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Jüdisch-liberale Zeitung · 1923-02-09 · 6 (9.2.1923) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
3 (1923)
Issue
6 (9.2.1923)
Date
1923-02-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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I Hua jiidifcber Mett |$| 1 HMWtMIIIMIMMIIMMMIIMMMMMIIHMMtMIIMMmHmMIMMMIIIIi ’ Das liberale Judentum in England. Die Reihe unserer Aufsätze über die geistige Bewegung des Judentums im Ausland setzen wir nunmehr mit einem Bericht über „Das liberale Zudentum in England" fort. Wir haben die Zreude, zu diesem Thema Herrn Llaude G. Wontefiore, London, zu Wort kommen zu lassen, diesen begeisterten Vorkämpfer des jüdische« Liberalismus, den allzeit hilfsbereiten Zreund unserer Bewegung auch in Deutschland. Mögen sich seine Worte tief in das Gewissen der liberalen Zudenheil des Erdballs eingraben: „Obgleich wir jeder unsere eigenen Probleme und daher auch unsere eigenen Lösungen haben, so ist es doch von Bedeutung und Wert, dah wir miteinander sympathisieren und, soweit es möglich ist, versuchen, etwas über einander;uerfahren und einander zu ve.rstehen. Die Redaktion. Von Llaude G. Montefiore, London. Es ist weder leicht für Engländer, die Organisation des Judentums in Deutschland, noch für Deutsche, die Organisation des Sudentums in England zu verstehen. Und diese Schwierigkeit erstreckt sich auch auf den Versuch, die Stellung und die Ansichten des liberalen Judentums in einem dieser Länder einem Bürger des anderen klar zu machen. Die Gemeinde als ein Wesen an sich oder eine Gemeinschaft vor dem Gesetze, womit Deutschland so vertraut ist, fehlt in England. Die Sdee einer großen Gemeinde, die verschiedene Sgnagogen unterhält, einige mit streng orthodoxem Ritual, andere mit mäßig reformiertem, und die das Gehalt verschiedener Rabbiner bezahlt, von denen einige vollständig orthodoxe, andere wiederum ganz liberale Ansichten haben (obgleich alle, wenn ich genau unterrichtet bin, als orthodoxe Süden leben) — all dies würde dem gewöhnlichen englischen. Süden höchst merkwürdig erscheinen. Ein „Verein liberaler Rabbiner", bezahlte Angestellte von Gemeinden, die gleichzeitig orthodoxe Rabbiner bezahlen, während Rabbiner beider Art alle rabbinischen Speisegesetze Hallen, das würde ihm äußerst rätselhaft Vorkommen. Ebenso würde es ihn befremden, daß bei all diesen liberalen Rabbinern nur eine einzige ausgesprochene Reformgemeinde existiert, und wenn er nun erst hörte, daß diese eine Gemeinde — von sehr entschiedenem und ausgesprochenem Reform-Eharakter — trotzdem äußerst bemüht ist, ihre Beziehung zu der Hauptgemeinde aufrecht zu erhallen, von der sie in gewissem Sinne einen Teil bildet, würde er am liebsten die ganze Sache als unerklärlich aufgebenl . Richt weniger schwierig ist es, einem Deutschen unsere englischen Verhältnisse zu erklären. Der Mangel einer Gemeinde im deutschen Sinne des Wortes bringt Verhältnisse mit sich, die uns eigentümlich sind und die von einem Ausländer nicht leicht begriffen werden. Ebenso sind wieder die Beziehungen des „Thief Rabbi" allen denjenigen Gemeinden gegenüber, deren geistiges Oberhaupt er ist, ziemlich verwickelt. Die „United Sgnagogue" ist auch ein Rätsel und nicht weniger das Parlamentsgesetz, dem sie ihre Entstehung verdankt, und das auch