Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 10 (9.3.1923)
- Date
- 1923-03-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Heute soll einmal ein anderer Standpunkt dargelegt werden. — Ls wird durchaus nicht etwa behauptet, daß der Antisemitismus einst durch die jüdische Frau entstanden, aber, so hart es auch klingen mag. zu seinem Bestehen im heutigen Umfang und in seiner jetzigen Starke trägt die jüdische Frau viel, sehr viel bei, war auch in den letzten ZS—40 Fahren ein Hauptfaktor für sein immer wieder eintretendes Aufflackern. Alan reizte mit Fingern auf auffallend gekleidete, mit Schmuck überladene 2üdinnen und sagte: „Schl, das ist die orientalische Putz- und Prunksuchtl" Man wies auf das Wohlleben und die Bequemlichkeit hin. das sich die jüdische Frau in ihrem Heim gönnte, man bemerkte neidvoll ihre bessere Lebenshaltung. die sich in Bade- und Erholungsreisen. Theater- und Konzertbesuch äußerte. — Liegen nun diesen Vorwürfen Tatsachen zugrunde und haben diese zur Entfremdung zwischen den deutschen 2uden und ihren, christlichen Mitbürgern beigetragen? Beide Teile dieser Fragen müssen zunächst einmal unbedingt bejaht werden, wenn man der Wahrheit die Ehre geben will. Wer offenen Auges durchs Leben geht und Gelegenheit hatte, nicht nur in Berlin, sondern auch in kleineren und mittleren. Provinzstädten den gesellschaftlichen Verkehr zu beobachten, stieß immer auf eine eigentümliche Erscheinung. Der jüdische junge Mann verkehrte mit christlichen Freunden und in deren Familien so lange, bis er sich verheiratete. Dann trat sehr bald Entfremdung und Trennung zwischen ihm und seinen bisherigen Verkehrskreisen ein. Gewiß findet man diese Erscheinung auch zwischen Juden und 2uden, zwischen Ehristen und Ehristen, aber zwischen Ehristen und 2uden trifft man sie leider fast immer. Leider sagen wir von dem Standpunkt aus, der nicht nur für staatliche, sondern auch rein menschliche Gleichstellung, also auch für gesellschaftlichen Verkehr der deutschen 2uden mit ihren christlichen Mitbürgern, kämpft, ohne einem solchen deshalb nachlaufen zu wollen. Die Lebenshaltung des jüdischen jungen Mädchen im Elternhause war meist eine andere wie die ihrer andersgläubigen Gefährtin aus der gleichen Bildungssphäre, es war im Elternhaufe etwas verwöhnt worden. Der 2ude, von Offiziers- und Beamtenlaufbahn völlig ausgeschlossen, war gezwungen, sich fast ausschließlich dem Handel und Gewerbe zu widmen, und das sich hierdurch ergebende größere Einkommen veranlaßte ihn unwillkürlich, Frau und Tochter etwas mehr zu verwöhnen, wie er es wohl mit dem Einkommen eines höheren Beamten hätte tun können. Und noch eines kam dazu, die Neigung, mit Frau und Familie zu genießen. Man soll wahrlich nicht den jüdischen Gatten und Vater in seiner Eigenschaft als solchen höher bewerten als den christlichen, aber das Jahrhunderte währende Ausgeschlossensein vom gesellschaftlichen Verkehr mit Andersgläubigen brachte ihn dazu, ein Vergnügen außerhalb des Hauses, also ohne die Familie, nicht zu kennen. Das wirkt heute noch nach; Gott fei Dank, auch wohltätige Wirkungen hat das Ghetto ausgeiibtl Gewiß, der Jude reist auch allein, ohne Familie, oder seine Familie ohne ihn, aber meist besteht dann hierzu irgendein gesundheitlicher oder geschäftlicher (Zwang. Auch der