Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 13 (30.3.1923)
- Date
- 1923-03-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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6rwartung. Von Rabbiner Dr. Bru ckp 6 l i e n e r - Äärmstadl. Pesjach ist das Fest ewiger Lugend, denn es ist das Fest der-Erwartung. An keinem Feste klingt die Feierlagsidee mit der uns umgebenden Ralur so harmonisch zusammen, wie am Pejjach. Das ist ja der un~ beschreibliche Fauber, den jeder Frühling auf unser Her; ausübt, daß jede Knospe, jeder Halm, der?um Lichte drängt, voller Erwartung ist der Wunder, die er in der Gotteswelt schauen wird. Der Gedanke der Erwartung ist ausgeprägt in allem, was mit dem Pessachfest zusammenhängt: voB dem Profansten angefangen, dem wochenlangen Rüsten der Wohnräume und Küche auf den kommenden Feiertag, bis;u dem Heiligsten, der Gestaltung unseres Gottesdienstes in Synagoge und Haus. Schon die vier besonderen Sabbate, die dem Pessachfeste vorangehen, stehen unter dem Feichen der Erwartung, besonders der letzte, der auf die häusliche Feier, die Sederabende, hinweist, in denen die Ldee des Festes, die Ldee der Erwartung, ihren klassischen Ausdruck findet. Gleich der erste Spruch, den der Hausherr sagt, wenn er die Sederschüssel mit Andacht emporhebt, klingt aus mit den Worten, den wiederholten Worten: Leschonoh habooh „im nächsten Lahre"! Und wenn die Sederfeier ihrem Ende naht, dann erschallt — gleichsam als Summe aller Gebete und Wünsche, die die Tischgenossen am Sederabend bewegen — derselbe Ruf, mit dem die Feier anfing: Leschonoh habooh,, im nächsten Lahre"! Roch eindringlicher als das laute Wort ist die stumme Sprache der Sinnbilder, die am Sederabend zu uns reden. Erwartung — so raunt cs uns entgegen aus den vergilbten Blättern jenes mehr als ein Lahrtausend alten Buches, der Haggada h, des tränenreiche^ Buches der Vergangenheit, das uns gerade deshalb immer wieder;um Buche der Hoffnung wurde! Erwartung — so grüßt es uns aus den mannigfachen symbolischen Speisen, die den Lederlisch bedecken, und um die leidvolle Erinnerung und gläubige Hoffnung ahnungsvoll weben, Erwartung — so leuchtet es uns vor allem entgegen aus dem Becher, der mitten auf der Sederschüssel prangt. Ls ist etwas Seltsames um diesen Becher! Er gehört niemand von allen, die am Tische sitzen, er gehört einem unsichtbaren Gast, der erst erwartet wird, und im Laufe des Abends eintreffen soll. Eine geheimnisvolle Kraft scheint von diesem Becher auszugehen, ein wundersamer Hlanz, ein schier überirdisches Leuchten! La, der Becher leuchtet, denn er verkörpert eine Ldee, die erhabenste, die es auf Erden gibt: Glauben und Hoffen, aber einen Glauben, den keine Enttäuschung lähmen, ein Hoffen, das kein Warten zuschanden machen kann. Schon seit Lahrlausenden wartet dieser Becher, wartet auf das Kommen dessen, für den er bestimmt ist, daß er ihn trinken und leeren soll» Elijohu hano'wi ist es, Elia, der Prophet! Der Vorläufer des Messias, der kommen wird, die gesamte Menschheit zu versöhnen in der Anbetung des Einig-Einzigen, die gesamte Menschheit zu vereinen im Völkerbund und ewigen Frieden! Der Ton der Erwartung, den der Sederabend so voll und tief angeschlagen hat, er kann am Pessachfeste nicht mehr verstummen. Mit dem Gedanken der Erwartung nimmt der Feiertag Abschied. Das berühmte Kapitel des Propheten Lesaja wird am letzten Tage im Gotteshause gelesen, der strahlendste Abschnitt der ganzen Bibel, ein Abschnitt der höchsten Erwartung, so kühn, so groß, daß man ihn in dieser furchtbaren Feit, in der wir leben, nicht ohne tiefe seelische Bewegung zu lesen vermag: Alle Feindschaft von der Erde getilgt, aller Hochmut der Menschen gebeugt, alle Völker verbunden, stark, einig in der Verehrung des Einig-Einzigen! „Denn voll ist die Erde der Erkenntnis Gottes, wie Wasser die Meerestiefen bedecken!"