Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-03-09 · 10 (9.3.1923) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
3 (1923)
Issue
10 (9.3.1923)
Date
1923-03-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613709-2613719--0572-2617833
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WWWWWWM '«•nrr^^-W 7 '•'••■"yrs^r.V- '‘Wr: T*,TrrwV "flflü«'- f ,l>g.^-T^y^TrTJif»«,ry^«wr^',V " ' ■. ' / " ■ ■ ■ '■" "}""", .«>»! l-V-dPWWWW Me Stellung der Frau ick liberalen Judentum. Von Else Dormitz er» Nürnberg. Das liberale Judentum würde sein Attribut „liberal" mit Unrecht führen, wenn es den Frauen nicht die Stellung einräumen wollte» die ihnen Staat und politische Gemeinde längst ^verkannt haben. Ls sei daher gleich zu Anbeginn mit Genugtuung konstatiert, daß das liberate Judentum in diesem Punkte volles Verständnis für die Forderungen der Frau zeigt: Aktives und passives Wahlrecht steht ihr uneingeschränkt zu; gegen den heftigen Widerstand der Orthodoxie setzte man diese Selbstverständlichkeit überall da durch» wo sich der Liberalismus in der Mehrheit befand. Leicht war dieser Widerstand nicht zu brechen, denn nirgends wurzeln althergebrachte Vorurteile fester als im gesetzestreuen Judentum» in welchem man — unberührt von den Strömungen der Neuzeit — an mittelalterlichen Gebräuchen und Sitten festhält» die weder Thora noch Talmud gebieten. Man kann sich also vorstellen, welcher Aufruhr entstand, als erstmals auf den Wahllisten zum Verband bagrischer Gemeinden Namen von Frauen als Kandidatinnen genannt wurden, und man erinnert sich noch des Vorstoßes orthodoxer Rabbiner gegen diese Neuerung. Hier war es der Energie und Festigkeit der liberalen Führer zu danken, daß das aktive und passive Wahlrecht der Frau unangetastet blieb, und so geschah es allüberall bei neuen Nepräsentantenwahlen der Großgemeinden, in denen man allerorts geeignete Frauen mit zur Wahl stellte. Sn Frankfurt sitzen nicht nur eine Anzahl von Frauen in der Gemeindeverwaltung, sondern eine sogar in deren Vorstand; auch bei uns in Nürnberg wurden im letzten März Frauen in die Verwaltung der Kultusgemeinde geschickt und-arbeiten dort sowohl im Plenum wie in allen Ausschüssen Seite an Seite mit den Männern. Und noch steht die Weltl Die Trfahrungen, die die Gemeinden mit ihren weiblichen Abgeordneten gemacht haben, sind nicht die schlechtesten; selbst die orthodoxen Kollegen müssen zugeben, daß auf vielen Gebieten die Hilfe der Frau nützlich, ja oft unentbehrlich ist. Das liberale Judentum steht auf dem richtigen Standpunkt, daß alle verfügbaren Kräfte für die Gemeindearbeit herangezogen werden müssen, und daß gerade in einer Feit, in welcher der Daseinskampf den Mann härter denn je ins Soch spannt, eine gewisse Entlastung durch die Mitwirkung der Frau doppelt wünschenswert ist. Der Ansicht, daß die Frau als gleichwertige Mitarb-.'ilorin überall willkommen ist, huldigte das liberale Süden um: wn Anfang an. Als die liberale Vereinigung ju>- Deutschland gegründet wurde, wählte man sofort Flauen in Bvrstandschafl und Ausschüsse; in allen Ortsgruppe!' räumte man ihnen bereitwillig Ehren- und Vertrau^nLstellungen ein, und sowohl für die Vortrags-, wie für die Werbetätigkeit sicherte man sich gewandte Frauen, die der liberalen Sache schon manch wertvollen Dienst leisteten. Sn den, Spalten der liberalen Presse finden Aufsätze und Artikel von weibilchen Mitarbeitern die gleiche