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Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-03-30 · 13 (30.3.1923) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
3 (1923)
Issue
13 (30.3.1923)
Date
1923-03-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Sejchäftestelle '/«jahrl.W.5000.-' Ruzeigeu: Grundpreis für die 3'/* cm breite mm-Iette Al. 0.25, FamiAeuari zeige« Ai. 0.15. Bei Wiederholung Ermäßigung. Der Grundpreis wird mit der am Lrjcheinnugstage gültigen Schlüsselzahl des Buchr. cm** . . .____ a» es hävdier.Börfenvereius multipliziert. m ei 13 © 30*?Dät}' 1923 3. 0^t)^9^9 Die „Füdifch-liberale Teilungerscheint jeden Freitag, je dreiwöchentlich als wiffenfchafiliche Vellage „Liberales FudeutumL und „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler FugeudverVine-. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin W.», Mauerstraße 22 lDereluiguug für da» liberale Judentum e. B.), Zern ruf: Amt Jeulrum 162. Auzeigeu-Anuahme bei der Geschäftsstelle Sämtliche Zahlungen: Popscheckkouto Berlin RW. 7 Rr.15706- (Vereinigung für da» liberale Judentum e.B.j. Zum Peffacbfcfte. perfad). Von Dr. Joseph Lehmann. Kein Fest hat in altjüdifchen Kreisen durch feine Riten und Bräuche eine fo ausgeprägte Form wie das Pessachfest. Kein Fest erfordert fo zeitraubende und mühevolle Vorbereitung, folch völlige Umstellung des ganzen häuslichen Lebens. „Pessachmachen", ein ähnlich bezeichnender Ausdruck begegnet uns bei keinem anderen Feiertage, ein Schrecken und eine Plage der gewiffenhaften altgläubigen jüdischen Hausfrau, deren aufatmender Ruf am Schluß der Festtage, daß dieser „gute Tag" Gott sei Dank vorüber, begreiflich ist. Handelt es sich doch nicht um ein sogenanntes großes Reinemachen, sondern um die peinlichste Durchsuchung auch der verborgensten Winkel, um die Umstülpung aller Kisten und Kasten ob der Krume von Gesäuertem, die vielleicht eine Maus in die entlegenste Stelle geschleppt hat.' Und nun gar erst die so schwierigen Kllchenverhältnisse hinsichtlich des Geschirrs und der Speisen. Das muhte das Denken der altjüdischen Frau so absorbieren, daß von Feierlagsfreude und Feiertagsfegen nicht viel übrig blieb. Die nicht direkt an diesen Mühen Beteiligten machten aus der Rot ein Vergnügen, allerdings sehr oberflächlicher und sehr materieller Art. Wie man in den letzten Jahrzehnten durch maschinelle Einrichtungen das „Brot des Glends" in einen Leckerbissen verwandelt hat, so ev schienen auf der Pessachtafel allerlei Gerichte, die für viele der Inbegriff, das Eharakteristikum des Festes wurden, denen sie aus Liebhaberei Treue bewahrten, auch weny sie sich der Ideenwelt des Judentums längst ent' zogen halten. Mit dieser materiellen Pessachfeier haben wir nichts mehr zu tun. Wir denken nicht daran, das Gesäuerte aus jedem Winkel des Hauses zu entfernen, wir schließen es auch nicht von unserem Tische aus. Uns sagt die Begründung nichts, daß die Israeliten beim Auszuge aus Aeggpten nicht Feit hatten, den Teig säuern zu lassen. Wir sehen in dieser Begründung nur einen Notbehelf für ein nicht mehr verstandenes uraltes Opferritual der Romadenzeit. So lehnen wir den Ritus ab. Höchstens als Sgmbol könnte uns die Mazzoh dienen, als Sinnbild in der Festesstunde, das in seiner eigenartigen Form das „Brot des Glends" auch dem Kinde begreiflich macht. Und doch feiern wir Pefsach, mit innigster Anteil' nähme, mit vollem Bewußtsein. Was ist uns Pessach? Dasselbe, was es auch denen