Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 12 (23.3.1923)
- Date
- 1923-03-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Judentum wahchaft begeisterten Begründer, die sich damit ein Denkmal gefetzt haben, dauernder als Cr;. 2n dem Aufruf, der im 2ahre 1869, also |u einer Zeit, als es noch kein einiges Deutschland gab,;um Zusammenschluß aller deutschen 2uden über die damaligen Landesgrenzen hinaus aufforderte und jur Schaffung des Deutsch-2sraelitischen Gemeindebupdes führte, heißt es: „Deutsche Glaubensgenossen in Nord und Süd, die 2hr allesamt deutscher Bildung huldigt, die 2hr allesamt trotz mannigfachster Abweichung in religiöser Praxis und Anschauung e i n jüdisches Herr habt, das heißt schlägt für alles, was unfern Glauben und dessen Genosien berührt, im Deutsch-2Lraelitifchen Gemeindebund bietet sich Euch die von Vielen der Besten langersehnte Einigung, die auch dem Schwachen Kraft gibt, Großes zu leisten. Der Gemeindebund hat die Einheit und Einmütigkeit der Religionsgenostsn rur Losung; sein Streben schließt keinen Glaubensgenosien aus, wie es keinen Andersgläubigen verletzt. Er will die Leistungsfähigkeit der einrelnen Gemeinden erhöhen, ihren religiösen Gemeinsinn steigern, und erblickt in dem Frieden der Konfessionen, in der der Gleichberechtigung entsprechenden vollen Hingabe der 2uden an das Vaterland, die Gemeinde und die Gesamtheit der Mitbürger die wesentlichste Grundlage für eine gedeihliche Tätigkeit." 2m Laufe der 2ahre halten sich dem D. 2. G. B., der stets den Einheitsgedanken aufrecht erhallen und unvergängliche 2nstitutionen geschaffen hat, etwa 1200 Gemeinden angeschiossen, darunter sämtliche Groß- und Aiittelgemeinden, aber dennoch fehlte ihm der Eharakter der Gesamtorganisation. 2n den erften 2ahren dieses 2ahrhunderts wäre am Ende die Möglichkeit gewesen, den Gedanken der Gesamtorganisation }U verwirklichen, aber eine gewisie Zaghaftigkeit führender Männer ließ es nicht dazu kommen, und gewissermaßen zur Ergänzung des D. 2. G. B. wurde der Verband der deutschen 2uden ins Leben gerufen. Spätere wiederholte Ansätze, dem D. 2. G. V. den Eharakter der Gesamtorganisation zu verleihen, mißlangen. Sie waren nicht durchdrungen von dem demokratischen Geist, der allein dem Freiheitsdrang der jüdischen Seele Genüge zu tun vermag, sie halten nicht die Prägung der vollen Freiwilligkeit, die allein das Selbstgefühl der jüdischen Seele befriedigen kann. Da kam die gewaltige Umwälzung der politischen Verhältnisse, die das ungeheure Weltgeschehen mit sich brachte, und der D. 2. G. V. säumte nicht, den schlummernden Gedanken zu wecken. Bereits im Dezember 1918 erinnerte der D. 2. G. V. die jüdischen Gemeinden Deutschlands in einem auch in der Presse veröffentlichten Rundschreiben, daß er der historische Träger des Einheitsgedankens fei und nun die Zeit gekommen sehe, um den ihm im 2ahre 1905 von dem XI. Gemeindetage erteilter» Auftrag, die Gesamtorganisation der deutschen 2uden zu schaffen, zu erfüllen, und forderte die Gemeinden zur Mitarbeit auf. Gleichzeitig bekundete er seinen Willen, „sobald die Verhältnisse es gestatten, einen Gemeindetag zusammenzuberufen". Aber es bedurfte noch der unverdrosienen Arbeit von mehr als zwei 2ahren, um den Plan zu verwirklichen. Es war kein Kleines, die hierzu erforderliche Energie aufzubringen, die nun einsetzenden Kämpfe durchzufllhren, mächtige Widerstände, von denen, allen die Oeffentüchkeit wohl wenig erfahren hat, zu überwinden. Das hätte nicht erreicht werden können, wenn nicht die am Werk Arbeitenden von den Fittigen