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Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-04-13 · 15 (13.4.1923) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
3 (1923)
Issue
15 (13.4.1923)
Date
1923-04-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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tesdtevstes unmöglich macht. Diese nüchterne Tatsache kann durch keine noch so bewegliche Klage über da5 Hinabgleiten in „den ölrom der nichtjüdischen Lebensanschauuntz" aus der Welt geschafft werden. Ls ist auch irreführend, wenn Lewkowitz behauptet, die Einrichtung des Sonntagsgoltesdienftes sei eine Vermischung zwischen Judentum und Lhristentum. Der jüdische Sountagsgottesdieust hat mit dem Thriftentum nicht das geringste zu tun. Denn glicht, weil der Sonntag, der christliche Sabbat, sondern weil er der soziale Rühetag des weitaus größten Teiles der deutschen Süden ist, wird für ihn eine religiöse Andacht als Ergänzung des sabbatlichen Gottesdienstes gefordert. Alan sollte doch endlich mit der Selbsttäuschung aufhören, als ob der Sonnabend heute noch der Sabbat der deutschen Süden sei. Zur die meisten von ihnen ist er ein schwerer Arbeitstag, und der Sabbatgedanke kann für diese Kreise nur lebendig bleiben, wenn man dem sozialen Ruhetag der Woche einen sabbatlichen Snhalt gibt, wenn man ihm eine sabbatliche Weiheslunde schenkt. Was nützt uns alle Theorie über den „religiös-pädagogischen (Zweck" der jüdisch-religiösen Zormen, wenn diese Zormen nicht gehalten werden, weil sie nicht gehalten werden können. Unmögliches wird nicht durch schöne Worte in die Wirklichkeit U m g ss e tz 1. Noch heute gilt — und heute mehr denn je —, was Holdheim gegen das Gutachten eines „liberalen" Nabbiners über den SonntagLgoltesdienst gesagt hat: „Die Verlegung des Ruhetages ist nicht erst jetzt hervorgerufen, sondern sie befindet sich als vollendete Tatsache im Leben. Am Sonnabend wird immer gearbeitet, am Sonntag wird immer gefeiert. 'Was jetzt Neues geschieht, besteht lediglich darin, daß man am Sonntag nicht bloß ruht, sondern auch gottesdienstlich sich weiht und religiös sich anregt. Und dies wäre eine solche Todsünde, daß diejenigen, die bis zur Stunde die Sadbatruhe vom Sonnabend auf den Sonntag verlegt haben, erst jetzt, in dem Augenblick, da sie am Sonntag auch beten wollen, das Heiligtum des Glaubens verlassen und aus dem Judentum exkommuniziert werden müssen, während diejenigen, die nach wie vor am Sonnabend ihr Tagewerk, am Sonntag ihre Ruhe fortsetzen» ohne eine Gottesdienstfeier hinzuzufügen, mit einem Liebesmäntelchon zur Umhüllung ihrer Schande beschenkt werden?" Das ist die beste Antwort auf die Ausführungen des Herrn Dr. Lewkowitz. Ob sie ihn überzeugen wird? Wir bezweifeln es. Vertritt er doch allen Ernstes den Standpunkt, daß die Einrichtung des Sonntagsgottesdienstes sogar eine Gefahr für das sittliche Leben der deutschen Süden sei. (Zwar ungewollt, wie er nachsichtig hinzufügt, aber doch eine Gefahr. Denn nach seiner Meinung wird durch den Sonntagsgottesdienst ein „schützender Damm" gegen den „Anprall nichtjüdischen Lebens" oder, wie er vorher im engen gedanklichen Zusammenhang damit sagt, gegen „die fremden Gesetze", gegen „die Anschauung der Umwelt", gegen den „Materialismus" und die „Geringschätzung idealer Werte" zerstört. Mit anderen Worten: Die Süden, die die sonntägliche Erbauung in einem jüdischen Gottesdienste ablehnen, und liebe« gar keinen Gottesdienst besuchen, als daß sie den sozialen Nuhetag durch eine.gottesdienstliche Erbauung^weihen — denn so liegen doch heute tatsächlich die Verhältnisse —, bieten eine bessere Gewähr gegen den Materialismus und die Geringschätzung idealer Werte als die, die wenigstens einmal in der Woche einen jüdischen Gottesdienst besuchen wollen und, weil ihnen das am Sabbat unmöglich ist, einen