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Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-03-16 · 11 (16.3.1923) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
3 (1923)
Issue
11 (16.3.1923)
Date
1923-03-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Gefetz und Jugend! Bor den Vater der Welten trat es hm, eisgrau und steinern von Antlitz: das Gesetz. Und hinter ihm folgte, die Harfe im Arm, ein lotkiger Züngling mit strahlendem Auge: die Zugend. Und Gott sprach zum Gesetz: „Was schmückst Du Dich mit dem Purpurmantel des Rechts und der Herrschaft? Rede!" Und das Gesetz sprach: yDein Knecht bin ich, Herr! Dir diene ich, Dich verherrliche ich, Deine Herrschaft will ich! Lin versklavtes, verkommenes Volk führtest Du aus Aegppten, Dein Geist kam Uber Deinen Diener Moses. Wie das geschah, weih ich nicht, aber ich glaube es. Du erschienst ihm am Horeb, ich, das Gesetz, sprapg von Deinen Lippen, ich entsproß Deinem Haupte, und Mose, unser Befreier» bannte mich in die 10 Worte. Sie wurden der Kern der Gesetze aller Völker! Zch regiere die Welt! Zch herrsche! — Und das Volk Israel baute mich aus. Zch — das Gesetz — bewahrte «Israel vor dem Untergang. Zch führte das Volk durch den Untergang hindurch in die Arme aller Völker der Erde! Zch allein war die Zahne, die es zufammenhielt, ich verhinderte, daß es sich verlor! Und nun wollen sie an mir rütteln! Was soll werden, o Herr? Wenn ich sterbe, stirbt «Israel! Behüte mich, o Herr! Vernichte die Neuerer! Kodausch, Adonai l“ Und Gott sprach zur Tugend: „Du rennst an gegen das Gesetz in wilder Unzufriedenheit! , „Du hörtest, was es sprach! Nede auch Du! Da ergriff die Tugend die Saiten und sang: Wo ist Sott? Wo? Zn aller Welt, Wohin Dein suchendes Auge fallt! 2m hehren Gang der Gestirne, 2m Himmelsblau vereister Zirne — 2m Zaubertraum der Maienblüte, 2m edlen menschlichen Gemüte. 2m Lebenshauch der kleinsten Zliege. Zn Grabesnacht, in jeder Wiege. 2hn preisen der Kristalle Zormen Und jedes Blattes Wunderbau! 2m Größten ist er wie im Kleinsten, 2m Samenkorn und Weltenbau. — „Deine Erhabenheit, Herr, faßt nicht der tote Buchstabe, Dich?u verherrlichen, ziemt nur dem Gesang! Du bist im Sternentanz und in der Zelle. — Deine ewigen Wunder weben in der Wahl- Verwandtschaft der Elemente und im Aufbau jeder Pflanze, jedes- Tieres, jedes Menschen, in der Schönheit der Welt, in allem, was groß, gut und erhaben! . .. . . _ Du lebst im Herren jedes Sängers, jedes Propheten, jedes Künstlers! Neue Gesetze, geboren aus jungen Geistern, harren tagtäglich der Verkündung," neue Wahrheiten wollen ans Licht, junge Herzen sinnen auf neue beglückende Zormen der Andacht zu Dir, der Sehnsucht nach Dir! Was wollen da alte Gesetze, gut für gestern, schlecht für heut und hemmend für ein besseres Morgen? Gib die Zreiheit. o Herr! Freiheit des Denkens, Zreiheit des Zählens und Zreiheit des Wortes! Zung bist Du, o Gott! 2ung Deine Blüten und jung Deine Sterne! 2ung die Lieder Deiner Dichter und herrlich die Verheißungen Deiner jungen Propheten! Heil Dir, o Gott des Neuen und der ewigen 2ugend! Gelobt seist Du. o Sott, der Du liebst die Zugendl" Und Gott legte seine Rechte auf das Haupt des „Gesetzes" und seine Linke auf das Haupt der „2ugend" und sprach: „Kämpfet weiter und fördert die Welt. Aber es geschehe in Güte, in Wahrheit und in Schönheit. „Eheje ascher Eheje 2osua Halevi. Einige Gedanken über den Zugendgottesdievst au den hohen Feiertagen. Von Auguste Nosenthal-Budwig, Berlin. Der Gedanke, von dieser Stelle aus die jüdische Öffentlichkeit für einige Zragen des Zugendgottesdienstes zu interessieren, kam mir durch den Artikel Lo Nödas in Nr. 1 der „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft" „Drei Laiengebete". Ueber den Eitel selbst möchte ich hier