- Richt immer war die Ldee der Erwartung gleich stark imVudentum. Es hat verschiedene. Feiten im Laufe unserer Geschichte gegeben, die des Wartens mühe wurden. Ln diesem Lahre fallen die ersten Pessachtage zeitlich mit dem christlichen Osterfeste zusammen. Unwillkürlich erwacht die Erinnerung daran, daß es Luden waren, die das Ehristentum schufen, aber Luden, denen die wesentlichste Ldee des Ludentums verloren gegangen war, die Ldee der E r w a r 1 u n g. Sie sprachen von der „Erfüllung des Heils", sie sprachen von dem Reich Dottes, das bereits gekommen, von dem verheißenen Messias, der, Erlösung spendend, der gequälten Menschheit endlich erschienen sei. Wenn je eine Feit, so ist die unsrige die lauteste, freilich auch die erschütterndste Feugin für die Wahrheit unserer Lehre, für die Richtigkeit unseres Glaubens! Eine Feit, die so erfüllt ist vom Lärm der Waffen, eine Feit, in der sündiger Uebermut so trotzig das Haupt erhebt, und der Schwache und Hilflose so frevelhaft am Boden gehalten'wird, eine Feit, in der so schamlos die Lchsucht triumphiert, in der alle äußeren Güter so schrankenlos verehrt, und die stillen Tugenden der Seele so höhnisch mißachtet werden, eine solche Feit spricht in dem Wettstreit der verschiedenen Religionen ihr untrügliches Urteil: läßt das Wort der Haggadah, das jüdische Wort der Erwartung, „Leschonoh habooh", nicht nur als unumstößliche Wahrheit gelten, sondern macht es zur dringlichsten, zur l e i d e n s ch a f t - lichen Forderung des Tages. Wir verstehen diese letzten Worte besser, wenn wir noch eine andere Feit ins Auge fassen als diejenige, die von der Entstehung des Ehristentums erzählt, eine Feit, die uns viel näher liegt, und in die die Lugendjahre der jetzt Alten unter uns fallen, die zweite Hälfte des vorigen Lahrhunderts. Da war wieder einmal eine Epoche für das Ludentum gekommen, zumal für das deutsche Ludentum, der die Ldee der Erwartung verloren gegangen war; nicht verstanden im politischen Sinne — es gab auch damals politisch genug zu hoffen und zu wünschen —, sondern verstandn in dem viel wichtigeren religiösen Sinne. Ls war das Feilaller des Sieges der A a t u r w i s s e n s ch a f 1, es war jene Epoche, da man glaubte, das Welträtsel gelöst, das Weltgeheimnis mit „Hebeln und Schrauben" entschleiert zu haben. Damals starb die Erwartung in den Herzen der Menschen, zumal der deutschen Luden! Sie glaubten an keinen Himmel mehr, sie glaubten an kein „Wunder" mehr, vor allem nicht an das Wunder, das sich um den Becher des Propheten Elia geheimnisvoll rankt, sie hielten nicht viel von jener weihevollen Stimmung, die sich an die Haggadah, an die ehrwürdigen Lgmbole des Lederabends, an den traulichen Glanz dc^ Sabbatlichter — die Seele so tief beglückend und heiligend — knüpft. Sie waren aufgeklärt, sie waren vernünftig geworden. Und sie löschten die Labbatkerzen aus, und sie warfen die Haggadah zum alten Gerümpel, und sie vergruben den Becher des.Propheten Elia unter ihren übrigen Silberschätzen —"'ein Stück wie jedes andere Stück, ein Becher wie jeder andere Becher! — Und je „aufgeklärter" der Lude wurde, um so dunkler wurde es in seinem Hause und in seinem Herzen. Aus seinem Auge schwand der Glanz.-Wenn Lhr Bilder aus den verschiedenen Epochen der jüdischen Geschichte Euch auschaut, Ludenbilder, immer wieder werdet Lhr in dem Auge des Luden einen merkwürdigen Glanz schauen, ein seltsames Leuchten, ein Leuchten, das alle Verfolgungen ihm nicht zu rauben vermochten, im Gegenteil, nur zu verstärken schienen, wie es besonders auch die Gemälde jüdischer Künstler zeigen, die das ostjüdische Antlitz, das Ludenauge, im Bilde festzuhalten versuchen! Es ist das Leuchten, das nur die Erwartung dem Auge zu geben vermag, die Hoffnung, aber eine Hoffnung, die nicht von dieser