Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 11 (16.3.1923)
- Date
- 1923-03-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2613366-2613709-2613720--0576-2617838- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die SeschLftsstell« l/« j8hrl.W.Zdqy.- Anzeige«: Grundpreis für die 31/* cm breite mm-Ielte W. o.15» Tamilienauzeigeu A. o.IS^ Bei Wiedertzolung ErmWgung. D« Grundpreis wird mit der «m Grfcheinnngstoge güttigm Schlüsselzahl de« Buchse «s Häudier-Börfeuverelns multipliziert, tn a» IDle „Zübijch-ttberale Zeitungerscheint jeden Freitag, je dreiwöchentlich als wisseufchafiliche Beilage Liberales Judentum- und „Mitteilungen der Arbettsgemeinschaft jüdisch-liberaler Zugeudvereiue". Rr. 11 Berlin, 16. Mär; 1923 3. Jahrgang Redaktion und SeschLftsstell e: Berlin W. s, Manerstraße 22 (Bereinigung für das liberale Judentum e. D.), Jeruruf: Amt Zentrum ISS. Auzeige«.Annahme bei der Sefchüflspelle Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin AW. 7 Ar. l Z70S-(Bereiuign«g für da« liberale Judentum e.B.). s^itteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands. Ar. 2 Mär; 5. Jahrgang Nu unsere LttgUeUer! Wie aus dem Aufruf am Kopf der letzten Rümmer hervorgehl, wird die „ZSbijch-liberale Zeitung" künftig nur noch gegen Zahlung eines Abouuementspreises geliefert, über die zukünftig« Art des Bezuges unserer „Mitteilungen-, die bekanntlich als Beilage der Zettuug erscheinen, hat bei der Kürze der zur Verfügung stehende» Zelt eine Verabredung mit der „Vereinigung für das liberale Z«deutu«" noch nicht getroffen werden können. Der Arbeitsansfchutz wird bestrebt sein, eine solche binnen Kurzem herbelznfiihreu. Sie wird m der nächste» Anmmer der „Mitteilungen" bekannt gegeben »erden. Schon ßetzt möchten »ir unsere Mitglieder bitte», soweit US choeU irgend möglich ist, die ganze Zeitung zu abonnieren. Zeder kauu dadurch dazu bettragen, dle Erhaltung des fv notwendigen einzigen Organs des denycheu liberalen Znbentums zu gewährleiste«. Gleichzeitig sichert er sich selbst damit die Möglichkeit der Orientieraug über die Ltrönmngea und Ereignisse im deutschen und ausländischen Zndentn«, ohne die eine fruchtbare Leiluahme am jüdischen Debe« nicht möglich ist. Dar»« beziehe jeder, dem es irgend möglich ist, anch in Zukunft die ganze Zettmrg. ArbeitsaWjchntzdrs Vorstandes der Arbeitzgememschaft jüdisch-liberaler Jugendvereiue. Inhalt: Zn» Pestachfeste de« Aadb. Vt BogUsteck. — Geßetz mb Jugend mo Iurna tzoievi, — Lmig» Gedanken über den Jugend- -otteediurst an de» hohe» Znertoge» vvn ÄNguste Aosouthal-Büdwig, — Die (ragikomodie der Abwehr tzok Josef Weinsoist. - Aus Bibel und Lchrifttn» von Robert tzirjchfeld. — Alt» ältbibkscher Aoteufund von Oberkantor 6. Guttmann. — tAigkeitsdericht dev 2li Potsdam. — LpenderWe. — Dereinoadrcheu. Jüdische Wettanschemungsfrage« Tum Pefs-chfefte. Von Rabbiner Dr. Vogalstei«, Breslau. Religiöse Feste sind der Ausdruck einer religiöse« Adee und müssen diese Idee wiederum durch ihre Feier in den Seelen befestigen. Ist dies nicht der Fall, so sinkt das Fest und seiye Feier zu t>Ä>eutungsloser Form herab und wirkt leicht schädlich und ertötend» statt belebend auf das religiöse Gefühl. Da ist natürlich erforderlich, daß diejenigen, die die Feste feiern, sich über den Gedankeninhalt des Festes klar zu werden suchen. Die religiösen Feste des Judentums bringen die reögiösen Adeen in ihrer Totalität zum Ausdruck, anknüpfend an geschichtliche Ereignisse» an die Vorgänge in der Ratur oder hinweisend auf das allgemein Menschliche, auf dasjenige, was die Menschenseele in ihren Liefen bewegen und erschüttern muh. So sehr alle diese Gedanken- und Gefühlsmomente zusammenklingen und zu dem Letzten, dem Höchsten und Tiefsten alles religiösen Lebens hinführen, so ist doch mit feinem psychologischen Verständnis jede Üeberladung vermieden, vielmehr für jedes Fest ein einheitlicher Gesichtspunkt gewonnen, unter dem die religiöse Sdeo des Judentums betrachtet avirh. Das ergibt im Laufe des wahres eine annähernd alljeitige Betrachtung. '2n den Festen, des Winters und Frühlings überwiegt das geschichtliche 'Moment. T h a n u k k a ist das Fest der Errettung der jüdischen Religion, der Idee, um derentwillen wir sind, auf der unsere Dasemsberechtir beruht. Ts ist das Fest der Freiheit des Gewissens, Sieges der Wahrhaftigkeit der inneren Ueberzeugung über alle äußere Macht der Unterdrückung. An Purim feiern wir die Errettung unserer Vorfahren von physischste Vernichtung. Wie wir nicht Sude» wäre» ohne die Errettung der ooee» die uns ra Juden gemacht hat, so gäbe es kein Judentum, wenn die Träger diese« Idee damats ausgerottet