jüdische MaNn geht wohl einmal allein aus zu Karten- oder Kegelspiel, doch es kommt ihm selten bei, sich ohne Frau einer solchen Beschäftigung mehrere Abende in der Woche zu widmen oder sich Jagd und Sport zu ergeben, wenn sie ihn gerade Sonntags von der Familie fernhallen. Mit solchen Anschauungen, aus einer meist besser gestellten Lebenshaltung heraus, tritt das jüdische junge Mädchen in die Ehe, fordert nicht ganz mit Unrecht vom Gatten gleiche Auffassung des (Zusammenlebens und Gewährung ebensolcher Lebensführung, und erhält sie. Die junge Frau fürchtet, daß der bisher gepflegte Verkehr den Mann vom Familienleben, wie sie es vom Elternhause gewohnt, ablenkt, sie zeigt vielleicht etwas zu viel Stolz auf diese jüdische Eigenart, und der mehr oder minder offene Bruch zwischen den bisherigen Freunden ist da, denn nun beginnt sich, was wäre menschlich erklärlicher, der Neid zu regen. Und er wird verstäickt durch Kleidung und Putz der 2lldin, die vielleicht modern, hochmodern sind, aber oft, wenn auch nicht gegen die Mode, so doch im besonderen Fall gegen den guten Geschmack verstoßen. Wir meinen nicht, daß hierbei die Wiege des einstigen jüdischen Volkes mitspricht und sich im orientalischen Geschmack äußert. Brünettes Aussehen, wie es den 2Udinnen meist zu eigen, bedingt bei der Kleidung die Anwendung lebhafter Farben. Auch deutsche und slawische Volkstrachten weisen vielfach solche auf. Auch daß 2udas Frauen und Töchter zuerst die Auswüchse und Torheiten der Mode milmachen, hat seinen guten Grund. Modewaren und Konfektion sind gerade die Branche, die am meisten unter den 2uden vertreten, daher dieses besoichere Hervortreten mit Modeneuheitenl Aehnlich verhält es sich mit zu reichlich und unangebrachter Verwendung von Schmuck; hierbei zeigt sich übrigens oft, daß das Geld erst in der zweiten Generation vernünftig angewendet und mit Anstand ausgegeben wird. Aber all das hat nichts J.„ I II N, IIIII,!*|| ,!MM.IWWU! JIJIHIWUWWMDWW mit Orient und semitischem Blut zu tun: Man bars nur cm die Kleider- und Schnmcksachenverordnungen. an die Vorschriften gegen Ueppigkeit und Völlerei denken, die eine hochweise Obrigkeit im Mittelalter so häufig für dar deutsche Bürgertum Meß, und daß damals Deutschland schon verjudet war, kann man wohl nicht gut behaupten. Es hat eben zu allen (Zeiten und bei allen Völkern Mode-Narren und Närrinnen, Prunksucht und Hang zur Ueppigkeit und Schwelgerei gegeben. — Und doch liegt vor allem der jüdischen Frau die Pflicht ob, sich von solchen Uebertreibungen fernzuhallen. Wir sind nun einmal eine Minorität, deshalb haben wir doppelt Grund, nicht durch Verstöße (und seien es auch nur solche gegen den guten Geschmack) aufzufallen. Nicht ohne Schuld an dieser unschönen Erscheinung ist die . jüdische Männerwelt. Manche jüdische Frau würde sich weniger auffallend kleiden und schmücken, wenn ihr vom Satten, Vater, Bruder, Freund gesagt und gezeigt würde, daß sie, schlichter angezogen, ein viel feineres und angenehmeres Aussehen habe. — Noch ein weiterer Punktl Um den gesellschaftlichen Antisemitismus zu bekämpfen, soll man sich wahrlich nicht zum Verkehr mit christlichen Mitbürgern gewaltsam drängen, aber ebensowenig ihn aus Furcht vor etwaiger Kränkung und (Zurücksetzung grundsätzlich meiden. Die jüdische Frau kann