unerschütterlicher Ueberzeugungskraft getragen worden wären. Rechtliche Bedenken 'aller Art wurden ins Feld geführt, Befürchtungen wurden laut, daß es auf dem Gemeindelage zu stürmischen, wüsten Szenen kommen könnte, wie sie frühere Gemeindetage verunschönt batten, und die manchen Gemeindetag resultatlos verlaufen ließen. Diese Stimmen verstummten auch nicht, nachdem der im Aufträge des D.2.G.B. von Herrn Dr. 2smar Freund ausgearbeitete Verfassungsentwurf vom D. 2. G. B., dem Verband der deutschen 2uden und Vertretern der Großgemeinden gemeinsam beraten und als brauchbare Grundlage befunden worden war, und Hunderte von Gemeinden ihm ihre Zustimmung gegeben hatten. Noch fehlten vor allem die Großgemeinden, ohne die natürlich die geplante Organisation nicht zustande kommen konnte. Diese Zurückhaltung wurde endlich überwunden durch folgende, in der Sitzung der Repräsentanten- Versammlung vom 9. Mai 1920 von mir eingebrachte Resolution: „2n Erwägung, daß 1. die Schaffung einer Gesamtorganisation der deutschen 2uden als drillende Notwendigkeit allgemein anerkannt ist, 2. der seit 1869 bestehende und im Sinne einer solchen Organisation wirkende Deutsch-2sraelitische Gemeindebund als gegebene Grundlage hierfür erscheint, Z. gegen den vom D. 2. G. B. ousgeorbeiteten und den Gerneinden bekanntgegebenen Verfassungsentwurf von keiner Gemeinde ein prinzipieller Einspruch erhoben worden ist, vielmehr etwa 425 Gemeinden bereits ihre grundsätzliche Zustimmung zu dem Verfasiungsentwurf erklärt haben, 4. die Verwirklichung der Gesamtorganisation demnach in nächste Nähe gerückt ist, sobald die Großgemeinden, insklinge. Es ist kaum nötig, das anzunehmen, es erscheint sehr möglich, daß sie, wie eben angedeutet, geradezu abgewiesen wird. Wie im 97. Psalm die. Himmel mit Blitz u»d Donner Gottes Gerechtigkeit verkünden — „und alle Völker erkennen seine Herrlichkeit", wie im Berufungskapitel des 2esaja die Seraphim, die Gottes Heiligkeit preisen, seine Herrlichkeit aus der Fülle der irdischen Schöpfung rühmen, wie ein Blick auf die göttliche Hoheit am Himmel selbst Kinder schon zur Verehrung treiben muß (nach Psalm 8, 2 und 3), so wird auch in unserem Psalm eine Kunde gemeint sein, die aus unmittelbarer Anschauung jedem Fühlenden ins Herz strömt. Bon allen Himmelskörpern wird in dem hier bruchstückartig erscheinenden Lied der strahlendste von allen, der Sonnenball — Schemesch ist im Hebräischen männlich — besungen. Auch in diesem Stück mögen uralte Vorstellungen mitklingen (man will neuerdings sogar einen gewiß sehr zeitenfernen Mgchur, wie El sich mit der Sonne vermählt, aus den Versen heraushörenl), eine entscheidende Rolle spielen sie nicht, sicherlich nicht mehr nir Zeit der schriftlichen Ueberlieferung; vielleicht haben sie einmal die Ausdrucksweise geformt, jedenfalls sind dann doch nur die Reste dieser Formen in der neuen dichterischen Sprache mit verwendet. Dem Sonnenjüngling ist wie irdischen Majestäten ein Prachtzell errichtet, vielleicht denkt man an das gestirnte Himmelszelt. Nachts erwartet ihn die liebende Meeresgöllin in diesem Brautgemach. 