Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 4 (26.1.1923)
- Date
- 1923-01-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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„AeuttaÜtat". Auf einer Tagung des „Sungjiidifchen Wanderbundes" in den Weihnachlstagen, die in dem hessischen Bergstädtchen Zrankenberg abgehalten wurde und an der eine größere (Zahl Führer aus allen Teilen Deutschlands teilnahm, kam folgender Beschluß zustande: Der 3. ö. W. B. bekennt sich zur jüdischen Volksgemeinschaft. Dieser Wille zur jüdischen Volksgemeinschaft schließt in sich das Bekenntnis zur jüdischen Geschichte und den Glauben an eine jüdische Zukunft. Als die wichtigsten Aufgaben erachten wir: die ak- - live und unterstützende Mitarbeit an der ' Schaffung eines jüdischen Kulturzentrums in Palästina und die Arbeit im Galuth im Sinne der jüdischen Volksgemeinschaft. Wir überlassen es unseren Menschen, ihren Platz da auszufüllen, wo sie glauben, der jüdischen Volksgemeinschaft am besten dienen zu können. So fassen wir die Erziehung im Bunde auf, die auf individueller Grundlage beruhen soll. Damit hat der „neutrale" Ableger des „neutralen" Verbandes der „jüdischen Bugendvereine Deutschlands" Farbe bekannt. Den Liberalen mag dieser Vorgang wieder einmal zeigen» daß die (Zukunft des liberalen Judentums nicht durch „neutrale", sondern nur durch liberale Sugendvereine gesichert werden kann. Die Palästiuapolitik der englischen Regierung. Die aus Lausanne zurückgekehrte arabische Delegation hatte kürzlich eine längere Unterredung mit dem englischen Kolonialminister, Herzog von Devonshire, über die englische Palästinapolitik. Dieser erklärte, daß die jetzige Regierung Bonar Laws keineswegs die Politik der früheren Regierung, die im Weißbuch vom 3uli 1922 niedergelegt ist, irgendwie ändern werde. <)n Verbindung mit dieser Erklärung veröffentlicht die „Times", die seit Rorthrliff's Tod wieder als halboffizielles Organ des Außenministers anerkannt ist, einen Leitartikel, in dem es u. a. heißt: „Ts ist in jeder Hinsicht gut, daß die neue Regierung ihre Stellung in dieser wichtigen Zrage präzisiert hat, so daß kein Platz mehr ist für Unsicherheit über die fundamentalen Prinzipien unserer Politik in Palästina. Die Balfour-Deklaration war eine allgemeine Erklärung, deren praktische Seite bestimmt werden kann aus Erfahrungen, und diese Erfahrungen waren sehr belehrend, wenn auch manchmal unangenehm. Die arabische Gegnerschaft, die übertriebenen zionistischen Prätensionen, haben schwere Probleme für die britische Verwaltung in Palästina geschaffen. Diese Probleme sind nicht leichter geworden dadurch, daß es an einer Erklärung der genauen Politik der Regierung gefehlt hat. Die Behauptung mancher (Zionisten, daß Palästina so jüdisch werden müsse wie England englisch, hat gewisse Beunruhigungen hervorgerufen wegen der durch die Balfour-Deklaration «ingegangenen Verpflichtungen. Diese Beunruhigungen spiegelten sich wider in der Agitation der Araber, und die Erklärungen Mr. Thurchills im Weißbuch über die englische Politik waren zeitgemäße, weil sie Ordnung gebracht haben in eine Lage, die Gefahren in sich trug. Die Politik der Gründung eines jüdischen Nationalheims in Palästina wurde bestätigt, aber die Behauptung, daß diese die Schaffung eines