Erde stammt, ein Leuchten, das nur aus überirdischen Flammen seine Gluten nimmt! ..d.lefes Leuchten, das so viele Lahre erlösche«, «rar M jüdischen Auge. jetzt in unseren Tagen scheitEAläÜKsach wieder mLfzuflaMmen. Lhr Mfcft es freilich nicht bei Unseren Erwachsenen suchen, deren Antlitz nach wie vor die Sucht nach Besitz das Gepräge gibt. Lhr dürft auch nicht den Durchschnitt unserer jungen Männer und jungen Mädchen betrachten, in deren Auge die Gier nach schrankenlosem Lebensgenuß unheimlich flackert, Lhr müßt unsere Heranwachsenden Kinder ansehen — manche auch unserer reiferen Lugend! Sie wissen wieder, daß die Vernunft allein niemals die letzten Rätsel zu lösen vermag, sie fühlen wieder die wundersamen Fäden, die sich zwischen Himmel und Erde unsichtbar spannen, sie schauen wieder das geheimnisvolle Leuchten von dem Becher des Propheten Elia, sie warten wieder sehnsuchtsvoll wie die Väter auf sein Kommen, sie sprechen wieder mit gläubig betender Seel;: Leschonoh habooh „im nächsten Lahr"! Wollen wir sie vergebens warten lassen? Lch sagte oben, die Worte „Leschonoh habooh" enthalten eine dringliche, leidenschaftliche Forderung für die Arbeit des Tages! Diese Forderung entspringt aus der Erkenntnis des eigentlichen Wesens der jüdischen Erwartung, der jüdischen Fukunftshoffnung. Ls ist kein tatenloses Harren, kein mystisches Ausschauen nach dem Wunder, das statt unserer Arbeit das Werk der Erlösung vollbringt, kein sehnsüchtiges Hoffen auf eine Gnade, die von oben auf den Menschen sich herniedersenkt, sondern es ist ein Aufruf zur Tat und zwar zur sofortigen Tat: das erhellt klar aus den Worten „im kommenden Lahr"! So gewiß es dem Ludentum ist, daß das Heil sich erfüllen wird, so gewiß ist es ihm auch, daß dieses Heil bereits im kommenden Lahr durch die Mitarbeit j e d es Einzelnen, durch die sittliche Leistung eines jeden von uns seinen Anfang nehmen muß. Das Pessachfest ist durch das sogenannte Fühlen mit dem Offenbarungsfest verbunden; sie gehören dem Wesen nach zusammen. Das Pessachfest zeigt den Anfang des Weges: die Erwartung; das Offenbarungsfest zeigt das Mittel zur Vollendung des Weges; das Mittel steht in dem Fehngebot und lautet: „Du sollst"! Du willst, daß es in dieser Welt der Finsternis endlich heller werde: Du sollst Mitarbeiten. Du willst, daß der Prophet Elia endlich komme: D u sollst ans Werk gehen. Du sprichst als Lude, als Deutscher, als Mensch an diesem Sederabend sehnsüchtiger denn je „leschonoh habooh": Du sollst mithelfen, daß dieser Sehnsucht Erfüllung werde. Unter erlöfungsfeft. Bon Rabbiner Dr. Blumenthal, Berlin. Wir feiern am Pessachfeste die schöpferische Gottestat der Befreiung Lfraels vom Drucke , der ägyptischen Knechtschaft, aber wir lassen es nicht bei der Vergegenwärtigung dieses längst vergangenen, einmaligen Ereignisses unserer Geschichte bewenden. Vielmehr preisen wir in der Pessachhaggadah oas Walten Gottes, der uns in jedem Gefchlechte aus der Gewalt unserer Dränger errettet. Und wie über die zeitliche, so erheben wir uns auch über die nationale Begrenzung der Begebenheit, der das Pessachfest seine Entstehung verdankt» zur Anbetung Gottes als des gerechten und gütigen Lenkers der Menschheitsgeschichte. Was Lsrael in der jahrhundertelangen ägyptischen Knechtschaft und in seiner Erlösung vom pharaonischen Lklavenjoche erfahren hat, das soll sein Pessachfest ihm und der Menschheit anschaulich und eindringlich verkünden, nämlich die religiöse Wahrheit, daß Gott die Oie Jucken in der Literatur. Von <3. Landau. „Süden in der Literatur" — so nennt sich eine jüngst erschienene Sammlung „Essags über zeitgenössische Schriftsteller", herausgegeben von Gustav Krojanker (1922. Welt-Verlag, Berlin). Gin merkwürdiges Bucht Lin Buch, das man in argen Lweifeln, zögernd, zu lesen beginnt, das man in der Ueberfülle der