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Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-04-06 · 14 (6.4.1923) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
3 (1923)
Issue
14 (6.4.1923)
Date
1923-04-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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\ Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die GofchäftesteNeV«jahr!.Al.500v.- Anzeigen: Grundpreis für die 3'/* * cm breite mm-Zeile Al. 0.25» Familienanzeigen AI. 0.15. Bei Wiederholung Ermäßigung. Der Grundpreis wird mit der am Lrfcheiunngstoge gültigen Schlüsselzahl des Buchr** f ~ t %b m Hävdter-Bölfenvcreius muiir-lizierl. m ces 14 «jßrütt, 6* <tptll 192) ). OflQtjdQg Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Zreitag, je dreiwörbentlich als wissenschaftliche Beilage „Liberales Judentum" und „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine". Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin W. S, Alauerstraße 22 lBereiuigung für da» liberale Judentum e. B.), Fernruf: Amt Zentrum 1*2. Anzeigen-Annahme bei der Geschäftsstelle Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin AW. 7 Rr.157e*4(Bereinigung für da» liberale Zudeutu« e.B.j. El Liberales 'Judentum Monatsschrift für die religiöse Erneuerung des Judentums Herausgegeben von der Dereluignug für das liberale Zudeutnm E. B. unter der Schriftleitung von Ihr. Laesar Seligmann, Rabbiner in Frankfurt am Alain. Ar. Z April 5. Jahrgang Inhalt: Der König Hiskia und die eherne Schlange. Bon Rabbiner Dr. Norden in Elberfeld. — Aus der neueren religiösen und jüdischen Literatur. Bon Dr. E. Seligmann, Frankfurt a. Al. — Passah-Träumerei. Bon Joseph Kausfmann, Berlin-Weihensee. — Zur Gebeibuchfrage. Bon Dr. Lugen Hirschberg. Der König I4iskia uncl die eherne Schlange?) Bon Rabbiner Dr. Norden in Elberfeld. Das Geschlecht, welches Mose aus der Knechtschaft zur Zreiheit geführt, war allmählich ausgestorben. Lin neues Geschlechtwar herangewachsen, von dem Mose hoffte, es würde tüchtiger und befähigter sein, die Schwierigkeiten auf sich zu nehmen, die mit der Eroberung des heiligen Landes verknüpft waren. Doch seine Erwartungen wurden getäuscht; auch das junge Geschlecht lieh es an Mut und Tatkraft fehlen. Als nämlich nach dem Tode Aarons die Kinder Israel sich immer mehr der Grenze des heiligen Landes näherten, da wurde das Volk plötzlich wieder unmutig. In gehässigen und unbotmäßigen Reden ergingen sie sich gegen Gott und gegen Mose. Da schickte der Ewige, so berichtet die Schrift, giftige Schlangen unter das Volk, von deren Bissen viele getötet wurden. Als nun Mose für das Volk betete, sprach der Ewige: „Verfertige dir eine Schlange und befestige sie an einer Ltange." Mose tat, wie ihm befohlen, verfertigte eine eherne Schlange und brachte sie an einer Stange an. Wurde nun jemand von einer der giftigen Schlangen gebissen, so blickte er zu der ehernen Schlange hinauf und blieb am Leben. Die Bibelerklärer sind sich darüber einig, daß die von Mose angefertigte und an erhöhter Stelle angebrachte Schlange das Mittel zu einem höheren Iweck fein sollte. Die Israeliten sollten zu ihrem Vater im Himmel aufblicken; von ihm sollten sie Verzeihung erlitten und Rettung ersehnen. So hatte Mose es sich gedacht. Es kam jedoch anders: Die Israeliten schrieben der Schlange ihre Rettung zu aus Tod und Gefahr und gingen dazu über, jener ehernen Schlange göttliche Ehrerbietung zu zollen. Das geschah mehrere Jahrhunderte, bis endlich der König Hiskia, der Zreund des Propheten Jesaja, dem götzendienerischen Unfug ein Ende machte und die Schlange zertrümmerte. Diesen Schritt unternahm er aus eigener königlicher Machtvollkommenheit; die Gelehrten aber zollten ihm nachträglich Beifall, wie uns die Mischnah berichtet.