gewissermaßen die Stellung und die Wacht des „Thief Rabbi" bestimmte, stärkte und befestigte. Es ist eine Tatsache, daß selbst der gewöhnlche englische Sude diese Dinge nicht sehr genau und gründlich kennt; denn sie sind durchaus nicht einfacher Ratur. Hier genügt es festzustellen,/daß die gesetzliche Macht des „Thief Rabbinate" eine große Stütze für das orthodoxe Sudentum ist, und ein großes Hindernis für Liberalismus und Reform. Der „Thief Rabbi" hat höchste und endgültige Kontrolle über die Führung und den Unterricht in jeder Sgnagoge innerhalb des Britischen Reiches, die nicht eine „Separatgemeinde" ist, d. h. eine ausgesprochene Reform- oder liberale Sgnagoge (oder auch eine ultraorthodoxe Ggnagogel), die ausschließlich von ihrem eigenen Gelde unterhalten und unterstützt wird und deshalb durchaus selbständig und unabhängig ist. (Bis vor kurzem wurde die Gründung einer solchen unabhängigen Gemeinde, abgesehen von der finanziellen Frage, noch weiterhin erschwert durch eine besondere Schwierigkeit bei Trauungen, die zu erklären viel zu lange dauern würde; denn sie war technischer Ratur und außerordentlich verwickelt. Aber durch die Bemühungen meiner eigenen „Liberal Sewish Sgnagogue" und die Arbeit und den Scharfsinn einiger ihrer Suristen-Mitglieder ist diese besondere Schwierigkeit, zum Mißvergnügen der offiziellen orthodoxen Partei, befriedigend erledigt.) Es gibt in England nur ein Seminar für Rabbiner. und dieses Seminar steht auch unter der Aufsicht des „Thief Rabbi" und der Unterricht ist von streng orthodoxem Tharakter. Unter den Predigern, die bei all den zahlreichen Sgnagogen unter der Aufsicht des Thief Rabbi angestellt sind, befinden sich unzweifelhaft Männer verschiedener Ansichten, einige orthodoxer, andere liberaler. (Zwei oder drei derselben haben eine hmreichend gesicherte Stellung und sind einflußreich genug (wie dies ' der Fall sein kann oder wie es gekommen, kann ich hier nicht erklären), um es ihnen zu ermöglichen, ein gewisses sehr beschränktes Maß von Freiheit zu besitzen. Aber alle sind ausnahmslos dem Ramen nach orthodox; alle gänzlich orthodox in der Praxis in Bezug auf die Speisegesetze und alle mit wenig?» Ausnahmen in Glaube und Lehre. Diese Wenigen müßten wohl sehr vorsichtig in ihren Reden sein, und ihr „Liberalismus", wie er auch beschaffen sein mag. würde wohl mehr verneinender als positiver Ratur sein. Sie würden vermeiden, Gewicht auf speziell orthodoxe Lehren, zu legen, würden ober, glaube ich, kaum wagen, positiv liberale zu behaupten. Sie würden wohl vermeiden, die mosaische Verfasserschaft des Pentateuch und den historischen Tharakter der darin erzählten Wunder aufrecht zu erhalten, würden aber kaum die Behauptung wagen, daß der ganze Pentateuch lange nach Mose geschrieben und daß die Wunder nicht historisch s?ien. Es ist eine seltsame und fast peinliche Lage. Kaum befriedigender ist der (Zustand des Laien-Tleinents in den herrschenden Vorständen, in. den Komitees der verschiedenen Gemeinden und in diesen Gemeinden selbst. Manche hätten gern einige j äußerliche Veränderungen und Reformen, sind sich aber der Hoffnungslosigkeit bewußt, sie durchzusetzen. ^ludere sind offen gleichgültig; ihrer Ansicht nach sind die Sgnagogen für die Orthodoxen da. und wenn sie selbst das geweihte Gebäude mit ihrem gelegentlichen Besuch beehren., wollen