Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 6 (9.2.1923)
- Date
- 1923-02-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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halb des Gottesdienstes von sehr mäßiger Länge (70 bis 90 Almuten). Wir wechseln mit unseren Gebeten ab: wir lesen nicht jeden Sonnabend dieselbe Reihe von Gebeten. Lange Zeit hindurch wurde der Hauptgottesdienst am Sonnabendnachmittag gehalten. Setzt haben wir zweimal Gottesdienst, jeder mit einer Predigt, den einen ^am Sonnabendovrmittag, den anderen am Sonnabendnachmittag. Wir haben keinen Gottesdienst am Sonntag; wohl aber eine große und blühende Religionsschule. Wir lesen aus der Thora, aber wir folgen keinem festgesetzten Zgkius. Der Vorleser wählt nach eigenem Gutdünken einige Verse aus einem beliebigen Kapitel des Pentateuch. Manchmal steht die Wahl in Beziehung zur Predigt. Die kurze Pentateuchstelle wird erst hebräisch vorgelesen und dann ins Englische übersetzt. Dieses Vorlesen dauert aber nur wenige Minuten. Zhm folgt ein zweites Vorlesen auf Englisch aus irgendeinem andern Teil der Bibel oder aus den Apokryphen. Der Rabbiner, der Vorleser, der Prediger und die beiden Personen, welche die Thora aus der Lade heben, tragen Tallisim und Hüte. Sonst trägt keiner in der Gemeinde einen Tallis, und Hüte sind dem Gutdünken des Einzelnen überlassen: manche tragen sie, viele tragen sie nicht. Wir haben, gesunden, daß diese Einrichtung die beste Lösung (für den Augenblick) dieser abgedroschenen und trivialen Zrage ist. Mit den veralteten und oft schwer lastenden jüdischen Heirats- und Lhescheidungsgosetzen haben wir gänzlich gebrochen; in diesen Angelegenheiten erkennen wir ausschließlich die Ltaatsgesetzo an, keine anderen. . Wir sind gegen Mischehen und erlauben einem Süden oder einer Südin keine Trauung, j der'oder die eine Person anderen Glaubens heiratet. Andrerseits » legen wir den Proselgton keine Hindernisse in den Weg. Von Zrauen verlangen wir kein rituelles Bad. Von Männern weder Bad, noch Beschneidnng. Wir betrachten das Sudentum als eine Univerfal-Religion: man soll nicht trachten, denen den Eintritt z» erschweren, die sich ehrlich von unserem Glauben und unseren Lehren ungezogen fühlen. Wir stehen vielen Schwierigkeiten gegenüber, und wir sind einstweilen nur eine kleine und langsam wachsende Schar. Aber wir haben. Hoffnung und Glauben. Was wir vollbracht haben, betrachten wir mit Demut, und wir sind uns unserer Mängel sehr bewußt; aber trotzdem sind wir stolz auf unseren Glauben und unsere Sendung und wir haben die Zuversicht, daß die Zukunft uns gehört, obgleich erst die, welche Fach uns kommen, die höheren Ergebnisse unserer Arbeit sehen werden. Dieser kurze Bericht ermöglicht es vielleicht unseren deutschen Zreunden, die Stellung und die Tätigkeit des liberalen Sudentums in England einigermaßen zu verstehen. Obgleich, wie ich oben gesagt, die Organisation des liberalen Sudentums (wie des Sudentums im allgemeinen) in beiden Ländern verschieden ist, obgleich wir jeder unsere eigenen Probleme und daher auch unsere eigenen Lösungen haben, so ist er doch von Bedeutung und Wert, daß wir miteinander sympathisieren und, soweit es möglich ist, versuchen, etwas über einander zu erfahren und einander zu verstehen. Unsere Sa ch e, o b s ch o n sie sich