Sonntagsgottesdienst erstreben. Es ist eine notwendige Konsequenz dieses Standpunktes, daß die orthodoxen Süden, weil sie den Sabbat halten, für das sittliche Leben wertvoller sind, als die anderen, wertvoller auch als die, die unter dem Zwang der Verhältnisse den Sabbat garnicht Hallen können. Sn orthodoxen Kreisen.müssen also Materialismus und Geringschätzung idealer Werte weniger häufig zu finden sein als bei der Mehrzahl ihrer Glaubensgenossen. Sie sind mit einem Worte bessere Menschen. Nun gehören die in Berlin lebenden Ostjuden fast alle der orthodoxen Richtung an. Sie sind sogar so orthodox, daß sie mit einer Neihe von öonderforderungen an den Vorstand der jüdischen Gemeinde herangetreten sind, weil ihnen die religiösen Einrichtungen der Gemeinde nicht jüdischreligiös genug sind. Sie wollen „den schützenden Damm" gegen den verderblichen Einfluß der bösen, nichtjüdischen Umwelt noch gestärkt wissen. Also sind sie die sittlich wertvolleren Menschen, wertvolles jedenfalls als die gefährlichen Liberalen, die durch dis Zorderung eines Sonntagsgottesdienstes, wenn auch „ohne es zu wollen", den schützenden Damm zerstören oder doch zum mindesten durchbrechen? Wir legen diese Zrage der jüdischen Oeffentlichkeit zur Beantwortung vor. Die jttdifcbe Gegenwart Die Geldnot der Breslauer Gemeinde. Die Geldnot der Breslauer Gemeinde, vielleicht eine dvr best- * fundierten in ganz Deutschland, ist zur Seit so groß, daß die Mittel zur Auszahlung der Monatsgehälter Ende März nicht vorhanden sind. Die Gründe sind allgemein bekannt. Die Sgnagogengemeindebeträge werden durch das Finanzamt eingezogen und gelangen etwa dreiviertel Zahre nach der Ausschreibung in schleppenden Raten in die Gemeindekasse. Was ist die Folge dkoon? Als die Gemeinde 7 Prozent ausschrieb, konnte man für 7 Mark 7 Straßenbahnfahrten machen, zur Seit des Einganges dagegen kostete eine Straßenbahnfahrt 200 Mark. Dazu kommt, daß die Sgnagogengemeindebeiträge wie alle Kirchensteuern nach gesetzlicher Vorschrift nicht vom Einkommen desselben Kirchensteuerjahres, sondern des oorangegangenen Steuerjahres erhoben wird. Die laufenden Ausgaben dagegen erhöhen sich sofort mit der Entwertung des Geldes. Selbstverständlich können und müssen die Kirchengemeinden alle Fehlbeträge vorangegangener Seiträume und den Bedarf des laufenden Haushaltjahres durch Ausschreibung entsprechend hoher Steuern decken. Was nützt dies aber, wenn diese Steuern wieder erst Monate zu spät eingchen. Nur dann kann hiermit der Haushalt balanziert werden, wenn der Geldwert und infolgedessen die Ausgaben stabil bleiben. Sonst kann der Gemeinde nur durch sofortige Vorauszahlung von Steuern ohne Rücksicht auf den langsamen Geschäftsgang des Finanzamtes geholfen werden. Die Gemeinde erläßt im Anzeigenteil einen dahingehenden Aufruf, der hoffentlich geneigte Ohren finden wird. Denn unsere Glaubensbrüder, die für alle möglichen Swecke eine stets offene Hand haben, werden sicherlich die Gemeinde,nicht im Stiche lassen. Es ist auch kein zu großes Opfer, wenn ein Teil der Zensiten, insbesondere die höher Besteuerten, einen Teil dieser Steuern zwei Monats vorher bezahlen. Unverantwortlich wäre es, wenn nicht die geschuldeten Steuern endlich bezahlt würden. Rach unseren Erkundigungen besteht keine Gewähr, daß jeder einzelne Sensit eine Kirchensteuerveranlagung erhält, er muß vielmehr gewärtig sein, daß eines schönen Tages auf Grund der öffentlichen Mahnung der Vollziehungsbeamte zur Swangsbeitreibung erscheint. Es dürfte auch nicht zu schwierig sein, 7 Prozent von der Reichseinkommensteuer von 1921 zu errechnen und diesen errechneten Betrag doppelt als Sgnagogengemeindebeitrag für 1922 an die städtische Steuerzahlstelle abzuführen. Wir werden seinerzeit berichten, ob die Mitglieder der jüdischen Gemeinde Breslau den an sie gestellten Erwartungen