sie lieber die „alten Melodien" hören oder denselben Bräuchen beiwohnen, die ihnen in den Tagen der Kindheit vertraut waren. Andere haben Furcht; sie fürchten das ..ausländische, Element", welches ihrer Ansicht nach weniger kontrolliert und weniger zu kontrollieren wäre, wenn den liberalen Wünschen Zugeständnisse gemacht würden, und welches sie irrtümlich für gänzlich orthodox in Glaube und Praxis halten. Und zu guter Letzt sind sie alle Anbeter am Altar des einen großen Fetisch, den sie mit den Ramen „Unitg of the Tommunitg" (Einheit oder Einigkeit der Gemeinde) bezeichnen. Sn diesen verworrenen (Zeiten, sagen sie, muß die Einigkeit der Gemeinde gegenüber der Außenwelt um jeden Preis unversehrt bewahrt werden. Richts darf geschehen, sie zu schwächen. Die Liberalen, die gewagt haben, eine völlig getrennte Sgnagoge zu gründen, werden denunziert, und ein eifriger Anhänger der Einigkeit Harle jüngst die VerwegAcheit, zu behaupten, wir Liberalen hätten tatsächlich die Zeiger der Uhr des religiösen Fortschritts zurückgestelltl Es gibt natürlich einige wenige Ausnahmen, aber, im großen und ganzen gehören diese eifrigen Anhänger der Einigkeit, mit ihrem vollständig unorthodoxen Leben und ihrer kaum weniger vollständigen Unwissenheit der Grundsätze und Folgerungen des orthodoxen sowohl wie des liberalen. Sudentums, in dieselbe Kategorie wie die von den Propheten gerügten Männer in Seremia VI. 14, VIII. 11, Ezechiel XIII. 10, und so ziemlich aus demselben Grunde. Andererseits muß man zugeben, daß es viele Schwierigkeiten gibt; die aufrichtig Orthoooxen wirken niederdrückend wie Bleigewicht, und das Thief Rabbinate besitzt eine große gesetzliche Macht. Das alles zu überwinden würde viel Mut erfordern und gleichzeitig die Bereitwilligkeit, dem die Stirn zu bieten, dem wir Liberale die Stirn zu bieten hatten, — Schmähung, Unbeliebtheit, Verdrehung. Unter diesen Umständen ist die Zukunft und die Entwicklung des liberalen Sudentums von ^vielen Hindernissen bedrängt. Dessenungeachtet sind Gründe zur Hoffnung vorhanden, und die, welche, wie der Schreiber dieser Zeilen, an zwei Dinge glauben: 1. daß das orthodoxe Sudentum nicht mehr auf einer haltbaren Grundlage beruht, 2. daß das Sudentum leben und andauern wird, — sind auch gezwungen. zu glauben, daß die Zukunft des liberalen Sudentums gesichert ist. * Vor ungefähr einundachtzig Sahren (und mehr als sechzig Sahre also, ehe die Bewegung begann, die bald einen ausgesprochen liberalen Tharakter annahm und der die liberale jüdische Sgnagoge ihre Entstehung verdankt) wurde eine Reform-Sgnagoge in London gegründet. Diese Sgnagoge wuchs und gedieh; sie hat augenblicklich eine Mitgliederzahl von über tausend Männern und Frauen und besitzt ein großes, stattliches Gebäude. Sch bin in dieser Sgnagoge groß geworden und bin noch jetzt Mitglied derselben, ebenfalls Mitglied des Vorstandes, wohne auch noch oft dem Gottesdienst bei und habe eine große Anhänglichkeit daran. Es ist eine gemäßigte Reform-Sgnagoge, deutlich unterschieden von einer liberalen. Sn andern Worten: ihr Schwerpunkt liegt nicht in der liberalen Lehre, sondern in einer gewissen Anzahl äußerlicher Veränderungen, wie einer revidierten Liturgie, einer Orgel, begrenztem Gebrauch der Landessprache usw. So weit sie überhaupt eine besondere Lehre verkündigte oder auf einer solchen