Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 8 (23.2.1923)
- Date
- 1923-02-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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der aufwärts bewegenden Gewalt, nicht vergeht ein Atom der in sich selbst rufenden, beharrenden Kraft im unermeßlichen Weltall! Leele, bringst Du die Einheit Deines Geistes, bringst Du einen Frieden zum Herrn der Welt?" „Und meine Seele schmilzt bebend dahin vor der Gewalt, die mich ergreift, und steht klein und nichtig vor dem Rufenden. Denn da sie noch in irdischer Form wandelte und in Erdenschwere, da gedachte sie nicht, daß sie ein Leuchten war des göttlichen Geistes und Alles, was mit ihr lebte, ein Strahl war der Gottheit. Lie fühlte nur das irdische und gedachte nicht, daß sie das göttliche Feuer größer und rein zurllckbringen mußte, mit größer gewordenem Geist versinken sollte in die Reinheit und den Frieden der Urkraft. „Hast Du mich noch einmal zurückkehren lassen, Allerbarmer! Leise schlägt mein Her), noch im Krampf des Zurchtbaren. Och stand vor Deiner Pforte, ich bin gewandert im Oammertal! O feierliche Stunde, Du nahst und erfüllest mit Schauer die Seele. Treuer Gott, Du leitest den sterblichen Menschen, daß er sein Heil erkenne noch in der Stunde des Todes. Laß Heil erfprießen dem welken Blatt! Erbarme Dich unsrer, die wir nur Staub und Asche sind. Oeffne am Tage der Buße mein Her), Dich )u erkennen. Herr, ich bin verzagt in meinem Leid und erkannte nicht Deine Güte. Och war ein kleines, irdisches Geschöpf und lebte meine Tage wie die Pflanze, Tau und Sonne genießend, in Sturm und Kälte erschauernd. — Und sah nicht, daß Dein großes Alt eine Stätte war, wo Deine Geschöpfe ihre Seele blühen und reifen lassen, ihren Geist )u Deiner Göttlichkeit entfalten sollen. Daß sie nicht nur leben, genießen, um Unterhalt ringen und um ihr Recht kämpfen, sondern eingedenk sein sollen, daß sie ein- Sein leben, das als geistige Kraft )u Dir )urückkehrt. Daß sie nicht nur in schöner Sitte und freundlichem Gehaben leben, sondern die Tiefe Deiner Sittlichkeit suchen sollen, die als der Gedanke der Wahrheit, der Treue, der Liebe', die Seele in lieblicher Blüte )u Deiner Schönheit, Deinem Frieden fuhrt. Und ich erkenne, o Gott, Allgnädiger» Allbarmher- )iger, im Feuer meines Leides, daß Du mich durch den Schmer) Deiner göttlichen Wahrheit geführt hast; Du hast mich im Sturm )ur Kraft getragen; Du hast durch die Trauer meines Geschicks mein Gefühl Deiner Größe geöffnet. > Die Finsternis war aus dem Kerkergemach gewichen; ein fahles Grau fiel herein. Der Gefangene richtete sich hoch und bleich auf. Der Schmer) lag nicht mehr in seinen Fügen. Er faltete seine Hände. „Der Tag naht; so will ich mich rüsten, Herr, ich habe mich in Deinen Willen ergeben. Laß mich stark sein in Dir. Werden mich die Feinde leben lassen, so lebe ich in Dir, werden sie mich töten, so sterbe ich in Dir. Laß mich nicht ver)agen in der Todesqual. Herr, es gäbe am Fuße des Scheiterhaufens noch eine elende Rettung — wenn ich Deinen heiligen Namen vor allem Volk verleugnete, beschwöre, einem falschen, trügerischen Gott gedient )u haben, den ich für immer von mir stoßen will. 0 Herr, ich stoße von mir meine Rettung — ich kann Dich nicht verlassen! Och gebe mich Dir in der Freiheit des Willens )U eigen und sterbe in der Heiligung Deines göttlichen Namens. Och war ein träumender Mensch an der Oberfläche des Lebens, nun will ich die Ruhe und den Frieden des Göttlichen gewinnen und bringe Dir meine Seele in Einheit. Dein Friede ist über mir, Dein Friede ist in mir. Herr, gedenke meiner Lieben, sei meinen Kindern gnädig um meines Leides willen. Spende durch sie in Deiner Allmacht neues Leben; Du erfrischest die Pflanze, wenn sie erstarrt, und wenn sie erstorben, läßt Du neu aufspneßen. Herr, die Seiten kommen und gehen und es werden der Menschengeschlechter viele erstehen. Und viele werden Dich anrufen und heiligen und viele werden Dich nicht mehr finden und in törichte Flachheit verfallen. O möge dann ein Sohn oder eine Tochter meines Hauses erstehen und durch die ferne liegenden Feiten noch einmal auf das Geschick des Ahns gerührt zurückblicken; möge das Feuer, durch das ich sterbe, einen Funken in ihre Seelen werfen und ihre Her)en )u Kraft und Treue entflammen. Und wie der Phönix im Feuer endet und jung aus der Asche entfliegt, st) ent)ündet sich in Euch immer neu die ewige Schönheit, die )ur Gottheit zurückflnlende Größe und Wahrheit." Der Kerker lag im ersten Morgenschei». Franco Mendes neigte sich )um Sterben. „Sieh, Deine Himmel öffnen sich, o Gott! So nimm denn, o Herr» meine Seele! Och bringe sto Dir in Reinheil dar. Laß meine Liebe einen Gesang in Himmelshöhen werden, )ur Heiligung Deines Namens. Denn Dein Geist herrscht in den Tiefen, Dein Seist herrscht in den Höhen, Du tötest und belebst, Du führst zur Gruft und erhebst )ur Höhe. Du spendest Kraft und Frieden. 0 Gott, Du bist allein des Weltalls Herr! Deine Herrlichkeit strahlet auf jeglicher Stättel So höre es, mein Haus, so höret es, Ohr Völker alle: Der Herr, mein Gott, ist die ewige Einheit! Gelobt sei die Herrlichkeit seiner Größe!" Hochauf loderte die Flamme des Scheiterhaufens. Rabbiner Prof.Dr.PhilippBloch.* Dem Veteranen unter den liberalen Rabbinern Deutschlands, dem langjährigen Vorsitzenden der Vereinigung der liberalen Rabbiner, wie dem Gelehrten, dem Rabbiner wie dem Uber)eugungstreuen Bekenner gilt unser wehmütiger Nachruf. Voll gewinnender Liebenswürdigkeit und schlichter Herzlichkeit, voll abgeklärter Weisheit und verstehender Duldsamkeit erschien uns der patriarchalische Oubilar wie die Verkörperung des weisen Nathan, in seiner Persönlichkeit das Dichterwort erfüllend: „Es eifre jeder feiner unbeftochnen, von Vorurteilen freien Liebe nach! Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring an den Tag )u legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, mit innigster Ergebenheit in Gott )u Hilf!" Als Mann der Wissenschaft, als Gelehrter und Forscher auf dem Gebiete der Wissenschaft des Oudentums )ählte Bloch, dem der Ehrentitel eines Professors in Anerkennung seiner wissenschaftlichen Tätigkeit von der preußischen Regierung verliehen worden ist, zu den ersten Größen unter dem letzten Geschlecht. On stiller, treuer, gewissenhafter Arbeit ist er ergraut und konnte auf ein reiches Lebenswerk )urückfchauen. Schon feine beiden Ougendarbeiten, die im Oahre 1S62 von ihm gelöste Preisaufgabe