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Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-02-23 · 8 (23.2.1923) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
3 (1923)
Issue
8 (23.2.1923)
Date
1923-02-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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tcn. jammernden Zreundesblick grüßend, mit festgeschlossenen Lippen und in fremde Gewänder verhüllt, um sich nicht den Schergen der Inquisition zu verraten, die spähend umherschlichen. So wird der Fug des Todes gemessen und langsam zu dem Quemadero, der Brandstätte, ziehen. Da ragt ein hochgetürmter, flammender Scheiterhaufen, mit feuchten Reisigbündeln beworfen, deren Qualm erstickend zur Höhe zieht-und Franco Mendes wirft einen letzten Blick auf die in blauem Dufte schimmernden fernen Berge, auf die Sonne, die strahlend auf den Rebenhügeln liegt, auf die lieblichen Rosengärten seiner Heimat und hebt seine Hand zum Himmel- „Vater, mein lieber Vater —" „Mein Gatte, mein Liebster —“ Welcher geliebte Laut durchbricht die Todesqual! Welche süße Stimme dringt durch das Dunkel des Kerkers und scheucht die finstere Todesangst zurück? Welche teure Hand streckt sich über das Weltmeer und nimmt seine kalten Hände zart in die ihren? Welche Liebe bebt in stummer Treue über Länder und Meere angstvoll an seinem Herzen? Der Gefangene richtete sich auf und heiße Tränen brachen aus seinen Augen. „Süße Liebe, kommst Du in der Todesstunde wie ein letztes Glück! Fühlt 6hr es» geliebte Herzen, wie das Herz des Vaters, wie die Seele des Geliebten in Todesnot ins Dunkle finkt? Hat es Tuch ein Tngel in die Seele gehaucht, daß Shr aufschrecket, wo Shr auch wandelt, daß Euer Gefühl mit Liebeskraft durch die Fernen dringt! Schmiegt sich alle Süße Eures Seins wie der Tau des Himmels um das erstarrte Herz!" „2ch sterbe, meine Teuren, ich sterbe für Euch! Tin Himmelstrost leuchtet auf in meiner Rächt. 2ch konnte Luch reiten! 2ch weih Luch geborgen und ich bin der Preis für Euer teures Leben." Der Gefangene versank in Trinnerung, die ihm das Her? schmolz. Man schrieb das 2ahr l 593. Die Scheiterhaufen der Inquisition flammten durch Spanien und Portugal; lausende von unglücklichen (Zuden starben den Flammentod und die, welche, um sich und die ihrigen zu retten, ihren Glauben abgeschworen halten, die Reuchristen, Marranos, deren Glaubenstreue sich die Inquisition nicht sicher fühlte, wurden mit noch größerem Fanatismus dem Scheiterhaufen überliefert, ihre Güter, ihr Vermögen eingezogen und dem Staatsschatz und dem Snquisitionstribunal überwiesen; ihre Familien verfielen der Vernichtung. Sogar das Vermögen verstorbener, der Ketzerei beschuldigter Marranen wurde konfisziert; ihre Rachkommen zur Thrlosigkeit verdammt. Die Inquisition verschonte nicht Mann, Greis» Weib und Kind. Sie widersetzte sich dem fürstlichen Willen und der päpstlichen Gewalt und verschlang in fürchterlichem Glaubenseifer gleich einem Moloch das Leben von Tausenden, das Glück und die Wohlfahrt der blühenden Lande. Shre Schergen schlichen durch das Volk, ihr Arm reichte in weite Fernen. Sie verlangte durch ein Tdikt von allen Gläubigen im Ramen Gottes und bei Vermeidung der schweren Exkommunikation, daß sie Angeber werden sollten der ketzerischen Marranen. und von den Marranen, daß sie ausfagen sollten, der Freund gegen den Freund, der Bruder gegen den Bruder, der Sohn gegen den Vater, ja sogar gegen die verstorbenen Eltern, deren Gebeine aus den Gräbern gerissen und verbrannt wurden. Als Merkmale der Ketzerei judaisierender Reuchristen wurden angegeben: „Wenn getaufte «3uden Messiashoffnung gehegt, den Sabbat oder einen jüdischen Festtag gefeiert, an diesen Tagen ein sauberes Hemd angelegt und bessere Gewänder getragen, den Tisch mit dem Tafeltuch bedeckt, kein Feuer an Sabbat- und Feiertagen angezündet