freudige Aufnahme wie die der Männer. ' Es gibt also keine Sparte der äußeren Tätigkeit im Liberalismus, die den Frauen nicht offen steht. Aber auch auf dem Felde der inneren, ich möchte sagen mehr intimen Wirksamkeit, ist die jüdisch-liberale Frau an erster Stelle. Wie im orthodoxen Hause die Frau berufen ist, die Hüterin der religiösen Gebräuche zu sein, so soll die liberale Frau in ihrer Häuslichkeit diejenige sein, die zum religiösen Geist erzieht und die Kinder von dem Sndifferentismus abhält, indem sie ihnen zeigt, daß man nicht nötig hat, sein Sudentum in der modernen Feit aufzugeven, sondern daß es genug Wege gibt, auf denen stch beides, das moderne Leben und die Treue zum angestammten Glauben, vereinigen läßt; diese Wege hat gerade die liberale Vereinigung deutlich genug in ihren Richtlinien gezeigt. Aus diesen Erwägungen heraus hört man gerade in Erziehungs- und Kultusfragen besonders gern das Wort der Frau: Man schätzt ihren tiefgehenden Einfluß auf die Fugend richtig ein und sieht es deshalb n.it Genugtuung, wenn sie sich der Sugendbewegung eifrig annimmt. Vermittelnd und versöhnend wirkt sie oft zwischen Alten und Sungen und auch bei Differenzen irgendwelcher Art in der Gemeinde oder in der Fraktion ist es ihr schon oft gelungen, Dissonanzen harmonisch aufzulösen. Aus all den hier aufgeführten Gründen sollte es eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, daß unsere modern empfindenden und denkenden Frauen sich der liberalen Partei anschließen würden, die ihnen in reichstem Maße gibt, was sie sich politisch, ethisch und kulturell wünschen können. Und doch sind es noch so viele Geschlechtsgenossinnen, die fremd und gleichgültig beiseite stehen und den Forderungen des Tages keinerlei Verständnis entgegenbringen. Shnen möchte ich eindringlich Zurufen: Schart Euch um uns, helft die Fahne der liberalen Bewegung Hoch- Halten und zeigt Euch der Rechte und Vorteile würdig, die Euch der Liberalismus vorurteilsfrei und großzügig e i n r ä u m 1 l Gntwicklung und Ziele jüdifcher frauenarbeit im jüdischen frauenbund. Von Bettina Brenner, Leipzig. Die Entstehung des jüdischen Frauenbundes, die etwa 20 Sahre zurückliegt, erwies sich als notwendige Ergänzung der Frauenarbeit im Allgemeinen. Wenn auch die jüdische Frau in der interconfessionellen Arbeit von jeher mitwirkte, und sogar manch eine unter den FUHrerinnen der deutschen Frauenbewegung Südin ist, oder war, so beweist gerade die Tatsache, daß geistige Führerinnen und Vahnbrecherinnen ihr Sudentum ignorieren oder gar oblegen konnten, die Notwendigkeit einer eigenen jüdischen Frauenorganisation. Die Richtlinien und Ziele einer solchen ergaben sich einerseits aus denen der bestehenden interconfessionellen Frauenorganisationen, anderseits aus Lücken, die die jüdische Taritas auf dem Gebiet sozialer Arbeit bis dahin offen lieh. So notwendig für die Allgemeinheit sowohl wie für ihre eigenen Snteressen die Mitarbeit der jüdischen Frau in der allgemeinen Bewegung ist, so unumgänglich ist das Zusammenfassen der Gesamtheit, der jüdischen Zrauen zur Verfolgung gemeinsamer Snteressen. Shr Ziel ist Vertiefung jüdischen Bewußtseins in allen seinen Auswirkungen, und hier liegt die erste und höchste Aufcp('e des jüd'schen Frauenbundes begründet. Die Frau, die in unserem „kultivierten" Westen vielfach so ganz gleichgültig in Fragen ihres Suventüms dahinlebt, die kaum jemals dazu kommt, sich der Rechte