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Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-03-30 · 13 (30.3.1923) · page 3

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Menschen;ur Freiheit bestimmt ist, damit sie ihre Kräfte ungehindert in seinem Dienste entfallen und sich zur Gründung seines Reiches vereinigen. Mt dieser Botschaft seines ältesten Festes tritt Israel in die Weltgeschichte ein, und die Verbreitung und Bewährung dieser unter Leiden, und Schmerlen gewonnenen Lrkennt- 06 bleibt seine weltgeschichtliche Aufgal», so lange -es noch Menschen gibt, welche sich anmahen. ihre Mitmenschen zu bedrücken. Lo hat schon die biblische Gesetzgebung, Prophetie und Dichtung das einmalige Ereignis der Befreiung Israels aus Aegypten durch das Feuer der Religion geläutert und;ur Höhe der für alle Aelten und Völker gültigen Ldee der Freiheit emporgehoben. Für die Reinheit und Hoheit der Gesinnung, welche unsere Religion in unsere Leele pflanzen will, ist es überaus kennzeichnend, datz die Bibel auf die traurigen Erfahrungen der ägyptischen Leidenszeit nachdrücklich hinweist, so oft sie uns den rechten Gebrauch der Freiheit ans Herz legen oder vor ihrem Mißbrauche warnen will. Wenn es gilt, uns für die Pflichten unserer Erwählung zum Volke der Religion, zum Lichte der Rationen und zum Bunde der Völker zu begeistern, ruft sie uns unsere Erlösung aus Aeggpten in die Erinnerung: „Zhr habt gesehen, was ich an Aeggpten getan und wie ich euch auf Adlers Flügeln getragen und zu mir gebracht habe." Fast refrainartig aber kehrt als Begründung für das göttliche Gebot der Milde und Güte gegen die Bedräitglen, Dienenden und Fremdlinge der Latz wieder: „Zhr kennt ja die Seele der Bedrängten, denn ihr selbst seid in Aeggpten bedrängt worden." Edler und würdiger, als es in diesen Worten geschieht, kann erlittenes Unrecht, erduldete Kränkung nicht benutzt werden. Durch diese Deutung und Wertung des geschichtlichen Grunderlebnisses Israels ist das Pessachfest für uns zu einer unerschöpflichen Quelle religiöser Erkenntnis und sittlicher Lebensgestaltung geworden. Freudig schöpfen wir aus dieser Quelle des Heiles den Labetrunk der Hoffnung, dessen wir in den Lorgen und Röten unserer Tage bedürfen. Wieder sind weite Kreise des deutschen Volkes von gewissenlosen Hetzern zu einer Feindseligkeit und Gehässigkeit gegen uns aufgestachelt, die wir aus eigener Kraft kaum mehr abzuwehren vermögen. Um so freudiger schlagen dieses Mal unsere Herzen der beglückenden und aufrechthaltenden Botschaft des Pessachfestes entgegen: „Unser Erlöser ist der Ewige der Heerscharen, der Heilige Israels ist sein Rame." Unter nichtigen Vorwänden ist die Westmark des deutschen Vaterlandes in ein Kriegslager umgewandelt, und überaus schwer lastet der Druck der feindlichen Macht auf den von Reuem heimgesuchten Bewohnern der besetzten Gebiete. Mögen sie aus dem Bewußtsein ihres guten Rechtes die Kraft zum Dulden und den Mut zum Ausharren gewinnen, bis auch ihnen wieder die Lonne der göttlichen Gerechtigkeit und Liebe leuchtet, die allen Bedrängten und Beladenen Heilung bringt! Kein Gefühl des Hasses gegen unsere Peiniger, keine Regung des Unmuts oder der Verbitterung über die uns zugefügte Kränkung soll uns die Reinheit der Erlösungsbotschaft trüben. Auch das Leid, das uns widerfährt, ist mit hineingestellt in den göttlichen Plan der Weltregierung. 