verschieden in beiden Ländern äußert, ist im Grunde doch dieselbe. Das liberale Sudentum hat viele formen, aber nur einen Gei st. Und wir sind alle von demselben Glauben beseelt, daß, wenn überhaupt das Sudentum leben und gedeihen und triumphieren, soll, dieser Triumph nur vom liberalen Sudentum errungen werden kann. Die jüdifcbe Gegenwart Zur Arbeit in der Berliner Repräsentantenversammlung. Zu der in Rr. 4 erschienenen Abhandlung „Die Berliner Repräsentantenversammlung" erholten wir von einem der ausscheidenden Repräsentanten, dem verdienstvollen Vorkämpfer des Liberalismus, Emil Tohn, folgende Zuschrift, der wir hier gerne Raum gewähren. Die Red. ön Nr. 4 der „öüb. Liber. Zeitung" widmen Sie mir einen Nachruf und gedenken meiner Tätigkeit als Nepräfentant der jüdischen Gemeinde?u Berlin in anerkennender Weise. Sie danken mir wie den anderen ausscheidenden Herren für unsere Arbeit im Znteresse der Gemeinde, — i ch, für meinen Teil, kann einen solchen Dank nicht annehmen. Zch hatte die Thre, 16 Zahre Repräsentant der hiesigen Züdischen Gemeinde;u sein und als solcher war es meine heilige Pflicht, mit meiner ganzen Kraft, meinem Können und Wissen für die Interessen der Gemeinde einzutreten. Wenn ich mir dafür die Anerkennung der Gemeindemitglieder erworben habe, so ehrt mich dies in vollem Maße — einen Dank aber habe ich nur meinen Wählern abzustatten, die mich drei- oder viermal zu ihrem Kandidaten erhoben haben, und dies tue ich hiermit aus vollem Herren. Ls ist richtig, ich habe, seitdem ich der Repräsentanten-Versammlüng angehorte, dafür gekämpft, daß das unwürdige Dreiklassen-Lgstem bei den Beerdigungen aufhöre, daß es nur eine Klasse geben darf und alle Verstorbenen — ob reich, ob arm, ob hoch, ob niedrig —» in völlig gleicher Weise beerdigt werden. Leider hatte ich selbst bei meinen Zraktionsfreunden für diesen sozialen und rein jüdischen Gedanken nur wenig Anhänger gefunden. Das hat sich in letzter Zeit aus den verschiedensten Gründen geändert und es will mir scheinen, als ob die Verwirklichung dieses meines Gedankens nicht mehr in so weiter Zerne wäre. Da habe ich an die Herren Repräsentanten der liberalen Zraktion die dringende Bitte: Gorgen Sie dafür, daß das Beerdigungssgstem nach drei Klassen beseitigt wird, sorgen Sie dafür, daß wir Alle in gleicher Weise ohne irgendwelchen Unterschied, und sei er auch so klein, beerdigt werden! Die Kosten müssen dann aus Grund der Steuern erhoben werden. Gewiß gibt es Schwierigkeiten, um dies zu erreichen, aber wenn es gilt, ein veraltetes, ungerechtes öyjtsm abzuschaffen, wenn es gilt, ein auf der Höhe siehendes, modern soziales und vor allem ein urjüdifches Prinzip — die Gleichheit aller Zuden wenigstens bei ihrem Tode — einzuführen, dann darf uns nichts zu schwer sein. Bei gutem Willen wird sich auch ein guter Weg finden. Gin zweites Steckenpferd von mir war die Ordnung der Verhältnisse mit der Züdischen Reformgemeinde. Zch hatte während einer ganzen Reihe von Zähren die Subskriptions-Angelegenheit mit dieser zu ordnen, und bei meinen verschiedenen Verhandlungen ist mir der Gedanke gekommen, daß es nur gerecht wäre — und die Ausführung dieses Planes würde unliebsame Verhandlungen mit der Reform-Gemeinde vermeiden —, wenn wir der Reform-Gemeinde, für deren Richtung unsere große Züdische Gemeinde nichts, tßtn