wären. Sm Psssachfeste sind zwei Elemente vereinigt. Wir feiern das Erwachen der Natur aus ihrem Winterschlaf. Aber hier tritt dar grundlegende Unterschied jüdischer und heidnischer Naturbetrachtuttg zutage, wie ihn Alexander v. Humboldt in seiner Tharakteristik der hebräischen Naturpoesie dargelegt hat. Dem hebräischen Dichter und überhaupt dem jüdischen religiösen Empfinde» ist er nicht ein für sich Bestehendes, durch eigens Schönheit Verherrlichtes, sondern „ein Geschaffenes, Angeordnetes, der lebendige Ausdruck der Allgegenwart Gottes in den Werken der Sinnenwelt". So hält das Judentum den Pantheismus von sich fern, der religiös und sittlich unfruchtbar ist. Darum aber hat das Judentum keines seiner Feste allein als Raturfest hingestellt, sondern mit dem Raturfest eine aus der Geschichte, also aus dem stttlichen Leben der Menschheit geschöpfte Idee verbunden. Am Pessachfeste ist es die sittliche Idee der Freiheit, die wohl in keiner anderen Religion in gleicher oder ähnlicher Weise den Ausgangspunkt der religiösen Entwicklung btldet. Die äußere Freiheit, die Befreiung vom Sklavenjoch, das Recht eines jeden Menschen auf persönliche Freiheit wird damit vvm Judentum als religiöse Forderung hingestellt. Aber der Sinn des Pessachfestes erschöpft sich damit nicht. Die Sendung Moses ist nicht nur die Befreiung Israels aus äggptischer Sklaverei, sondern „das soll dir das Zeichen sein, daß Sch dich sende: Wenn du das Volk aus Aeggpten führst, werdet ihr Gott dienen an diesem Berge". So wird die innere, die religiöse und sittliche Freiheit als Aufgabe gestellt, so erhält das Fest der Freiheit erst seine notwendige Ergänzung durch das Fest der Offenbarung, das Wochenfest. So kann man feststellen, daß das im eminenten Sinne geschichtliche Pessachfest seinen tiefsten Sinn nicht in der Erinnerung an die Vergangenheit, sondern in der Aufgabe für die Zukunft hat. Auch hierin offenbart sich das feine Verständnis der jüdischen Religion. Bloße Erinnerung ist stumpf und unfruchtbar; fruchtbar wird sie, wenn sie nur die Grundlage und den Ausgangspunkt bildet für Gegenwartsarbeit und Zukunftsaufgabe. Ganz folgerichtig klingt das Fest aus mit messianischer Hoffnung, auch diese nicht als phantastische Träumerei, sondern als Aufgabe erfaßt. $«e ist überhaupt das Kennzeichen lebendiger Religion, und das muß für unsere Anschauung, die lebendige Religion wahren und immer wieder erneuern will, Richtschnur sein: in der Vergangenheit wurzeln uttd äüf ihrem Boden stehen, aber in oer Gegenwart leben und für die Zukunft schaffen. Die Vergangenheit ehren, aber nicht zur He»in oder gar Tgrannin der Gegenwart and Zukunft machen, sondern aus ihr das Verständnis schöpfen und vertiefen pr die. Aufgabe, die nicht in Wiederherstellung einer romantisch verklärten Vergangenheit, sondern in der Schaffung der Zukunft besteht. Das ist aber auch der Sinn jenes Wortes der Pesiachhaggada: Hätte Gott unsere Väter nicht aus Aeggpten geführt, fo wären noch wir und uufere späten Enkel Sklaven des Pharao in Aeggpten. Ls weist darauf hin, daß die ägyptische Befreiung nicht der Abschluß, sondern der Anfang und Ausgang ist. Aber darin liegt die Bedeutung dieses geschichtlichen Ereignisses, daß es Ansporn und Antrieb ist. Ls bindet nicht die Kräfte durch den Gedanken, daß es nur gilt, ein Gegebenes hinzunehmen, sondern es macht sie frei, weil das der religiöse Gedanke des Zudentums ist, daß von Gott gegeben uns die Voraussetzungen sind und die Kraft, die wir zu entfalten haben, um das uns gesteckte Ziel zu erreichen. Sn diesem Sinne kehrt an allen Sabbathen und Festen» ja in dem täglichen Gebet die Erinnerung an den Auszug aus Aeggpien wieder, so ist auch das Wort der Haggadä zu verstehen, das den belebt, der möglichst eingehend das Ereignis erörtert. Wenn jene Lehrer in Bne Wrak die ganze Rächt darüber gesprochen haben, so ist, wie aus der einen überlieferten Unterredung hervorgeht, der Anhalt ihrer Unterhaltung die Frage nach der dauernden Bedeutung des Ereignisses für Gegenwart und Zukunft gewesen. Ausdrücklich fordert die Haggada dies mit der Bemerkung, daß zu allen Zeiten ein jeder die Befreiung aus Aeggpten als ihm persönlich widerfahren ansehen solle. Ls ist der uralte Kampf der rohen Gewalt mit dem Geist und der sittlichen Kraft. Daipals ist die übermächtige und scheinbar unwiderstehliche Gewalt an der sittlichen Idee gescheitert. Rohe Gewalt Hai Jahrtausende hindurch das Judentum zu vernichten gesucht, die Entscheidung hängt ab von dem Maße sittlicher und religiöser Kraft im Judentum. An uns ist es, diese Kräfte neu zu beleben und zu festigen. Zugeudv^retns-Anzelgeu letzte Sette.