*) Keinen Augenblick zürnten sie ihm darüber, daß er doch schließlich das Andenken an einen Mose vernichtet hatte. Sie kannten die Denkart Hiskias viel zu gut, um zu argwöhnen, er könnte das Andenken an den großen Gejetzeslehrer aus Ireude am Zerstören vernichtet haben. Sie wußten, daß es ihm dabei um die religiöse Hebung und Veredelung seines Volkes zu tun gewesen war. Wir haben auch heute noch manches Andenken an unsern großen Gesetzeslehrer, manches Andenken, das ihm selbst nur Mittel zu einem höheren Zweck gewesen war, zu dem Zweck der religiösen Läuterung und Veredelung seiner Volksgenossen. Greifen wir aus der Jülle äußerer Zeremonien und religiöser Betätigungen eine der bekanntesten heraus: die Vorschriften und Bestimmungen über die Darbringung von Opfern. Glaubte unser erleuchteter Gesetzeslehrer etwa wirklich an den religiösen Wert der Darbringungtzvon Opfertieren? So fragt sich schon Maimonides im Mittelalter, und er antwortet: Mose befand sich in einer Zwangslage. Die ganze Welt fand in der Darbringung von Opfertieren eine religiöse Befriedigung. Bei all seinem Ansehen wäre es Mose nicht gelungen, die Opfer bei den Israeliten zu unterdrücken. Darum ließ er sie zu, ja er gab sogar eine ganze Reihe bestimmter Vorschriften und An- S. 4. B. Mose Kap. 21. B. 4—4. * Pessachim 4, 4. Ordnungen über sie, aber immer unter dem Gesichtspunkt und unter der ausdrücklichen Hinzufügung: „Opfert dem ewigen, einzigen, heiligen Gott allein!" So glaubte er sein Volk schneller dem Dienste des ewigen Gottes zuführen und schwere Rückfälle in den Götzendienst verhindern zu können. Er durfte hoffen, daß die Zeit schon kommen werde, in der Israel seinem Gotte dient, ohne eines Opferaltars zu bedürfen und ohne einen solchen zu wünschen. Was würde Mose nun wohl sagen, wenn er heute aufftände, in unsere Gotteshäuser träte und uns beten hörte: „Stelle den Opferdienst in Jerusalem wieder her und die Jeueropfer Israels?" Was würde er wohl sagen, wenn er unsere Versprechungen hörte, die täglichen Opfer und die Sabbat- und Zeiertagsopfer in dem wiedererstandenen Tempel darbringen zu wollen? Ich glaube, er würde den König Hiskia aus dem Grabe herbeirufen und würde ihn auffordern: „Komme, Hiskia, der du einst meine eherne Schlange zertrümmert hast, komme herbei und zerstöre alles, was in dem jüdischen Gottesdienst veraltet und abgestorben ist, alles, was an Irrwahn erinnert, alles, was im Munde der Betenden entweder unverzeihliche Gedankenlosigkeit ist oder schmachvolle Heuchelei." In der Schilderung des Lebensganges des Königs Hiskia im zweiten Buch der Könige und im zweiten Buch der Ehronik können die biblischen Schriftsteller die tiefreligiöse Gesinnung des Königs gar nicht genug rühmen. Und eben dieser Hiskia war es, der dem götzendienerischen Unfug, den das Volk mit einer Reliquie aus Moses Zeiten trieb, mit energischer Hand ein Ende machte. Unsere.Wünsche in den Gebeten um Wiederherstellung des Altars und Wiedereinführung der Opfer find wahrhaftig kein geringerer Unfug; denn welcher Jude unserer Tage hält noch Tieropfer für ein geeignetes Mittel zur Gottesverehrung? Wenn wir nichtsdestoweniger in unseren Gebeten die Opfer zurückwünschen, so spricht unser Mund eben Lüge, und unsere Lippen reden Täuschung. Mögen darum jene Bestandteile unseres Gebetbuches — es handelt sich da in erster Reihe um die Mußafgebete der Sabbate und der Zeste — noch so alte Erinnerungen in sich bergen an die Person unserer Gesetzeslehrers Mose: es hilft nichts, sie müssen der besseren Einsicht unserer Tage weichen, so wie einst die eherne Schlange verschwinden mußte, da sie ihrem ursprünglichen Zwecke nicht mehr diente, sondern mißbraucht wurde. Das ist wahrlich kein Zerstören heiliger Güter und geweihter Erinnerungen zu nennen, so wenig wie es uns beikommen wird, den König Hiskia als-einen pietätlosen Zerstörer religiöser Erinnerungen zu bezeichnen. Rein, das ist positive, schaffende Arbeit für das religiöse Judentum. Nicht blinde Verkennung, noch böswillige Schmähung darf uns hindern, mit unseren Forderungen in unseren Gemeinden aufzutreten. Wir haben unsere religiöse Pflicht zu tun gegen uns selbst und gegen die kommenden Geschlechter, die wir dem Judentum, der jüdischen Gottesverehrung, dem jüdischen Gotteshaus erhalten wollen. Und diese Pflicht besteht darin, das Veraltete und Betensunfähige mutig aus dem Gotteshaufe zu entfernen, das Beteusfähige dagegen zu bewahren und fortzubilden. Uns der neueren religiösen und jüdischen Literatur. Von Dr. E. Seligmann- Zrankfurt a. M. L Aus den Jahren 1920—23 liegt uns eine Anzahl von Büchern, die noch der Besprechung harren, zur Beurteilung vor/ Der weitgespannte Ring vielseitiger geistiger Inhalte