'Es soll unsere Glaubenskraft stärken und uns immer fähiger und williger machen, Mitarbeiter an der Ausbreitung des Gottesreiches zu werden und den Lieg des Guten in der Welt herbeizuführen. Der Ldee der Macht setzen wir im Geiste unserer Religion die Macht der Sdee entgegen, welche unser Lrlösungsfest uns verkündet. Der Weg Israels durch die Geschichte führt von dem Pessachfeste der Vergangenheit zu dem Pessachfeste der Zukunft, von der Erlösung Israels zur Erlösung der Menschheit. Religion und ftumamtäteidee. Von Lic. Dr. Karl Äner. ' „Humanität" — die Zeder sträubt sich» das Wort zu Papier zu bringen. Nicht als scheute sie den Vorwurf unverbesserlicher Schwärmerei; denn alle großen Sdeen der Aieuschengeschichte sind als Schwärmerei zur Welt gekommen. Aber sie fürchtet, nicht ernst ge-, nommen zu werden, und Lächerlichkeit ist der Tod der Wirkungsmöglichkeil. Wer kann heute von Humanität reden, ohne sofort verbitterten Hinweis auf den Menschheitszustand der Gegenwart auszulösen, ja ohne solchen Hinweis selbst in sich zu empfinden! Sst es uns auch unmöglich, über die eigene Zeit ein objektiv-gerechtes Urteil zu fällen, da doch eben dazu ein gewisser Abstand gehört, soviel erkennen wir doch, daß der hinter uns liegende Weltkrieg ein neues Menschheitsstadium nicht heraufgeführt hat. Das Gewaltprinzip ist noch nicht dem Nechtsgedanken gewichen. An Stelle bes preußischen Militarismus ist ein viel mächtigerer jenseits des Rheins erstanden. Wer Kant's völkerrechtliche Ethik im Herzen trägt, ist schwer enttäuscht, daß noch immer der Annektionismus Orgien feiert. Und der Deutsche, der am Grabe der wilhelminischen Aera die Auferstehung eines neuen Geistes erhoffte, verhüllt fein Haupt in, schmerzlicher Scham, wenn er der eklen Geldgier aller Schichten seines Volkes ansichtig wird. Klingt in diese würdelose Zeit das Bekenntnis zur Humanität, d. i. zur Menschenwürde, nicht wie der Auf eines Srren hinein? Dies hat die Humanitätsidee mit der Religion gemein, daß sie beide eine ungeheure Paradoxie bedeuten. Die Welt, die Natur, die Geschichte — das alles sieht so sinnlos aus, daß auch den fromm Erzogenen immer wieder die Zrage überfällt: Steht denn wirklich hinter alledem chaotischen Wirrwar Sinn, Zweck, Vernunft, Geist und gar ein ewiger Denker, der jenes alles lenkt in der Kraft seines Logos? Oder ist dieser Glaube doch bloße Illusion, gedankenlose Erblehre, narkotischer Selbstbetrug? Smmer wieder muß sich das Stücklein religiöser Genialität, das wir besitzen, aufraffen und sich mit Energie gegen die plumpe Erfahrung wehren. Der harte, ständige Kampf ist das Schicksal des Humanitätsglaubens. Auch er muß mit der Empirie ringen, mit dem nackten, kalten Eindruck der Tatsächlichkeit, mit dem erbärmlich Gegebenen. Aber es besteht nicht nur diese formale Verwandtschaft der Dennochnatur, der trotzigen Sdealität zwischen Menschheils- und Gottesglauben, sie beide gehören auch innerlich zueinander, so daß keiner ohne den-anderen zu sein vermag. Keine Religion ohne Humanitätsidee. Sede höhere Religion will mehr sein als Garantieschein irdischer Glückseligkeit, sie will den Menschen sittlich hinausheben über das animalische, zur Höhe einer geistigen Bestimmung. Sm ersten Kapitel der Bibel steht das Wort: „Gott schuf den Menschen sich zum Bilde." Mögen die neueren Ausleger recht haben, wenn sie warnen, dem alten Autor den Vollgehalt der Menschheitsidee unterzulegen, mag