hatten oder wenn jemand am Versöhnungstag ohne Fußbekleidung gegangen oder einen Anderen um Verzeihung gebeten oder wenn der Vater auf das Haupt seiner Kinder seine Hände segnend gelegt, ohne das Kreuzeszeichen dabei zu machen; ferner wenn sich Fernand beim Gebet mit dem Gesicht zur Wand gekehrt oder dabei den Kopf bewegt hatte, über einen Weinkelch einen Segensspruch gesprochen und davon den Tischgenossen zu kosten gegeben. „Wenn ein Marrane in der Fastenzeit Fleisch genossen, wenn eine Frau sich nicht vierzig Tage nach ihrer Riederkunft in der Kirche eingefunden, wenn Eltern ihren Kindern jüdische Ramen beigelegt, wenn der Sterbende beim letzten Atemzug das Gesicht zur Wand gekehrt hatte." 15 000 Ketzer wurden gleich zu Anfang der Inquisition eingezogen. Wie ein neuerer Historiker der Snquisitionsgeschichte von Portugal, A. Herculano, bemerkt, standen ihm in dem fast unberührten Archiv des Snquisitionstribunals von Lissabon die Akten von nahezu 40 000 Prozessen zu seinem Studium zur Verfügung. Llorente, der Sekretär der Inquisition, entwarf ein schauerliches Bild der unsäglichen Leiden der Verfolgten und der zum Tode geführten Opfer. Die Unglücklichen, die sich mit Verzweiflung an die Heimat geklammert halten, die ihnen 1500 Sahre hindurch ein teures Vaterland gewesen, die sich auf den Friedhöfen auf die Gräber ihrer Lieben warfen und die Loichensteiue ausrissen, um sie nicht in die Hände der deinde fallen zu lassen und sie als Angedenken zu bewahren r— sie hatten zuletzt nur noch ein Streben — dem mordbeflecklen Lande zu entfliehen, wo die Vernichtung ständig neben ihnen ging. Sie richteten ihre Blicke auf die Niederlande, wo auch die Inquisition fürchterlich gegen die lutherischen Ketzer gewütet hatte, aber durch den Abfall der Staaten von Spanien und die Unabhängigkeitskriege siegreich zurückgeschlagen war. Wilhelm von Oranien, der große Protektor, ließ eine neue Hoffnung in den Herzen der Unterdrückten aufkeimen und sprach den edlen Gedanken aus von gegenseitiger Duldung und freundlichem Zusammenleben verschiedener Religionsparteien und Bekenntnisse. Es gelang einigen der Marranen, nach vorhergegangenen vorsichtigen Anfragen ihrer Bevollmächtigten an die niederländischen Magistrate, mit dem Versprechen, durch ihre großen Reichtümer und ihre Handelsbeziehungen die darniederliegenden Städte zu blühenden Handelsplätzen zu gestalten, Eingang in Holland und Belgien zu finden. Diese glückliche Rachricht gelangte auf geheimen Wegen nach Portugal, drang nach Qporto und es vernahm sie auch Franco Mendes. Er war das Mitglied einer zahlreichen Familie, um deren ungewisses, banges und oft bedrohtes Geschick er im Schmerz dahinlebte. Sein heißes Bemühen setzte er darein, einen Rettungsweg für die Seinen zu finden. Das Geschick kam ihm zu Hilfe. Mit seiner Familie eng befreundet, lebte nahe mit ihnen zusammen eine Marranin von großer Unerschrockenheit des Geistes und weitem Blick, reich und geachtet, Donna Magor Rodrigues Homem. Donna Magor hatte eine Tochter von zauberhafter Schönheit, Maria Runes, und einen blühenden Sohn, Manuel Lopes Peregra. Daß ihre Kinder der Inquisition verfallen könnten, ließ der Mutter Her; nicht zur Ruhe kommen. Sie ging auf Schleichwegen, um Rettungsmöglichkeiten zu entdecken, sie feuerte den finkenden Mut ihrer Freunde an, sich durch die Flucht zu retten. Durch die Bemühungen des Franco Mendes und eines beherzten Marranen, Facob Tirado, gelang es, ein Schiff zu gewinnen, das einen Teil der Familien Homem und Mendes unter Anwendung unendlicher Vorsicht aus Portugal flüchten und in ein Asgl nach Holland bringen sollte. Donna Magor Rodrigues riß sich das Teuerste, das sie besaß, ihre blühenden Kinder, vom Herzen und vertraute sie einem ungewissen Schicksal an, nicht wissend, ob ihre Augen sie wiedererblicken sollten. Aber Maria Runes außerordentliche, wunderbare