Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 4 (26.1.1923)
- Date
- 1923-01-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Oscar Netz zum Gedächtnis! Bon Rechtsanwalt Heinrich Stern, Berlin. Vorsitzender -er Vereinigung für das liberale 2udentum L. V. Der jähe Schlag, der die deutschen Fuden eines ihrer desten Männer beraubt hat. trifft mit ganzer Wucht insbesondere das deutsche liberale Fudentum. Gewiß hat Oscar Tietz in seiner jüdischen Liebestätigkeit nicht nach der religiösen Ueberzeugung dessen gefragt, dem er seine Kräfte lieh, gewiß hat er das Fudentum über die Partei geteilt, — daß er aber mit beiden Füßen fest im Fudentum wurzelte, das dankt er der Innerlichkeit seiner religiösen Ueberzougung. Aach dieser seiner religiösen Ueberzeugung aber gehörte er uns. Tietz war kein Mann der Phrase. Wort und Tat folgten bei ihm, für Redensarten, die zu praktischem Erfolg nicht führten, hatte er keinen Sinn. Deswegen hat man von ihm in großen Volksversammlungen wenig gehört; auch in der Repräsentantenversannnlung der Berliner jüdischen Gemeinde nahm er nur das Wort, wenn es praktische Arbeit zu leisten galt. Freilich beschränkte sich diese „praktische Arbeit" nicht nur auf das Finanzielle, wenn es auch leider in letzter Feit bei uns im Vordergrund stand. Er hatte für religiöse Fragen ein warmes Interesse und in den Sitzungen der Fraktion, in denen die Meinungen sehr oft aufeinanderprallten, war er stets auf der Seite derer, die die Bedeutsamkeit religiöser Fragen in die erste Reihe stellten. Für eine seelenlose Berwaltungstätigkeit, die von großen jüdischen Gesichtspunkten absah, hatte er kein Verständnis. 'Auch in unserer Arbeit, in der Arbeit der liberalen Fraktion wie der liberalen Vereinigung und ihrer Berliner Ortsgruppen, für die er, ohne daß es die meisten ahnten, stets ein warmes Interesse zeigte, bewies er die Großzügigkeit, die sein ganzes Handeln und Wesen kennzeichnet. Kleinarbeit hat er gewiß nicht unterschätzt und in den Kommissionen sorgfältig am geregelten Gang der Verwaltungsmaschine mitgearbeitet. Wir hätten ihn aber nicht so lange bei uns hallen können und seine regelmäßige Mitarbeit an uns gefesselt, wenn ihm nicht über allen Arbeiten der täglichen Verwaltung als Leitstern dies gestanden hätte: „Praktische Verwirklichung des religiös-liberalen Fdeals". Er war in seiner Person wohl der beste Beweis dafür, daß Liberalismus eine aufbauende Bewegung ist und sein muß, wenn sie in der Hukunft des Fudentums etwas mitzureden haben will. Oscar Tietz stammte aus einem Hause, in dem tätiges religiöses Leben heimisch war. Er hatte sein Judentum nicht aus Büchern oder Hcitungsartikeln, sondern er hatte es erlebt und hielt ihm in seinem Herzen die erste Stelle offen. Weil er den Korn jüdischen Wesens begriff, die werktätige Gomeinsrhaftstat, deswegen klammerte er sich nicht ängstlich an die alten Formen und deshalb war es natürlich, daß er feinen Weg zu uns nahm und bei uns blieb. Tietz erschien nicht im Vordergrund des Parteigctriebes und des Parteikampfes, aber er erkannte den Wert einer geschossenen Organisation der Liberalen und hielt etwas auf ihre Ehre. Für ihn war Pflichtgebot, daß nicht nur die liberale Fdee, sondern ihre äußeren Merkmale, die Organisation, die Heilung, usw., erhalten blieben. Ein Hinweis