jener den Satz noch so primitiv von äußerer Aehnlichkeit verstanden haben — empfunden wurde der Satz doch schon im alten Israel als ein sittlich verpflichtender Adelsbrief. Mensch, Ebenbild Gottes, sei deiner Würde eingedenkl Diese Zorderung wurde herausgelesen. Und was ist das neutestamentliche Gottesreich anderes als der ersehnte Zustand einer von göttlichem Ethos beherrschten Menschheit, eine der Menschenwürde gemäße Sozialgestaltung? Aber auch keine Humanitätsidee ohne Religion. Sn Zeiten allgemeiner Schändung der Menschenwürde wird sich der Edelmensch desto kräftiger auf sie besinnen und vor allem in der Selbstkultur auf die Verwirklichung der erhabenen Sdee hinarbeiten. Sst er aber kein Narr, kein Phrasenheld, kein leichtzufriedener Bespiegeler seiner Vortrefflichkeit, so fühlt er den weiten Abstand seiner immer noch im Ansatz begriffenen Persönlichkeit von der Sdee einer vollen geistigen Persönlichkeit. „Uns bleibt ein Erdenrest zu tragen peinlich," singen sogar Engelchöre im Zaust. So schaut echte Humanitätsarbeit an sich selbst unwillkürlich hinauf zur Realisation höchster ethischer Geistigkeit — in Gott. Sieht in ihm das Urbild und die Urkraft, die auch seine Seele durch Aeonen der Vollendung entgegenweisen läßt. Ob die irdische Menschheit je ein Gottesreich bilden wird, das den Namen verdient, mit anderen Worten: ob sich die Humanitätsidee in einer irdischen Sozialgestaltung verwirklichen wird — darüber zu streiten lohnt heute nicht. Aber Du — fühle Dich nie von der Pflicht entbunden, dem Gesetz Deiner Würde zu folgen! Zur fragt der Oefamtorganifation Pon Prof. Dr. 5. Ka.lische r. (Schluß.) Es fragt sich nun, ob im gegenwärtigen Augenblick irgend eine Notwendigkeit vorlag, eine preußische Landesorganisation ins Leben zu rufen. Ohne Zweifel wäre hieran nicht gedacht worden, wenn die Verfassung, die der Gemeindelag vom 23. Sanuar 1921 beschlossen hat, wenige Wochen oder Monate nachher oder auch nur vor dem 1b. Mai 1922 von der Negierung genehmigt worden wäre; die Gesamtorganisation wäre damit in volle Wirksamkeit getreten, Nun ist aber die regierungsseitige Genehmigung der Verfassung keine Lebensnotwendigkeil für die Gesamtorganisation, da sie ja völlig auf Zreiwilligkeit beruht und jeder Zwang ausgeschlossen ist. Zreiwilligkeit ist das Gesetz der Gesamtorganisation, das sie sich selbst gegeben hat. Demnach wäre der vom Ausschuß des D. S. G. B. am 14. Mai 1922 ins Auge gefaßte Weg wohl gangbar gewesen und umsomehr, als dieser Plan nicht bloß im Schoße des D. 2. G. B. erwogen, sondern auch von außen he? angeregt wurde. So hat ihn mir Herr Moritz A. Löb am 4. Mai 1922 kundgegeben. Er war so freundlich, mir die Energie zuzutrauen, den Plan durchzufllhren, und fügte hinzu: „Wenn Sie das tun, so würden Sie das gesamte deutsche Sudentum hinter sich haben", und ich bin überzeugt, daß es im Verein mit meinen gleichgesinnten Mitarbeitern gelungen wäre, wenn nicht der geschilderte Vorgang und der verhängnisvolle Beschluß des Vorstandes der Berliner Südischen Gemeinde dazwischengekommen wäre. Als der Gemeindetag am 23. Sanuar 1921 zusammentrat, bestand bereits langst ein bayerischer Gemeindeverband. Seinem Beitritt zur Gesamtorganisation wirkten, von anderen Widerständen abgesehen, die hier außer Betracht bleiben können, partikularistische Kräfte entgegen, aber der Verband hatte doch, wie sein Vorsitzender auf den» Gemeindetage