unserer Sache in diesem Kampfe viel leisten, nicht nur auf indirektem Wege. Dem Ehristen tritt der 2ude, wenn nicht anders, so durch Beruf und Geschäft doch häufig auch menschlich näher, hat Gelegenheit, ihn 2uden und 2udentum kennen und schätzen zu lehren. Die jüdische Frau verschließt sich leider oft dieser Möglichkeit bei ihren christlichen Schwestern. Das ist ein großes Unrecht, sie kann mit weiblichem Takt auf diesem Wege aufklärend wirken, indem sie zeigt, daß trotz größeren Komforts in der Häuslichkeit, trotz größerer Eleganz im äußeren Leben sich echte Hausfrauenlugenden und Vorzüge erhalten können und erhalten haben; sie kann andererseits lernen, daß Schlichtheit und Einfachheit nicht gleichbedeutend sind mit Geschmacklosigkeit und Mangel an Kultur. Die jüdische Frau kann bei solchem Verkehr nehmen M>iiiIlI>liiilIIiiiiilIIiiiiiilIlliillII>iiiiisIiii»lIIIiiiillI»iiiiIIliiiliII»iiiiIlliiililIiii»iIIi»iiiII»,illI>li,iiilI»iiiiIIiliiiiIlliiliiW || Zählt schleunigst L7: lSeitrsge! | ij Paßt sie dem gesunkenen Geldwert an. : 1 Wer sein liberales Fudentum liebt und seine (Zeitung erhalten; W: will, gebe außer dem Beitrag : lj eine einmalige größere Spende. :ff f j Werbt neue Freunde, rüttelt alte auf! : | A | Geldsendungen für die „Vereinigung für das liberale Fuden- §F G i tum E. V." erbeten auf Postscheckkonto Berlin Nr. 1Z700Y. r W J; Büro der Vereinigung: Berlin W S, Mauerstr. 22. : |L l*‘.§. und geben, sie soll sich nicht aufdrängen, ihn nicht einmal direkt suchen, aber wenn er gewünscht wird, ihn gern aufnehmen, denn sie dient damit sich selbst, ihrem Mann, ihren Kindern und nicht zuletzt der Gesamtheit ihrer Glaubensgenossen. — Eonstantin Brunner sagt in einer seiner Schriften ungefähr folgendes: „der deutsche Krieg (gemeint ist der letzte) sei ein Krieg des Haffes der Völker gegen Deutschland gewesen, nichts anderes sei der Antisemitismus." Der 2ude muß den Kampf gegen diesen Haß, den Antisemitismus, oft mit Schärfe führen, man würde ihm Milde manchmal sogar als Unmännlichkeit und semitische Feigheit auslegen, die Jüdin kann ihn, soll ihn durch Güte bekämpfen. Haß ist eine Krankheit, die wahrlich nicht durch Homöopathie, durch gleiches Mittel, also durch Haßerwiderung, geheilt wird. Nur liebevolles Durchdringen der Zeindesseele kann ihn beseitigen. Die jüdische Frau wird bei der christlichen oft stärksten Judenhaß finden, es ist ihre Aufgabe, ein gerechtes Verstehen und Urteil bei ihren christlichen Milschwestern zu erwirken. Besonders geeignet für eine solche Aufgabe erscheint uns. aber die Frau aus dem religiös-liberalen jüdischen Hause; sie ist nicht belastet und gehemmt durch die selbstgewählten rituellen Fesseln, die orthodoxe Auffassung der Lebenshaltung ihrer Anhänger auferlegt. Die religiös-liberal denkende jüdische Frau kann sich ihren christlichen Schwestern freier nahen. Vielleicht geben ihr diese (Zeilen etwas Mut und Anregung, denn, nicht allein um gesellschaftliche Gleichstellung handelt es. sich hier, sondern um die Verbreitung von Verständnis für jüdisches Wesen und jüdische Weltanschauung. _ Ton den Mdckenklubs des jüdischen Frauenbundes. Es liegt!m Wesen einer jüdischen Frauengemeinschaft, daß sie. den (Zusammenhang mit der Fügend sucht und sich für die Entwicklung der weiblichen Fugendlichen besonders