entsprochen haben oder nicht. Der neue Sturmlauf gegen die Oltjuden. Die deutschnationalen Vertreter im Hauptausschuß des Landtags haben zur Beratung des Haushalts des Ministeriums des Snnern folgenden Antrag eingebracht: Der Landtag wolle beschließen, das Staatsministerium zu ersuchen: t 1. Eine Statistik über die Zuwanderung und Einbürgerung der Ostjuden — besonders in Groß-Berlin — mit tunlichster Beschleunigung vorzulegen; 2. mitzuteilen, welche Maßnahmen bisher getroffen sind, um der Ueberflutung durch das Ostjudentum endlich Einhalt zu tun; 5. darzulegen, welche weiteren Schritte in dieser Angelegenheit beabsichtigt sind; 4. Aufklärung zu geben, wieviel Anträge auf Namensänderungen jüdischer Suwanderer stallgegeben und ob es Tatsache ist, daß dabei vielfach Aamen berühmter deutscher Männer mißbraucht worden lind. Opposition gegen die englische Palästinapolitik. Die englischen Konservativen haben in letzter Seit heftige Angriffe gegen die Palästinapolitik der früheren und auch der jetzigen Regierung gerichtet, der sie zu starke Begünstigung der Sionisten vorwarfen. <3m Oberhause verlangte Lord Sslington eine Aenderung der Palästina-Verfassung, durch die den Wünschen der arabischen Wählerschaft Entgegenkommen gezeigt werden soll. Die zionistische Politik, meinte Lord Sslington, habe in einem großen Maße zu der Niederlage des früheren Kabinetts beigetrogen. Der Sionismus habe in Palästina politisch und finanziell eine hoffnungslose Niederlage erlitten, die sich mit der Seit noch vergrößern werde. Er zweifle überhaupt daran, ob das Palästina-Mandat jemals ratifiziert werden werde, da hierzu die Unterschrift aller Mitglieder des Völkerbundes notwendig fei. Seine Rede gipfelte in der Errichtung einer arabischen Föderation, die Palästina und Mesepotam'ien umfassen soll und in der Errichtung einer Regierung in Palästina, in der die gesamte Bevölkerung, Mohammedaner, Christen und Zuden, vertreten sein soll. Ein anderes Qberhausmitglied, Lord Sgdenham, behauptete, der Sionismus müsse ökonomisch zusammenbrechen, denn die Gelder flössen nur langsam ein, und von den zuletzt eingegangenen 750000 Pfund seien nur 2 Prozent von den englischen Süden gezeichnet worden, woraus hervorgehe, daß der Sionismus für die englischen Fuden nicht von überragender Bedeutung sei. Lord Greg verteidigte die englische Palästinapolitik nicht allzu kräftig. Er hob nur hervor, daß man sich der eingegangenen Verpflichtungen nicht mit einem Male entledigen dürfe. 2edoch will auch er unter allen Umständen vermieden wissen, daß England es mit einer feindseligen arabischen Bevölkerung zu tun bekomme. Der Verlauf dieser Oberhausdebatte und die Stellungnahme der englischen Presse beweisen jedenfalls, daß man in England die Entwicklung der Dinge mit großen Besorgnissen betrachtet, und daß eine Schwenkung der englischen Palästinapolitik durchaus im Bereich der Möglichkeit liegt. „Ein Schritt näher zur Räumung" Uberschreibt „Dailg Expreß" einem Bericht über die Oberhausdebatte. Wir deutschen liberalen Süden können gewiß, ebensowenig wie die englischen Süden, einen Zusammenbruch des jüdischen Palästina-Aufbaues wünschen oder gegen diese Gefahr gleichgültig bleiben. Aber der wenig erfreuliche Verlauf der zionistischen wie der vom Sionismus beeinflußten englischen Palästinapolitik sollte doch auch den Sionisten als Warnung dienen, daß man nicht die ganze Sukunft des Judentums auf die eine Karte Palästina setzen soll. Eine Breslauer j^aumann-Versammlung. Die Ortsgruppe Breslau des Verbandes nationaldeutscher Süden hielt am 17. März 1925 eine Versammlung ab, zu der auch die Zentralvereinsmitglieder und Sionisten eingelade« waren. Der Redner, Herr Dr. Naumann, begann seinen ein-, einviertelstündigen Vortrag mit der Erörterung des Keren hajessod- Problems. Er lehnte diesen entschieden ab. Viele Sionisten sagten