darauf, daß Gefahr bestehe, dieses einzige Organ der deutschen Liberalen oder ihre Organisation erschüttert zu sehen, verfing bei ihm ohne jede nähere Begründung. Als ich j>as letzte Mal mit ihm über die Frage der Fortführung unserer Zeitung Rücksprache nahm und ihm vorstellte, was es nach außcnhin für einen Eindruck erwecken würde, wenn kurz nach dem Untergang der „Allgemeinen Heilung des Fudentums" auch die letzte liberale jüdische Heilung nicht mehr gehalten werden könnte, sagte er mit einer unvergeßlichen Handbewegung: „Das ist unmöglich." Sofort stellte er sich an die Spitze einer größeren Sammlung und er entließ mich mit den Worten: „Sch werde die liberale Organisation und ihre Heilung nicht untergehen lassen." Dieses Wort hat mich begleitet bei vielen Enttäuschungen, die wir bei unserer Werbe- und Aufbauarbeit durchmarhen mußten; denn ich wußte, wenn Tietz etwas zusagte, war es ein Wort, auf das man bauen durfte. Als vor wenigen Wochen die Frage brennend wurde, ob in Berlin ein Wahlkampf geführt werden sollte oder nicht, hing von seiner Stellungnahme viel ab. Richt nur materiell, obwohl die Gewährung oder Versagung seiner Hilfe natürlich mit ins Gewicht fiel. Mehr noch ideell; denn es war selbstverständlich, daß sein Name die liberale Liste führen mußte. An einem Sonntag rief er mich an und bat mich, ihn aufzusuchen. Fd), der von vornherein aus vielfachen Gründen gegen die Durchführung eines Wahlkampfes war, hatte gehört, daß Tietz in vorderster Reihe der Kampffreunde stehe, und glaubte daher nichts anderes, als daß er mich zu seiner Meinung umstimmen wollte. Fd) war daher freudig überrascht, als er mich mit den Worten empfing, daß ein Wahlkampf unter keinen Umständen stattfinden dürfe. Er setzte mir dann auseinander, daß er. gewiß für eine Auffrischung der liberalen Fdee durch ein gelegentliches Messen der Kräfte mit den Gegnern sei. daß ein Kampf hin und wieder notwendig sei, um das stockende Parteigetriebe zu beleben. Ueber der Partei aber stände die Ehre des Fudentums, und diese fordere in einer Heit äußerer Bedrängnis unbedingte Waffenruhe im Fnneren. Da ich auf demselben Standpunkt stand, einigten wir uns sehr schnell, und er ermächtigte mich, in der entscheidenden Vorstandssitzung des liberalen Vereins zu erklären, daß er auf keinen Fall für einen Wahlkampf zu haben sei. Fn diesen beiden letzten größeren Unterredungen, die ich mit ihm hatte, kennzeichnete sich seine Auffassung von jüdischen Dingen. Er war mit Leib und Seele bei unserer Sache; er förderte die Organisation und stützte sie, wenn sie zusammenzubrechen drohte; aber es gab für ihn etwas öheres als die Durchsetzung der eigener» Auffassung, das war die hre des gesamten Judentums. So stand er vor uns, so steht er vor uns, so bleibt er uns. Die gütigen Augen sind geschlossen, das warme Herz steht still. Der Platz an der Ecke des linken Tisches in dem Repräsentantensaal der Berliner Füdischen Gemeinde bleibt leer, selbst wenn ein anderer seine Stelle einnehmen sollte. Wir worden ihn immer wieder auf seinem Platze sehen, wie er aufmerksam jedem, auch dem Gegner, zuhörte und eingriff, nicht wenn ein Redner benötigt wurde, aber wenn es etwas zu sagen galt. Er wird allen fehlen; in den Reihen des liberalen Fudentums aber hinterläßt fein Tod eine Lücke, die kaum zu schließen ist; denn auf ihn durften wir zeigen, wenn man fragte, was der Liberalismus Praktisches geleistet hat. So ziemt sich nicht, an seiner Bahre zu Klagen, sondern nur das ziemt, ihm nachzufolgen und im eigenen Leben die oä'-jU m betätigen, die er in seinem Handeln und Streben verkörpe>-. .