2m unterirdischen Meer, unseren Blicken verborgen, fährt der Sonnenball vom Westen zum Osten wieder hin. Das klingt in allerdings sehr zarten Tönen vielleicht hie und da im poetischen Bilde an, Glaubensvorstellung ist es längst nicht mehr. Für das Verständnis des Psalms ist es bedeutsamer, sich zu vergegenwärtigen, in welch üppigerer Farbenpracht die Schme im heiligen Lande erstrahlt als in unserer Landschaft. Glühend rot — ein gewaltiger Ball — steigt sie hinter den Bergen des Ostjordanlandes oder (noch weiter zurück) hinter den weiten Wüstenflächen auf. Wie viel brennender trifft ihr Mittagsstrahl, und mit welch hinreißend majestätischer Glut senkt sie sich scheidenins Mittelmeerl 2eden besondere die Berliner Gemeinde, ihre Zustimmung erklärt haben, beschließt die Repräsentantenversammlung, den Borsland zu bitten, sich mit dem D. 2. G. B. behufs Schaffung einer Gefamtorganisation baldigst ins Einvernehmen zu setzen." Diese Resolution wurde von der Repräsentantenversammlung einstimmig angenommen. Damit war der Stein in beschleunigtes Rollen gekommen, und nach weiteren sorgfältigen Vorbereitungen war es kaum noch ein Wagnis, den Gemeindetag, mit der sicheren Aussicht auf Erfolg, auf den 23. 2anuar 1921 zu berufen. Wie dieser Gemeindetag glänzend verlief, welche Begeisterung dem Einheitsgedanken entgegengebracht wurde, die selbst die Widerstrebendsten, bis auf eine verschwindende Minorität, hmriß, Widerstände und Sonderwünsche dem großen Ganzen zum Opfer zu bringen, das haben nicht nur die Hunderte von Teilnehmern erlebt, sondern auch alle, die für die Sache 2nteresie hatten, durch die Nachklänge in der Presse er-, fahren. Von diesen die große Bedeutung des Ereignisses verstand-' nisvoll würdigenden Presiestimmen feien nur die Worte wiedergegeben, die Herr Dr. Landler wenige Tage nach dem Gemeindetage in einem schönen Artikel in der „2üdischen 'Rundschau" (1. 2. 1921) schrieb: „Zeit 2ahren und bis in die letzten Wochen hinein war von seiten einiger Großgemeinden gegen die Umwandlung des D. 2. G. B. in die Gesamtorganisation und gegen Einzelheiten seines Entwurfes eifrig agitiert worden. Bis in die letzten Tage hinein galt es diesen Vertretern der Großgemeinden als zweifelhaft oder uUvahrscheinlich, daß eine Einigung zustande kommen würde. Gegen die Umwandlung wurden in vielen und langen Beratungen juristische Bedenken geltend gemacht. Die Stimmung auf dem Gemeindetag ergab aber eine derartige Uebereinstimmung in den Kernfragen, daß auch nicht ein Vertreter der gekennzeichneten Richtung überhaupt noch das Wort ergriff, und daß nicht mit einem Worte Bedenken juristischer oder anderer Art geäußert wurden, sondern alles von dem Strom gemeinsamen Wollens fortgerisien wurde." Zu den ersten Gemeinden, die ihren Beitritt zum alten Bunde in seiner neuen Gestalt erklärten, gehört Berlin. Der Vertreter einer anderen Großgemeinde, bis dahin einer der schärfsten Gegner der Umwandlung des D. 2. G. B. in die Gesamtorganisation, erklärte, nachdem der Gemeindetag gesprochen, seine unbedingte Loyalität und den Beitritt seiner Gemeinde. Die Gemeinden entsprachen fast ausnahmslos ihrem Votum auf dom Gemeindetage, und es galt schließlich nur noch die Genehmigung der Verfasiung seitens der Negierung, der sie zu diesem Zweck am 19. Februar 1921 eingereicht wurde, zu erlangen. Und hier liegt der Ursprung der Katastrophe, als welche ich die vorzeitige Bildung des Verbandes der preußischen Gemeinden betrachte. Der Ausschuß des D. 2. G. B. hat leider den Fehler begangen, daß er der Verhandlung einer einzigen Persönlichkeit mit den Regierungsstellen nur zu lange vertraut und 8er bis zum letzten Augenblick, wie nicht bezweifelt werden soll, in gutem Glauben bei jeder Gelegenheit ausgedrückten Ueberzeugung, daß die Sache der Verfasiungsgenehmigung durchaus günstig stehe Und diese in absehbarer Zeit zu erwarten sei, selbst Glauben geschenkt hat. Als dieser Glaube endlich erschüttert ward und der Ausschuß allen Anlaß hatte, anzunehmen, daß die Genehmigung der Verfassung noch lange auf sich warten lasten werde, faßte er am 14. Mai 1922 den Entschluß, die Gesamtorganisation, ohne die Genehmigung der Verfastung abzuwarten, auf Grund des Artikels 137 der neuen Reichsverfastung ins Leben treten zu lasten und zu diesem Zweck dem auf den 11. 