Gedanken, die es anregt, zögernd weiterliest, und von dem man sich zögernd trennt, wie von einem schnell gewonnenen Zreund — mit dem Wunsche und dem Vorsatz, ihm bald wieder zu begegnen. Lin Buch, das man in die Hand nimmt mit allem Grund zu ernsten Bedenken, und das man aus der Hand legt mit allem guten Grund zum Bedanken. „Süden in der deutschen Literatur" — ist es nötig, ist es auch nur irgendwie begründet, dichterische Erscheinungen anders zu betrachten und zu beurteilen als nach ihrem dichterischen Gehalt und Wert? Sst es nicht völlig gleichgültig, welcher Glaubensgemeinschaft, oder meinetwegen auch welchen Stammes ein Dichter ist, der uns aus deutscher Kulturatmosphäre, aus deutscher Empfindungs- und Betrachtungsweise erblühte Poesien bietet, in kunstvoll behandelter, in edel und machtvoll dahinströmender deutscher Sprache, die ihm zur Leelensprache geworden ist? Gibt die Lugehörigkeit des Verfassers zur jüdischen Glaubens- und Ltammesgemeinschaft seinem Werke, das an sich Weltprobleme behandelt, Menschheitsgedanken, doch einen ganz besonderen Lug, der seine Phgsiognomie bestimmt, der seine Einordnung in eine besondere, deutsch-jüdische Gattung erheischt? Alan wird das zunächst bestreiten. Man wird es allenfalls nur zugeben, wenn es sich um die Lchilderer jüdischen Lebens handelt, um die Kompert, Karl Emil Zranzos, A. Bernstein, Leo Herzberg-Zränkel, U. Zrank. Und nun noch ein weiterer, ernster Einwand. Wird nicht die Kennzeichnung und kritische Würdigung der „Süden in der deutschen Literatur" notwendig einer Tendenz verfallen, durch diese Tendenz entwertet werden, je nachdem der Betrachter und Beurteiler, bei allem Streben nach Unparteilichkeit sogar, der Neigung, dem Drange folgt, zu verherrlichen oder zu verketzern? Wird er nicht, in den Spuren von Adolf Bartels wandelnd, der Versuchung verfallen, alles in Grund und Boden zu verdammen, nur weil es von einem Süden herrührt, oder, als Zreund jüdischen Wesens, alles im prangenden Sonnenglanze schen, in rosigen Zarben schildern, wieder nur weil es von Süden stammt? Denn aus einer besonderen, ganz bestimmten Einstellung dem jüdischen Problem gegenüber muh doch seine Untersuchung sich herschreiben. Nun denn — der Herausgeber — denn nur mit einem Herausgeber, nicht mit einem Verfasser des vorliegenden Werkes haben wir es hier zu tun — hat es recht gut verstanden, den Gefahren auszuweichen. die mit seinem Stoffe verbunden stno. Er hat es verstanden, weil aus einem offenkundigen und oft empfindlichen Fehler des Buches sein wejentlicher Vorzug entspringt. Ein Zehler ist es doch zweifellos, daß dem Buche die völlige Einheitlichkeit in der Auffassung, in der Behandlung seines Gegenstandes, die Geschlossenheit in Sdee und Zorm, der gleichmäßige Stil in der Darstellung fehlt. Gelegentlich stoßen wir auf Widersprüche, auf unterschiedliche Bewertung gleichartiger oder ähnlicher Erscheinungen und auf wechselnde Maßstäbe in der Bewertung. Das Buch hat eben nicht einen Verfasser, sondern ihrer zwanzig. Sn der Auswahl der Geschilderten wie der Schilderer scheint der Lufall oder eine gewisse Willkür sich gellend gemacht zu haben. Es fehlen Erscheinungen von scharf ausgeprägter Physiognomie in dieser literarischen Porträtgalerie, und das eine oder andere Bildnis, das nicht gerade einen fesselnden Lharakterkopf zeigt, hätte man ohne tieferes Bedauern missen können. Aber gerade diese bunte Mannigfaltigkeit bewahrt das Buch vor dem Versinken in Tendenz und vor Einseitigkeit. Eröffnet wird die Neihe — nach einem die Sdee des Werkes feinsinnig erläuternden Vorworte des Herausgebers — durch eine liebevolle Studie Rudolf Kagser' s, der es unternimmt, 5 r a n z Werfels literarische Phgsiognomie festzuhalten. Eine liebevolle Studie sagen wir, und diese Liebe steigert sich zum Schwung, ohne doch in Ueberschivung