Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 6 (9.2.1923)
- Date
- 1923-02-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bqugsprels durch die SefchLstsstelle lIMtU W. 250.- Llureluummer.. 25.- Ulr die Mitglieder der Bereinigung ist der Berugeprei« s R :: im Milgliedsbeilrage eiubegriff-u. n u :: Aureigevpreis: Die ZV, cm breite mm-Zelle M. 60.- Jamitieuaureige« M. 40.-. Bei Wiederholung Ermäßig. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag, je dreiwöchentlich als wissenschaftliche Beilage „Liberales Judentum" und „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereiue". Ar. S Berlin, y. Februar 1923 3. Jahrgang 'Redaltllou u « d Seschäftspelle: Berlin W. S, Mauerstraße 22 (Bereinigung für da» liberale Judentum e. B), Fernruf; Amt Zentrum 162. Aureigeu-Anuahme bei der Sefchäftsstelle Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin AW. 7 Rr.13706- (Bereiulgvng für da» liberale Zndentnm e.B.). WMW»G>> Im gesl. Seschlung! Die Abonnenten unserer Zeitung bitten wir hierdurch, die Bezugsgebühr für das 1. Quartal 1923 mit Alk. 250,— umgehend auf unser Postscheckkonto Berlin 137 069 überweisen?u wollen, da wir bei nicht rechtzeitigem Eingang die Lieferung der Zeitung sofort einstellen müssen. Ver Verlag der Jüdisch-liberalen Zeitung Bereinigung für das liberale Judentum E.V. ~ “ dl Max Nordau. Gestorben am 22. Zanuar 1923. Von Z. Landau. „Bewundert viel und viel gescholten", so lebte Alax Aordau, so wirkte er mitten unter uns, und so ist er nun von uns geschieden. Nicht etwa jäh und unerwartet ging er hinüber, nicht etwa ganz unvorbereitet trifft uns die Trauerbotschaft von seinem Heimgang. Die Freunde wußten, daß Aordau seit längerer Zeit schwer darniederlag, und er, der scharfblickende, vielerfahrene Arzt, gewohnt, den Tatsachen klar ins Auge zu sehen, wußte erst recht, daß sein Leiden nur zugleich mit seinem Leben enden kann, So ist er denn hinübergeschlummert — auch er ein Opfer der Kriegszeit. Wohl schien er kraftvoll und widerstandsfähig, der Alann von gedrungener^ massiger Figur, mit dem von einem milchweißen Bart umrahmten, vollen Gelehrtengesicht, aus dem helle, gütige Augen leuchteten, aber den Erschütterungen der Flucht aus dem in Kriegstaumel geratenen Paris, des oft entbehrungsreichen Lebens im spanischen Exil war der Liebziger nicht mehr gewachsen. Umstritten wie im arbeitsreichen, kampfreichen Leben ist nun auch nach seinem Hinscheiden die Erscheinung Alax Aordaus. Aber gerade aus diesen Doppelchören von Huldigung und Verketzerung erhebt sich uns hell sein Eharakterbild. Leltsam, wunderlich und fast rätselhaft will es uns zunächst erscheinen, daß Aordau, dieses Urbild eines Weltbürgers, dieser Kosmopolit von reinstem Wasser, der Vorkämpfer einer nationalistischen Bewegung werden konnte, der streitbare Apostel des Zionismus. Zn Ungar n geboren, ^vurde Aordau ein deutscher Lchriftsteller, der in Frankreich, in Paris, lebte und der in Spanien, in Südamerika seine größte Popularität, seine breitesten Erfolge fand. Und dieser Mann, der sich nicht als Mitglied einer besonderen nationalen oder politischen Gemeinschaft, der sich nur als Menschheitsangehöriger fühlte, widmete doch Zeit und Kraft, allen heißen Eifer dem Kampfe für die Befreiung und die Anjiedlung einer verhältnismäßig kleinen, in der Welt verstreuten Glaubens gemeinschaft, die ihm als eine Volks gemeinschaft erschien. Zu verstehen ist diese Erscheinung nur ans einem einzigen Zug in Aordaus Wesen: aus seinem heißen Drange, Verfolgter sich anzunehmen und für Bedrängte sich einzllsetzcn. Lin echter Voltairianer, glich 'er seinem Bl eist er