verantwortlich fühlt. Es liegt im Wesen der Fugendbewegung, jede Bindung und. Bevormundung abzulehnen und ihr Leben unter eigener Verantwortlichkeit zu gestalten. (Programm der „Freideutschen Fugendbewegung".) Als vor etwa 15—20 Fahren, im (Zusammenhang mit jüdischen Frauenvereinen, in verschiedenen Städten Mädchenklubs entstanden, WMWWWMWWM trugen diese Fugendvereme — der tamaligen Feit entsprechend -7- * durchaus den Eharakter der 2ugend p t t e g e, $ie wollten berufe- - tätigen, besonders ortsfremden, Mädchen Abenoheime schaffen. m denen sie Fortbildung und Anregungen aller Art (musikalisch, literarisch usw.) finden und fröhliches Gemeinschaftsleben pflegen. konnten. Vergleicht man mit diesen Vereinen die Mädchenklubs, die heute noch (in Breslau, Berlin, Frankfurt a. M. usw.) bestehen, so spürt man, daß zwar die Fdeen der Jugendbewegung das Leben m diesen Vereinen entscheidend beeinflußt hoben, daß aber der ursprüngliche Sinn der Mädchenklubs feine Ligenbedeutung behalten hat und den Vereinen, die wirklich lebendig diesen Sinn erfassen, eine besondere Stellung und Aufgabe auf dem Gebiet jüdischer Fugendarbeit sichern. An. drei Wesenezllgen sei das zu erklären versucht,'und damit sind auch zugleich Angriffspunkte genannt, die aus den Kreisen der Fugendbewegung immer wieder hervorgehoben werden. Als Erstes, daß diese Fugendvereine ihren rein weiblichen Eharakter bewahrt haben — und bewahren wollen. Das heißt natürlich nicht, daß die Bedeutung des gegenseitigen Einflusses der Geschlechter verkannt wird oder daß man in dem Verlangen der schulentlassenen männlichen und weiblichen Fugend nach kameradschaftlichen Verkehr untereinander nicht einen gesunden Trieb sähe. Selbstverständlich brauchen junge Menschen diese Kameradschaft und Freundschaft und finden sie im Familien- und Bekanntenkreise, im Berufsleben und anderen — gemischten — Fugendvereinen, denen ein nicht geringer Teil der Mädchenklub-Milglieder noch angehört. Die Klubs stehen in reger Verbindung mit anderen Fugendgemeinschaften, sehen an gemeinsamen Ausspracheabenden und Festen auch männliche Jugend in ihren Heimen, aber man findet es immer wieder bestätigt, wie notwendig Mädchen dieses Alters eine Stelle brauchen, wo sie „unter sich" sind, wo alle anderen Regungen einmal ausgeschaltet sind. Line Stätte, die, unaufdringlich und ohne „Programm", gerade den weiblichen Wachslumskräften die Möglichkeit der Entfaltung zu geben weiß. Nein technisch: indem man den weiblichen Fertigkeiten (Nähen, Flicken, Kochen) besondere Beachtung schenkt; geistig: indem Diskussionen, Lektüre, Kurse doch immer irgendwie mit unter dem Gesichtspunkte stehen: was bedeutet das für uns Frauen, und wie können wir daran Mitarbeiten? Seelisch: indem ganz unwillkürlich in den Mädchen ein Frauengefühl erwacht und gestärkt wird, das Bewußtsein eigener Fähigkeiten und Aufgaben, und der Wille, sie zu erfüllen. Fm Mädchenklub in Frankfurt a. M. prägte sich der „weibliche Eharakter" in den letzten Fahren, aus denen ich durch eigene Mitarbeit berichten kann, in doppelter Hinsicht aus: einmal, indem wir an Hand geeigneter Lektüre (Fane Addams, Helene Lange. Aufsätzen aus Frauenzeitschriften) in fortlaufenden Kursen über „Geschichte und Wesen der Frauenbewegung" sprachen», andererseits durch den Wunsch einiger