jüdischen Staates ist, ist zurückgewiesen und festgestellt worden, daß die jüdische Exekutive (Oewish Executive) keinen Anteil nehmen wird an der offiziellen Verwaltung des Landes. Ts liegt kein Anlaß für die jetzige Regierung vor, diese Politik zu ändern. Wir stnd in Palästina, und die britischen Interessen fordern nicht weniger als die ehrliche Unternehmung selbst, daß wir dort bleiben und die Aufgabe vollführen, die wir auf uns genommen haben. Das jüdische Volk ist in Palästina Kraft eigenen Rechtes und nicht aus Toleranz. Die Süden sind die Erben ihrer Urväter, die Kanaan erobert und besetzt haben. Sahrhunderte vor Beginn der christlichen (Zeitrechnung, und deren Geschichte durch die Bibel uns allen vertraut ist. Aber auch die Araber sollen nicht untergeordnet werden; alle, die in Palästina wohnen, sind Palästinenser, und alle müssen die Möglichkeit haben zur ökonomischen und politischen Entfaltung ihrer völkischen Eigenart. Palästina wird nicht so jüdisch werden, wie England englisch ist. Ehristen, Mohamedaner und Süden werden dort gleichberechtigt sein. Es ist Pflicht der Regierung, das Prinzip der Unparteilichkeit in jedem Departement zu wahren, das weder projüdisch noch proarabisch, sondern britisch sein muß. Aus diesem Grunde hat der Kolonialminister der arabischen Delegation milgeteilt, daß keine Rede davon sein kann, die durch die engllscheNegierungimSulil922festgelegtePolitikzu ändern." Reue Mordhetze. Die in Leipzig erscheinende antisemitische (Zeitschrift „Der Hammer", die eine (Zeitlang verboten war, treibt seit ihrem Wiedererscheinen eine intensive Pogrom-Propaganda. Sn ihrer Nummer vom 15. Sanuar äußert sie sich z. B. in einer Polemik gegen Karl Kautskg: „Es wachsen Galgen aus dem Boden und strecken ihren Arm aus." Wie bekannt, bemüht sich die vom „Edel-Antisemiten" Th. Fritsch herausgegebene Zeitschrift, die Legende von dem jüdischen Ritualmord in Deutschland zu verbreiten. Rach der Auftischung einer schauerlich klingenden Geschichte über die versuchte Entführung Berliner Schuljungen leistete sich die (Zeitung folgende Auslassung: „Wir haben ein paar hunderttausend Ostjuden im Lande, Bestien in menschenähnlicher Gestalt! Das Verschwinden junger Deutscher hat zugenommen, wie der Hustrom dieser Elemente zunahm. Die länger in Deutschland wohnende Sudenschaft hält schützend ihre mächtige Hand über diese ihre Rassengenossen; möge sie daran denken, daß es eines Tages heißen könne: Ganz Ssrael bürgt für einander!" Ein Grundwerk der hebräischen Lexikographie. Der große Gelehrte und Pionier der hebräischen Sprache Eleazar ben Sehuda ist in Tel-Awie gestorben. Er gehörte zu den ersten jüdischen Ansiedlern in Palästina und hat sich um die Einführung des Hebräischen im heiligen Lande besondere Verdienste erworben. . (Zu seinen Hauptwerken gehört das große, auf zwölf Lexikabände berechnete Monumentalwerk „Thesaurus Totius Hebraitatis", von dem die ersten fünf Bände bereits bei der Verlagsfirma Langenscheidt in Berlin erschienen sind. Unter dem Protektorat des Oberkommissars von Palästina, Sir Herbert Samuel, hat sich in Jerusalem ein Komitee gebildet, das die Vollendung dieses Wörterbuches bezweckt. Dem Komitee gehören u. a. Achad Haam und Ussischkin an. Die jüdische Auswanderung aus Posen und Pomerelleu. Die Auswanderung