auch in dem Drange, sich gegen jedes Unrecht, wem immer.es auch zugefügt wird, aufzulehuen. Bei einem Kommers jüdischer Ltudonten in Wien erzählte "Aordau einmal in einer kernigen Ansprache, er bade als Gymnasiast sein ganzes Interesse, seine 'Liebe nicht den gefeierten Homerischen Helden, nicht den Großen van Rom, von Griechenland und Sparta, sondern nur den Heloten gewidmet. Zn einem A'ter und einen: Studienstande, in dem der begabtere Primaner sonst an seinem Aömerörcuna drechselt oder dos Per-kWjche Zeitalter besingt, war er mit aller innigen Hingabe uni* bei Spartas Ltaats'eibeigenen, den Unterdrückten, die uns kein Denkmal ihres Ltrebens in Erz und Stein oder im ewig töneudcn Vers des Dichters hiuterlosjen kennten, die nur stumm litten und verscharrt wurden ins namenlose Massengrab der Geschichte, bei den Heloten. Aordaus erster schriftstellerischer Plan galt einer Helotentragödie. Die Lieblingsidee blieb unausgeführt. Eie wachte aber in aller Kraft einer auspeitschenden Empfindung, in aller Tiefe einer seelendurchwärmendeu Stimmung in ihm auf, als er dazu kam, mit der Leidensgeschichte der Süden sich zu beschäftigen und mit der Anteilnahme an dem Schicksal, das fie auch heute noch er- § Aus dem Zuhalt: % § I. Landau: Max Nordau. — Llaude G. Movlefiore: § § Das liberale Judentum in England. — Emil Lohn: Zur Arbeit S § in der Berliner Repräsentantenverfammlung. § S . S § | p Magnus Davidjohu: Die Musik des jüdischen Lottesp | dieuste». * | % % p Aus jüdischer Welt. — Die jüdische 'Gegenwart. — p | Zeitnugsschau. — Büchertljch. | Rabbiner Professor Dr. Bloch verstorben. Der Ehrenvorsitzende des Liberalen Rabbinerverbandes, Professor Dr. Philipp Bloch, ist in Berlin, wie wir bei Redaktionsfchluß erfahren, gestorben. Dr. Bloch, der viele Jahre als Rabbiner an der Israelitischen Brüdergemeinde zu Posen amtierte, hat trotz seines hohen Alters auch nach seiner Uebersiedelung nach Berlin unserer Lache sein lebhaftes Interesse entgegengebracht. Leine Verdienste um den Liberalismus und seine Persönlichkeit werden wir in der nächsten Nummer unserer Zeitung würdigen. Das preußische Zudengesetz von 1847. Die Zusammensetzung des Vorstandes und der Nepräsentantenversammlung der Lgnagogengemeinden wird in Preußen duxch das „Gesetz über die Verhältnisse der Juden" vom Jahre 1647 geregelt. Zu diesem Gesetz wird gegenwärtig im preußischen Landtag eine Novelle beraten, nach der die Höchstfahl der Borständsmitglieder für Gemeinden auf 15, der Repräsentanten aus 45 erhöht werden soll. Der Landtag überwies nach kurzer Aussprache den Entwurf dem zuständigen Ausschuß. Die Rot -er jüdischen Gemeinden in Deutschland. Um ihrer finanziellen Not abzuhelsen, folgen mehrere größere jüdische Gemeinden Deutschland» jetzt dem Beispiel der Frankfurter Israelitischen Gemeinde darin, Öffentliche Anleihen aufzulegen. Der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde hat mit Rücksicht auf die gewaltiger» Bedürfnisse, die in nächster Zeit zu befriedigen sein werden, beschlossen, eine einmalige Anleihe von 150 Millionen Mark aufzunehmen. Die Lgnagogengemeinde von Hannover hat eine siebenprozentige Anleihe in der Gesamthöhe von 25 Millionen Mark zur Zeichnung aufgelegt. Die Anleihe ist erhältlich in Abschnitten von 5000 bis 50 000 Mark. Jüdischer Kinderschuh für das Ruhrgebiet. Von amtlichen Stellen sind die Kinderschuh-Organisationen beauftragt worden, sich auf eine Uebernahme der Pflege aus dem Ruhrgebiet herauszuholender Kinder einzurichten. Man befürchtet eine Hungersnot im Ruhrgebiet und will in erster Linie das Heranwachsende Geschlecht schützen. Auch die