Mädchen, unserem Klub Kindergruppen anzuschließen, die unter Leitung und Verantwortung der Mitglieder des Mädchenklubs stehen. Als zweites Wesensmerkmal bewahrt man in den Mädchenklubs die Neutralität 'ök-lrv-religiösem cocbiet. Auch das ist so zu verstehen, daß sich dort Mitglieder aller jüdisch-religiösen Richtungen vereinen, und Orthodoxen und Liberalen, (Zionistinnen und National-deutschen Gelegenheit gegeben ist, einander kennen zu lernen und zu verstehen; am Urteil des Andersgerichteten den eigenen Standpunkt zu prüfen und — alle die Bedingtheit jeder Er- . Kenntnis und etwas Allgetnein-Verbindendes fühlen zu lassen. Die hebräischen Stunden in unserem Klub, die neben der Kenntnis der Bibel in der Ursprache, uns immer wieder persönlichste Fragen berühren lassen, bedeuten vielleicht darum für uns Alle mit das Schönste am Klubleben, weil wir in ihnen ganz klar und einfach und unausgesprochen eine Antwort finden auf die Frage: Weshalb und wodurch gehören mir zusammen? Dieses (Zusammengehörigkeitsbewußtfein wird in den Fugendvereinen der Mädchenklubs sehr weit gefaßt — weiter als in der eigentlichen Fugendbewegung, deren Vertreter in ihren Gemeinschaften ein gewisses Ausleseprinzip walten lassen. Vielleicht war dieses Prinzip berechtigt, um erst einmal die Reiferen und Begabteren unter der Fugend zu sammeln und für ein Gemeinschaftsieben ui schulen. Heute müssen alle Abgrenzungen — seien sie soziier, irtellektueller, ja auch in gewissem Sinne moralischer Art — fallcn. Heute ist es so, daß große Kreise der Fugend in erschrc kendem Maße gefährdet sind. Es führt hier zu weit, auf die Ursachen d- Haltlosigkeit und Schwäche einzugehen. Es genügt, daß » .1 pe überall zu erkennen und zu verstehen sucht und sich verantwortlich dafür fühlt. Sicher ist, daß nur eine öelbsthikfe der Fugend irgendwelche helfende Wirkung haben kann. Deshalb hat das dritte Merkmal unserer Mädchenklubs heute seine ganz besondere soziale Bedeutung: sie stehen allen offen, die kommen wollen, und nehmen alle auf in ihre Gemeinschaft. Damit ist eine Fülle von Aufgaben, Schwierigkeiten und Möglichkeiten angedeutet. Mit entscheidend für das Gelingen ist eine> junge, zielsichere Führung, die den Ernst der Verantwortlichkeit und natürlichen Frohsinn zu vereinen weiß. Das fetzt eine Leiterin mit bestimmten menschlichen, pädagogischen und sozialen Zähigkeiten voraus. Ganz von selbst ergeben sich dann unzählige Momente, in denen sich Frauen- und Fugendgemeinschaft berühren, suchen und finden, ohne daß eine von beiden ihrem Wesen untreu wird. Denn es gibt etwas, was beiden gemeinsam ist: alle gesunden Kräfte, die. dem Leben dienen wollen, zu erkennen und erstarken zu lassen und dadurch am Aufbau der (Zukunft mitzuarbeiten. H. K. aufwärts entwickelt hat, nunmehr rapide in einer Epoche geistiger Dekadenz zusammenbrechen soll. Fn gewisser Weise das Vorhandensein einer jüdischen Frage zu leugnen, ist übertriebene Empfindlichkeit und unrichtig. Was geleugnet werden muß, ist die Behauptung, daß diese jüdische Frage in der Feit tiefster deutscher Rot eine überragende Bedeutung besitzt. Das keinesfalls. Vielmehr muß man das und darf man das mit Recht von der antisemitischen Frage behaupten, deren Lösung, wie eben erwähnt, geistig ausschlaggebend ist. Ein entwickeltes Volk ist