besonders hervorhob, den einmütigen Beschluß gefaßt: „Dem Landesverband obliegt die Zörderung einer Gefamlorganisation der jüdischen Gemeinden Deutschlands unter Berücksichtigung der Organisationen der Länder." Zreilich hat man leider von dieser Zörderung nichts verspürt und dasselbe gilt von den anderen süddeutschen Ländern. Dennoch durfte man hoffen, daß der Gedanke der Gesamtorganisation und seine Verwirklichung Werbekraft genug besitzen würde, um jene Verbände in seinen Bereich zu ziehen. Mit der Bildung der preußischen Landesorganisation hat aber der Partikularismus auf der ganzen Linie seine Krönung erfahren, und es wird nun bald so viele oder noch mehr Sudentümer als Länder geben. Von einem einheitlichen Gedanken, von einem einheitlichen Willen, von einer einheitlichen Einflußnahme auf die Gesetzgebung wird gar keine Rede mehr sein können. / Nicht die Schaffung des preußischen Landesverbandes an sich ist das Unheil, sondern daß er zu der für die volle Verwirklichung der Gesamtorganisation ungelegensten Zeit in Szene gesetzt wurde. Wer nicht begreift, daß das Ganze vor den Teilen sein muß, der hat aus der Geschichte und aus dem Leben nichts gelernt, der weiß auch nichts von Mephisto's Weisheit, die in seinem Spott liegt: „Dann hat er die Teile in seiner Hand, Zehlt leider nur das geistige Band." Es mußte der Gesamtorganisation überlassen bleiben, je nach Notwendigkeit oder Zweckmäßigkeit Unterorganisationen zu schaffen. Diesem Gedanken hat auch Herr Dr. Z r e u n d auf dem Gemeipdetage vom 23. Sanuar 1921 mit den treffenden Worten Ausdruck gegeben: „Wir wollen zunächst einen Reichsverband, ein Haus schaffen, in dem das gesagte deutsche Sudentum Unterkunft findet, und wollen den wohnlichen Ausbau dieses Hauses der Zukunft und unserer gemeinsamen Arbeit überlassen. Wir haben deshalb davon abgesehen, heute innerhalb dieses Reichsverbandes Landesverbände, Provinzialverbände und noch kleinere Gemeinschaften zu schaffen. Das sind keine Zehler, sondern Notwendigkeiten des Augenblicks. und was heute nicht' da ist, wird die Zukunft bringen in Snstrumont ist, Mittel rascher Beleuchtung, oder drastischer Wirkung. Sn dem Bestreben, Kerr's Besonderheit zu kennzeichnen, verfällt der Verfasser auch auf Behelfe, die dem Zwecke wenig dienen. Wenn er Kerr's Eigenart bezeichnen will, indem er ihn mehrmals einen „ e c r i v a i n “ nennt, so werden nicht viele Leser die besondere Rote erkennen, durch die er den leichteren, flotteren, graziöseren „ e c r i v^a i n “ vom deutschen „Schriftsteller" unterscheiden will. Den Zug zum Dramatischen, zum Betätigungsfrohen in Kerr's Wesen, ^versteht er richtig auch die Hinneigung zum Musikalischen. Was Folgerichtigkeit uyd Eharakter an seiner Entwicklung und Betätigung ist, tritt weülger zutage. Merkmale eigentlich jüdischen Wesens findet der Verfasser bei Kerr erst in dritter Reihe, so sehr er sein freüdiges Bekennen zum Sudentum mit Genugtuung hervorhebt. Die nähere Bekanntschaft mit einer fesselnden Erscheinung, dem Prager Dichter Zranz Kafka, vermittelt uns so vertrauenerweckend wie gewinnend Max B r o d in all dem vorbildlichen, warmherzigen Eifer, mit dem die deutscheu«Dich1er der tschechoslowakischen Hauptstadt stets für einander eimreten. Eine Nachprüfung der freilich aus schöner Ueberzeugung erblühenden Urteile ist dem deutschen Leser schwer, weil die Schöpfungen Kafka's. großenteils erst