sein sollte, die in der Be^ obachtung fremdartiger Observanzen sich gar nicht ge nug tun konnten, und die, soweit sie durch all die Aeußer lichkeiten zum Kern des Festes sich durchfanden, auch das Richtige getroffen haben. Pessach ist die Verkörperung einer jener großen Ideen der Menschheit, die, aus dem Schoße des Judentums hervorgegangen, im Leben des Judentums Form und Gestalt gefunden haben, die es als Panier durch Fluten und Gluten gerettet, und die es trotz allen Fortschrittes der Feiten noch heute zu hüten und zu verteidigen hat. Wahrheit ist das Wort eines der Bahnbrecher des modernen sozialen Denkens, des großen Henrg George: „Milten zwischen den Klauen der Felsensphgnx Aeggptens erhebt sich in Israel der Genius der menschlichen Freiheit, und die Trompeten des Gxodus erklingen von der stolzen Grklärung'der Menschenrechte." „Aeggpten" steht als Memento über der Pforte unseres Festes — Menschenversklavung — und „Israel" leuchtet als Stern auf seiner Spitze — Menschenbefreiung! „Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und würde er in Ketten geboren", das ist der Sinn der ständig wiederholten Mahnung: „Du sollst daran denken, daß du Knecht ge wesen bist im Lande Aegypten". Richt um Knechtessinn zu züchten, sondern um heiligstes Menschenrecht zu wahren. Und Israel, das Volk der Religion, will mehr, als Erkenntnis des Geistes, es will Verständnis des Herzens, ein Erfassen mit der Seele. So nur kann die rechte, die religiöse Tat geboren werden. „Ihr wißt ja, wie es in der Seele des Fremdlings aussisht." Lolches Wissen um die Seele des andern, um sein Fühlen und Empfinden, gibt nicht der Kopf, sondern das Herz. Durch Mitleid wissend! Aber nicht zur mitleidigen Hilfe, die sich selbst liebt und lobt, sondern zur Wiederherstellung s vac/<>e/De/oe/öe/De/DG/De/öe/DC/oe/ae/ac/0e/ae/öe/De Aus dem Suhatt: : § - Dr. Joseph Lehmann: Pessach. — Dr. Bruno Italiener: § Erwartung. — Dr. L. Blumeuthal: Unser Erlösungsfest. — § § Cic. Dr. Karl Aner: Religion und Humanitätsidee. — Prof. § g Dr. 5. Kalifcher: Jur Frage der Sefamtorganifalion (Schluß), g I. Landau: Die Juden in der Literatur. ja 1 ' Die jüdische Gegenwart. 8 8 H<yi><yDG/aG/ae/a<yD(yD(ya<yD<yB(yD(yd<yö<yE><yc>e/c)G/ae/Oe/D* Der Httentatsplan gegen die Welten d- Synagoge in Frankfurt. Die „Frankfurter Zeitung" bringt aufsehenerregende Enthüllungen über ein von Mitgliedern des deutsch-patriotischen Bundes „Blücher" und französischen Agenten gemeinsam geschmiedetes Komplott, welches darauf hinausging, durch antisemitische Attentate Unruhen in Deutschland hervorzurufen. Als ein Glied in der Kette dieser Attentate hätte am Z. Alärz, dem jüdischen Purimfeste, die Sgnagoge in der Königsteinerstraße in die Luft gesprengt werden sollen. Die Franzosen sollten hierzu Autos, Sprengstoffe und Sold beistellen. Das Attentat wurde nur deshalb nicht ausgeführt, weil die Franzosen später diesen Plan.als „Kinderei" ablehnten. Der Plan kam dann zur Kenntnis der deutschen Behörden und jetzt befinden sich fünf Mitglieder des Bundes „Blücher" in Frankfurt in "aft. Ueber den Verlauf der Angelegenheit teilt die „Frankfurter .eitung" noch die folgenden Einzlheiten mit: Die Verschwörer trugen den französischen Vertretern Pomarede ihren Plan vor, in Fraärfurt Unruhen zu erregen und dadurch vielleicht auch für andere Teile Deutschlands das Signal zu Unruhen und Umsturz zu geben. Die Pläne wurden eingehend durchgesprochen, auch an Hand von Lageskizzen der