zwar, das gesammelte Geld bleibe ja im Lande, da deutsche Maschinen dafür gekauft würden, die dann nach Palästina geschafft keiner ahnte, ein wie edler Mensch Sesus war, ehe er den Tod erleiden mußte, verstehst Du?" „Sa," sagt Hans, „ich verstehe schon, aber ich glaube, ich kann es nicht so behalten und erklären." „Dann müssen wir eben nochmal darüber reden, bis Du es so begriffen hast, daß Du es anderen gut klar machen kannst." „Ach, Mutier," zuckt aber da der Zunge mit den Schultern und verzieht die Lippen, „Du kennst die Buben nicht, da kann man nicht fo viel erklären,' bei denen ist es am allerbesten, wenn man ihnen eine feste herunterzieht." Die Gekritten des Qriel da Cofta. Die Lebensgeschichte und die Lebensarbeit des Marrannen Uriel da Eosta haben eine alle Sweifel und Fragen aufklärende Bearbeitung bisher nicht gefunden. Der von Philipp van Limborch besorgten Herausgabe der nachgelassenen Selbstbiographie da Tosta's (Gouda 1687), die unter dem Titel Exemplar Elumanae vitae bekannt ist, waren zwar Uebersetzungen dieser lateinischen Lebensbeschreibung in verschiedene Sprachen und Darstellungen des Lebens da Tosta's gefolgt; auch finden wir schon von der Mitte des 17. Sahrhunderts an in den biographischen und bibliographischen Quellenwerken jener Seit Hinweise auf das Schicksal dieses zum Selbstmord getriebenen Marrannen; um die Mitte des vorigen Sahrhunderts hat dann das Erscheinen des Karl Gutzk^>w'fchen Dramas „Uriel Acofta"' besonders anregend auf die da Eosta-Literatur gewirkt. Aber außer dem Exemplar klumauae vitae waren Werke da Tosta's nur den Titeln nach bekannt und darum nicht als Grundlage für die Bearbeitung seines Lebens und Schaffens* herangezogen. Auch in der Geschichte der jüdischen Literatur hat da Eosta wiederholt biographische Darstellungen erfahren. Aber sein Bild ist nicht scharf Umrissen; in Winter und Wünsche (Die Südische Literatur) ist er nicht erwähnt, in anderen Werken über Südische Geschichte und Literatur kurz abgetan. Seine geistige Leistung galt für das jüdische Schrifttum und das jüdische Leben als nicht von Belang. Sn der Geschichte der jüdischen Literatur von G. Karpeles (2. Äufl. Bd. 2 S. 295) heißt es: „Uriel da Tosta aus Oporto (ca. 1591 bis 1640) ist mehr durch das sein Leben und Leiden ausfchmückende Drama eines neueren deutschen Dichters als durch seine Schöpfungen.bekannt." Wie ungeklärt der Sachverhalt über die Werke da Tosta's lange Zeit war, beweist folgendes: Abraham Geiger schrieb (Breslau 1856): „Leon da Modena und feine Stellungnahme zur Kabbalah, zum Talmud und zum Lhristentum". Bei dieser Gelegenheit gab Geiger das Werk dieses seltsamen Mannes „Magen wezinnah“ (Schild und Tartsche) nach einem Manuskript heraus. Geiger erblickte damals in diesem Werke des Leon da Modena, der ein Zeitgenosse da Tosta's und Rabbiner in Venedig war, einen aus Fragen und Antworten bestehenden verkappten Angriff gegen talmudischtraditionelle Lehren. Neuerdings erst wurde nachgewiesen (N. Porges), daß „Schild und Tartsche" sich mit der Widerlegung des damals in Hamburg weilenden Ketzers Uriel da Tosta befaßt und daß in den „Fragen" dessen „propostas contra a tradicao" (Thesen gegen die Tradition) erhallen sind. Sn den letzten 50 Sohren brachten auch die Forschungen, welche von der Philosophiegeschichte ausgingen, im Zusammenhangs mit den Untersuchungen über das Leben des schicksolsverwandten Spinoza neue Ergebnisse und z-igten die Notwendigkeit, an eine gründliche Quellenforschung der da Tosta-Frage heranzugehen. Earl Gebhardt*) hat sich dieser Aufgabe — und wie bald gesagt sei: mit großem Erfolge — unterzogen. Sein Werk stellt einen wesentlichen Fortschritt für die da Tosta-Forschung dar. Die Schriften da Tosta's sind, so weit sie irgend zugänglich waren, in den Originalsprachen stofflich gesammelt und übertragen; die für das