2uni neu einzuberufenden Ausschuß den Antrag zu empfehlen, den Bundestag zusammenzuberufen. Zwei Tage nach der Ausschußsitzung vom 14. Mai 1922, in der Herr Dr. Freund im Gegensatz zu den übrigen anwesenden Ausschußmilgliedern äußerte: „2n Wirklichkeit liegen die Verhältniste für uns durchaus günstig", stellte dieser, ohne dem Ausschuß die geringste Mitteilung zu machen, über seinen Kopf hinweg bei dem Vorstand der Berliner 2üdischen Gemeinde den Antrag, die preußischen jüdischen Gemeinden zum Zwecke einer Organisierung einzuladen, den der Vorstand sofort angenommen hat. Die Einzelheiten, wie es so zu dieser Ileberraschung gekommen ist, sind durch chronologische Aneinanderreihung der nackten Tatsachen auch in diesem Blatte vom 23. 2uni 1922 mitgeteilt worden. Dieses mit Treu und Glauben unvereinbare Vorgehen, das den Auftakt zum Preußentage vom 23. 2uni 1922 bildet, muß gegen diesen selbst mit größtem Mißtrauen erfüllen, und es bleibt unbegreiflich, daß der Vorstand es mcht korrigierte und es nicht als einen Akt der Logalität angesehen hat, die nach dem Willen des deutschen 2udentums im D. 2. G. B. verkörperte Gesamtorganisation der deutschen 2uden, deren erstes Mitglied die Berliner Gemeinde ist, wenigstens von seiner Absicht in Kenntnis zu setzen, anstatt den Beschluß über Hals und Uber Kopf zu fasten. Man mag über die Preuhenorganifation denken wie man will, der Makel der 21logalität wird ihrer Gründung für immer anhaften. (Schluß folgt.) Die jttdifcbe Gegenwart Die Blau-QCUi3-6arde. »Aber jeder Zionist weiß — nur der Blau-Weiß weiß es nicht —, daß es heute nichts Unproblematisches im 2udentum gibt, daß alles fragwürdig ist." So schreibt der K. 2. V.er Dr. Moritz B i l e s k i in einer der letzten Nummern der „ 2 U d i s ch e n Rundschau". Woher rührt solche Resignation im zionistischen Lager? Was geschah, daß aus der Fanfare die S ch a m a d e wurde? Der Aufsatz B i l e s k i' s nennt sich „ P o s t f e s t u m “. Das ist der Grabgesang auf die Fusion zwischen dem Kartell jüdischer Verbindungen und dem 2ugendwanderbund Blau-Weiß. 2m Dezember geschlosten, ist sie bereits im Februar wieder gelöst worden. 2etzt disputiert man im zionistischen Lager über die „Schuldfrage", dieses beliebteste Ablenkungsmittel im politischen Leben. Wir hatten bisher keinen Anlaß gesehen, uns mit dem Messina- Zwist der Gegner zu beschäftigen, da es sich ja — abgesehen von dem Schaden, den er der jüdischen 2ugend zufügt — um eine innerzionistische Angelegenheit handelt. 2etzt aber, da die Verwirrung abnimmt, Blau-Weiß, K. 2. V., Redaktion der „Rundschau" und zionistische Organisation zu Wort gekommen sind, halten wir den Augenblick für gekommen, unseren Lesern einen Ueberblick über die Reibungen in der zionistischen 2ugend zu geben. Das erscheint uns um so notwendiger, als der Kampf in der „2üdischen Runds ch a u " nicht immer die Formen gewahrt hat, die ein Kampf über jüdische Fragen um des Kiddusch Haschem willen niemals außer Acht lasten sollte. Also, das Kartell 2üdischer Bünde „Blau- Weiß" ist, nach vierwöchigem Bestand, nicht mehr. Wie war es zustande gekommen? Vom 6.