Schönheit, hoffte die Mutter, würde die Rohheit abhallen, sich an solchem Liebreiz zu vergreifen und ihr Sauber ein Schutz für sie und ihre Genossen werden. Mendes gab seine Söhne, Francisco Mendes Medegros und Ehristoval Mendes Franco, und auch seine Gattin, Fusta Mendes, mit. Sacob Tirado geleitete die kleine Schar der Flüchtigen und gab geheime Nachrichten nach Oporto an die «Zurückgebliebenen. Sie hatten Portugal hinter sich, da wurden sie von einem englischen Schiffe, welches die portugiesische Flagge verfolgte, gekapert und nach England gebracht. Maria Runes, deren Schönheit in keiner Verkleidung zu verbergen gewesen wäre, reiste in den Gewändern einer portugiesischen Grandin, ihre Genossen galten als ihre Begleitung. Der Kapitän, ein englischer Herzog, durch ihre Grandezza in der Meinung, eine Angehörige des hohen portugiesischen Adels vor sich zu haben, hingerissen von dem zauberhaften Frauenbild, bot ihr seine Hand. Aber die Marranin, Trauer im Herzen über ihr und der ihrigen schweres, unglückverheißendes Los, nur von der Sehnsucht erfüllt, eine friedensvolle Ruhestätte für die Shrigen im fernen Holland zu gewinnen, nahm den ehrenvollen Antrag nicht an. Der Kapitän, in der Hoffnung, sie noch für sich zu gewinnen, brachte die Gefangenen nach England. Hier machte die Marranin ein solches Aufsehen, daß sogar die jungfräuliche Königin Elisabeth begierig wurde, die gefeierte Schönheit zu sehen. Die Königin befahl Maria Runes zu einer Audienz zu sich und ließ ihr ihren Schutz angedeihen. Durch Maria Runes' Fürbitte konnten die Marranen ungefährdet England verlassen, um nach Holland zu segeln. Sie erlebten eine gefahrvolle Seefahrt; ein Sturm drohte das Schiff scheitern zu lassen. Mit unendlicher Mühe erreichten sie den Hafen von Emden. Fn neuer Verkleidung gingen die Flüchtigen fremd und ausgestoßen durch die Stadt, da sahen sie an bekannten Schriftzeichen an einem Haufe, daß hier Stammesgenossen heimisch seien. Sie fanden einen frommen und gelehrten Mann, Mose Uri Halevi, dem sich 2acob Tirado entdeckte. Mose Uri riet ihnen, nicht an dem kleinen Platze zu bleiben, wo ihre Anwesenheit leicht entdeckt werden konnte, sondern sich nach Amsterdam zu begeben, wo mehr Duldung herrschte, und nannte ihnen dort einen günstig gelegenen, verborgenen Platz. Er geleitete mit seinem Sohne die Flüchtlinge dahin und am 22. April 1595 erreichten die Geretteten die Stätte, an der sie Duldung und eine friedliche, neue Heimat fanden. Sie wurden die Gründer der später zu großer Macht und Ansehen gelangten jüdischen, Gemeinde in Amsterdam. Die Furückgebliobeuen in Oporto hatten auf geheime Weise Rachricht von der verborgenen «Zufluchtsstätte erhalten. Ts nuißtc ibr äußerstes Bemühen fein, das tiefste Geheimnis zu wahren, um den Spürern der Inquisition zu entgehen, deren Arme über das Meer langten. Sie setzten nun alles daran, ebenfalls die Flucht zu ergreifen und zu den Shrigen zu gelangen und mußten sich damit beeilen, um nicht entdeckt zu werden. Es gelang Donna Magor Rodrigues Homem, sich mit zwei jüngeren Kindern, einem Sohn Antonio Lopes und ihrer Tochter 2usta Peregra, zu flüchten und sich in Amsterdam mit ihrer schönen Tochter und ihrem Sohne Manuel wieder zusammenzufinden. Franco Mendes, der, um die Spürer von seinem Hause und den Geflohenen abzuwenden, noch eine kurze Feit in Oporto verweilen sollte, wollte mit den Flüchtigen an einem ierabredeten Orte Zusammenkommen und hoffte dann mit seinen Lieben wieder vereint zu werden. Doch er wurde das Opfer seiner Treue. Er ward von den Schergen der Inquisition aufgegriffen» als er so nahe seiner Rettung stand. Franco Mendes, der sich schwer gegen die Verbote dep Inquisition vergangen, judaifierenden Marranen zur Flucht verholfen, während schon eine Reise von Marranen außerhalb Portugals untersagt war — dazu verholfen hatte, daß