der jüdischen Einwohner aus den neupolnischen westlichen Kreisen Posen und Pomerellen schreitet vorwärts. Mehrere Städte in diesen Kreisen zählen fast keine jüdischen Einwohner mehr. Die polnischen Behörden haben infolgedessen die dortigen jüdischen Gemeinden als aufgelöst erklärt und die denselben gehörenden religiösen und öffentlichen Gebäude konfisziert. Der jüdische Rationalrat in Warschau intervenierte in dieser Angelegenheit beim Unterrichtsminister, welcher daraufhin eine Verordnung herausgab» daß von einer Konfiskation der erwähnten Gebäude solange abzusehen sei, bis eine spezielle Verordnung darüber erscheinen wird. Die Sude« und der Staat. Die Reihe der fünf akademischen Vorträge „(Zur (Zudenfrage" eröffnete am Sonnabend im überfüllten Auditorium maximum der Hamburger Universitätsprofessor der Nationalökonomie Dr. Franz Oppenheimer mit dem Thema „Der Bude und der Staat". Die (Zeitung „Hamburger Eorrespondent" bringt darüber in ihrer Ausgabe vom 9. Banuar folgenden Bericht: „Der Vortragende behandelte dieses Thema vom rein wissenschaftlichen und zwar im wesentlichen vom soziologischen Standpunkt aus. Er entwickelte zunächst den Begriff des Staats. Rach den jetzt allgemein anerkannten Begriffen der soziologischen Wissenschaft ist der Staat eine Mischform der menschlichen Gemeinschaft, die dadurch entstanden ist, daß in die auf Liebe und Brüderlichkeit begründete Volksgemeinschaft eine andere Gemeinschaft gedrungen ist, die sie beherrschen und unterdrücken will. Es ist also eine Rechtsinstitution, die eine Herrenklasse einer Knechtsklasse aufgedrungen. Es handelt sich also um einen Klassenstaat, der durch Eroberung und Unterwerfung und nicht durch allmähliche Differenzierung entstanden ist. Dieser Klassenstaat ist ein zwieschlechtiges Wesen, in dem die «Znteressen der Gesamtheit mit den einseitigen Znteressen der Herrenklasse im Kampf stehen. Denn alles, was Gemeinschaft ist und ihr dient, ist naturnotwendig, ewig, heilig, altes, was der Klassenherrschaft dient, ist historisch geworden, unheilig und muß so lange bekämpft werden, bis der Staat eine Gemeinschaft darstellt, die völlig von genossenschaftlichem Geiste der Liebe. Versöhnlichkeit, Solidarität und strengster Rechtlichkeit erfüllt ist. Der Staat als Klassenherrschaft steht auch im Kampf gegen die sprachlichen und religiösen Minderheiten; das Motiv dieses Kampfes ist immer das gleiche: die herrschende Klasse will ihre Rechte mit den Minderheiten nicht teilen. Die deutschen Buden sind nichts anderes als eine religiöse Minderheit im Staat und müssen die Verhetzung gegen sie und ihre Knechtung als ein schweres Unrecht, als eine Einmischung in ihre persönliche Freiheit, als unsittlich empfinden, und das um so mehr, als der deutsche Zude zu dem Staat steht, soweit er eine Gemeinschaft und der Hüter der Sittlichkeit, des Rechts und der Solidarität ist. Das hat er im Bahre 1914 in der furchtbaren Gefahr des Vaterlandes bewiesen, als er ebenso wie die Proletarier aus innerem Gemeinschaftsgefühl heraus zu den Waffen eilte und dem Vaterlands den gleichen Blutzoll zahlte wie alle anderen Klaffen. Und er hat auch das Recht und in hervorragendem Maße die Pflicht, jetzt mit den Sprach- und Schicksalsgenossen im Elsaß, im Saargebiet, im Osten und am Rhein zu klagen, mitzuhoffen