des Breslauer Seminars: „Rabbi Simeon ben Gamaliel nach seinen Lebensverhältnissen und seiner geistigen Wirksamkeit" und seine Doktordissertation (1865) „Der Gottesbegriff bei Aristoteles" weisen frühzeitig auf die doppelte Spur, aüf welcher sich seine wissenschaftliche Tätigkeit vornehmlich bewegte: Geschichte und Religionsphilosophie. Auf dem Gebiete der Geschichte vertiefte er stch, nach seiner im Oahre 1871 erfolgten Berufung zum Rabbiner an die israelitische Brüdergemeinde in Posen, in die Erforschung der Geschichte der posenschen Ouden. Seine bedeutungsvollsten Arbeiten auf diesem Gebiete sind: „Die ersten Kulturbestrebungen der jüdischen Gemeinde Posen unter preußischer Herrschaft" (Graetz Oubelschrift 1887), „Die Generalprivilegien der polnischen Oudenschaft", „Die Sage von Saul Wahl, dem Eintagskönig von Polen", „Der Streit um den Moreh des Maimonides in der Gemeinde Posen um die Mitte des 18. Oahrhunderts", „Kolonisationsbestrebungen des Salomon Tiger", „Der Mamron oder der jüdisch-polnische Wechselbrief". — Dem Andenken seines berühmten Lehrers am Breslauer Seminar, des Historikers Graetz, der ihn ganz besonders als seinen Lieblingsschüler ins Herz geschlossen hatte, widmete er in freundschaftlicher Pietät seine Biographie „Heinrich Graetz", die zuerst in Amerika englisch, dann auch ins Deutsche übersetzt im 48. Oahrgang der Zrankel-Graetzschen Monatsschrift erschien. — Auch auf einem Grenzgebiet zwischen Geschichte und Talmudwissenschaft veröffentlichte er wertvolle „Studien zur Aggadah" (abgedruckt M. S., 04. und 35. Oahrgang). Seine besondere Liebe aber wendete Bloch religionsphilofophischen Studien zu. Er übersetzte Saadias religionsphilosophische Buch „Von Glauben und Wissen" (187$) und einen bedeutsamen Abschnitt aus Thasdai Ereskas „Or Thora" über die Willensfreiheit. Er untersuchte den Einfluß der Merkaba-Mgstiker der Gaonenzeit auf die Liturgie (M. 5., 37. Oahrgang). Als die letzten reifen Früchte seiner religionsphilosophischen Studien schrieb er für „Winter und Wünsche", die „Geschichte der Entwicklung der Kabbalah und der jüdischen Religionsphilofophie" (1894) und „Die Kabbalah auf ihrem Höhepunkt und ihre Meister" (1905). Seit seinen Studienjahren gehörte Bloch der liberalen Richtung an, die er mit Mäßigung, wo es nottut aber auch mit Entschiedenheit vertritt. Unser inniges Beileid wendet stch der tapferen umsichtigen Gattin zu» die treu und sorgend, weise und verständnisvoll ihm ein langes Menschenleben hindurch zur Seite stand. *) On Berlin starb vergangener Woche Rabbiner Professor Dr. Philipp Bloch im hohen Patriarchenalter. Vom Kampf der Künstler um die Oudeufeele. Bo» Alfred Auerbach. Und immer wieder Deutschland und seine Sude»! „Brüderlichkeit" von Waller Bloem, ein Feitronum h» Verlag Grethlein. Leipzig 1922, ruft in das Haßgefchmet- 1er, in die eintönige Lärmüberbietung der zeitgenössischen, deutschen Schriftkunstwerke und Schriftgefchichtswerke einen eigenen Ton hinein. Einen vornehmen, starkatmigen Klang! Ob er ausreicht? Ob er durchdringt? — Wer dies Konzert zu hören, auszuhallen, stch zum Berufe §tmacht hat, wird sagen müssen: „Oh nein, die Stimme des ritterlichen Bloem wird nicht durchdringen!" Er wird überlobt werden