-I? Rame wird uns nicht nur ein Rame bleiben, sondern hu V >;r* >>, und wir werden so handeln müssen, daß wir uns sac.en bui j?: ..-n Oscar Eietz lebte, würde er bei uns sein und uns -ühren.' Br danken ihm, indem wir handeln wie er, indem '»u l- > Die jiidifcbe Gegenwart j$>j Die Berliner Repräsentantenversammlung. Die Neuwahlen zur Repräsentantenversannnlung haben eine erhebliche Veränderung in dem Personalbestände der Repräsentantenversammlung mit sich gebracht. Aus der liberalen Fraktion scheiden eine Anzahl verdienstvoller Mitglieder aus, während andererseits neue Kräfte in sie eintroten. Es wird am Platze fein, der Tätigkeit unserer ausscheidenden Freunde zu gedenken und die neuen Männer unserem Leserkreis vorzustellen. Geh. Regierungsrat Dr. Georg Minden hat feit mehr denn 30 Fahren der Ropräsentantenversaminlung angehört, zuerst als stellvertretendes, dann als ordentliches Mitglied, später als Schriftführer und zuletzt manches Fahr als ihr Vorsitzender. Er gehört zu den entschiedenen Verfechtern des religiösen Liberalismus, auf dessen linkem Flügel er als langjähriger gleichzeitiger Vorsitzender der Berliner Reformgemeinde gestanden hat. Zugleich hat er sich aber durch seine gerecht abivägende, allen religiösen Richtungen Rechnung tragende Art, Vertrauen in allen Kreisen und bei allen Parteien in der Gemeindeverwaltung erworben. Sein kluger Rat hat der Gemeinde oftmals zum Vorteil gereicht. Er hat in den Fahren des Aufschwungs und der Blüte der Gemeinde vor dem Kriege und in gleicher Weise unter den Schwierigkeiten und Sorgen der Kriegs- und Nachkriegszeit manchen schicksalsschweren Beschluß mitberaten und als Vorsitzender verkünden müssen. Fn vielen Kommissionen hat er eifrig und sorgsam mitgearbeitet, am wirkungsvollsten im Lchul- und Ealmudthora-Vorstand und in der Fürsorgekommission; die Errichtung und Erhaltung der Ehrenbeamten-Kommission ist sein Werk. Er ist ein wirklich frommer Mann, wie ihn sich der freidenkende Fude vorstellt, und es hat seiner Frömmigkeit nichts geschadet, sie vielmehr nur noch vertieft, daß er beim Gottesdienste der Reformgemeinde nie fehlte, obwohl oder weil hier die deutsche Sprache und das Gemeindelied in den Vordergrund gestellt, Männer und Frauen vereinigt sind und der Gottesdienst — horribile dictu — auch am Sonntag abgehalten wird. Sein Entschluß, wegen seines vorgerückten Alters diesmal eine Kandidatur nicht wieder anzunehmen (den Vorsitz hat er schon 1920 abgegeben), ist auf allen Seiten mit dem größten Bedauern aufgenommen worden. Seine Tätigkeit wird der Gemeinde und besonders den liberalen Kreisen stets in dankbarer Erinnerung sein. Fhn selbst hoffen wir noch lange in geistiger und körperlicher Rüstigkeit uns erhalten zu sehen. Wir sind gewiß, daß er der liberalen Sache, der er auch als Vorstandsmitglied des liberalen Vereins lange Fahre gedient hat, weiterhin sein Fnteresse, seinen Rat und seine Mitwirkung bewahren wird. Sein Rachfolger im Vorsitz der Repräsentantenversannnlung in den Fahren 1920-22 war Gewerberat