—8. August 1922 hatte auf Schloß Prunn der Bundestag des Blau-Weiß stattMunden. Dort hatte das Vorstands- Triumvirat der Herren Waller Moses, Bandmann und Georg Strauß der überraschten Versammlung ein „Bundesgesetz" aufoktrogiert. bei dem es nur fraglich ist, ob Napoleon oder Mustolim die Ehre der Patenschaft für sich in Anspruch nehmen kann. Der Spiritus rector des Gesetzes war Waller Moses, der einmal das schöne Wort geprägt hat, das verdient, in den geflügelten Büchmann einzugehen: ,. 2 ch bin kein Fachmann für Gerechtigkeit". Nachdem sich die ausführliche Präambel des „Bundesgefetzes" mit der Struktur des Blau-Weiß beschäftigt hat — nicht ohne an den „Armeen" „des stolzesten Bundes" vorüberzugehen, dessen. Fahne das Blau-Weiß ist —, proklamiert sie, nach der Epoche des ersten ungebundenen Sichauslebens, die lebenslängliche Bindung der Blau-Weißen: „Run erst, inmitten solcher Armee in dauernder Bereitschaft wird der Name Blau-Weiß zu dem Sinnbild, worunter er den Besten immer erschien. Er wird zur Fahne des stolzesten Bundes: Wer ihr dient, ob als Führer, ob als Soldat, ist tief geborgen, und schreitet dem Leben zu, wer von ihr abfällt, wird zum Feind und stirbt unter den Bürgern ab." Dann folgt die Behördenorganisation und der hohe Orden vom Blau-Weiß („Blau - Weiß - Radel"). Wie der erworben wird? Hier muß das „Gesetz" selbst zu Wort kommen: „Der Führerschaftsleiter erhält von der Bundesleitung Ausweiskarte und Blau-Weiß-Radel, die er dem Wanderer als Beauftragter der Bundesleitung übermittelt und verleiht. Die Verleihung der Blau-Weiß-Radel darf nur im Beisein des ganzen Bundes unter Beobachtung folgender Former» geschehen: Der Führerschaftsleiter hat den Wanderer, dem die Radel verliehen werden soll, namentlich aufzurufen und vortreten zu lasten. Darauf hat er die Grundgesetze des Bundes und die Bedingungen für die Verleihung der Blau-Weiß-Radel im vollen Wortlaut vorzulesen. Vor der Verleihung soll er an den Wanderer die feierliche Frage richten: „Gelobst du, die Forderungen des Blau- Weiß aus ollen Kräften zu erfüllen, nach seinen Gesetzen zu leben und ihm die Treue zu halten?" Rach der Bejahung dieser Frage verleiht der Führerschaftsleiter dem Wanderer die Blau-Weiß-Radel mit folgenden Worten: „2m Namen der Bundesleitung des Blau- Weiß verleihe ich dir die Blau-Weiß-Radel und nehme dich in den Gelamtbund auf." Die Aufnahme erfolgt durch Handschlag." Den Beschluß bilden die folgenden „Grundgesetze des Blau- Weiß": . „Die Zugehörigkeit zum Blau-Weiß legt jedem Einzelnen Verpflichtungen auf, die den ganzen Bereich seines Lebens umfasten. 2eder Blau-Weiße hat mit seiner ganzen Person und mit Hingabe aller seiner Kräfte dem Blau-Weiß zu dienen. Den Anordnungen der Bundesleitung oder der von ihr ermächtigten Körperschaften oder Personen ist Folge zu leisten. Der Bundesleitung steht in allen Angelegenheiten persönlicher oder sachlicher Art, die das 2ntereste des Blau- Weiß betreffen, die volle Verfügungsgewalt über die Menschen des Bundes zu. Die Verfügungsgewalt erstreckt sich nicht nur auf die aktiven Mitglieder des Bundes. Ledernder die Blau-Weiß- Radel trägt, steht zur Disposition der Bundesleitung. Den Erfordernissen des Bundes gegenüber hat das persönliche 2ntereste zurückzutreten. insbesondere soll jeder notwendige Wechsel des Auf- Morgen gibt sie ein Bild erfrischter, fröhlicher, männlicher Tatkraft, und jeden Abend weckt sie die Hoffnung, daß ihr sieghaft führendes Heldendasein nach beglückter Rast aufs neue erstrahlen wird. Und wie die Sonne mit ihren feurigen Blicken alles trifft auf ihrer Bahn, wie sich vor ihrem durchdringenden Schein nichts verbergen kann — „nur Helios vermag's zu sag«, der alles 2rdische bescheint" —, so spürt auch alles jeden leuchtenden Tag die Herrlichkeit