nichts weiter sagen; es ist Lo Noda ja von berufenerer Seite bereits erklärt worden, daß das Zudentum den kirchlichen Begriff des „Laien" nicht kennt. — Uns Religionslehrern-gegenüber mag sich Lo Noda allerdings als Laie, als Nichtfachmann, bezeichnen (so hatte er's bloß nicht gemeint!), und da muß er es sich gefallen lassen, wenn aus Zachkreisen seinen Ansichten entgegengetreten wird. Eigentlich wäre es ja Sache des „liberalen Leiters des Zugendgottesdienstes" gewesen, sich gegen die erhobenen Vorwürfe der Gleichgültigkeit und Leichtfertigkeit zu verwahren, die in der Unterstellung liegen, er habe die Gebete abgelehnt, bloß weil der Gottesname darin nicht vorkomme; ich kann mir nicht denken» daß die Antwort derartig gelautet hat. Lo Noda weiß vielleicht nicht, daß es nicht in der Macht des Leiters liegt, irgendwelche Aenderungen der gottesdienstlichen Ordnung willkürlich vorzunehmen. Es ist erfreulich, daß jetzt auch Erwachsene zum Zugendgottesdienst zugelassen werden, und noch erfreulicher, wenn sie mit offenen Augen und liebevoll kritischem Sinne die Dinge betrachten. 2ch habe bisher noch keinen Erwachsenen gefunden, dem der Zugendgottesdienst nicht zugesagt hätte. Die Gründe dafür sind leicht zu ersehen und dürften auch der großen Gebetbuch-Kommission beachtenswert sein: Der Zugendgottesdienst bietet en miniature alles Schöne des Hauptgottesdienstes ohne seine Mängel. Man hört einen Teil der herrlichen Zeiertagsmelodien» die alten Gebete ohne ermüdende Längen und Wiederholungen (nicht ein Kaddischl), die wichtigsten Hauptgebete (uwechen. ten pachdecho) eindringlich deutsch, und eine Predigt, die, wenn sie gut ist. auch dem „Großen" in schlichter Zorm manches bieten kann; wenn sie schlecht ist — auch das soll leider Vorkommen —, zum mindesten, wie die ganze Veranstaltung» den Vorzug der Kürze hat. — Das sind die nicht zu unterschätzenden Vorzüge des heutigen Zugendgottesdienstes, durch die er mit geringen Aenderungen und Erweiterungen für die reifere Zugend durchaus bestehen bleiben könnte. Was aber diese, und nicht gerade die Schlechtesten unter ihnen, schon so frühzeitig aus dem Zugendgottesdienste treibt und hinein in die Znterimsgottesdienste, deren religiösen Gehalt voll auszuschöpfen sie noch nicht genügend vorbexeitet sind, ist die Tatsache, daß sich die Kinder, vor allem die Mädchen, mit 12—14 Zähren schon zu „erwachsen" fühlen, um mit S—10jährigen zusammen zu beten. Die Knaben hält die Möglichkeit, nach der , Barmizwoh sich aktiv am Gottesdienst beteiligen zu können» noch ein paar Zahre länger dort. Der Zehler, gegen den die Neligionslehrerschaft schon jahrelang, leider bisher vergeblich, ankämpft, ist das Zusammenbringen verschiedener Altersstufen, von ö bis 14 Zähren, in einen Gottesdienst. 2m Zntereffe der Kinder, sowie der Sache ist eine Teilung unbedingt notwendig. Am idealsten wäre eine Dreiteilung: von 6—19, 10—13 und 14—16 Zähren, aber wir wären schon mit einer Zweiteilung, von &—11 und 12—16 Zähren, zufrieden, weil dadurch die Möglichkeit einer intensiveren Einwirkung auf die in jenen Tagen besonders aufnahmefähigen jugendlichen Herzen gegeben ist. Bei der bestehenden Ordnung kommen weder die Größeren, noch die Kleinen zu ihrem Rechte, denn es gibt nur wenige Pädagogen, die die Zähigkeit besitzen, in ihren Ansprachen alle Altersstufen zu befriedigen; es ist für den Prediger dankbarer, vor einer schon etwas verständigeren Gemeinde zu sprechen oder sich völlig auf die Kinder einzustellen, als zu fürchten, die eine oder die andere Hälfte zu langweilen. Es wäre auch sehr wünschenswert, wenn für diese reifere Zugend am Kol mclre-Abend ein Gottesdienst ein- .gerilt-let wucde; für die konservativen Kreise ist hier in Berlin der Versuch schon gemacht worden; warum nicht auch für die liberale