Frankfurter Sgnagoge. Jur endgültigen Abmachung wurden ÄNtglieder des Blücherbundes nach Mainz bestellt. In der Zwischenzeit dürftet, die französischen Offiziere von der Festnahme der Münchener Mitglieder und Gesinnungsgenossen des Blücherbundes Kenntnis erhallen haben, und so wurden die Frankfurter „Blüchor"- patrioten mit dem. Bescheid, chre Pläne seien nur eine Kinderei, wieder nach Hause geschickt. Von der Hkademle für die Wissenschaft des 'Judentums* Die historische und die talmudische Lektion der Akademie für die Wissenschaft des Judentums, an deren Spitze bekanntlich die Gelehrten Prof. Dr. August v. Wassermann und Prof. Dr. Einstein stehen, haben soeben ihre ersten Publikationen veröffentlicht. Die historische Sektion gab als ersten Band heraus das „Protokollbuch der Landjudenschaft des Herzogtums Kleve", in einer Bearbeitung von Herrn Dr. Fritz Baer, die talmudische Sektion eine Arbeit von Dr. Arthur Spanier über die „Tosefta-Periode in der tannaitischen Literatur". Für das Jahr 1923 sind noch weitere Publikationen in Aussicht genommen. keine Huflöfung der nationaMozIalirtircben Sturmtrupps In Bayern. 2m Berfassuzigsausschuh des Landtages wurden in, der Abstimmung über die Anträge betreffend Auflösung der nationalsozialistischen Sturmabteilungen und Stoßtrupps der sozialdemokratische und der demokratische Antrag abgelehnt, dagegen der Antrag der Bagrischen Volkspartei gegen Ausschreitungen aller Art mit 15 gegen 12 Stimmen angenommen. Der Minister des Innern Dr. Schwerer erklärte u. a., das Gesetz zum Schutze der Republik sei im Falle der Sturmtrupps nicht anwendbar. — Die Entscheidung des Staatsgerichtshofes betreffend das Verbot der nationalsozialistischen Partei sei für Bagern nicht bindend. Reform der Lehrerbildung in Preußen. Die Ausbildung der Volksschullehrer Preußen wird in Zukunft nicht mehr durch die Lehrerseminare, sondern auf den Universitäten erfolgen. Dementsprechend haben sich auch die jüdischen Gemeinden auf die Ausbildung ihrer Lehrer einzustellen. Die Berliner jüdische Gemeinde wird deshalb ihr Lehrerseminar schließen. Es wird ein Antrag vorbereitet. das jüdische Lehrerseminar in ein jüdisches Ggmnasium oder ein, Realgymnasium umzubilden, damit die Absolventen, die sich dem Lehrerberuf zuwenden wollen, an der Universität ihre Studien fortsetzen können. Selbstverständlich soll es den Absolventen fröistehen, alle anderen akademischen Berufe zu ergreifen. Die jüdischen Lehrerseminare in Hannover und Kassel haben wegen Mangels an Hörern schließen müssen. Auch die Zahl der Schüler des Berliner jüdischen Lehrerseminars hat sich verringert. Man erwartet von der neuen Ordnung in der Lehrerausbildung einen gesteigerten Zulauf der jüdischen Jugend zum Lehrerberuf. des verletzten, zertretenen Gottesrechtes, auf das der andere ebensolchen Anspruch hat wie du. Wohl gibt es noch gefährlichere Knechtschaft als das Sklavenjoch der Menschen und das Sklavenjoch des Lebens, die Tyrannei tierhafter Instinkte. Aber um zum Fiel des Sinai zu kommen, zur inneren Befreiung, mußten erst Aegyptens Ketten zerbrochen werden. Denn wie kann in dem Sklaven, dem das Selbstbestimmungsrecht fehlt, das Gefühl der Selbstverantwortung aufkommen?! Ein tiefer Unterschied klafft zwischen der Auffassung des Judentums und des Ehristentums. Paulus sagt: „Bist du als Sklave geboren, laß dich's nicht anfechten, und wenn du auch frei werden kannst, so bleibe nur um so lieber dabei." Das Judentum aber betrachtet den