Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 8 (23.2.1923)
- Date
- 1923-02-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IWchÄemtlZriiMg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Dez»g»prrrs durch dir SsfchLstsstettr '/«fährt. M. L50.- Ltur*l««mmer.. 25.- Mr die Mitglieder der Dereiuiguug ist der D«,«g»preis s s « in Wttgtiedebettrage eiubegriffeu. n u :: Amekgevpreis: Me 3'/, cm breite mm-Zette Al. so.. ... , _ .. „ tx . . . . 1 Redaktlo« ««d GefchLttestellr: Die „Züdisch-liberale Zeitung erscheint jeden Ireitag, je I Berlin W. L, Mauerstraße 22 (Bereinigung für da» dreiwöchentlich als wcheufchafikche Beilage Liberales Judentum" und I »berale Zudeuium«. B.(, Seruruf- Amt Zentrum iss. „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugeudvereiue". Anreigeu-Annahme bei der Se(chL)i«fteUe Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin AM. 7 T<mULe«a«reige» M.4o!-. Bei Wiederholung Ermäßig. A?. 6 « BerÜN-2). ZebrUSr 192) * ). AahrgÜNg Ar. 1Z70S9 (Bereinigung für dar liberale Zudeutum e.B.). liberales ^ucientum Monatsschrift für die religiöse Erneuerung des Judentums Heraurgegebeu neu der Bereinigung für das liberale Zudeutum S. D. unter der Schrifileitnng von vr. Laefar Selig mann» Rabbiner in Jrankfmt am Main. Ar. 2 Februar /Mär; 5. Zahrgaug Anhalt: Die Algstik der Leiden. Bon Dr. Leopold Kerrkemeti, Oberrabbiner in Grohwardein. — Die letzte Nacht des Franco Nlendes. Bon Paula Brandes, Frankfurt a. Ai. — Rabbiner Professor Dr. Philipp Bloch. — Vom Kampf der Künstler um die Zudenseele. Von Alfred Auerbach. —. - ■ - 1 ■ — —... Die Algstik der Leiden.*) Bon Dr. Leopold Kecskemeti, Oberrabbiner in Grohwardein. Ueberfetzt aus dem Ungarischen von Rabbiner Dr. L l s a h. Die Geschichte hatte in jeder Weise die Judenheit zur Mgstik hingedrängt. Es sind grausige Jeiten die Jahrhunderte zwischen (200—1500. Zur den Juden hatte das Leben nur dann Wert, wenn er die Wirklichkeit nicht sah; wenn er bas Leben anders ansah, als was es in Wirklichkeit war. Der spanisch-jüdische Geist brachte die spekulative Mgstik hervor, der deutsch-jüdische Geist schafft die Mgstik der Leiden. Der philosophische Romantizismus vermag auch das religiöse Leben zur Askese zu führen; doch hängt es von der individuellen Stimmung ab, ob der Romantiker zum Asketen wird: gegen das mönchische Judentum eines Bachja legt der andere Romantiker, Juda Halevi, Verwahrung ein. Doch wenn Leiden den Romantizismus erzeugen, Leiden, die an das Lebensmark greifen und für Jahrhunderte jedes Lächeln bannen: dann ist die Askese keine zufällige Begleiterscheinung, sondern eine geschichtliche Notwendigkeit, die aus der Volksseele selbst hervorbricht; dann ist sie keine Krankhafte Entartung, sondern ein Heilmittel. Unter den deutschen Juden, bei Juda Ehesid und Eleasar aus Worms, tritt die Kabbala sofort als Mgstik der Leiden auf. Später bekennt sich auch der Spanier Abraham Abulafia zu dieser Leidensmgstik; es lag Grund genug dazu auch für ihn vor, denn auch die französischen und spanischen Juden halten ein volles Maß der Leiden durchzukosten — doch die Klassiker des jüdischen Leids waren die deutschen Juden. Grausige Jahrhunderte sind die Jeiten zwischen (200 bis 1500. Wir können sie nicht erschöpfend behandeln, wir müssen es mit einigen trockenen Daten genug sein lassen. Das Konzil im Lateran vom 50. November (2(5 setzt kanonisch fest, daß die Juden eine besondere Kleidung tragen mutzten. Judenmetzeleion fanden statt: 1221 in Erfurt, (225 in Mecklenburg, 1226 in Breslau, 1235 in Landau und Bischofsheim, 1236 in Fulda, 1241 in Frankfurt a. M., (243 in Kitzingen und Belitz, 1244 in Pforzheim. Das Gesetz Alfonso's (1265) bedroht mit Todesstrafe einen Ehristen, der zum Judentum Übertritt; sollte man es glauben, daß eine solche Drohung noch nötig sein konnte . . . . Man mordete Juden, und zündete über ihnen die Häuser und Sgnagogen an: 1264 in Arnstadt, 1265 in Koblenz, 1266 in Sinzig; viele deutsche Zamilien legen sich stolz den Namen „Judenbreter" zu — tragen ihn fast als Adelsnamen. Das Wiener Gesetz vom 12. Mai 1267 verbietet den Juden das gleichzeitige gemeinsame Baden mit Ehristen, und verordnet das Tragen des „pileum cornutum“. Die Schlächtereien werden