umspannt sie kaum zu einer Einheit. Allgemeine Religionsphilosophie, Soziologie, Geschichtsphilosophie, Geschichte, Biographie, Belletristik, Iudaica, Hebräica bilden die Sphären, denen das vielverzweigte Schrifttum angehört. Rur der religiöse Leitgedanke oder die Beziehung zu Judentum und Iudenheit sind der einheitliche Rahmen, der diese Mannigfaltigkeit umschließt. Dem Gebiete der Religionsphilosoptzie gehört dar wertvolle Buch von PaulZeldkeller: „Die Idee der richtigen Religion"!) an. Er bietet eine systematische Logik und Erkenntnistheorie der Religion. „Welche Religion ist unzweifelhaft falsch und welche ist etwa wahr?"; so lautet die Ausgangsfrage des Verfassers. Eine fcharfe Absage erteilt er allen denjenigen, die in der Religion nichts anderes sehen als die Kunst diesseitigen Trostes, eine Waffe im Kampf um das Dasein, eine heilsame Lüge, und die doch nicht den Mut aufbringen, sich von dieser Religion zu trennen; denn es gibt eine Religion der Erkenntnis und der metaphysischen Wahrheit. Aber auch denjenigen erteilt er eine Absage, die ihrem zufälligen Glauben überirdisches Wissen zu verdanken wähnen. Der Verfasser zeichnet sich durch die Unerbittlichkeit aüs, mit der er peinlichste intellektuelle Sauberkeit fordert. Auf der anderen Seite aber räumt er der Sicherheit innerer Glaub!ensüberzeugung den ihr gebührenden Platz ein. Auf gründlichem philosophischen und religionsgeschichtlichen Studium beruhend, verbindet das Buch eindringende Kritik mit ehrfurchtsvoller Anerkennung religiöser^ Gegebenheit und will alle wahrhaft Frommen, di^ schlicht Gläubigen und die Gottsucher, über Sinn und Wert ihres Glaubens aufklären. — „ Monistifche Märchen" betitelt sich eine interessante populäxphilosophische Publikation des bekannten, unermüdlich rührigen Wiener Rabbiners Max G r u n w a l d 2). Nicht auf den Pfaden von Kurd Laßwitz wandelt der Autor. Er dichtet nicht Märchen, um schwierige Probleme in das GeiWnd der Poesie gehüllt, von den Flügeln der Phantasie gtragen, beschwingend auf den Leser wirken zu lassen, sondern plaudert in leichtem Feuilletonstil über „Urmensch", „Kristalls e e l e n", „Stammbäume,,, „All-Eins", „Kosmogonien", „Zufall", Religionen verdummen den Geist", „die neue Sittenlehre", „Sozialismus im Tierreich", „Denkende Materie", „Biblische Mgthen", „Das Märchen vom Paradies", „Die Sintflut-Sage", „Jenseitsreligionen", „Monismus gegen Mythologie", „Erbsünde", „Die Sünden Gottes". Ein wohlgelungener geistvoller Versuch einer Apologie der Religion, mehr Skizzen als systematische Aufsätze, geschrieben unter dem Eindruck des Hinscheidens Ernst Haeckels in Form von Briefen an einen Studenten, der eine Brücke zwischen Judentum und Naturwissenschaft finden wollte. Ein seltsames Buch, das im Aufbau und Stil in keine Schablone wissenschaftlicher Kategorien zu pressen ist, das eigenwillige Wege wandelt, ist Theodor Lessings „Europa und Asien oder der Mensch und das Wandellose"^). Kaleidoskopisch, in sprühenden grellen Farben, ziehen krause Bilder vor unseren verwirrten Augen vorüber: Rot, Macht, die alte Seele Asiens, der sterbende Pan, der Tod des Eros, die Frage von Dijon (welchen Einfluß Kunst und Wissenschaft auf die Entwicklung des Menschengeschlechtes hatten, der Ausbruch des Geistes, Indien, Ehina, Japan, Islam, das Kreuz, die deutsche Reformation, deutsches Judentum, Amerika, Wortgespenster (Fortschritt, geschichtliche Notwendigkeit. Le-- ben, Optimismus, Entwicklung), heilig und weiyelos, Peer Ggnt, Europa, die Brücke, Mgthos und Ethos, die Juden, der Grenzpfahl, Homunkulus, die Kuppel, Glocken und Grüfte (Gedichte). Das ist nur eine kleine Auswahl der Kapitelüberschriften. Modern und effekt- 1) Die 2dee der richtigen Religion. Line Theorie der religiösen Erkenntnis. Von Paul Zeldkeller. Verlag Friedrich Androas Perthes A.-S., Socha 1421. 8. VIII iu 147 5. 2) Max Grunwald Dr. Monistische Märchen. Aus einem Briefwechsel, 1421. Benjamin Harz Verlag, Berlin-Wien. 8. 144 S 3) Europa und Asien oder der Mensch und das Wandeltose, < sechs Bücher aus der Geschichte und Zeit von Theodor Lespng. Wolf Albrecht Adam Verlag, Hannover 1425. 8. 459 5. Zugeudvereius-Anzeigeu DV" letzte Seite.

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