Sklaven, der die Freiheit verschmäht, als Sünder. „Das Ohr, das das erste Gebot des Fehnwortes gehört und sich ihm verschließt, soll gezeichnet werden!" — Und zwiefach ist der Zreiheitsruf des Festes. Es fordert politische und soziale Dreiheit. Dem. wunderschönen -Festabend, der selbst zum Symbol geworden, das auch der Einfalt der Kindesseele schon verständlich ist und dauernd sich einprägt, geht als Ouvertüre ein kurzes Wort voran» das die Grundforderungen des Festes klar und genau zum Ausdruck bringt. Auch das Kind, auch das Gesinde, das gleiches Recht am Sedertifche hatte, sollten den Sinn der Worte schnell erfassen. Darum erklangen sie in der Landessprache. Unverstand „betet" sie heute noch inaramäischer Mundart herunter. — Drei Forderungen enthält das Wort. Es sind die drei großen Forderungen unserer Tage: Freiheit, Brot, Feit! — Freiheitl „Dieses Jahr hier, kommendes Jahr im Lande Israel." Engherzige Interpretation sieht darin die nationale Forderung eines Iudenstaates. Aber die Fortsetzung gibt die rechte Erklärung. „Dieses Jahr Knechte, kommendes Jahr freie Menschen!" Politische Freiheit. Kein Mensch Mittel zum Fweck, jeder Mensch Selbstzweck, jeder mit dem Rechte freier Selbstbestimmung. Das haben Athen und Rom nicht gekannt. Die Sklaverei war auch für Plato und Aristoteles gottgewollte Abhängigkeit, und jeder Fremde blieb als Barbar außerhalb des Rechtes. Das christliche Mittelalter gibt dieses Recht weder dem Ungläubigen, noch dem Ketzer. Das Judentum aber fordert e i n Gesetz und ein Recht für den Fremdling und für den Einheimischen und spricht von dem Gottesrechte des Knechtes und der Magd, die Gott „dir gleich im Mutterschoße geschaffen hat"! — Und soziale Freiheit! Brot! „Jeder Hungrige komme und esse mit!" Jeder Hungrige hat ein Anrecht auf Teilnahme an deinem Tische. Das Recht der Armen, nicht auf Bettelbrocken, sondern auf Anteil an den Tafeln des Lebens, auf den Tisch, den Gott für alle gedeckt hat. Existenzminimum! Nicht als „caritas", als mitleidige Gnade, sondern als „Zedakah", als soziale Gerechtigkeit, „auf daß dein Bruder lebe neben dir", als dein Bruder, in gleicher Menschenwürde! — Und Feit! „Jeder Dürftige komme und feiere mit." Unerhört erscheint dem Pharao die Forderung des Moses, der für die Sklaven Feiertage wünscht. Faullenzer nennt er sie, die „ob der Kürze des Odems und der Schwere der Frohn" Moses Wort kaum erfassen. Aber Israel bringt der Welt den Sabbat der Knechte und Mägde, „auf daß ruhe dein Knecht und deine Magd gleich dir." „Rur Feit", diesen Refrain eines der schönsten modernen sozialen Lieder, hat das Judentum schon vor Jahrtausenden verstanden. Freiheit, Brot und Feit — diesen drei großen Forderungen auf dem sozialen Banner unserer Feit, weiht das Judentum seit Jahrtausenden ein Fest, sein Pessach-- fest. Ihnen gilt der Sederabend, ein Kleinod tinter unseren religiösen Formen, von rechtem Werte aber nur für den, der von diesem Kleinod allen Rost entfernt, es herausnimmt aus veralteter Fassung, die es für unser kultivierteres Empfinden verunstaltet. Soll dieser Abend seine hohe Bestimmung wieder erfüllen, unserem Kinde befriedigende Antwort zu geben auf die Frage: „Warum ist diese Rächt ausgezeichnet vor allen andern Rächten?", so darf dieser Abend nicht ein Abend unserer Väter und Großväter sein, sondern muß wieder werden zum Abend unserer Kinder und Enkel. Fugeudverems-Anzeigeu BF* letzte Seite.

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