beruht, trägt diese Lehre emen karaitischen Tharakter. Sie warf die Autorität der Rabbiner über Bord, hielt aber fest an der Autorität des Pentateuch und der Bibel. Sie schaffte den „zweiten Tag" ab, und obgleich sie das Thanuka- Fest hält, ist es äußerst bezeichnend für ihren Standpunkt, daß der erste traditionelle Segenspruch vor dem Anzünden der Thanuka-Lich- 1er weggelassen wird, — (Gelobt seist du Ewiger unser Gott, König der Welt, der uns geheiligt durch seine Gebote und uns geboten hat, das Thanuka-Licht anzuzünden), — weil Thanuka nach-biblisch und nach-pentateuchisch ist, und es daher nicht Gott war, der uns befahl, die Lichter anzuzünden. Die Feier war eine menschliche, keine göttliche Einrichtung! Der Abwesenheit einer bestimmten Lehre, dem Mangel an propagandistischem Eifer und, in letzter Snstanz, dem karailischen Anstrich ist es zuzuschreiben, daß diese Gemeinde nicht den Me Musik des jüdische« Gottesdienstes. Von Oberkantor Magnus Davidsohn-Berlin. (Schluß). Birnbaum selbst schreibt in seiner interessanten Studie „Südische Musica am Hofe zu Mantua" über Rossi: „Leider sind die jüdischen Gemeinden unserer Tage und ihre Thöre nichtz^fähig und reif, die zarten, im Palästina-Stile geschriebenen Tesänge Rossis, für die man seinen Kunstsinn und musikalisches Verständnis haben muß, in sich aufzunehmen oder zu Gehör zu bringen. Sn der Tat ist Salomon Rossi der bedeutendste Tonkünstler, den das Sudentum aufzuweisen hat. Shm konnte nur noch ein zweiter Salomon, nämlich Salomon Sulzer, an die Seite gestellt werden." Von Salomon Sulzer soll noch gesprochen, werden. So ist eigentlich Rossi der Pfadfinder jüdischgottesdienstlicher Musik. Unter der Leitung Albert Kellermanns vernahmen wir wiederholt vom „Verein zur Pflege .hebräischer Musik" die schönen und wertvollen Kompositionen, denen weniger Gebete, vielmehr nur Psalmen zu Grunde liegen. Doch die Schöpfungen Rossis sind nur die Oase in einer öden Wüste. Durch Sahrhunderte keine musikalische Basis in der Pflege des Sgnagogengesanges, keine geordnete gesangliche Liturgie! Wohl gab es, wie in Deutschland zur Zeit der Romantiker, bei den Süden Dichter und Sänger zugleich, die P a 11 a n i m, die P i u 1 i m, Sgnagogenpoesiest von köstlicher und bis auf den heutigen Tag unvergänglicher Schönheit geschaffen haben. Sch verweise auf den Bedeutendsten, Rabbi Elieser Kallir, dessen poetische Schöpfungen in unserer Gebetliturgie fortleben. Zuntz und Ellbogen geben in ihren Fundamentalwerken erschöpfende Auskunft über diese Epoche. Doch das spätere Mittelalter, bis in die Neuzeit hinein, weist eine so mangelhafte Kultur innerhalb des Sgnagogengesanges auf, daß es schon eines Genies wie Salomon Sulz^rs bedurfte, um hier Licht in das Dunkel zu bringen. — Man bedenke einmal: das Golut des Strenggläubigen verbot ihm, weltliche Konzerte und Theater zu besuchen. Der Mittler seiner künstlerischen Snteressen war der Vorsänger seiner Gemeinde. Von ihm erlauschte er nicht nur die alten Weisen der K i n d h e i t s m e l o d i e n» sondern hörte er auch weltliche (oder sagen wir ruhig: ganz profane) Melodien, die dem Gebettext beigegeben wurden. Es störte den. Beter nicht weiter, er fand sie schön und kümmerte sich nicht um die Fest- Haltung eines Stiles. K i r s ch n o r erzählt, in seiner trefflichen Arbeit über „M ittelalterliche hebräische