Gottes. So ist der Sonnenhgnmus innerlich eng verbunden mit den ersten Versen des Gedichtes. Man kann natürlich bei eifrigem Harmonisierungsbestreben das nun folgende Stück, das sprachlich und rhythmisch ganz anderer Art ist, inhaltlich mit dem voraufgegangenen in Beziehung setzen: Der Ruhm Gottes aus der erschaffenen Natur und der Ruhm Gottes (noch höherer Ruhm) aus seiner Offenbarung. Man mag an jenes berühmte Wort Kants denken: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: „Der bestirnte Himmel Uber mir und das moralische Gesetz in mir." Freilich ist hier nicht von dem moralischen Gesetz im Menschen die Rede, sondern von der offenbarten Thora. Man sieht ihn vor sich, den Frommer» — nicht unähnlich jenem Thoraschreiber, den 2osef 2sraels' Kunst uns so lebendig vors Auge gestellt hat —, der sich beglückt fühlt, weil er die herrlichen Lehren zu durchdenken und zu befolgen sucht. Er kann sich in ihrem Preise gar nicht genug tun. 2st jüdischer Dichtung das doppelt? Anklingen der Gedanken eigen, so läßt er den Ruhm der Thora in sechs ähnlich gebauten Versen wiedertönen. Mag man auch kleine Unterschiede in den Bezeichnungen finden, im Grunde genommen, ist'r doch die Thora, die gemeint ist, ihr wird sechsmal eine herrliche Eigenschaft zugeschrieben, aus der immer etwas Erfreuendes und Erhebendes folgt, und zusammenfastend wird sie dann noch einmal im Vergleich über das Kostbarste und Süßeste weltlicher Dinge gestellt. Vortrefflich in seiner herzlichen Naivität ist der Uebergang von der Betrachtung der Herrlichkeit göttlicher Lehren zum Gebete. Auch „dein Knecht" ist durch sie erleuchtet und weiß von sich selbst, wie glückbringend die Beobachtung der Thora ist. Aber er möchte sich noch gesicherter fühlen. Kann er nicht, ohne es zu wollen und zu misten, etwas Unrechtes begangen haben'oder in Zukunft begehen? Auch vor Verführung möchte er gern geschützt sein. Da sind jene Uebermütigen, jene wellkundigen Spötter, die, wie wir aus anderen Psalmen wisten, die armen Frommen, die Anawim und Anijim, mit ihrer äußeren Ueberlegenheit so oft in die Enge treiben. Mögen sie nur keinen Einfluß auf ihn gewinnen, dann ist er desten gewiß, daß er jedenfalls von schweren Sünden frei bleiben wird. Aehnlich wie der Opfernde im Tempel um gnädige Annahme seiner Gabe bittet, so schließt der Dichter sein sinniges Gedicht zur Ehre Gottes und seiner Thora, das er mit ganzer Hingabe verfaßt hat, mit dem Gebet um wohlgefällige Aufnahme. 2n dem ersten Gedicht hallt weithin ein Ton der Hohen und Erhabenen, und allmenschliches Empfinden äußert sich voll demütiger Bewunderung, im zweiten spricht sich das stille Glück des jüdischen Frommen in rührender 2nnigkeit aus. Wie sind diese beiden Gedichte zusammengekommen? 2n welcher Absicht sind sie zusamknengestellt? Sicheres läßt sich darüber nicht sagen. Vielleicht ist das erste Stück, das, soweit es uns erhallen ist, in Zeinen bewundernden Sonnenhymnus mündet, nur durch die Verbindung mit einem Liede, das die Sonne der jüdischen Frömmigkeit preist, für würdig befunden worden, in die Sammlung religiöser Lieder ausgenommen zu werden. Den modernen Leser festelt nur dieser erste Gesang, aber ein vortreffliches Bild altjüdischen Glaubenslebens gibt uns doch auch das Thora - Lied. 2n ihm wird offenbar, welches Glück der Mann empfand, der an nichts anderes dachte, als die überlieferten Lehren zu erforschen und zu erfüllen, dem .dieses Vätersrbe Keine drückende, Last, wie so oft behauptet wird, sondern einzig beglückende, Segen verheißende Pflichtbetätigung und Lust der Seele war.