Emil Plotke. Auch er ein Mann von unverbrüchlichster, weise abwägender Gerechtigkeit und Objektivität zugleich von vornehmster Gesinnung und treuer Anhänglichkeit an die liberale Richtung. Aus gutem, altjüdifchem Haufe stammend, brachte er erhebliches jüdisches Wissen mit. Die besonderen Schwierigkeiten der Heitverhältisse und der augenblicklich vorherrschenden Anschauungen in unseren Kreisen haben dazu geführt, daß Herr Gewerberat Plotke in der nächsten Wahlperiode nicht wieder in die Versammlung eintritt, wir hoffen aber, ihn in Hukunft wieder für unsere Sache im Dienste der Gemeinde wirken zu sehen und werden ihm dankbar sein, wenn er weiter wie bisher milwirken wird, den Frieden in der Gemeindeverwaltung zu erhalten. Als einer der gewissenhaftesten Arbeiter in der Gemeindeverwaltung war Herr Emil Lohn allgemein anerkannt. Fn den liberalen Kreisen schätzte man ihn zugleich (den man als langjährigen Schatzmeister der liberalen Vereinigung kannte) als energischen Vertreter des jüdischen »Liberalismus. Er war tief durchdrungen von der Gleichheit aller Gemeindemitglieder. Wie alle Menschen vor Gott gleich, so sollte auch unter Fuden, namentlich für die Gemeindeverwaltung. kein Unterschied bestehen. Deshalb wirkte er eifrig dafür, die Unterschiede im Beerdigungswesen zu beseitigen und den Besuch des Gottesdienstes Federmann in möglichst gleicher Weise zugängig zu machen. Fn mancher Kommission der Gemeindeverwaltung wird er vermißt werden. Sein Ausscheiden infolge seines hohen Alters wird allgemein bedauert. Auch die andern drei ausscheidenden Herren: Redakteur Dr. F. Levy, Geh. Fustizrat Easper Halle und Sanitätsrat Dr. öteinthal haben ihren Rat und ihre vielseitige Erfahrung oft zum Vorteil in den Dienst der Gemeindeverwaltung gestellt und sich durch ihre vielfache Mitarbeit den dauernden Dank der Gemeinde erworben. Von den ausscheidenden Repräsentanten wäre an erster Stelle Herr Oscar Tietz in die Versammlung zurückgekehrt. Leider haben wir ihn verloren. Mir werden seiner Leistungen würdig gedenken. Hurückgekehrt sind die Herren Professor Moritz Türk und Emil Pincus. Wir sind gewiß, daß sie, deren Verdienste um die jüdische Gemeinde über alle owoifel erhaben sind, unsern liberalen Standpunkt wie bisher auch fernerhin aufs energischste vertreten werden. Das gleiche gilt von dem wiedergewählton Repräsentantenstellvertreter Hauptbuchhalter S. W. Rawack, dem Vorsitzenden des Veamtenausschusses der jüdischen Gemeinde. Als neue Repräsentanten begrüßen mir die liberalen Herren Hahnarzt Dr. M. Lipschitz, Fustizrat Hugo Sonnenseld, Moritz Rosenthal-Schöneberg, Lehrer Robert Hirschfeld, als Stellvertretende und Ersatzmänner die Herren Prof. Felix Rosenberg, Professor Fosua Friedländer. Dr. Kurt Fleischer. Herr Dr. Lipschitz ist seit über zwanzig Fahren Vorstandsmitglied des liberaler» Vereins und zur Heit sein zweiter Vorsitzender. Er hat auch in einer früheren Wahlperiode bereits der Repräsentantenversammlung angehört. Seine Stellung und seine Persönlichkeit bürgen dafür, daß er der rechte Vertreter für unsere Sache in der Repräsentanz ist. Herr Fustizrat Sonnenseld ist der Oeffentlichkeit durch seine frühere Tätigkeit als Stadtverordneter von Berlin, ferner als langjähriges Vorstandsmitglied und als der bewährte zweite Vorsitzende des Eentraloereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bekannt. Wir hoffen, daß er der Gemeinde, insbesondere auch durch seine umfassenden juristischen Kenntnisse und Fähigkeiten wertvolle Dienste leisten wird. Herrn Moritz Rosenthal kennen die Mitglieder des liberalen Vereins als tatkräftigen Organisator und zielbewußtes Vorstandsmitglied. Er hat sich auch sonst im jüdischen Leben Berlins an den verschiedensten Stellen, so als Vorsitzender des Synagogonoereins Lützowstraße und als Mitarbeiter in den jüdischen Logen bestens bewährt. Herr Lehrer Hirschfeid steht seit Fahren als einer der geistigen Vorkämpfer des religiösen Liberalismus im Vordergründe unserer Bewegung. Er hat insbesondere die wesentlichsten Verdienste um die liberale Fugendbewegung, der er schon infolge seiner pädagogischen Fnteressen und Zähigkeiten besonders nahe steht. Er ist auch Vorsitzender der wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen Berlins. Herr Professor Rosenberg kommt aus dem Kreise der Berliner Reformgemeinde, bei der er bereits durch seine Persönlichkeit und Betätigung bestens geschätzt ist. jpen: Professor Friedländer, eine Persönlichkeit von ausgebreitetem jüdischen Wissen, hat insbesondere im Norden Berlins sich für die liberale Sache eingesetzt. Er ist auch Mitglied der Gebetbuchkommission der Vereinigung für das liberale Fudentum. Herr Dr. Fleischer, ein temperamentvoller jüngerer Vorkämpfer der liberalen Sache, hat in Schöneberg für unsere Hiele gewirkt. Das Ergebnis der Wahl bedeutet eine wesentliche Aenderung der bisherigen Repräsentantenversammlung. Fhre liberalen Mitglieder werden fest zu unserer Zahne halten. Den Ausscheidenden unseren Dank, den Neueintretenden unseren Gruß. Möge ihre Llrbeit zum Heile für die liberale Sache und zum Segen der Gemeinde dienen. Die Musik des jüdischen Gottesdienstes. Bon Oberkantor Magnus Davidsohn-Berlin. Wohl auf keinem Gebiet der jüdischen. Wissenschaft hat bisher die Forschung so geringe Ergebnisse gezeitigt, tritt die Verschiedenartigkeit der Anschauungen und Urteile so stark in die Erscheinung, wie innerhalb der Geschichte der gottesdienstlichen Mustk. Während die jüdische Wistenschaft sich sonst mit den geringsten Einzelheiten dessen beschäftigt, was das Fudentum in allen seinen Teilen betrifft, fließen ihre Ouellen nur spärlich, sofern es sich um Weisen und sonstige musikalisch-technische Momente der Synagoge handelt. Bei bestehenden Melodien, bei traditionellen Weisen wird der Musikhistoriker immer die Epoche erkennen, in der sie entstanden sind. Vernehmen wir z. B. in einer polnischen Schule die melismathische Behandlung irgendeines alten Steigers durch eine virtuosenhafte chasonische Kehle, so werden uns Koloraturen und Läufe ebenso aus der altitalienischen Epoche wie auch aus der Heit der Meistersinger entgegenklingen. Man höre eine alte Oper — sie braucht noch nicht einmal sehr alt zu sein —, man höre Doni - z e t 1 i oder gar Händel und deren damals gebräuchlichen Stil, und man wird des Schlüssels Lösung sofort für manche Eigenart der Tradition unserer gottesdienstlichen Gestaltung finden. Der starke konservative Einschlag, der sich im Fargon, in der Kleidung und in gottesdienstlichen Gebräuchen bestimmter jüdischer Kreise des Ostens bemerkbar macht, hat auch beim gottesdienstlichen Gesang seine Geltung. Von dort her aber kamen seit vielen Fahrzehnten, ja seit Fahrhunderten die prominentesten Schöpfungen des kulturellen Synagogengesanges. Fch verweise hier nur auf Lewandowsky, der vollkommen von altjüdischer östlicher Tradition beeinflußt war. auf Weintraub, Birnbaum, Aron Friedmann und viele andere. 