Zugend? Auf diese Weise bildet dann der reifere Zugendgottesdienst eine Vorbereitung und Hinleitung zum Hauptgottesdienste, da die Heranwachsenden Kinder allmählich mit den Gebeten und Melodien vertraut geworden sind. Sind hier aber nur rein technisch-organisatorische Schwierigkeiten zu überwinden, so liegt die Sache bei den Kleinen ganz anders. Zur sie, deren religiöses Empfinden. deren Wunsch nach Andacht und Erhebung oft stärker ist als bei den Größeren — deshalb möchte ich auch schon die 6- und 7jährigen zugelassen wissen —, gilt es, eine völlig neue Gebeiordnung, neue Gebete zu schaffen. Und da stimme ich mit Lo Noda vollkommen überein, daß die herrschenden Gebete für Kinder fast nicht zu gebrauchen sind; auch darin, daß die Anrede „Allbarmherziger, Allmächtiger" u. ä. den Kleinen nichts sagt. Damit aber Hort leider die Uebereinstimmung wieder auf. Meiner Meinung nach — und auch ich spreche im Namen eines Kreises — ist die gegebene Anrede der Kindergebete: „Lieber Gott", „Guter Vater im Himmel". „Liebe Kinder," sage der Prediger in seiner Ansprache (nicht etwa: „Meine Andächtigen!"), aber auch nicht zu oft, da die Kinder sich manchmal einen Sport daraus machen, zu zählen, wie oft in der Predigt „liebe Kinder" verkommt. Die Ansprachen, Aufforderungen zum Beten und die Gebete selbst seien schlicht, kindlich und vor allem konkret. Darin besteht eben auch ein Zehler der Lo Nodaschen Gebete, daß sie in etwas veränderter Zorm genau dieselben abstrakten Redewendungen gebrauchen, wie die andern auch. Ein Versuch zur Besserung zeigt sich in dem 2. der drei Gebete, das auch bei den Schülern, denen ich es zur Begutachtung vorlegte, am meisten Anklang fand. Dieselbe Zurückhaltung vom Abstrakten walte auch bei den Predigten: Keine trockenen, wenn auch noch so poetisch und salbungsvoll vorgetragenen allgemein religiösen Redensarten, sondern Beispiele aus dem täglichen Leben, Midraschim» Segen usw. Wohl weiß ich, wie außerordentlich schwer es ist, den richtigen Ton für diese Kindergebete und Ansprachen zu finden; daß vom Schlichten zum Banalen nur ein Schritt ist und daß die Abfassung solcher Gebete eine Kunst ist, die auszuüben nur wenige berufen sind. Darum ergeht meine Bitte an alle, die Liebe zur Sache, Verständnis für die Kindesseele haben, an Männer und Zrauen, Zachleute und Laien, milzuwirken an der Schaffung solcher Gebete. Was die Gebetordnung betrifft, so möchte ich nun aber 8e alten, traditionellen Gebete durchaus nicht verworfen wissen; ich kann mir sehr wohl denken, daß der 1. Abschnitt der Schemauneh essre, (— der 2. Abschnitt ist selbst Erwachsenen schwer nahe zu bringen; wer findet den Mut, ihn auszuschalten?! —), das Sch'ma, die Gedanken der Hauptgebete u. L. den Kindern in sinngemäßer Einkleidung geboten werden können. Auch das Hebräische soll in bescheidenem Umfange seinen Platz im Gottesdienste behalten; der Vortrag einzelner hebräischer Gebete mit Orgelbegleitung weckt jüdisch-religiöse Gefühlswerte; ein GotteÄienst, in dem die Gebete nur rezitiert werden, wirkt meist monoton (siehe Reformgemeinde). Einzelne Responsen sollen von den Kindern hebräisch gelernt und gesungen werden; überhaupt müssen die Kinder aktiv am Gottesdienste beteiligt sein; das „Wie" bleibe späteren Beratungen überlassen» ebenso das Einreihen der^horahvorlefung; das Ein- und Ausheben möchte ich nicht missen; unser Gottesdienst bietet ja sonst den Kindern so wenig Sinnfälliges. Es wären also folgende Zorderungen zu erheben und bei Vorstand und Repräsentanten auf ihre Erfüllung zu dringen: 1. Schaffung von gesonderten Gottesdiensten für Kinder von 7—12 und die reifere Zugend von 12—16 Zähren; 2. Einrichtung eines Zugendgottesdienstes am Kol nidre; 3. Schaffung eines besonderen Ritus für den Kindergottesdienst. Zch weiß