das Judentum fördern würden. Robert Hirschfeld. Kerne jüdischen Schulen l Prof. Dr. Tuerk, der verdiente Vorkämpfer des jüdischen Liberalismus in der Repräfentantenverfammlung der Berliner Gemeinde, sendet uns auf unsere Bitte folgende, von der des vorstehenden ersten Artikels abweichende Stellungnahme zur Frage jüdischer Volksschulen: Sehr geehrte Schriftleitungl Sie haben mich ersucht, Ihnen in der Frage der Errichtung jüdischer Schulen meine Ansicht in kurzen Jügen darzulegen. Diesem Wunsche will ich gern Nachkommen, obwohl mein Standpunkt hinlänglich bekannt ist; es gibt keine Angelegenheit, über die ich so oft auf Lehrertagungen, in Repräsentanten- und Parieiversammlungen mich ausgesprochen habe. Ich stelle voran, daß die ganze Frage für mich in erster Reihe eine politische Frage ist, und zwar nicht nur eine allgemeinpolitische, sondern vor allem eine jüdischpolitische. Ich bin ein Gegner der konfessionellen Schule überhaupt. Das allgemeine preußische Landrecht kannte keine konfessionelle Schute, sondern die im Ramen des Staates errichtete, unter Aufsicht des Staates verwaltete Schule, ohne Rücksicht auf die Verschiedenheit-des Glaubensbekenntnisses. Wenn auch später, in der Jeit der Reaktion, auf dem Verwaltungswege die Volksschule konfessionalisiert worden ist, wenn durch das Schulunterhaltungsgesetz die Konfessionsschule als Regel eingeführt worden ist, so vermag ich trotzdem auch heute noch nicht, und heute nach der Revolution erst recht nicht, die Hoffnung aufzugeben, daß wir d i e Gemeinschaftsschule bekommen werden, in der der weltliche Unterricht ohne Rücksicht auf die Konfession und nur der Religionsunterricht nach Glaubensbekenntnissen getrennt erteilt werden wird. In den letzten Wochen schien es einen Augenblick bei der Beratung des Schulgesetzes im Abgeordnetenhause, als ob für den Gedanken, daß auch in der Gemeinschaftsschule der weltliche Unterricht auf „christlicher Grundlage" erteilt werden solle, sich eine Mehrheit finden würde. Rach den Jeitungsberichten ist diese Gefahr beseitigt. Der neueste Antrag der Mehrheilsparteien bestimmt, daß die Gemeinschaftsschule den Unterricht auf religiös-sittlicher Grundlage ohne Rücksicht auf die Besonderheit der einzelnen Bekenntnisse für alle Kinder gemeinsam erteilen solle. Der «Zusatz, daß die Gemeinschaftsschule die aus dem Ehristentum erwachsenen Werte der deutschen Volkskultur unterrichtlich und erziehlich lebendig machen soll, braucht keinen Juden, der den Wunsch hat, daß seine Kinder die deutsche Kultur in sich aufnehmen und von ihr durchtränkt werden, zu hindern, seine Kinder dieser Gemeinschaftsschule anzuvertrauen. Einen anderen Standpunkt kann ich als Lehrer jüdischen Glaubens, der nahezu vierzig Jahre lang an öffentlichen Schulen gewirkt hat, nicht einnehmen. Wie können Juden für sich in Anspruch nehmen, christliche Kinder zu unterrichten und zu erziehen, wenn sie selbst für ihre eigenen Kinder besondere jüdische Schulen verlangen? Man wende nicht ein, daß es sich nicht um Jugeudvereins-Anzeigeu LE" letzte Sette.