fortgesetzt: 1270 in Weitzenburg, 1263 in Mainz, Bacharach und Brückenhausen, (285 in München, 1286 in Boppard. Dann folgte die Blutarbeit des edlen Rindfleisch — wie viel jüdisches Blut mutzte nicht fliehen — am 20. April (298 beginnt er sie in Rütingen, dann setzt er sie fort in Würzburg, Nürnberg usw. Während sechs Monaten wurden hunderttausend Juden hingeschlachtet. In Bagern wüten von (336 bis 1338 die „Iudenschläger"; die Gemeinde Deckendorf hatte auf einer Gedenktafel verewigt: Anno (337 Den nächsten Tag nach Michaelis Tagen, Da wurden die Juden erschlagen. Im Jahre des schwarzen Todes, 1348, ward noch die „Bosheit" der Juden greller, indem man sie der Brunnenvergiftung beschuldigte. Das Rachewüten beginnt in Südfrankreich, in Spanien nimmt es seinen Zortgang» in *) Lin Kapitel aus einem gröberen, 1913 erschienenen Werke „Egy zsido valläs vaue töble? Gibt «seine jüdische Religion oder mchrere?" | Bereinigung der liberalen j| | Rabbiner Deutschlands, fl Wir bitten die Herren Kollegen, den Jahresbeitrag pro (923 mit mindestens Mark 100.—, sowie die etwa noch rückständigen Beiträge aus ftüheren Jahren (für (922: (0 Mark, (921: 5 Mark) auf das Postscheckkonto des Kollegen Bogelstein (Breslau 42738) oder an den Schlesischen Bankverein, Depositenkasse A in Breslau auf das Konto der Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands umgehend einzuzahlen bezw. zu überweisen. Der Vorstand: Leligmann Vogelslei» Tarrega ermordet man 300 Juden, in Ehillon metzelt man am Jomkippur die ganze Gemeinde nieder; darauf folget das Wüten in Bern, Jofingen, Zürich, Lindau; am 9. Januar (349 in Zreiburg, (0. Januar in Speier, am 14. Zebruar in Stratzburg, am 1. März in Worms, am 24. Juli in Frankfurt a. M., am 24. August in Mainz (6000 Juden), am selben Tag in Köln; bald darauf in Eisenach, Gotha, Erfurt, Breslau, Wien; hier töten sie sich mit eigener Hand in der Sgnagoge; am 29. September in Krems, nachher in Augsburg, Wllrzburg, München; am 6. Dezember in Nürnberg, darauf in Hannover, Brüssel. Wozu diese grausige Ehronik fortsetzen? Sie ist sehr, sehr monoton — die Geschichte der Kultur ist wahrlich gar nicht unterhaltsam. Die brutale Zaust war auf den religiösen Geist der deutschen Juden niedergesauft und hat darauf gehämmert. Auch die spanischen Juden hatten ein Martyrium zu tragen, doch waren sie weniger widerstandsfähig: sie liehen sich taufen. Hatte der philosophische Rationalismus daran Schuld? Oder die Kabbala, welche mit der Trinitätslehre gespielt hatte? Wahrscheinlich halten beide gleichen Anteil an jener schwächlichen Haltung; doch kam dazu noch ein Drittes: die grohe, grohe Erschöpfung. Eigenartig sind diese Taufen gewesen: denn viele blieben trotz ihres christlichen Bekenntnisses Juden; sie sind uns unter dem Namen „Marranen" bekannt. Diese geheime Rückkehr zum Judentum hatte aber sicherlich nicht die Kabbala bewirkt, sondern die Kritik: die Philosophie oder der wissenschaftliche Talmudismus. Die deutschen Juden waren von anderer Art. Ein wunderbarer religiöser Adel weihte sie, und eine unendliche sittliche Hoheit umgab sie: denn sie bekunden eine todesverachtende Energie inmitten all der schrecklichen Leiden und kannten kein Marranentum, wie die spanischen Juden. Doch sind die liefen Furchen des unendlichen Jammers ihrem religiösen Geiste eingegraben. Ihr Sgmbol könnte eine neue Laokoon-Gruppe sein. Sie waren Kammerknechte; doch nicht bloh Knechte der großen Herren, sondern auch der Geknechteten, der Bürger, die stch gern als Herren aufspielen wollten; es ist nur zu natürlich, datz sie auch Knechte des Buchstabens wurden. Auf jene Leiden, die von außen auf sie niederfuhren» reagierten die deutschen Juden durch selbstquälerische Anforderungen; um die erhoffte Lösung zu erlangen, versagen sie stch alle und jede Bequemlichkeit, die das Leben ihnen noch bieten konnte. Ihr schwermütiger, niedergebeugter Geist brachte es nicht weiter, als zu jener Philosophie, datz alle die Leiden über sie gekommen, weil sie nicht streng genug die traditionellen Vorschriften beachtet hätten: alle, alle die rituellen Gebräuche, auch jene, die nicht von der Tradition gefordert wurden. Der deutsche Jude jener Zeit lietz am Sabbat kein Feuer anzünden, lietz nicht