jüdischen Organisationen sind angefragt worden, ob sie die Unterbringung jüdischer Kinder aus dem Ruhrgebiet im unbesetzten Gebiete zu organisieren bereit sind. Ls handelt sich um einige Lausend jüdischer Kinder. Die in Frage kommenden jüdischen Institutionen haben sich zur Uebernahme der Arbeit bereit erklärt. | Lin Aeichswohlsahrts-Ausschuh der deutschen Juden. Delegierte des preußischen jüdischen Landesverbandes und der übrigen Gemeindeverbände aus Bagern, LHUringen usw. haben in Berlin die Gründung eines jüdischen Relchswohlsahrts-Ausschusses beschlossen, dessen erste Aufgabe die Verteilung der vom Joint den notleidenden jüdischen Jn.stilulen Deutschlands zur Verfügung gestellten Lummen fein soll. Der ReichswohlsahrtL-Ausschuß setzt sich aus den Vorstehern der Berliner jüdischen Gemeinde Dr. Wolfs, Dr. Freuiid und Dr. Landler und den Berliner Repräsentanten Professor Dr. aürk, Loeb und Dr. Klee, sowie aus zwei noch zu benennenden Vertretern der Gemeinde Aiünchen und Frankfurt a. M. zusammen. Außerdem gehören ihm als Vertreter der Zon-tralwohlsahrlsstelle die Herren Lasparg und Dr. Moses an. Der Ausschuß arbeitet Hand in Hand mit dem Verband gosotzestreuer Gemeinden. Wann wird endlich die Gesamtorganisation der deutschen Juden zur Wirklichkeit werden, in deren Tätigkeitsgebiet u. a. auch die Aufgabe dieses Ausschusses fällt? Lm Weltkongreß der jüdischen Frauen. Der Louncil of Jewish Women faßte kürzlich den Beschluß, einen Weltkongreß der jüdischen grauen einzubcrufen. Der Kongreß soll bereits in diesem Frühjahr stattsinden. lieber die Lagesordnung des Kongresses wurde beschlossen, daß die Fragen, der Kinderfürsorge, der Volkegesundhoit, der Erziehung, des Frauen- und Aiädchenschuhes, sowie der Emigration und Immigration zur Verhandlung kommen sollen. Eine Vertreterin des Eouncil of Jewish Women ist, zur Besprechung dos Kongresses mit den jüdischen Frauenorganisationen Deutschlands, in Berlin eingotroffen. Rudolf Lchildkraut lebt. In der jüdischen Presie findet sich eine Nachricht, nach der Rudolf Lchildkraut, der berühmte Lchauspielcr, gestorben sein soll. Diese Nachricht bewahrheitet sich nicht. Lchildkraut, dessen Darstellungen des Lhglock und in Lchalom Afch's „Der Gott der Rache" unvergeßlich sind, hat sich nach seinem Ruhmeszug durch die deutschen Bühnen der Judengestaltung aus amerikanischen Jargonbühnen gewidmet. leiden. Aus dem Mitleid also ist fein Zionismus geboren, aus dem Bedürfnis gegen jedes Unrecht in die Schranken zu treten, aus dem Drange, zu helfen. Da war es ihm denn eine Art Erlösung, als fein Freund und journalistischer Berufsgenosse Theodor Herzl diesem Drange im Zionismus ein Betätigungsfeld wies. Und allen Seelenaufschwung» alle Begeisterungskraft, alle Opferfreudigkeil hat nun Max Nordau diesem feinem besonderen, aus dem Mitleid erblühten Zionismus gewidmet. Für ihn hat er heiße Kämpfe bestanden, hat er unermüdlich die Feder geführt, hat er an allen Zionistenkongreffen teilgenommen, hat er unzählige Aeden gehalten, hat er heftigen Angriffen im eigenen Lager Stand gehalten, hat er auch den üblichen Weltlohn geerntet: Undank. Man mag zum Zionismus sich so ablehnend verhallen wie man will, den Quellen dieses Aordauschen Zionismus muß man volle Achtung zollen, dem heiligen Eifer, den er ihm widmete, gehört auch die Sympathie aller, die dem Zionismus sonst aus guten Gründen ablehnend gegenüberstehen. Seine Verdienste um die Stärkung des jüdischen Bewußtseins verdienen unseren Dank. Dies alles um so mehr, als Aordau i m ü b r i g e n durchaus nicht der Mann des poetischen Umschwunges war, durchaus nicht der Freund