und Pflichten, die ihr ihr Sudentum auferlegt, bewußt zu werden, die heute bisweilen — man ist versucht zu sagen: „Sm besten Falle" — durch den Antisemitismus unsanft aufgerüttelt und vor die Notwendigkeit einer Stellungnahme zum Sudentum gestellt wird, diese Frau soll im jüdischen Frauenbünde das finden, was ihr Rot tut. Der Bund und seine Organe (Kommissionen, Ortsgruppen und Landesverbände) ist bestrebt, jüdisches Wissen, jüdisches Denken und Fühlen zu verbreiten,. es in mannigfaltigster Form und Art seinen Mitgliedern, und darüber hinaus ollen Südinnen nahezubringen. Dies geschieht z. B. durch Vermittlung von Kursen über jüdische Geschichte, Kultur, durch Vorträge, durch Erörterungen solcher Themen, zu denen die Zrauen selbst oftmals einleitende Referate geben, und so fort. Die Ergänzung zu diesen theorethischen Arbeiten bildet die praktische soziale Arbeit, die uns täglich mit Süden und Südinnen aller Schichten und Schattierungen in engste Fühlung bringt. Hierbei bietet sich im Laufe der Zeit vielfach beste Gelegenheit. jüdisches Leben. Denken und Wirken kennen und erkennen zu lernen, und diese ErRnntnis verfehlt nicht, ihre befruchtende Wirkung auf das Leben und die Erziehung in der eignen Fannlie. So berühren sich in den Bestrebungen des Bundes die Aufgabenbereiche dauernd und fördern einander in ihrer Wechselwirkung. «Bas wir als Frau in der jüdischen Gemeinschaft versaumlen. suchen wir. wie oben erwähnt, zu ergänzen, was wir als Sudln »m ^auentym versäumten, versucht die Bundesarbeit auf den Wegen nachzuholen, die ihr die allgemeine Zrauenfrage vorzeichnete. 5*au zu ihrer Arbeit am Gemeinwohl, speziell am indischen Gemeinwohl, vorbilden und reif machen. Er richtet sein Augenmerk darauf, daß die Frau gleichberechtigt neben dem Manne ihre Rechte und Pflichten wahrnehme, überall da, wo Frauenarbeit, Zrauenrat notwendig und unentbehrlch sind, und das ist heutzutage schlechterdings in so ziemlich allen Fragen des jüdischen Seschchens m Haus, Gemeinde und im öffentlichen Leben der Fall. Rur wenn die Gesamtheit der jüdischen Frauen dazu gelangt, sich ihres Sudentums und Frauentums gleichermaßen bewußt zu werden, und wenn sie die naturnotwendig sich daraus ergebenden Konseguenze», zieht, kann es gelingen, durch eigenes Leben und Verhallen, wie durch Erziehung der Heranwachsenden Generation, den ärgsten Feinden unserer jüdischen Gemeinschaft, nämlich der Sndolenz in den eigenen Reihen, wie dem Antisemitismus von außen her, wirksam zu begegnen. Daß die Frau hierbei die ausschlaggebende Rolle spielt und eine größere Verantwortung in sich fühlen muß als der Mann, erhellt aus all diesen Ausführungen. So sind die Aufgaben des jüdischen Frauenbundes und das Streben nach dem Erreichen seiner Ziele eine Lebens- und Kulturfrage für das gesamte Sudentum. Es ist daher erfreulich, daß ein Verbreiten und Vertiefen des Bunlc’ncr ^ee in die weitesten Kreise jüdischer Allgemeinheit stch, besonders in den letzten Sahren, feststetlen läßt. Auch die Männer haben das ethische wie praktische Wirken des Bundes erkannt, sehen nicht mehr in ihm — wie vielleicht anfänglich bisweilen — ein feindliches, weil frauenrechtlerisches Element, oder gar nur eine überflüssige neue Zrauenorganisation. die neben Dutzenden bestehender Frauenoereine einen weiteren setzt: Sie erkennen immer mehr, daß hier etwas geschaffen ist, das trotz oder gerade wegen aller bestehenden Vereine