einheizen, und beging den Jomkippur durch ei« zweitägiges Fasten. Der deutsche Talmudismus forscht spähend in dem Sesetzesmaterial, welches die Jahrhunderte aufgehäuft, daß ihm ja nicht eine Erschwerung irgendeiner alten Autorität entgehe. Es ist natürlich, datz der Geist der deutschen Juden bei solcher Verfassung nichts Grandioses schaffen konnte» und daß auch das Großzügige ins Kleinliche verkümmern mußte. Er hatte nur das im Auge, was die Minute erforderte und konnte nur für das momentan Nötige Vorsorge treffen. Der Genius des jüdischen Leidens hat nicht darüber meditiert, ob von Gott auch positive Attribute ausgesagt werden können; sondern nur darüber nachgedacht» wie und in welchen Formen das jüdische Leben jüdisch gestaltet und erhalten werden könne. Daran arbeitet er. Um sein Ideal zu verwirklichen, schafft der Genius der deutschen Juden jene Literatur, welche die häuslichen Ritualien und die Gebräuche, die M i n h a - g i m, umfaßt, die stch selbständig entwickelt hatten. Und zugleich die tiefe Ethik des jüdischen Hauses. Das jüdische Haus und seine Eigenart war bereits vorhanden» doch kam es jetzt zu neuer, erhöhter Geltung, indem vor dem Leben da draußen das jüdische Leben in es hinein flüchtet. Die Gesellschaft hatte den Juden ausgestoßen, nur fein Heim war fein. Doch auch dieses Heim war nicht feine Burg, — wie oft! — denn auch hieraus konnte er vertrieben werden, oder es wurde über ihm angezündet. Daher ward angestrebt, daß es im Geiste das seine werde, daß der Geist des jüdischen Hauses für das jüdische Leben gerettet werde. Was wir als „jüdisches Haus" kennen, das hat für uns der Talmudismus der Leidenszeit aufbewahrt, oder vielmehr aufgebaut und geschaffen. Das jüdische Haus als Tempel, die jüdische Küche und den jüdischen Tisch. Und die Welt des jüdischen Weibes. Leine Werke sind: das Leier Kaie r u m a von Baruch den Isar (1200), T o r a t h h ab a j i t h oon Lalomon ben Adret (1290), und das Tischrituale, Sulchau-arba, des Bachja ben Ascher (1290). In allen diesen Werken wird betont, was beachtet werden muß und was untersagt sei. Auf den Tisch des jüdischen Hauses kommt durch Jahrhunderte kein wissenschaftliches Werk; als öerachja ben Schealtiel aus Italien mit einem unwissenden Juden zusammentrifft, lautet flugs sein Urteil, daß er es mit einem deutschen Juden zu tun habe. Das jüdische Haus hatte keine Philosophie, wohl aber hatte es eine Ethik — die Ethik der „Religion der Rache". Im Namen dieser Ethik lehrt Juda Ehasid aus Negensburg (1200) Folgendes: Auch der Frömmste kann keinen Anspruch auf göttliche Belohnung erheben.... du sollst Gott aus reiner Liebe zu ihm dienen. Täusche Niemanden durch deine Handlungen, auch den Nichtjuden nicht. 2n deinem Verkehr mit Nichtjuden sei deine einzige Nichtschnur Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit. Bezüglich der Moral sind die guten Ehristen den guten Juden gleich (Buch der Frommen). Eleasar ben Juda aus Worms (1230) führt aus: Die hehrste Tugend ist, erlittenes Unrecht zu verzeihen. Handle stets so, daß du vor dir selbst nicht zu erröten brauchst. Nie komme über deine Lippen ein Schwur. Ist dein Lebensunterhalt dir knapp zugemessen, vergiß es nicht, daß du Gott für jeden Atemzug zu Dank verpflichtet bist. Gott der Ewige ist ein Gott der Gerechtigkeit; die Gerechtigkeit ward zuerst von ihm ins Dasein berufen, als er die Welt erschuf. Wunderbar und anbetungswürdig ist Gottes Wellenlenkung, wenn auch seine Wohltaten Israel gegenüber durchaus nicht augenscheinlich sind (Rökeach). Folgendes lesen wir im Testament des Ascher ben Jechiel (1300): Zanke und streite nicht und vermeide den Schwur. Kein Gelächterl Keine Ausbrüche des Zornsl Sie verwirren des Menschen Sinn. Wandle in Demut vor deinem Schöpfer. Achte mehr auf deine Rede, als auf dein Geld; bevor du etwas ausfprichst, lege dein Wort auf die Wage der Wahrheit. Blicke nicht auf den, der an Reichtum Uber dich emporgestiegen, sondern auf die hinter dir Zurückgebliebenen; aber in dem Dienste und der Furcht Gottes sie auf den Größern, nie auf den Geringer». Trachte danach, dir Freunde zu erwerben; doch auch deinem Gegner sollst du die Achtung nicht versagen. So du den Namen Gottes Zugeudvereius-Auzeigeu W* letzte Seite.