nichts getan hat, den Betrag an Steuern prozentualiter zurückzahlen, den wir für fgnagogale Zwecke und für den Religionsunterricht verwenden. Selbstverständlich hört, dann jede Subvention auf. Nachdem unsere Bemühungen, die Reform-Gemeinde zu einem integrierenden Bestandteil der großen Gemeinde zu machen, fehlgefchlagen waren, erscheint mir dieser mein Vorschlag, der ja auch die Unterstützung anderer Zraktionsmitglieder gefunden, der einzig richtige Weg zur Klärung und Ordnung der Verhältniffe mit der Reform-Gemeinde zu sein. Mein drittes Zdeal, die Zreigclbe des Gottesdienstes auch an den hohen Zeiertagen, ist, das sehe ich ein, unter den heutigen schwierigen Zinanzverhältnissen, nicht zu verwirklichen. Wenn auch nur einer dieser meiner Gedanken verwirklicht wird, dann könnte ich mit voller Zreude und Genugtuung auf meine Tätigkeit als Repräsentant zurückblicken. Zch wünsche die Verwirklichung aus tiefster Seele, einzig und allein im Zntereffe der liberalen Lache und des gesamten Zudentums. L m i l Lohn. 2m Rahme« der fünf akademische« Vorträge „Zar Zudeufrage" in der Universität in Hamburg sprach als Zweiter Geh.-Rat Pros. Dr. Kittel (Leipzig) über „Die Zuden in der Antike und ihre Bedeutung für die Kultur des Abendlandes". Schon bei den alten Persern und Römern, führte der Vortragende aus, gab es Zudenhaß und Zudenvertreibungen. Die ersten Anfänge des jüdischen Volkes sind in Dunkel gehüllt. Semitische und nicht semitische Horden hatten sich in Palästina eingesunden. Zm dritten Zahrtausend saßen Amalekiter und Kanaaniter im Land, zu denen später Hebräerstämme, darunter die Vorfahren des Volkes Zsrael, kamen. Rach Süden gedrängt, gingen sie nach Aeggpten. Mit arabischen Stämmen vermischt, kehrten sie zurück, setzten sich in den Besitz Palästinas und gründeten einen Staat, der jedoch nach einigen Zahrhunderten auseinanderbrach. Der nördliche Teil, das Reich Zsrael, wurde von Affur, der südliche, das Reich Zuda, von Babel ausgesogen. Zsraels nach Afsur verpflanzte Bewohner gingen vollständig im Volk der Assgrer auf. Die Zuden dos Reiches Zuda dagegen bewahrten ihre Seele, Rationalität und Religion, kehrten in ihre Heimat zurück und richteten hier ein Reich vom Stamme ihrer Väter auf, aus dem ein Baum geworden ist, der die Zahrhunderte überdauerte: das Sudentum. Zm zweiten Teil seiner Ausführungen polemisierte der Redner gegen die Auffosiung von Delitzsch und besonders von Spengler, der die Zuden in die Völker seiner „Magischen Kultur" einreiht, und ihre kulturelle und religiöse Sonderartung leugnet. Er wies darauf hin, daß die Zuden, nachdem sie längst ihr nationales Dasein aus staatlicher und heimatlicher Bindung gelöst hatten, in ihrer Religion das Bindemittel bewahrten, das sie als Ration lebendig hielt. Wenn das Schicksal die Zuden zum Gastdasein bei anderen Völkern zwang, woraus sich ein gewisser Kosmopolilismus ergab, so trieb sie anderseits ihr religiöses und nationales Zählen zur Absonderung, zum Abscheu vor dem sticht Züdischen. Diese Absonderung haben ihnen die Wirtsvölker mit Zinsen vergolten; erst die jüngste Vergangenheit hat die Vergeltungslendenzen praktisch überwunden«. Doch ungeachtet ihrer nationalen Abgeschlossenheit sind die Zuden der ganzen Menschheit Kulturbringer gewesen. Von ihnen aus ging der Monotheismus über die