nicht Rosse und Blut, sondern seine Einheit beruht auf der Tatsache erlebter Geschichte und entwickelten Geistes. Ein Volk, das dem Moloch der Geistlosigkeit verfällt, und man könnte hier auch sagen dem Moloch der deutschen antisemitischen Bewegung, ist auch politisch dem Untergang geweiht, und dann ist es lediglich eine Frage der Seit, wann man vor diesem Faktum steht. Der Kampf des überwiegenden Teils der deutschen Fudenheit gegen den Antisemitismus ist wohl ein durchaus egoistischer Verteidigungskampf; aber nolens volens wird hier eine Schlacht geschlagen, von deren Entscheidung im Grunde genommen Sein oder Nichtsein der ganzen deutschen Nation abhängt. Die Königin von 8aba. Von Henrique de Vasconcellos. Balkis wartete. 2n der üppigen Pracht ihres Palastes zu Mareb lebte die Königin einsam und verborgen, mit ihrer Schönheit allein. Vergebens, daß Volk und Herren aus den entlegensten Teilen des Reiches, wo ihre Macht noch gebot, aus Saba, Mareb und Jemen Herzogen, weil der Ruf ihrer reinen Schönheit sie gelockt hatte, vergebens, daß sie vor dem weilen verschlossenen Palaste flehend harrten, um die herrliche Fungfrau zu schauen. Vergebens auch die Bitte der Priester, vor ihre reinen Augen treten zu dürfen. Niemand erreichte es. Eine alte Amme nur hatte sie,» ein Kind damals, noch unverhüllt gesehen. Und ihr Körper war gleich einer Lilie. Sieben Gemächer waren der Königin zu eigen, und jede der heben Türen verschloß ein goldener Schlüssel. Fm allerletzten aber wohnte sie. Da warfen große Spiegel aus Kupfer, wie Echo, ihr himmlisches Abbild einander zu. Und Balkis im Schmuck der Juwelen sah allein den unberührten Glanz ihrer Fungfräulichkeit. Durch das Fenster, das auf den Garten mündete, gingen weiße und buntfarbige Pfauen aus und ein. Fene zeigten, wenn sie den Schweif entfalteten, kleine, sanfte Monde, diese ließen Sternenbilder erstrahlen, funkelnde Edelsteine auf sammetweichem Grunde. Balkis aber schien weißer als die weißen Pfauen, und farbiger als das bunte Gefieder der anderen erglänzte das schwere Geschmeide ihres Gürtels und der Spangen. 2n dunklen Nächten betrat sie den Garten. (Zwischen die Vlumengebüsche ließ sie Gürtel und Armbänder, die Ringe und das Diadem fallen. Die goldenen Haare löste sie; im Blau der Nacht waren sie wie ein bleicher Kometenschweif, und hüllenlos, gleich einer lieblichen Blüte, ging sie zum Marmorbecken, wo das duftende Wasser schlummerte. Wie ein Mondesstrahl schimmerten die Füße, da sie in das Becken stieg .... Mit ausgebreiteten Armen lag sie, und auf der Oberfläche des Wassers waren zwei Lotosblumen, ihre Hände. So schaute Balkis zum Himmel empor, wo der goldene Schwarm der Sterne dahinzog. Die Sterne aber schienen aus dem Wasser wieder wie feuchte Goldblumen in schwankenden Umrissen, wie ein zitterndes Fuwel bei den Bewegungen umspielte der eine ihre Brust. Rührte sie sich, so sank er tiefer, kehrte dann wieder, über den weißen Körper dahingleitend, der in dem dunklen, aufglitzernden Wasser ruhte wie eine Seerose, um die leuchtende Bienen schwebten. Dann wieder lag sie still und lauschte, wie die welken Blätter der Blumen auf den weichen Sand des Gartens fielen. Wie ein Edelreif aus Lilienzweigen schlangen sich die Arme stützend um den Kopf. Die Königin sann. Und wartete.... Balkis erwartete