leben und gedeihen muß. Faßt doch der Bund alle jüdischen Frauenvereine in sich zusammen, um ihnen seine Sdeen zu vermitteln und ihnen neue Anregungen geben zu können. Rur so kann es allmählich gelingen, alle Zrauen in allen Städten und Städtchen zu erfassen, sie aufzurütteln aus sträflicher Gleichgültigkeit, sie zu gewinnen für ersprießliches Wirken am Sudentum, am Frauentum, am Menschentum. Die rein charitative Arbeit allein kann heute nicht mehr taugen. Reben ihr und ihrem schönen und gewiß niemals zu entbehrenden gefühlsmäßigem Wirken, muß die theoretisch geschulte Arbeit ergänzend treten. Nicht Wohltun wollen wir, nein Pflichttun von Mensch zu Menschen, sei es an materiell oder an seelisch oder körperlich Leidenden, an Kindern, Säuglingen, Kranken oder Greisen. Daß die Arbeit in erster Reihe der Sugend gilt, und unter dieser wieder der Sugend, die der stützenden, helfenden und führenden Hand am dringendsten bedarf, ist selbstverständliche Voraussetzung. So ist von allen praktischen Arbeiten des jüdischen Frauenbundes die an der sittlich gefährdeten Sugend die Hauptsächlichste. Sie erstreckt sich auf alle Zweige des Mädchen- und Kinderschutzes und findet ihre sichtliche Verkörperung in der seit. 1908 bestehenden Anstalt in Reu-Ssenburg bei Frankfurt ä. M. Hier im „Heim des Südifchen Frauenbundes" finden Kinder und Mädchen jeden Alters, vom Säugling bis zur meist unehelichen Mutier, die sittlich gefährdet oder gefährdend sind, Aufnahme, Erziehung, liebevolle Obhut und Pflege, und damit die Möglichkeit, einem geordneten Leben und bürgerlichen Beruf wieder zugeführt zu werden: So hat Ssenburg schon manch ein Menschenleben vor dem Untergänge bewahrt und es als brauchbares, achtbares Glied unserer jüdischen Gemeinschaft dem Leben neu geschenkt. Daß der Bund die Bekämpfung verheerender Volkskrankheiten zu einem seiner Arbeitsgebiete macht, sei nur kurz erwähnt, Sn Wgk auf Föhr hat er im letztoergangenen Sahre einer staatlichen Anstalt für tuberkulös-gefährdete Kinder eine jüdische Abteilung angegliedert. Dort fanden in bisher drei Kurperioden eine Anzahl Kinder Erholung und Gesundung. Sn diesem Sahre hofft man den Betrieb ganzjährig durchführen zu können. Es können noch manche Arbeiten und vor allem auch noch viele neue Aufgaben, die der Bund plant und zum Teil auch bereits bearbeitet, genannt werden, doch verbietet es der Rahmen eines Aufsatzes, hierauf näher einzugehen. Aber auch diese kurzen Ausführungen dürften genügen, um jeder jüdischen Frau die Sdee und Notwendigkeit des jüdischen Frauenbundes nahezubringen und sie zu tätiger Mitarbeit zu veranlassen. Der Antisemitismus als Dehatenz - Erscheinung. Von Herbert Goldschmidt -Dahlem. Eine Geschichte des Antisemitismus zu schreiben, die die Entwicklung dieser an sich sehr interessanten Bewegung von jener römischen Zeit an bis auf den heutigen Tag eingchend schildert, hat wohl noch keiner den Mut gehabt. Die Erkenntnis dieser großen, sich durch vielfache Kulturen und Völker hindurchziehenden Erscheinung in ihrer ganzen Entfaltung und Entwicklung kann es aber nur fein, die uns dazu bewegt, als Mensch, als Deutscher, als Sude zu ihr Stellung zu nehmen. Denn in ihrer jeweiligen Gestalt, in ihrer Stärke und Schwäche, in ihrer Wahrheit und Hinterlist, ihrer Bemäntelung und Verstecktheit spiegelt sich ein beachtenswertes Bild jedes Zeitalters und jedes Kulturzustandes. Daß es in den letzten Sahrtausenden