in Bruchstücken vorliegend, bei uns noch wenig bekannt geworden sind. Am stärksten, am deutlichsten leuchtet jüdisches Wesen aus den Dichtungen Albert Ehren st ein's. Am leichtesten fällt es darum seinem Bildniszeichner, Ernst Weiß, die Merkmale tausendjährigen Leids in Ehrenstein's Schöpfungen aufzuweisen, den Prophetenschwung seiner Sprache vor uns aufrauschen zu lassen und uns zu zeigen, wie seltsam in Ehrenstein Ahasvertum und Hellenismus sich berühren. Um so dürftiger, kaum erkennbar sind die Spuren jüdischen Einflusses in Döblin, den Ernst Blaß knapp und klar charakterisiert. Erwin P o e s ch e l' s Studie über Sacob Wassermann, vor dem Erscheinen von Wassermann's Bekenntnisschrift „Mein Weg als Deutscher und Sude" geschrieben, überrascht an vielen Stellen durch das ganz erstaunliche, inzwischen von Wassermann selbst bestätigte Einfllhlen in des Dichters Wesen. Die sorgsame Analgse seiner Schriften, die aus dem Werk die Persönlichkeit des Dichters, aus der Persönlichkeit des Dichters sein Werk erkennen und verstehen lehrt, berührt angesichts der nun vorliegenden Lebensbeichte Wassermann's mitunterwie prophetisch. Die gedrückte und verdüsterte Athmosphäre, aus der Wassermann so mühsam seinen Aufstieg nahm, die zeitweise so dumpfe Resignation, mit der er sein Sudenschicksal als Bürde trug» diese Ergebung, die recht absticht von der Freudigkeit, mit der andere das Panier ihres Sudentums hoch in den Lüften schwingen, tritt uns freilich nur in Wassermann's eigener Schilderung etwas beklemmend entgegen. Als einen, dem sein Sudentum zum Schicksal oder doch zum Hemmnis wird, schildert Paul M e g e r uns einen Publizisten, den wir eigentlich mit einigem Befremden, als einen Saul unter den Propheten, in dieser Galerie finden: Maximilian Harden. Der rechten Geltung und Betätigung von Harden sei der Witk o w s k i hinderlich gewesen. Naturell und Wesen des Publizisten im allgemeinen und Harden's im besonderen ergründet und veranschaulicht der Verfasser recht glücklich, ebenso die Beimischung ererbten jüdischen Elementes in seinem Werk. Aus ernster Versenkung in das Mysterium des dichterischen Schaffens erblüht Martin B u b e r' s gehaltreiche Studie Uber Alfred M o m b e r t. Dem schwierigen Problem Otto W e i n i n g e r versucht Oskar B a u m gerecht zu werden. Es liegt nicht an ihm, sondern an der übrigens kaum recht lockenden Aufgabe, wenn ihm die Lösung nicht glückt. Einem weit erfreulicheren Gegenstände wendet sich Willy Haas zu, der die lichte Erscheinung Hugo von Hofmannsthal's vor uns aufstrahlen läßt. Er durchlebt innerlich das Werk seines Helden, um aus diesem in seiner Hundertgestaltigkeit so einheitlichen Werk den Dichter vor uns erstehen zu lassen. Einigermaßen fremd in dieser Gesellschaft, aber doch überaus anziehend, erscheint in Alfons P a q u e t's Darstellung „Der jüdischeste unter den deutschen Philosophen der Gegenwart": Martin B u b e r. Wie in diesem weltabgewandten und doch so stark auf seine Welt einwirkenden'Denker das Erbe großer Ahnen jortlebt und kraftvoll sich betätigt, das tritt uns aus Paquet's Schilderung in aller Klarheit entgegen. Sn die Bildnisreihe, die hier vor uns ausgebreitet wird, gehört natürlich vor allen anderen das Porträt von Else Lasker- Schüler, die so vielen „d i e jüdische Dichterin" ist. Und das malt uns nun Meir W i r n e r in leuchtenden Zarben. Daß sie als orientalisch angesehen