den Bräutigam, der kommen würde. Aus allen Ländern kamen die Fürsten Astens, dem Ruhm ihrer Schönheit, ihrer kostbaren Schätze, ihres starken Heeres nachgebend. Dichter waren die einen, habgierig die anderen, die meisten aber kriegerischen Sinns, und alle kamen sie mit stolzesten Reiteraufzügen, gold- und juwelenbedeckt. Auf ihrem hohen Gold- und Silberthron faß die Fürstin, allen unsichtbar, sie selbst aber alle sehend. Sie vernahm die beflügelten, bilderreichen Reden, die glänzenden und die betäubenden. Von tiefen Schachten erzählten sie, die Goldbarren bis zum Rande füllten, edle Gefäße aus Kupfer, Münzen jeder Art und Edelsteine von seltenstem Schein. Ausführlich schilderten sie ihre Heldentaten, mörderische Kämpfe, wie Schwerter und Pfeile auf die Schilde trafen, daß die Funken zu Feuersbrünsten erglühten und die Leiber in Strömen von Blut. Die Krieger erfüllte der Wunsch, ihre Siegeserfolge zu erhöhen, und dabei entfalteten sie heiße Beredsamkeit. Sie waren es, die am meisten sprachen und in der Erinnerung der Lust der Schlacht sich wieder freuten. Aber auf ein (Zeichen der Königin wurden sie entlassen und mußten alle gehen. Und sie gingen. Die Poeten, mit Tränen in den Augen, gesenkten Hauptes, als ob die Schwere der Mitra sie drückte — mit hartem Tritt der Sandalen auf dem bunten Fliesenboden, die Habgierigen und die Kriegerischen. » Balkis aber kehrte darauf in das geheime Gemach ihres weiten Palastes zurück. Allein mit sich, betrachtete sie in den Spiegeln die schlanke, sichere Anmut ihres Körpers. Sie ließ das goldene Haar fallen und stand wie eine Blume von der Sonne überflutet. So, im Bewußtsein chrer Schönheit, sprach sie zu sich: „Er, den ich lieben werde, soll mich empfangen wie eine Blume, die unberührt in einem Walde aufwuchs, den (Zauberer bewachten." Keiner atmete je ihren Duft, keiner sah je ihre blendenden Farben, keiner rührte sie an. Fn diesem von Sonne erfüllten Lande, wo die Farben nicht glänzen, sondern brennen, wo die Wohlgerüche nicht linde duften, aber betäuben, bin ich weiß geblieben, und nie sah die Sonne mich. Hinter den goldenen Wänden meiner Gemächer ist das Leben still und leicht! Balkis wartete. Die Monde zogen friedlich dahin. Fm verschlossenen Garten knospeten die Rosen, entfalteten sich, dufteten und starben. Andere erblühten leuchtend, in gleicher Frische, scharlachrote, wie Lippen, die von Küssen in heißem Begehren verwundet wurden. Balkis aber bewahrte den Reiz der Fungfrau. Sie salbte sich mit Norden und glättete mit goldenem Kamm ihr goldiges Haar. Mit Juwelen schmückte sie sich, das schönste Fuwel sich selbst. Aus dem Blau ihrer großen, klaren Augen lachte die Fugend. Menschliche Augen sahen sie nicht. Menschliches, unheiliges Begehren entweihte nicht ihr Wesen. Als aber Salomo, Davids Sohn, sie zu holen kam, er, der in seinem Palast zu Jerusalem Frauen hatte, zahlreicher wie die Sterne in einer Mondnacht, als er kam, da war sie rein, strahlend fleckenlos, der Blume gleich, die im undurchdringlchsten Walde erwuchs, deren Duft noch keiner empfunden hatte. — „Jungfrauen, behütet für den unbekannten Geliebten Leib und Seele, wie Balkis, die Königin von Saba, — wenn die arabische Legende wahr ist — sich bewahrte für Salomo, den Sohn Davids." (Aus dem Portugiesischen von Marie Abeking.) 9