kaum eine Epoche gegeben hat. in der der Sude in allen Ländern frei und unbehelligt seinem friedlichen Tagewerke nachgehen konnte, ist eine Tatsache, die. so bedauernswert sie an sich ist, nicht weiter erörtert zu werden braucht. Snteressant (und nicht nur für den Historiker interessant) ist es aber, zu betrachten, in welcher Art und mit welchen Waffel zu den verschiedensten Zeiten der Sude bekämpft, verleumdet und drangsaliert worden ist» und mit welchen Gründen man die Notwendigkeit dieses Kampfes belegt hat. Hier spielen Verleumdung, traditionelle Antipathie, offener und geheimer Konkurrenzneid eine recht erhebliche Nolle. Wenn auch äußere und innere Gründe, die man für diesen Kampf anführen könnte, sich im Grunde genommen wenig mit den Sahrhunderten geändert haben, so kann man die an sich nicht unerfreuliche Entdeckung machen, daß im Verlaufe der Zeit die Mittel andere wurden. Und diese Betrachtung des antisemitischen Waffenarsenals dürfte für den Kampf der Gegenwart und für den Blick in die Zukunft von ausschlaggebender Bedeutung sein. Sst doch der eigentliche innere Grund fast immer und überall derselbe geblieben. Während die äußere Begründung im antisemitischen Lager nicht nur als Begründung, sondern vornehmlich als Mittel und Waffe beachtenswert ist. Die antisemitische Bewegung der grauen Vorzeit suchte nicht lange nach Gründen für ihre Aktionen, sie nahm, was gerade geeignet schien, um materiellen Gewinn und diplomatische Kniffe, zwecks deren man meistens Sudenverfolgungen in Szene fetzte, gut verschleiern und bemänteln zu können. Der Sude war eben der Sude; er war Freiwild und sozusagen glänzendes Material, um psgchologische Vorgänge, wie Empörung, Unzufriedenheit und Neigung zum Ungehorsam, die sich im Volke zeigten, in die rechten Bahnen zu lenken. — So trieb man es lange durch die Sahrhunderte hindurch, ohne daß diese staats-taktischen Snszenierungen von den damals noch primitiv denkenden Bürgern irgdenwie durchschaut worden wären, und ohne daß man sich daher in Regierungskreisen veranlaßt sah, andere, wohl auch beschwerlichere und kompliziertere, Wege einzuschlagen. Doch wir haben ja eine Entwicklung hinter uns: Der Bürger lernte denken, er wurde selbstbewußter, selbständiger und damit freisinniger; er läßt sich nicht mehr regieren, er will selbst regieren oder zunächst wenigstens alle im Rahmen des Staates in Szene gesetzten Vorgänge irgendwie begründet haben. Das ist die allgemeine Entwicklung der Neuzeit in den westlichen Staaten, deren große Linie sich bis zu dem heutigen Tage hinzieht, und die vielleicht heute einen gewissen Höhepunkt erreicht hat. Damit änderte sich auch, wie wohl bekannt ist, die Stellung des Volkes, der Regierung und des Staates zu ihren Süden, jener große Wendepunkt trat ein, der allgemein als Emanzipation bezeichnet wird. Von da an hört der Staat allmählich auf, Träger des Antisemitismus zu sein, und diese vergangenheitsreiche Bewegung basiert nun auf dem Willen einiger Bürger, die sich in Vereinen und Parteien zusammenschließen. Dadurch ist der Kampf gegen die Süden (von antisemitischer Seite aus gesehen) erheblich schwieriger geworden; er braucht Gedankenrichtung, Gedankeninhalt und ein einheitliches Sgstem. Die deutsche antisemitische Bewegung war sich in den ersten Sahrzehnten nach der Reichsgründung nicht recht darüber klar, und sie hat den Kampf geführt (eigentlich ganz unsgstematisch) mit den