Welt. Sie haben dis Gottheit vergeistigt, die religiösen Bräuche verinneHicht; den Vorrang der Sittlichkeit vor äußerem Kult aufgerichtet und die Grundlage des Völkerrechts geschaffen. Darin liegt ihr Hauptverdieust um die Kultur des Abendlandes. Zn äußerer Kultur haben sie den Tgp des vollendeten Kaufmanns geschaffen. Sehr mit Unrecht wird ihnen ihr ausgesprochener Geschäftssinn zum Borwurf gemacht. Denn vom Standpunkt des vollendeten Kaufmannes aus verliert der Zdeaiismus feine Berechtigung» und es gilt mit Zug und Recht der Grundsatz, daß jeder innerhalb der Grenzen des gesetzlich Erlaubten seinem eigenen Vorteil nachzugehen berechtigt ist. Der dritte Vortrag wurde von Privatdozent Dr. Obermann (Hamburg) über „Zudentum und Zslam" gehalten. Der Redner gab linier Anführung zahlreicher Zitate aus den Urtexten sehr interessante Einblicke in die Religion und kam nach zweistündigem Vortrag zu «dom Schluß, daß das Alte Testament zweifellos großen Einfluß auf den Zslam gehabt hat, daß aber andererseits auch vom Zslam starke Wirkungen auf das Zudentum ausgegangen sind. Profesior Lames Zsrael» der berühmte Berliner Ehirurg, der in den Zähren 1880—1017 Direktor der Lhirurgischen Abteilung des Zsraelitifchen Krankenhauses zu Berlin war, beging am 2. Zebruar feinen 75. Geburtstag. Möge dem Zubilar, der noch heute eine operative Praxis ausübt, ein Lebensabend in voller Zufriedenheit beschieden sein. Zu der Breslauer Sguagogeugemeiude wurde zum Vorsitzenden Zustizrat Dr. Peiser, zum Stellvertreter Zustizrat Dr. Kalisch und zum Schriftführer Kaufmann Zränkel gewählt. 2n der Repräsentantonversammiung wurde das Zehlen einer Seelenliste gerügt, deren Anlegung besonders wegen der Ende des Zahres' 1925 vorzunehmenden Wahlen erforderlich ist. Es ist damit zu rechnen, daß bei der Satzungsänderung die Zensurwahl fortfällt und die Wahlberechtigung der Zrauen festgesetzt wird. Eine neue Buei-Brith-Loge wird in den nächsten Tagen in Köln gegründet werden. Sie wird den Ramen „Zehuda Halevg-Loge" tragen. Tgplsche Halbheit. Der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde faßte nach Einvernehmen mit dem Rabbinate angesichts der bevorstehenden Znbetriebsetzung des Wiener Krematoriums folgenden Entschluß: Es kann kein Zweifel darüber obwalten, daß der jüdischen Religion und der traditionellen sowie geschichtlichen Ueberlieserung einzig und allein die E r d b e st a 11 u n g des Leichnams entspricht. Die Leichenverbrennung galt und gilt als unjüdisch. Wohl widerspricht es dem Geist des Zudentums, einen Zwang zur Einhaltung religionsgefetzlicher Vorschriften auf die Glaubensangehörigen auszuüben. doch ist es selbstverständlich, daß gewisie religiöse Zeremonien nicht bei einem Akte vorgenommen werden dürfen, die zum Religionsgesetz im Gegensatz stehen. Seitens der israelitischen Kultusgemeinde wird in jenen Zöllen, in welchen die Einäscherung stattzufinden hat, der Leichnam gemäß der Bestaltungsordnung für Zeuerhallen der Stadt Wien im gegebenen Zeitpunkt den Organen der Gemeinde Wien übergeben. Die zurückgestellte Urne oder Afchenkapfel wird von der israelitischen Kultusgemeinde für die Bestattung auf dem israelitischen Zriedhof übernommen werden. Bei dem Bestattungsakt werden religiöse Zeremonien nicht stallfinden. Zeitungsrcbau Gras Hermann Kegserling, der Leiter der „Schule der Weisheit" in Darmstadl und Verfasser des „Reisetagebuches eines Philosophen", schreibt in seiner Zeitschrift „Der Weg zur Vollendung": „Die Zuden sind zweifelsohne das als Beispiel wichtigste Volk der bisherigen Geschichte. Sie allein haben von der Prophetenzeit ab in ihrer Eigenart durchgehalten: sie allein sind weder ausgestorben, noch degeneriert: sie sind das höchstgezüchtete aller Völker in bezug auf Willen und Verstand. Run, wenn anders es einen« Menfchheitsfortschritt geben soll, mutten auch andere Völker mit dem vorschnellen Aussterven und Entarten endlich einmal aufhören. Unser Planet wird gewiß noch so manches Zahrhundert bewohnbar fchsn Gottesdienstes zu machen. Beide Herren sprechen sich sehr reserviert über ihre Eindrücke aus. Der Grund ist wohl in den vollkommen abweichenden Ansichten über gewisse traditionelle Momente zwischen 5 u l; e r und Lewan dowskg zu suchen. Das merkt man später in Lewandowskg's Kompositionen. Su! zer ist der große Dramatiker, dessen heilige Begeisterung für den Gebettext sich in schwungvollen breit ausladenden Gedankongängen kund gibt. Vollkommen beeinflußt von Sulzerfcher Tradition kam Schreiber dieser Zeilen aus seiner schlesischen Heimatgemeinde nach Berlin. Rur allmählich wuchs ich in den Stil dos Berliner Gottesdienstes hinein und lernte die wahrhaft heilig jüdische Auffassung Lewandowskgs näher kennen. Er. der Ehordingent, neigte vielleicht viel mehr dazu dem Ehore eine dominierende Stellung im Gottesdienste zu geben. Der erste Teil seines vierstimmigen Werkes „To dah w'simrach", in dem erSabbathgesänge niederlegt, zeigt diese Absicht. Doch in dem nachfolgenden Teil der Zeiertagsgesänge weist er dem Vorsänger auch wieder den gebührenden Platz zu. Die Kunst Lewandowskgs und feines bedeutenden Schülers Kirfchner in München besteht in der geschickten Verbindung der traditionellen Weise mit gebräuchlichem Kompositionsstil. Wirkte Lewandowskg heute, so würde er selbstverständlich der gegenwärtigen Epoche noch mehr Eharakteristika entlehnt haben. Zu seiner Zeit ist er stark von Mendelssohns Stil beeinflußt, ünd das ist nur natürlich. Zm Zahre 1866 übersiedelte er von der Heidereutergasse in die Reue Sgnagoge, und hier fetzte die Aera seiner Orgelkomposition ein. Er verwendet dieses Znstrument, wie er selbst schreibt, ausschließlich zu seiner Begleitung. Leider ist die Orgelfrage zu einem parteipolitischen Moment schoben worden. Wie weit das feine Berechtigung hat, muß in diesen Ausführungen unerörtert bleiben. Wieso aber die Orgel überhaupt wieder in der Sgnagoge Platz gegriffen hat und welche Stellung man ihr im jüdischen Gottesdienst » einräumen kann, muß Gegenstand folgender Ausführungen fein. Zn dem berühmten, klassischen Gutachten, das Michael Sachs über die Neuordnung des Gottesdienstes seinerzeit gab, beklagt er sich bitter Uber den.Mangel an Disziplin bei der gesanglichen Beteiligung der Beter, der Würde und Andacht fehlte. (Wiewohl bald hundert Zahre darüber hinweggegangen sind, hat die Unsitte des Mitsingens mit dem Vorbeier bis auf den heutigen Tag noch nicht ganz beseitigt werden können.) Die löbliche Absicht beim Mitwirken der Gemeinde innerhalb des Gottesdienstes sollte durch Gemeindegesang gofördeert werden. Hierfür ließ insbesondere L e w a n d o w s k g die Orgel in Wirksamkeit treten. Wir