2a, selbst wir, die wir der jüngeren Generation angehören und mit heiligem Eifer das Vermächtnis unserer Altvordern hüten, sittd trotz unserer deutsch-kulturellen Erziehung, trotz Gymnasien und Hochschulen in unserer beruflichen und schöpferischen Wirksamkeit von der suggestiven Einwirkung unserer Väter, deren Wiege im [ Osten gestanden, beeinflußt. Doch schauen wir rückwärts. Durch Fahrhunderte wandert Fsrael einen Leidensweg ohne Gleichen. „No wonod“, unstät und flüchtig. Auf den Trägern der erhabenen Gottesidee lastet dieser furchtbare Bann. Gehetzt und getrieben von Land zu Land, von Ort zu Ortl Doch wenn man diesen Armen nur ein Fleckchen Erde gab, wo sie ein Helt oder eine Hütte erbauen konnten, dann kam dieser wundervolle göttliche Optimismus über sie und lebte sich in heiligen Weisen und Gesängen aus. Von Mund zu Mund waren sie überliefert; doch wir können nicht behaupten, daß all diese Gesänge oder auch nur ein Teil von ihnen der jüdischen Glanzzeit des Altertums entlehnt sind. Gewiß, es läßt sich musikkritisch ziemlich leicht Nachweisen, daß der gregorianische Kirchengesang sich einen Teil dieser herrlichen alten Weisen zu eigen gemacht hat. Das aber sind, gegenüber der Fülle unserer gottesdienstlichen Melodien, nur verschwindend geringe Momente. Sulzer, der Altmeister, und auch sein Sohn, sagen in ihren Werken, daß der erste geniale Schöpfer kulturell geordneten Synagogengesanges von seiner zuerst gehegten Ueberzeugung altüberlieferter Synagogemnusik immer mehr abkam. Das ist ja auch nur erklärlich. Fe weiter man in die Geschichte der kirchlichen, wie auch der profanen Musik eindringt, je mehr man sich die Kenntnis der Merkmale einzelner Epochen zu eigen macht, um so weiter entfernt man sich — es muß leider gesagt werden — von der Anschauung, daß wir innerhalb unseres Gottesdienstes viel uralte und charakteristische jüdische Weisen zu verzeichnen haben. Friedmann und andere auf dem historischen Gebiet wirkende Berufsgenossen greifen mit Recht auf die Thoraweisen Reginot als die ältesten Melodien zurück. Gewiß, alt. uralt ist das, was uns da entgegenklingt. Doch wie groß ist die Variabilität. in der wir diese Weisen jeweilig zu hören bekommen. Am erhabensten und großartigsten, wie die Thoravorlesung überhaupt, vernahm ich sie in Frankreich und Belgien. Ueberall dort, wo der sephardische Ritus üblich ist, wirkt die Melodie in ihrer Eigenart noch ungleich traditioneller als bei uns. Doch, wie bereits betont, ähnlich, wie wir sie vernehmen, in ihrer musikalischen Struktur, aber stark abweichend von der Art des polnischen Ritus. Von hier aus kann nun eine gewisse Ableitung in die Gebetmelodie erfolgen, hier kann der Beweis für Tradition erbracht werden. Vernehmen wir, wie der Vorbeter den Minchahgottesdienst einleitet, so werden wir unzweifelhaft mit der Weise des „Laut possuk"-Heichens die Parallele ziehen können. Doch auch diese Beweise sind ziemlich dürftig. Run ließ F o s e f Singer, der Nachfolger 5 u l z e r s, im Fahre 1883 seine Broschüre „Das Wesen der S y n a - gogentonarten" erscheinen. 