sehr wohl, daß all diese Zorderungen nichts Neues sind; aber die Zeitverhältnisse bringen es mit sich, daß solche Dinge oft als Kleinigkeiten behandelt und vor anscheinend Wichtigerem zurückgestellt werden. Aber erst dann, wenn es uns gelingt, in den Kindern Znteresse und Liebe zum Zudentum zu erwecken, wenn sie zur immer lebendigeren Teilnahme am Gottesdienste erzogen werden, wenn sie hineinwachsen in das Wesen unserer Gemeinschaft, dann wird das Zudentum auch in kommenden Zeilen Dauer und Bestand haben, und eine verständnisvolle Gemeinde wird wieder unsere Gotteshäuser füllen. Tagesfragen u. Jugendbewegung Die Tragikomödie der Hbwebr. Bon Zofef Weinsaf 1. Neben allen positiven Ergebnissen aus der Wirkung einer Zdeen- oder Interessengemeinschaft auf ihre Anhänger und dadurch auf die Welt, wird als ein bedeutungsvoller Zaktor für die Beurteilung der Zrage, ab die Gemeinschaft noch eine Bewegung ist, ob sie noch lebendige Kraft besitzt, ihren Zdeen Macht zu geben, stets die Prüfung der Ueberwindungsfähigkeit von Hindernissen, Hemmungen und Gegenkräften zu gelten haben, die sich ihr von außen in den Weg stellen. Die Macht des Gegendrucks ist ein Gradmesser für die eigene Willens- und Überzeugungskraft. Wo kein Gegner ist, gibt es keinen Fortschritt; ein Gedanke, der im Zluge die Welt erobert, wird morgen schon Gemeinplatz sein, ohne Kampf erlischt alles Leben. Zwei Kräfte müssen einander ergänzen, wo es etwas fu erstreben gilt: die Werbekraft und die Wehrkraft. Scheint die eine positiver, die andere negativer Natur, dient die eine dem Aufbau, die andere der Abwehr, so sind doch beide so unbedingt voneinander abhängig, daß keine von ihnen die andere entbehren kann, wo immer Einzelwesen, Gemeinschaft oder Volk gewillt sind, für einen Gedanken sich einzusetzen, ein Ziel zu erstreben, ein Recht zu erkämpfen — also überall» wo lebendiges Lebe» strömt. Die Zdee an sich ist unpersönlich und abstrakt. Erst ihre größere oder geringere Zähigkeit, jene beiden einander ergänzenden Zaktoren zu erzeugen und lebendig zu erhalten, die stärkere oder schwächere Schwingung des Bewegungspendels, das Auf und Ab in der Skala der Kräfte, find Maßslab ihrer Gültigkeit und ihres Wertes für das Leben, für die Menschen. Ein wesentlicher Unterschied im Werden beider Kräfte ist jedoch vorhanden. Der Weg zur Wehrkraft führt nur über die Werbe-, Willens-' oder Ueberzeugungskraft. Diese entspringt allein der eigenen Überzeugung vom Gedanken, dem eigenen Willen zum Ziel, ist also unmittelbares Gut des eigenen Zch; jene wird erst durch sie geboren und' erneut. Das Wesentliche einer jeden Bewegung ist also stets die innere, unmittelbar aus der Quelle geschöpfte und immer wieder errungene Kraft. Solange diese stark bleibt, werden die Elemente des Kampfes und der Verteidigung nicht erlahmen. Der Sportsmann stählt seinen Körper durch Uebung und mißt am Gegner seine Kräfte, der Kaufmann erweitert seine Zachkenntnisse und führt den Konkurrenzkampf, der Gelehrte arbeitet rastlos und behauptet vor der Welt neue Wege der Erkenntnis, der Gläubige stärkt seine Seele im Dienst an Gott und erneuert seine innere Kraft für den Lebenskampf. Doch Urtrieb des Schaffens, Denkens und Glaubens find nicht die gegnerischen Elemente. Nur Liebe zur Sache, Wille zum Ziel, Ueberzeugung vom Gedanken, Glaube an das Zdeal selbst, sie sind die Quelle aller Tatkraft und aller Erfolge, allen Höffens, Strebens und Erringens, — allen Lebens. Die Wehrkraft ist unentbehrliches Mittel, um Hindernisse zu überwinden; untrügliches Zeichen der Ermattung, wenn nicht des zeitlichen oder dauernden Verfalls einer Bewegung ist es aber, wenn sie in die Arena des Kampfes treten muß. ohne am Urquell ihres Lebens hinreichend gestärkt zu

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