wird, erklärt er zunächst aus der häufigen Verwendung von Hgperbeln, Tropen, Gleichnissen, eine Besonderheit, die, wie den biblischen Schriften, auch den arabischen und persischen Dichtungen eignet. Aber auch was aus Propheten - Ueberschwang in das Werk von Else Lasker-Schüler hinllberströmt, erkennt der Verfasser. Er spürt, daß hier Schößlinge aus den Sarongärten hinübergepflanzt sind und üppig blühen. Dennoch wird er dem eigentlichen Wesen der Dichterin nicht völlig gerecht, weil die alten Maßstäbe zu den neuen Erscheinungen nicht immer passen. Dem wienerischen und darum romantischeren, leichteren und farbenreicheren Peter Hille, dem bei uns wenig gekannten, wenig verstandenen Peter Allenberg, setzt hier Albert Ehrenstein ein einfaches, in der liebreichen Anpassung an den Gegenstand rührendes Denkmal. „Er war ein Milliardär an Herz, Genie, Zorn, Geist, und ein Schnorrer auf Erden. Sein Mitgefühl schuf ihn zum Dichter, seine Zreunde schufen ihn zum Narren" — so kennzeichnet Ehrenstein seinen Helden, und er wird neben dem Dichter auch dem „Verkünder der Heiligkeit des Verdauungstraktes, dem Apostel alleinseligmachender Abführmittel" gerecht. So wandern an uns noch Beer-Hofmann, Arthur Schnitzler — das alte Oesterreich ist hier besonders reich bedacht —, Paul Kornfeld vorüber, eingeführt von berufenen Snterpreten, und sorgsam geprüft auf den Prozentsatz jüdischen Gehalts in ihren Schriften. Moritz H e i m a n n erfährt eine aus inniger Vertrautheit mit dem Dichter, aus tiefem Eindringen in fein Werk entsprossene Eharakterisierung durch Sulius Bab. Stern- Heim, Paul Adler, Max Brod erfahren gebührende Würdigung. und es ist oft eine Zreude, zu sehen, wie Sugend an der Sugend sich freut. Denn die älteren Autoren, die in die Grundidee des Werkes trefflich paffen würden, Verthold Auerbach, Hieronymus Lorm, Karl Emil Zranzos, Wolfsohn, fehlen ganz — wie denn überhaupt Wähl und Anordnung wie durch den Zufall bestimmt erscheinen. Was der Herausgeber zugibt. Max N o r d a u' s Zehlen soll wohl nur helfen, die Sammlung vor dem Verdacht zionistischer Tendenz zu bewahren, obwohl ihr Grundgedanke doch offenbar jüdisch-nationalistische Einstellung zeigt. Zu einer vollen Rechtfertigung des Versuches, eine Art jüdischer Sondergattung innerhalb der deutschen Literatur festzustellen — etwa wie man von einer schwäbischen Schule spricht —, ist es nicht gekommen. Es wird immer noch mit gutem Recht behauptet werden können, daß weitaus die meisten der so liebreich Dargestellten eben deutsche Dichter, deutsche Schriftsteller sind und bleiben, ob auch hie und da ein Zug auf die jüdische Abstammung hinweist. Eher wird man geneigt sein, die Einordnung in regionale Abgrenzungen für richtiger zu Hallen und die Autoren ihren österreichischen, süddeutschen Gruppen zuzuweisen. . Dennoch ist der Versuch reizvoll, und was er zutage fördert, ist als Gewinn, als wertvoller Zuwachs zu unserem Besitz an Dichterporträts zu begrüßen. Er bereichert unsere nicht eben große Sammlung an tiefdringenden Studien zur Erforschung der Mysterien poetischer Zeugung; Studien, die sich nicht damit begnügen, nur durch's Schlüsselloch Einblicke in die Dichterwerkstatt zu gewähren. Daß es zufällig die Schaffensstätten jüdischer Künstler sind, in die wir da geführt werden, erhöht für uns den Reiz, wenn auch nicht den Wert der Sammlung.

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