auf eine bessere «Zukunft und an das Weltgewissen zu appellieren, und zwar trotz allen antisemitischen Gebrülls, lediglich aus dem Gefühl der Gemeinschaft heraus. Sofern der Staat eine Massenorganisation gegen die jüdische Minderheit ist, hat der deutsche Bude das Recht energischer Abwehr und die Pflicht, an erster Stelle in dem Kampf der Menschheit zu stehen, der dahin geht, den Klassenstaat umzubilden zu einer idealen Volksgemeinschaft der Sittlichkeit, des Rechts und der Freiheit. Dazu berechtigt ihn das ganze starke Stammesbewußtsein, das er als (Zugehöriger eines uralten Kulturvolkes hat." Kreuz und Mögen Dovid. Von 3. 9 Q n b q u. (Schluß). Wie angewurzelt und nichts Gutes ahnend, bleibt unser kleiner Hermann ein wenig schlotternd stehen. „Kannst du ein Kreuz schlagen, Sud!" brüllt der stämmige Bursch den schmächtigen jungen an. „Rein," stammelt schüchtern unser Held, der sich setzt garnicht heldisch vorkommt. „Das will ich dich schon lehren," und er machte ihm mit der derbpratzigen Rechten das Seichen des Kreuzes, wie er es beim Beten zu machen pflegt, an Kopf und Brust vor. „So, jetzt mach's nach!" „Dos darf ich aber nichtl" „Gleich schlägst du ein Kreuz, Sud, oder ich schlage dir alle Knochen entzwei, Sud!" Und der Schlingel hob die wuchtige Latze. Da half nun kein Sträuben, kein Wimmern. Das Kreuzeszeichen mußte gemacht werden . . . Sm tief niederdrückenden Gefühl einer schweren Sünde schlich unser Hermann heim und verbrachte unter Beten und Grübeln eine schlaflüse Nacht. * * * Sahre, Sahre sind seitdem vergangen und der Schauplatz ist verlegt. Unser Hermann ist den Lockungen der neuen Welt gefolgt, die auf Ungarn besonders mächtig wirken. Wenig europäische Länder geben — im Verhältnis — an Amerika Jo oid wertvolle Arbeitskräfte und so viel gute Sntelligenzen ab. wie Ungarn, so viele schaffenseifrige Köpfe und Hände. Aber die Ungarn sind keine Dauer- Auswanderer. Der deutsche Auswanderer bleibt der Heimat für immer verloren. Seine Kinder schon fühlen sich als Voll-Amerikaner, die Enkel haben meist den deutschen Ursprung vergessen oder suchen ihn vergessen zu machen. Der Ungar geht gleichsam mit dem Netourbillel übers Meer. Sn jedem ungarischen Ort, in jedem Slowakendorf findet man, neben und zwischen verfallenen Lehmhütten, einen blitzblanken, stattlichen Bauernhof — das gehört „einem, der aus Amerika zurückgekommen ist", sagen mit besonderem Respekt die Dorfbewohner. Auch unseren Hermann, dem die kargen Enlwicklungsmöglichkeiten seines Heimatsortes nicht genügten, zog es in die neue Welt. Zleiß und Beharrlichkeit. Sparsamkeit und ein scharfer, jede gute Gelegenheit rasch erspähender Blick, das sind die Eigenschaften, die drüben immer noch aufwärts führen. So hat denn auch unser Hermann Sprosse für Sprosse die Stufenleiter erklommen, die zu Geltung und Besitz führt, zu Unabhängigkeit und Einfluß. Wir finden ihn als den Besitzer einer großen, in stetem Wachsen begriffenen Fabrik, in der er viele Hunderte von Arbeitern beschäftigt. Nicht als hochgebietender Zabrikpascha, der unzugänglich in seinem mit weichen Klubsesseln ausgestatteten Bureau thront, sondern als den Fleißigsten unter den fleißigen, der jede einzelne Arbeit in seiner Fabrik verständnisvoll beaufsichtigen und auch selbst verrichten kann, der