der Reichtum der Familien Homem und Mendes außer Landes gebracht und dem Staatsschatz und der Inquisition entzogen wurde — er war dem dnquisitionstribunal verfallen. Er wurde in die finsteren Kerkergewölbe der Inquisition geworfen, die ein Ketzer nur wieder verließ, um zum Scheiterhaufen geführt zu werden. Alle Drohungen, alle angewandten Qualen, sogar die Folter vermochten dem Gefangenen nicht das Geheimnis von Flucht und Aufenthaltsort seiner Lieben und seiner Freunde zu entreißen. Und Mendes, der die Habgier der Inquisition kannte, hoffte noch, durch List und falsche Führung seine Feinde zu täuschen und auf diese Weise eine Gelegenheit zum Entkommen zu finden. Doch der Haß und das Rachegefühl gegen den Ketzer überwogen noch die Habgier des änquifilionstribunals. Sein Besitz war ja auch nicht so bedeutend, um sich lange mit ihm zu befassen. Er war nicht im Falle des Marranen Diego de Sufon, der ein Vermögen von 10 Millionen besaß, als einer der ersten Verurteilten dem Ketzergericht von Sevilla zum Opfer fiel und zusammen mit zwei der reichsten und angesehensten Marranen von Sevilla auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. (<3anuar 1481.) Das Fnquifitionstribunal gab den Entwichenen ein Flammenzeichen, das ihren Weg schrecklich beleuchtete, und verurteilte Franco Mendes zum Feuertode. — -- Der Verurteilte fuhr aufschreckend aus seiner Versunkenheit. War sie noch einmal zu ihm gekommen, die Freude seines Lebens! Hatte die Stimme seiner Knaben nicht sanft neben ihm geklungen! Hatte nicht seiner Gattin Hand liebeszart auf seinem Haupte gelegen! Lag ihre Wange nicht an seiner! Ach, sein liebes Häuschenl Da war es doch, eingebettet in Grün und Blumen, mit seinem traulichen Erker und die weißen Rosen rankten sich daran in die Höhe und die blauen Glockenblumen fielen vom Rande der Balkone. Schimmernd lagen Flur und Gemächer vor ihm» die schönen alten Schränke, die weichen Polster, die seidenen Decken, von 2usta'§ Hand kunstvoll ausgestickt. Seine Hand streicht über das weiße Gebreite seines Lagers; wie kühl das ist — wie gut! Und er öffnet den mit bunten Glasereien gezierten Fensterflügel und sieht hinaus in seinen blühenden Garten. O, wie die Sonne so hell hineinscheint — wie der Springbrunnen rauscht! Licht liegt auf allen Wegen, der Himmel so blau. Sieh nur, wie zart die weißen Wölkchen über das tiefe Blau ziehen! Ach und der Vogel, wie er zutraulich hin und wieder fliegt, Halme trägt zum Nestbau. ' Wie ist die Welt doch so schön, so atmend, so lebend! „0, wie ich mich daran freue! Wie sich meine Glieder wohlig strecken. 2ch fühle mich so jung, so wohl. 2ch möchte laufen, mich reiten, kraftvoll tragen und heben,, meine Kraft fühlen! O wunderbares Gefühl, zu atmen, kraftvoll zu leben!" „Ha — was streicht da so kalt, so dunkel an mir vorüber! Du weichst zurück von mir, mein Leben —" Sch sinke hinab, hinab in eine dunkle Tiefe. Sie öffnet sich schaudervoll — und meine Seele bebt. Der dunkle Bote, er trägt mich hin auf lautlosen Fittigen. Und es scheint das Dunkel grausig sich zu regen und sich ahnend auf meinen Geist zu legen und es spricht schrecklich: „Gedenke, o Seele, die Du aus dem Hellen Licht hinabsinkst in Grabesfinsternis, Du bringst Dein Sein zurück zum Herrn der Welt! Du wirst stehen vor dem Richter der Lebenden und der Toten. Keine Rede, keine Stimme, nicht wird der Hauch vernommen des Herzensprüfers. Du wirst nicht sehen sein Angesicht.» Du sinkst dahin ins unendliche Sein, in die Urkraft der Welten. Was Du warst, das wirst Du sein! Was Du getan, das wird Dir werden! Seele, was bringst Dü zurück in Deinem Geist zur Kraft der Welt?" - „Denn siehe — Du stehst vor dem Ungeheuren. Der Alltag Deines Lebens weicht nichtig zurück. Du gehst ein in die Große des Seins, denn nicht vergeht ein Hauch

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