Gebiet in Betracht kommenden Regesten sind zusammengetragen; das Literatur-Material ist herongezogen und bewertet; jedes Problem in kritischen Anmerkungen bearbeitet. Die oben erwähnte neuerliche Beweisführung, daß da Tosta's „Propostas" in Leon da Modena's „Schild und Tartsche" schalten sind, wird von Gebhardt dadurch erhärtet, daß er' eine in der Bibliothek des portugiesisch-israelitischen Seminars in Amsterdam von ihm aufgefundene Handschrift beibringt, welche einen Auszug des portugiesischen Originaltextes der Thesen in der Gegenschrift des zeitgenössischen Rabbiners Rephael Mose d'Aquillar enthält. Auch die Frage der verhängnisvollsten Schrift da Tosta's erfährt durch Gebhardt Klärung: Das Werk „Ueber die Sterblichkeit der Seele des Menschen", welches ihm die Verfolgung von Seiten des Amsterdamer Magistrats eingetragen hatte, wurde und *) Die Schriften des Uriel da Tosta mit Einleitung, Uebertragung und Regesten, herausgegeben von Earl Gebhardt, 1922. Curi5. Societatis Spnozanae. Amsterdam: Menno Hertzberger. Heidelberg: Earl Winter's Universitätsbuchhandlung, London: Oxford Unioersitg Preß (XE und 286 S>). blieb konfisziert. Der geplanten Veröffentlichung dieser Schrift da Tosta's war der Arzt Semuel da S i l v a mit seiner „Abhandlung Uber die Unsterblichkeit" zuvorgekommen. Aus der — bisher noch nicht erfolgten — genauen Durchsicht dieser sehr seltenen Gegenschrift unternimmt Gebhardt den Nachweis, daß wir in ihr die wesentlichen Bestandteile der da Tosta'schen Sterblichkeitsbeweisführung enthalten finden. Damit besitzen wir den Hauptinhalt der da Tosta'schen Lehren, wenn auch sein Werk „Kritik der pharisäischen UeberlieferRig" noch verschollen ist. Eine reizvolle Eigenart des Gebhardt'schen, erfreulich gut ausgestatteten Buches besteht aber in der in der Einleitung geschaffenen Neuprägung des persönlichen und schicksalhaften da Tosta-Bildes. Das Wort des Herakleitos: „Ach und in dem gleichen Strome schwimmst du nicht zum zweiten Male" ist als Motto vorangestdllt, und Gebhardt zeigt in religionspsgchologischer Feinarbeit, wie Uriel da Tosta seine Tragik erfahren mußte. Uriel da Tosta, „den Kritischen", erfaßte dieselbe Tragik der Einmaligkeit wie Baruch Spinoza, den Schöpferischen, wenn auch keine Verbindung von» der Seelen- und Hotleslehre des Einen zu der des Anderen führt. Diese Tragik ist begründet in der Spaltung des Bewußtseins, welche dem Marrannentum eigen war, und die darin lag, daß die Marrannen, diese Nicht-mehr-2uden und Noch-nicht-Zuden, ohne Tradition, die ersten Menschen ohne eingeborene Kategorien waren: Die Brücke zu ihrer religiösen Vergangenheit war zerbrochen. Das geschichtlich Vergangene konnte nicht zur - zweiten Gegenwart gezwungen werden. Da Tosta und Spinoza mußten sich neue Kategorien schaffen; das Marrannentum war dem Untergang verfallen, fein Sinn und Ziel war da Tosta und Spinoza; Uriel da Tosta verblutete am leidvollen Leben, Spinozas Leben ging auf in das Merk. Bei dieser geistvollen Bewertung hat Gebhardt aber doch die innerjüdische Bedeutung des Marrannentums außer Acht gelassen. Gerade das Auftreten da Tosta's und Spinoza's hat — ähnlich wie die Entstehung des Karäertums die jüdische Bibelwissenschaft und die hebräische Sprachlehre befruchtet hatte — eine nachhaltige Anregung der Katheder- und Kanzeltätigkeit „ im Zudentum bewirkt, durch welche zahlreiche Marrannen ihr Roch-nicht-Zudentum überwanden. Es genüge, Romen wie Abraham Ferrar, Samuel ibn Zachia, Monasse den Zsrael, Zsaak Aboab zu nennen. 4, Wenn Gebhardt zahlreichen Förderern und namhaften Helfern die Vollendung seines Werkes mit zu danken hat, so tut dies Gebhardt's Leistung nicht Abbruch. Wir danken ihm die wertvolle, empfehlenswerte, vorbildlich ausgearbeitete da Tosta-Monographie. Dr. Sali L e o i, Mainz.

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