Poesien und ihre Singweiseu", von ganz profanen Trinkliedern, aus denen heut bekannte gottesdienstliche Weisen hervorgegangen sind. Durch diese Art von Gesangs- und Musikpflege hat fast jede Epoche auf die musikalische Liturgie abgefärbt. Snsbesondere sind es slavische Weisen einerseits, wie auch der spanische Ein-» schlag, die neben der deutschen Volks- und Kirchen- | weise Eingang in die Gotteshäuser Ssraels gefunden haben. Währelid man die gebräuchlichen Singweisen in der Vortragsart aus der italienischen Opernepoche des IS. Sahrhunderts mit hinllbernahm, haben in Stalien selbst sich viel mehr edle, und man kann wohl sagen, altjüdische Weisen erhalten. Ueberhaupt hat der portugiesische und espagnolische Ritus vielfach eine Erhabenheit des Stiles und Ausdruckes, der stark an den alttestamentarifchen Tempelkultus erinnert. Doch, wie bereits oben betont, die melismathifche Behandlung manch edler und schöner Melodie, ja mancher Skalen sogar hat ein. Thaos verursacht, das schwer zu lösen war. Blättern wir einmal in den älteren Kompositionen Wein- 1 r a u b s, des ehemaligen Kantors in Königsberg, der vor Birnbaum wirkt, so werden wir staunend gewahren, wie umfangreich dort noch Toleraturen und Passagen verwandt werden, wie man der Sntensität des Ausdruckes durch oftmalige Wiederholungen gerecht zu werden versucht. Solchen Momenten, begegnen wir noch bis auf den heutigen Tag vielfach in konservativen Sgnagogen. besonders in Polen, Rußland und Amerika. Doch die Reform des Gottesdienstes, von Noah Mannheimer in Wien begonnen, setzte * Einfluß ausllbte. der von ihr )u erwarten war, wenn man ihre Mitgliederzahl, ihre Mittel und ihre ausgezeichneten Rabbiner bedenkt. Bibelvergötterung und, in noch höherem Maße, Pentaleuchvergölterung führen fast unvermeidlich zu einer noch schlimmeren Stockung als „Orthodoxie", denn der „Tradition" ist ein gewisses beschränktes Maß fortschrittlicher Entwicklung eingeboren, das vielleicht niemals ganz gelöscht und erstickt werden kann. Die bestimmte und ausgesprochene liberale Bewegung im englischen Sudentum entstand aus einer Organisation, die ursprünglich nicht in rein liberaler Absicht gestiftet wurde. Die „Sewish Religious Union" wurde 1902 zu dem Zweck ins Leben gerufen, den Gottesdienst am Sonnabendnachmittag und hauptsächlich auf englisch zu Hallen, zu Gunsten derer, welche die gewöhnlichen Sgnagogen nicht am Sonnabendmorgen besuchen konnten, und denen hebräisch mehr oder weniger unverständlich war. Aber von Anfang an wurden unorthodoxe Bräuche eingeführt. Männer und Frauen saßen zusammen, und sieben Achtel des Gottesdienstes wurde in der Landessprache geführt. Die Predigten wurden fast alle von Liberalen gehalten. Der Vorstand war aus einer Mehrzahl von Liberalen zusammengesetzt und einigen wenigen Konservativen. Diese Mischung stellte sich jedoch nach und nach als unmöglich heraus. Die Konservativen zogen sich zurück, und die Bewegung wurde eine ausgesprochen liberale. Die Liberal-Südijche Sgnagoge und Gemeinde wurden gegründet, und die „Sewish Religious Union"'wu rdo jetzt die „Sewish Religious Union for t h e A d v a n c e m e n t o f Liberal S u d a i s m" (zur Förderung des l'.beralen Sudentums). Dis liberale Fahne wurde an den Mast genagelt: das gute Schiff segelte unter unverkennbaren Farben. Es ist unmöglich, an dieser Stelle