seelischer Ekstasen. Auf allen, aber auch allen Gebieten seiner sonstigen Betätigung war Aordau immer nur der beredte Wortführer kalter, nüchterner Betrachtung, der unerbittliche, sogar zur Uebertreibung neigende Anwalt des sogenannten „gesunden Menschenverstandes", dieses V erstand es, der oft allem Verstehen hinderlich ist. Ein gewisser hausbackener Nationalismus ist schon seinen „konventionellen Lügen" und seinen „Paradoxen" eigen, den ersten Schriften, deren durchdringend scharfe, rücksichtslose Kritik unserer gesellschaftlichen Zustände und Ueberlieferungen, die gespannte Aufmerksamkeit auf den jungen Stürmer lenkte. Aordau lädt da Religion und Monarchie, Politik, Adel, Ehe vor den Aichterstuhl seiner nüchternen Vernunft, und da werden sie denn, weil sie den Proben auf ihre Logik nicht standzuhallen scheinen, tüchtig abgekanzelt. Bedenklicher noch scheint die Anmaßung der praktischen Vernunft» wenn sie sich vermißt, das Genie auf seine Brauchbarkeit zu prüfen und die moderne Poesie nach Zweck und Ziel literarpolizeilich zu verhören. Es ist unendlich viel Fleiß, viel sittlicher Ernst, sehr viel Wissen in den zwei Bänden „Entartung". Ganz gewiß! Aber, wenn hier Aordau nacheinander Richard Wagner und Zbsen, Nietzsche und Tolstoi, Maeterlinck und Ruskin an der Hand ihrer Werke und nach den Gesetzen des bürgerlichen Verstandes auf ihre geistige Verfassung prüft und sie alle als Entartungs-Erscheinungen verwirft, so lehnen wir uns gegen die Ausartung der bedenklichen Lehre von der Verwandtschaft zwischen Genie und Wahnsinn auf. Die zwei Bände „Entartung" find Eesare Lombrofo gewidmet, dessen Theorie hier allzu kühn weiter ausgebaut ist, und zu dem Aordau sich verhält wie etwa Häckel und Karl Vogt zu Darwin. Rein, mit der Marktwage des bürgerlichen Werkeltagsverstandes sind höher geartete Erscheinungen der Poesie und Kunst nicht abzuwiegen. Sie werden zu leicht befunden, weil sie überhaupt unkörperlich, der Prüfung auf praktische Brauchbarkeit und auf Üebereinstimmung mit unseren hausbackenen Begriffen nicht berechnet sind. Aber auch da, wo der Arzt und Naturforscher AjMdau in der Anwendung seiner Methoden auf die flüchtige Materie der Poesie fehlgreift, erscheint er uns als der prachtvolle Eha- Makler, als Mann von Offenheit und unerschrockener Gesinnungstreue, als ein Wahrheits-Fanatiker auch, insofern er gegen eine Welt von Widersachern beherzt für das eintritt, was er — ob auch zuweilen irrend — für Wahrheit hält. Zn seinen Romanen ein trefflicher Beobachter und Schiiderer, wenn auch ohne reiche Phantasie und Gestaltungskraft, in seinen Reden, die gesammelt vorliegen, ein starkes Temperament, überzeugt und. darum auch leicht überzeugend, als Publizist — Aordau, der vielbeschäftigte Arzt und Schriftsteller, war durch vierzig Fahre Korrespondent der „Bössischen Zeitung" —, ein Politiker von seltenem Scharfblick, war Aordau in jeder Art feiner reichen öffentlichen Betätigung ein Mann von überraschend reichem Wissen und von seltener Sprachgewalt. Zn der Geistesrichtung, im jüdischen Empfinden, In der äußeren Erscheinung sogar Berthold Auerbach ähnlich, nbertraf er diesen doch in der Vielseitigkeit des Wissens, in der kritischen Schärfe und in der Meisterung der Form, während er Auerbach wieder in der Phantasie und der Fabuliersreudigkeit nicht erreichte. Zedensalls wird der Aame Aordaus nicht nur von den Zionisten, sondern vcki der gesamten Zudenheit mit Ehren genannt und sein Andenken, wird dankbar gewahrt werden. Jugendvereius-Auzeigen HG* letzte Telle. 535301482348235348235323484823534823535353234823530023230100235323480253484823482390235323