2n gleichem Sinne lehnt sich die interesiante volkstümliche Studie Aron Friedmanns an. Hier ist manch wertvolle Aufklärung über das Skalenverhältnis einzelner Melodien gegeben. Der Steiger, der ursprünglich als das Eharakteristikum einer bestimmten Melodie angesehen worden ist, erhielt hier die präzise Form jener Skala, auf der die jeweilige Melodie aufgebaut ist. Damit wird manches deutlich, soweit es sich um praktische Momente handelt. Die historische Beglaubigung jedoch ist auch hiermit nicht gegeben. Fm Rahmen dieser Ausführungen muß eines Momentes Erwähnung getan werden, das geradezu als tragisch zu bezeichnen ist. Wohl der größte Experte auf dem Gebiete der Erforschung jüdisch-gottesdienstlicher Musik war und bleibt Eduard Birnbaum, der ausgezeichnete Kantor in Königsberg. Mit großer musikalischer Kenntnis verband er rabbinisches Wisien. Seme umfangreichen Sprachkenntnisie und seine reiche Belesenheit verhalfen ihm zu einer geradezu stupenden Gelehrsamkeit. Dieser große Mann starb seinem Werke viel zu früh im vergangenen Fahre. Fm Verlaufe seiner fast vierzigjährigen Forscherarbeit entwickelte er eine derartig fruchtbare Sammeltätigkeit, daß seine Bibliothek wohl zu der außerlesensten und seltensten historischer Dokumente auf dem Gebiete der Synagogenmusik zählte. Trotz heißen Bemühens unsererseits gelang es nicht, diese wertvolle Sammlung Deutschland und seinen wissenschaftlichen Arbeiten zu erhalten. Sie ist für einen relativ geringen Preis nach E i n c i n n a t i überführt worden. Birnbaum selbst änderte wiederholt seine Reicht in Bezug auf Alter und Herkunft so mancher traditioneller Synagogenweisen. Es geschah ihm, wie uns allen, die wir durch Hufall gar oft staunend die Entdeckung machen, daß irgendwo, verborgen durch Fahrhunderte, eine Melodie uns in Aufzeichnungen plötzlich entgegenklingt, die n»t jedem Fntervall den Gleichklang mit jener Melodie beweist, die wir als alleiniges jüdisches Erbgut betrachtet haben. So erging es dem Schreiber dieser Heilen vor noch nicht allzu langer Heit, da er in einem Fahrhunderte alten, von einem Mönche geschriebenen Kirchenliederbuch ein Requiem entdeckte, das, mit jeder Tonfolge, eine bekannte Synagogenmelodie widergibt. Wertvolle Aufklärungen nach dieser Richtung gibt auch Raumb o u r g in dem Vorwort seines Synagogengesangwerkes, das er am 3. März 1847 beendet hat und in dem er eine umfangreiche historische Abhandlung über das Wesen der traditionellen Musik niederlegt. Raumbourg ist es auch, der. angeregt durch Rothschild und Ha levy, den Schöpfer hebräischer Gesäuge Salomon de Rosfi, einen der hervorragendsten Mantuaner jüdischen Musiker, der um die Wende des 16. Fahrhunderts lebte, zu neuem Dasein verhilft. R o s s i ist wohl der erste, der, allerdings stark beeinflußt, von dem Stile Palästinas, hebräischen Worten eine Melodie unterlegt. Die Musik, die uns aus diesen Kompositionen entgegenklingt, hat mit der Eharaktereigentümlichkeit unserer heutigen jüdischen Weisen nichts gemein. Fmmerhin sind diese Melodien in Stil und Struktur von so ungewöhnlicher Schönheit und von jener bedeutenden Klassizität der Heit, daß sie wohl verdienten, mehr gehört zu werden, als dies der Fall ist. (Schluß folgt.)