auch jeden Arbeiter kennt und am Schicksal jedes Einzelnen Anteil nimmt. Eines Tages erscheinen wieder etliche Burschen aus der ungarischen Heimat — so finden sich auch drüben immer die Landsleute - gern zu Landsleuten — und fragen nach Arbeit. Unter ihnen ein derber, langer Kerl. Verwundert sicht ihn unser Hermann an und eine Schreckensszene aus Knabenlagen taucht wieder im Erinnern auf. — „Bist Du nicht aus . . . R . . „Sowohl, da bin ich Herl" „Und heißest Du nicht Zanosch?" „Sowohl," antwortet der Bursche ganz verdutzt, „so heiße ich." „S, da bist Du ja der verfluchte Schlingel, der mich einmal totschlagen wollte, wenn ich nicht dos Kreuz schlage. Das sollst Du mir nun aber ordentlich büßen! Du sollst hier bei mir täglich arbeiten, daß Du schwitzst, und sollst hier nicht eher aufhören, als bis Du Dir ein ordentliches Stück Kapital erworben hast und als reicher Bauer heimkehrst, Du verdammter Halunke!" Und Sanosch arbeitete in der Zabrik, arbeitete im Schweiße seines Angesichts, erarbeitete sich ein hübsches Kapital, mit dem er heimkehrte in seinen ungarischen Marktflecken. Liber da litt es ihn nicht recht. Nach einigen unliebsamen Erfahrungen in der Heimat machte er sich wieder auf den Weg. Uebers Meer! Und eines Morgens stand er abermals mit seinem Ranzen vor unserem Hermann. „Es hat mich wieder hergezogen!" Das Kreuz zum Mögen Dovidl Nathan-Zilm. Man soll nicht prophezeien und sich vor dem Gedruckten hüten. Kaum hatte ich, an dieser Stelle, die Gründe untersucht, die die Zilmindustrie an der Gestaltung des jüdischen Stoffes hindern, so bringt der Bavaria-Zilm im Emelka-Konzern sein Bilddrama der Humanität: „Nathan der Weise" heraus. Hans K g s e r hat das Manuskript nach Motiven aus Lessings Dramagedicht der Humanität und des Rationalismus verfaßt. Und wie dieses seine Geschichte, seinen Ursprung im Reimarus- Goeze-Streit hat. so ist die Vergangenheit dieses Zilms kulturgeschichtlich nicht minder interessant. Da der Sitz des Bavaria- Zilms München ist, diese kunstfrohe Stadt, die mit Lourenzo Marquez an der Delagoabai beileibe nicht verwechselt werden darf, so hatte die Reichsfilmprllfstelle München den Zilm zu plazetieren. Bei dieser Gelegenheit gab Regierungsrat Dr. Merberger, Referent für öffentliche Ordnung und Sicherheit am Polizeipräsidium dortseits, folgendes Gutachten ab: „Mit nackten Worten gesagt, ist der Snhalt des Zilms: der Sude ist alles, die andern, ob Ehrist oder Türke, sind nichts. Die breite Darstellung dieses Snhalts, in tgpisch jüdisch gefärbtem Sinne durchgeführt und in vielen Schriften für unser gereiztes Publikum zu grell unterstrichen, muß Andersdenkende und -fühlende verletzen, muß insbesondere in der heutigen politisch zugespitzten Zeit öffentlichen Anstoß erregen, wo keiner als der schlechtere zurückstehen will und wo größere Volksteile in den Süden Ursachen ihres Unglücks erblicken." Das Gutachten kommt zu dem Schluß, daß der Bildstreifen außerordentlich geeignet erscheint, die öffentliche Ordnung und Sicherheit zu gefährden. Dem schloß sich der zweite Gutachter, ein Pfarrer, mit den aus biblischem Seist geborenen Worten an: „Die gegebene Lösung der Frage, welches die beste Religion sei, muß als verletzend empfunden und scharf abge- Ichnt werden und die überwiegende Herausarbeitung des