haben eine große Anzahl von Orgelsgnagogen in Deutschland, denen nur ein kleiner Ehor zur Verfügung steht. Dort aber ist der Gemeindegesang zu ungeahnter Entwicklung gelangt. Das ist der Zweck der Einführung der Orgel gewesen. Durch sie ist Ruhe, Würde und Andacht in die Sgnagoge eingezogen. Wir stehen nicht an. zu bekennen, daß dort, wo es sich um jüdische traditionelle Melodien handelt, die Begleitung der Orgel fremdartig anmutet. Selbst die geschickte Verwendung K i r s ch n e r s, ihr die Melismen zuzuweifen, die für den Vorsänger im Orgelgottesdienste nicht ganz zeitgemäß sind, können ihr von ihrer Zremdartigkeit nichts rauben. Diese innigen Gebetmelodien, die vom Vorbeler recitando vorgetragen morden, vertragen keine instrumentale Begleitung, sondern sind .lediglich vocaliter gedacht. Eigenartig mutete es mich an, als ich z. B. in einer großen süddeutschen Gemeinde an einem Zreitagabond vernahm, wie jedes Recitativ dos Vorbeters, ja selbst das stille Gebot der Gemeinde von der Orgel begleitet wurde. Das wirkte störend und sollte durchaus vermieden werden. Schwung aber und Größe gibt das königliche Znstrument, wenn die erhobenen Ehöre zur Aushebung der Thora anklingen, wenn überhaupt der Gemeindegesang, mit dem Thore vereint, der Liturgie die Kraft des religiösen Ausdruckes gibt. Edel wirkt die Orgel als Bogleilinstrumenl, wenn der Vorsänger die melodische Linie besonderer Kompositionen zu entwickeln hat. Hier ist ihm die Orgel ein wichtiger Hilfsfaktor zur Auslösung der Andachtsstimmung, zur plastischen Tharakterisierung erfindungsreicher Melodien. t. Das auch war die Triebfeder für die Einführung der Orgel. Von diesem Gesichtspunkte ließ man sich lediglich seinerzeit leiten. Zch kann es wohl verstehen, wenn der positiv orientierte und fühlende Glaubensgenosse die Orgel im Gottesdienst negiert. Zch kann es verstehen, wenn mir entgegengehalten wird, daß es auch ohne Orgel in der Synagoge möglich ist, einen würdevollen Gottesdienst zu gestalten. Doch spreche man nicht von Nachahmungssucht und anderen Momenten, welche so völlig unmotiviert sind. Lange bevor die christliche Kirche entstand, kannte man die instrumentale Begleitung im jüdischen Tempel. Wer will es wissen, ob man nicht vielleicht in jener Zeit, da Zion wirklich zu neuem Leben erwachen sollte, un Tempelkultus wieder zu Harfen- und Posaunenbegleitung zurückkehren wird, die einstmals unsere Urväter vernahmen. Wie auf allen anderen Gebieten uns treue Hüter und Pfleger all dessen entstanden, was dem Zudentum heilig und unvergänglich ist, so auch im Sgnagogengesang. Hat auch diese traurige Zeit eine Stagnation mit Bezug auf die wissenschaftliche Zorfchung eintreten lassen, so wirken doch eine große Anzahl hochgebildeter Männer als Träger und Leiter des liturgischen und gesanglichen Gottesdienstes. Rur um die Zukunft dieses Standes ist uns bange. Wir fürchten, daß durch die mangelhafte Versorgung, wie auch durch die starke materialistische Einstellung uns der Rachwuchs verloren geht, dessen wir bedürfen, um weiter heilvoll wirken zu können. Die bange Zrage bleibt offen, was zu tun ist. um die Ausbildung einer neuen Generation zu bewirken. Dieser Zrage sollte sich das Zudent^m der ganzen Welt ebensowenig verschließen, wie der Zrage der Erhaltung der übrigen Zweige jüdischerWissenschaft.