altbekannten und doch letzten Endes schlecht bewährten Mitteln der Lüge, Verleumdung und geistlosen Verhetzung. Man brauchte im antisemitischen Lager ein antisemitisches Sgstem; und als man merkte, daß die alten Mittel nicht mehr recht einschlugen, hat man nach und nach eine gedankliche Konstruktion des Antisemitismus geschaffen, eine Konstruktion, die zum größten Teil auf der sogenannten Rassentheorie basiert. Diese gedankliche Konstruktion hat sich nach und nach zu einer Art Philosophie und Sdeologie herausgebildet, die vornehmlich in Deutschland für die Weiterexistenz und zukünftige Entwicklung des deutschen Geistes (und dieses Wort ist und darf kein Schlagwort feini) eine große Gefahr zu bilden droht. Es ist an der Zeit, die Rassentheorie und die gesamte, leider ja im Augenblick (wozu das verheimlichen?) mehr und mehr Anhang findende antisemitische Sdeologie als das zu kennzeichnen, was sie ist: eine Denkweise, die unbedingt zur geistigen Verflachung» zur Oberflächlichkeit, zur Aeußerlichkeit, zur Unlogik führen und erziehen muß. Denn auch darüber muß man sich klar sein: Das ganze philosophische Sgstem des Antisemitismus (und damit ist diese Bewegung noch nicht als „geistvoll" gekennzeichnet) ist präter propter durchaus geeignet, den Deutschen nicht nur in seiner Stellungnahme zum Süden, sondern auch allgemein in seiner Stellungnahme zum Leben zu beeinflussen. Man kann beim besten Willen nicht behaupten. daß in diesem ganzen Sgstom irgendwelche tiefe Gedanken ruhen, die den Menschen (ganz gleich nach welcher Richtung hin) irgendwelchen inneren Lebensinhalt verleihen können. Aber gerade in seiner Oberflächlichkeit ist es wie dazu geschaffen, die leider an sich schon wenig scharf denkende Masse des Volkes zur oberflächlichen Denkweise. Beurteilung und Lebensart zu verführen. Das ist es ja gerade, was die antisemitische Bewegung heute mehr denn je nicht nur für einen jeden ehrlichen Süden, sondern für einen jeden ehrlichen Menschen bekämpfenswert macht. Sm Verlaufe der Zeit hat sie sich nämlich, gerade im Verfolg ihrer angeblichen „Vergeistigung", nicht nur zu einem, trotz allem mehr und mchr gefährlichen Werkzeug gegen den deutschen Süden, sondern auch zu einem solchen gegen den deutschen Geist überhaupt entwickelt. Und wie in Zeiten des Niederganges, zumal nach einem verlorenen Kriege, zunächst Verflachung schon infolge der Ereignisse ganz naturgemäß ist, so stellt ein derartig konkretes Sgstem der Verflachung, wie Rassentheorie und übrige antisemitische Sdeologie, eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die geistige Zukunft des deutschen Landes und deutschen Volkes dar. Aber auch anders. Man braucht nicht ohne weiteres die antisemitische Bewegung für die geistige Dekadenz, in der wir uns zweifellos, hoffentlich vorübergehend, im Augenblicke befinden, verantwortlich zu machen; man kann dieses, was Oberflächlichkeit und Geistlosigkeit angehl, äußerst zugespitzte Sgstem auch ansehen als ein Produkt des augenblicklichen geistigen Abstieges. So oder so, ob Ursache oder Wirkung: Es zeigt sich, daß es innerhalb der Probleme deutscher Kultur eine antisemitische Frage gibt, und daß die Lösung dieser Frage in gewissem Sinne ausschlaggebend sein wird dafür, ob das, was sich an deutschem Geiste langsam durch die Sahrhunderte hindurch (zeitweise unter zähestem Widerstände der Staatsgewalt)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.