die weitere Geschichte der Union, und der Sgnagoge zu verfolgen. Sch kann hier nur erwähnen, daß die Sgnagoge jetzt etwa 900 Mitglieder zählt und daß beabsichtigt wird, ein geräumigeres Gebäude zu errichten (unter den größten Gchwiorigkeiton; denn Geld ist furchtbar schwer aufzubringenl), da das ursprüngliche Heim für die gegenwärtigen Bedürfnisse zu klein geworden ist. Eine große Kraft unserer Sgnagoge ist der Rabbiner. Er kam zu uns aus Amerika und gewann oll unsere Herzen und, was noch wichtiger ist, er gewinnt die Herzen unserer Kinder. Aber die Tätigkeit der liberalen Bewegung ist nicht auf die Sgnagoge beschränkt. Die „Sewish Religious Union" versucht auch, liberales Sudentum außerhalb der einen Sgnagoge zu stützen und zu fördern. Es ist nicht ihr Wunsch, nur einen einzigen befriedigten und aufrichtig gläubigen orthodoxen Süden von seiner Treue zur Orthodoxie abspenstig zu machen; aber sie versucht, innerhalb des Maßes ihrer bis jetzt noch sehr beschränkten Kräfte, wo sich eine Gelegenheit bietet, liberales Sudentum unter denen zu verbreiten und zu erklären, die die Lehren der Orthodoxie nicht zu glauben imstande sind und die ihre Bräuche nicht ausüben. Sie fängt an, etwas Erfolg zu haben. Es hat sich auch herausgestellt, daß da, wo man früher alles für eine feste Masse befriedigter und ausübender Orthodoxie hielt, diese Gleichförmigkeit keineswegs besteht. Sn allen Schichten der Gesellschaft, von den sogenannten höchsten bis zu den sogenannten tiefsten, herrscht Mannigfaltigkeit: es gibt überall orthodoxe Süden und unorthodoxe, und die Unorthodoxen umfassen die Agnostiker und Atheisten einerseits und die lauwarm Gleichgültigen andrerseits. Zwischen beiden gibt es viele, über deren Seelen die Orthodoxie keine '-Macht hat; sie kann sie weder zu vollem Leben erwecken, noch ihre halbgeformte und halbbewußte religiöse Sehnsucht anregen oder befriedigen; sie sind aber empfänglich für liberales Sudentum und dankbar für eine lebende Religion, die ihren speziellen religiösen Bedürfnissen und Schwierigkeiten Fntgegenkommt und sie anerkennt. Das sogenannte „ausländische Element" ist unermüdlich gelehrt worden, die Worte „liberales Sudentum" mit Mißfallen zu betrachten und Angst vor ihnen zu haben; aber es hat sich heransgestellt, daß die liberale jüdische Lehre, nicht ausdrücklich so genannt, aber doch wirklich und ehrlich liberal im Tharakter, bereitwillig ausgenommen wird, und daß (wie ja auch zu erwarten war) manche geistig verhungerte Seele davon befriedigt wird. Liberale jüdische Tätigkeit hat ein enormes Gebiet vor sich. Uns fehlen nur genug geeignete Arbeiter und die materiellen Hilfsmittel, ohne die sogar geistige Kämpfe nicht möglich sind: unsere Kisten und Kasten sind peinlich leer! Obgleich die Bewegung des liberalen Sudentums in England in gewisser Beziehung unvergleichlich kleiner und weniger mächtig als in Deutschland ist, so hat das liberale Sudentum hier doch auch gewisse ihm eigentümliche Vorteile. Gerade weil es gänzlich unabhängig von der Orthodoxie und vom Staate ist, besitzt es eine gewisse Freiheit, die ihren Wert hat. Es kann Versuche machen.; es kann Fehler begehen und sie wieder gut machen; es kann innerliche Lehre durch äußerliche Verkörperung beantworten und ausdrücken. Unzweifelhaft gibt es in Deutschland eine Anzahl liberaler Rabbiner, aber keiner