auszuarten. Ader auch blind macht diese Liebe den Verfasser nicht. Er ist es insbesondere nicht gegenüber gewissen Schwächen des Epikers, und vollends nicht gegenüber dem Dramatiker, an dem er das kraftvolle, von mächtigen Smpulfen regierte Streben nach höchsten Lielen erkennt, aber das eigentliche Theaternaturell, die Zähigkeit der Gestaltung, vollends der Menschengestaltung vermißt. Lin Mangel, der durch die Zülle der Gedanken, die musikalische Durchtönung, die Zreude am Phantasiespiel nicht ausgeglichen wird. Um so höher, hingerissen und hinreißend, feiert er Werfel als Lyriker. Als den Lgriker, dem tiefes Empfinden in tiefe Dichtung sich wandelt, um im Leser, im Genießt, als Empfindung wieder aufzuleben. Nur verfällt hier der Verfasser in den Zehler, den gerade unsere besten Kritiker so oft begehen, in den Zehler, durch kurze, aus dem Lufommenhang gerissene Proben, das Urteil zu begründen. Sie erreichen dadurch das Gegenteil. Was man. ihnen vorher, ohne Beweis, so gern geglaubt hätte, muß man nun bezweifeln. Sie übersehen, daß die Stimmung, die sie aus der Atmosphäre des ganzen Werkes, aus der geschlossenen Zorm auch nur eines ganzen Gedichtes gewinnen, nicht jeder einzelnen losgelösten Leite innewohnen kann. Wenn der Verfasier sagt: „Man muß etwa den Rhythmus dieses Verses , „Doch auch uns sind Abende beschieden ..." empfinden, um den seelischen Gehalt solcher Dichtung zu erkennen," so werden freimütige Leser, auch die feinfühligsten, bekennen, daß sie den Rhythmus dieser in eine Prosa-Studie hineingezerrten sechs Worte nicht sonderlich empfinden. Genau so würde es aber auch gehen, wenn man eine einzelne Verszeile aus Goethes: „Züllest wieder Busch und Tal", einem Leser vorsetzen wollte, der das ganze Gedicht nicht kennt, oder wenn man drei Takte aus „Zidelio", aus „Don Suan" anschlagen wollte. Das jüdische Element, das als charakteristisches Merkmal, als ausgeprägte Eigenheit, werlsteigernd in Werfels Dichtung erscheint, erkennt der Verfasier in der Sehnsucht aus der Sespaltenheit zur Geschlossenheit, dem Streben aus der Zerrissenheit zur Einheit, im hymnischen Schwung seiner Sprache, im religiös beeinflußten, ethischen Lug seiner Dichtung. Als den treuen Schilderer der Entwurzelten erfaßt und zeichnet Hans K o h n. den Dichter von „Settchen Gebert", unsern Georg Hermann. Als den Beobachter und Erforscher, der auf ein falsches oder gar totes Geleise verschobenen Existenzen, die Mt beschnittenen Zlügeln, müde, stumpfergeben in dem Winkel hocken, in den ein friedliches Leben sie verschlagen hat. Sn der Darstellung zweier Gestalten, der beiden halbgescheiterten Literaten. Dr. Herzfeld und Sutzeit, sollen wir Georg Hermann am Werke sehen, wie er sich in Seelen und Schicksale tief versenkt und das äußere, klarer aber auch das innere Leben seiner so gar nicht heldischen Helden vor uns sich abrollen läßt. So sorgsam und auch etwas mühsam die Studie auch ist, so zeigt sie doch nur eine Seite im literarischen Wesen Georg Hermann's, und nicht einmal die wesentlichste. 3m tief eindringenden Verständnis, mit dem Hermann einen Süden in der Lermürbung seines Wesens und Schicksals zeigt, sollen wir den Süden im Dichter erkennen, der mit leis ironischer Liebe der Bräuche im frommen Elternhause gedenkt. Sn äußerlich nachgeahmter Kerr'scher Manier — das Wort im E.E.A. Hofmann'schen Sinne und nicht etwa als Manieriertheit verstanden — malt Ernst Blaß das Eharakterbild Alfred K e r r' s. Vielleicht ist diese Nachahmung nicht einmal bewußt und absichtlich, sondern nur ein ungewolltes Verharren in dem Stil, f‘ i den er sich eben, für seine Studie — mit allem Eifer hineingelesen at. Der Verfasier versucht es, uns den Wahrheitsfanatiker und Erzicher im Kritiker Alfred Kerr nachzuweisen. Er erkennt im saloppen leichten Witz Kerr's den herben Ernst, dem der Witz nur