von dem wütenden Thor, er wird ei» neues Haßheulen veranlassen. — das ist die nächste Wirkung seines vornehmen Werkes. Aber, einmal muß die Lunge der Horridohleute wohl auch müder werden, und dann wird man die kultivierte Tonart Bloems weithin vernehmen. — Bloem wird es mit seinem Roman weder allen Ouden, noch ihren Gegnern recht machen. Er wird nur auf freie, vorurteilslose Leser wirken. Aber jeder, wenn er nicht ganz verbisten ist, wird die aufrechte Haltung dieses Mannes, die kernige, kraftdeutsche Ehrlichkeit dieses Seltenen anerkennen. Bloem ist bestes Deutschtum. Vielleicht ist eben dieser Gesinnungstrotz gegen alle Hetzvorurteile das Stärkste an ihm. Man kann über den Romanschriftsteller Bloem, wenn man Aesthet, wenn man Ontellektueller ist, mit einer leichten Geste hinweggehen, über den M a n n nun doch nicht so ohne weiteres. Selbst die Leute, die ihn um seine Erfolge beneiden, werden in diesem Werke den eigenen Ton hören müssen, der die Beliebtheit Bloems schafft: es ist die herzhafte, rheinländische Wärme, die Gegensetzlichkeit zu der technischen Kälte unsrer Berstandesromanschriftsteller. Bloem hat eine forsche, draufgängerische, optunistische 0 o v i a l i 1 ä 1. Das ist heute etwas besonderes, etwas seltenes. On dem griesgrämigen, hypochondrischen, unaufrichtigen, hinterhältigen, hgpokritischen Thorus der Romanschreiber, welch eine erfrischende, saftige Baritonstimme, kein Heldentenor, nein, ein einfacher, männlicher, posenloser Klang. Da schmettert Bloem in das altmodische muffige Getue der Korpsstudenten seinen Vorwurf hinein: „Oungens, seid doch zeitlebend, ihr werdet sonst Vergangenheitsgespenfter werden!" — Das sagt er nicht wörtlich, aber dem Sinne nach. Und der junge Korpsstudent jüdischer Abstammung fällt als Bahnbrecher für freie Fukunftsmenschen. Dem jüdischen Leser ist es peinlich, daß Bloem den jungen Kämpfer gerade als Getauften hinstellt. Fumal dem freigefinnten Ouden ist solche potenzierte Unfreiheit zuwider, die rückwärts ins Vorurteil deutet. Aber man vergesse die romantechnischo Frage nicht. Wollte Bloem den Kampf in seiner zugespitztesten Form schildern, dann brauchte er den g l a u b - Haft geduldeten Ouden im rabiaten Kreise. Und dann, — wer will es dem vornehmen Willen des Schriftstellers verübeln, wenn er in dies heikle Problem sich nach seiner Weise einfühlt? Er hat es ehrlich getan, herzhaft, ohne Mache, ohne Anbiederung nach irgendeiner Seite. Wir haben allen Grund, dem im besten Sinne deutschen Mitbürger für seine Tat zu danken. — ÜSÜüMüiiHt Rachdruck sämtlicher OriglualbeiträgL nur mit Genehmigung der Redaktion gestattet. Augesaudte Rlauulkripte «erden nur rurückgefaudt, wenn Rückporto beiliegt. WTWWMWWWWSMWMMWWWWG Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlaads I LI BRESLAU Büro: Höfchenstrasse 61 Der Vereinsabend am Montag, den 26. Februar 1923, fällt aus Bestellungen auf die „Züdisch-liberale Zeitung" können durch Einzahlung auf Postscheck-Konto Berlin Ar. 137069 oder durch Postkarte au die Expedition erfolgen. Herausgegeben von der Bereinigung für das liberale Zudentum L. V. — Verantwortlich: Dr. Laefar Selig mann, Rabbiner in Zrankfurt a/Rl. — Druck: Gebrüder Alaurer, Berlin 80. 2b. Llifabetb-Ufer 28/29-