von diesen scheint vollkommen frei zu sein, weder im Lehren, noch in der Ausübung. Und wo der Gottesdienst in der Sgnagoge von diesen liberalen Rabbinern geführt wird, würde er einem Mitglied unserer „Liberal Sewish Sgnagogue" äußerst konservativ erscheinen. Wir haben in unserer „Liberal Sewish Sgnagogue" in London mehrere wichtige Veränderungen zustande gebracht. Nicht nur daß Männer und Frauen zusammen sitzen, sondern es herrscht überhaupt absolute Gleichstellung in religiöser Beziehung unter ihnen. Wir haben Frauen im Vorstand. Unsere Bewegung ist gestiftet von einer Frau (M i ß L i l g Montagu): sie ist fraglos die hervorragendste englische Südin ihrer Zeit. Laien ebensowohl wie der Rabbiner lesen die Gebete vor und predigen. Auch Frauen lesen die Gebete vor; unsere Slifterin predigt. Wir haben unsere eigene Liturgie, die viele moderne englische Gebete einschließt. Wir singen zahlreiche englische Hgmnen. Manche Leute glauben, daß wir zu viel von dem traditionellen Gebetbuch abgewichen sind. Die Schwierigkeit lag darin, die Zesii zu finden für viele alte sowohl wie für viele neue Gebete innerzu Anfang des vorigen Sahrhunderts kräftig ein. (Shr voran gingen ja all jene Aufklärungsbewegungen, alle geistigen Kämpfe im jüdische» Schrifttum, von denen Sosef Meise! in seinem bedeutenden Werk „Die Haskalah" so instinktiv zu berichten weiß.) Doch da in dem kleinen Tempel der Seitenstättengasie zu Wien dem Gotlesdienst eine vorbildliche kulturelle Prägung gegeben werden sollte, gewahrte man, wie schwer Spreu von Weizen in Bezug auf die Veredlung des Gesanges und die gesamte musikalische Gestaltung zu sondern sei. Nun kam der junge Salomon Sulzer von seiner Heimatgemeinde Hohenems nach Wien. Shm standen erstklassige Lehrer, die ihm auch später in inniger Freundschaft zugetan waren, für seine musikalische kulturelle Entwicklung zur Seite. Unablässig baut und schafft er. sammelt emsig alles, was ihm charakteristisch jüdisch erscheint. Sm Sahre «SZS gibt er sein erstes Sgnagogen- Gefangswerk „Schir Zion" heraus. Mit diesem Werk ist der Grundstein zu einem Fundamentalbau gelegt, dem mählich Stein auf Stein zugefügt wird, bis in der relativ kurzen Zeit von 70 Sahren eine großartige Sgnagogen-Gesangsliteratur entsteht, durch die es ermöglicht wurde, musikalische Kultur in die Gotteshäuser Ssraels hineinzutragen. Sulzer^ Bestreben war, einen möglichst einheitlichen Stil zu schaffen. Das macht sich in der musikalischen Struktur besonders bei den Thören bemerkbar. Leicht sangliche Formen, einfache Melodienführung und dabei doch gemütsinnige Art. Aber es kann nicht ausbleiben, daß der Einfluß seiner Umgebung sich bemerkbar macht. Die katholische Kirchenmusik und deren damalige prominente Vertreter Würfel und Segfried finden Verwendung, insbesondere dort, wo es sich um Responsorien handelt. Aber auch seine großen Kompositionen bergen unleugbar oft den bekannten Messenstil. Während in Wien Sulzer eifrig arbeitete, ging man in Berlin unter vielen Kämpfen gleichfalls an die Reform des Gottesdienstes. Lewandowskg, dem besonders unendlich viel auf dem Gebiete der Thorkompositionen zu verdanken ist, wurde mit dem noch heute unvergessenen Kantor Lichten st ein nach Wien entsandt, um hier Studien für die Gestaltung des Berliner Musikali-

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