Süden (O, was ist die deutsch Sprak doch für ein schwer Sprakl Lessing) als des weitaus besten muß besonders zur Setztzeit sowohl den katholischen als auch den protestantischen Teil der Bevölkerung verletzen" . . . . Der Lessingkeuner wundert sich nicht darob, sondern daß die Kammer den Bildstreifen trotzdem zuließ, erscheint ihm bei dem heutigen Stand „öffentlicher Ordnung" erwähnenswert. Denn er erinnert sich der Worte des Wolfenbüttlers in den Materialien zum „Rachan": „Noch kenne ich keinen Ort in Deutschland, wo dieses Stück schon jetzt aufgeführt werden könnte. Aber Heil und Glück dem, wo es zuerst aufgeführt wird." Snzwischen haben anderthalb Sahrhunderte genügt, die europäische Kultur vollends auf den Hund zu bringen. So ist die Vorführung eines solchen Zilms doppelt begrüßenswert. Es erscheint gewagt, Literatur für den Zilm umzugestalten. Und ist bisher, fast stets noch, mißlungen. Unendliches Wagnis, ein Gedicht dem Supiterlicht anzupassen. Daß man hier einen Zilm von starker Wirkung, stellenweise otemraubender Kraft zustande gebracht hat, muß man der völligen Umarbeitung des Stoffes danken. So wird aus dem Stück, das lehren sollte, „daß es nicht erst von gestern her unter allerlei Volke Leute gegeben, die sich Uber alle geoffenbarte Religion hinweggesetzt hätten, und doch gute Leute gewesen wären" — die Absicht spricht Lessing im Entwurf zu einer Vorrede aus —, die Apotheose des jüdijchen Edelmenschen. Desien Verfassung wird hier mit dem ureigensten Mittel des Zilms, durch eine Reihe primitiver Handlungen die Willensskala zu verdeutlichen, gezeigt. Und hätte man sich entschlosien, auch die Ringfabel, die als Verkörperung transzendenter Gedanken von der Linse nicht wiedergegeben werden kann, durch Bilder aus dem täglichen Leben zu ersetzen, so wäre der „Nathan" ein vollendeter Zilm geworden. Setzt ist der Höhepunkt der Bewegung schon im ersten Akt überschritten, dem im Vorspiel eine meisterlich zusammengefaßte Exposition vorangeschickt ist. Aber auch in der jetzigen Zorm wird der Zilm seinen Eindruck auf den Beschauer nicht verfehlen. Dabei dürfen manche Schwächen der Regieführung nicht verschwiegen werden. Manfred Noa hat mit erlesenem Geschmack, unaufdringlich die Bilder zu stellen gewußt, aber manches schleppende im Buch nicht überwinden können. So ist die Hinrichtungsszene viel zu ruhig, und auch im Palast Saladins hätte eine häufigere Benutzung des Megaphons nicht geschadet. Sodann hätte beachtet werden müsien, daß Bella Muzsnag und Earl de Vogt die Wirkung der Schminke im Kinematograph nicht beherrschen. Darf man nur die schöne Hand durch eine Großaufnahme verewigen. (Schlußbild.) Sind die Zwischentitel an manchen Stellen zu knallig und zerstören so die Wirkung des Bildes, dessen Tendenz sich unaufdringlich einprägt. Werner Krauß ist Nathan. Kein Shglocktgp. der er auch nicht sein darf. Aber: „Du sollst nicht mehr Nathan der Weise, du sollst nicht mehr Nachan der Kluge — du sollst Nathan der Gute heißen." Den stellt er dar, mit dem fein huschenden Zug im Gesicht, der von einer jahrhundertelangen Unterdrückung spricht. Die den guten Kern nicht zerstören konnte. Wenn sich dieser Nathan o« dner Stelle des Vorspiels am Boden wAzt in wilder Gier nach Gott, kann man nur schweigen. Z» Bewunderung. Botho Laserfieiu. i