Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 3 (1923)
- Issue
- 4 (26.1.1923)
- Date
- 1923-01-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IWchÄwckoMW Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährl. M. 250.- Giuzeluummrr.» 25.- 58t die Mitglieder der Bereiuiguug ist der Bezugspreis :: :: im Mitgliedsbeitrage eiubegriste«. n :: :: Auzrigeupreis: Die 31/, cm breite mrn-Aeile M. 60.- ZamiUeuauzeigeu W. 40.-. Bei Wiederholung Lrmätzig. Die „FLdijch-ttberale Zeitung" erscheint jeden Freitag, je dreiwöchentlich als wiffenfchaftliche Beilage „Liberales Judentum" und „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugeudvereine". Rr. 4 * Berlin, 26. Januar 1923 Z. Jahrgang Redaktion uud Geschäftsstelle: Berlin W. S, Mauerstratze SS IDereiuiguug für da» liberale Judentum e. B.f, Jeruruj: Amt Zentrum 162 Auzeigeu.Annahme bei der Sefchäftrstelle Sämtliche Zahlungen: Postscheckkonto Berlin AW. 7 Ar.157064 lDereinlguug für da« liberale Zudentu« e.D.s. Oas K-eformju^entum in Amerika. Zur Zünfzigjahrfeier der Union of American Hebrew Longregations. Bon Rabbiner Dr. Vogelstein-Breslau. Zn diesen Tagen tritt in New ^jork die Union of Hebrew Tongregations zu ihrer Jahresversammlung zusammen. Ueber die geschäftlichen Angelegenheiten hinaus, die auf der Tagesordnung stehen, hat die Tagung festlichen Eharakter und dadurch weiter reichende Bedeutung. Sie gilt dem Abschluß des ersten halben Jahrhunderts dieses Bundes der liberalen jüdischen Gemeinden der Vereinigten ölaalen. Die Anzahl der jüdischen Gemeinden in den Bereinigten Staaten war bis gegen die Mitte des ly. Jahrhunderts recht klein. Ts waren vorzugsweise portugiesische, dann auch in wachsender Fahl und Größe deutsche Gemeinden. Alle standen auf orthodoxem Standpunkt. 1824 regten sich zuerst in Tharlesion Reformbestrebungen, und mit der wachsenden Fahl der Einwanderer wuchs die Fahl der Reformgemeinden, an deren Spitze in den vierziger Jahren als theologische Führer Merzbacher, Lilienthal, Isaac M. Wife, Tin- Horn, Samuel Adler, Felsenthal, Samuel Hirsch u. a. traten. Die amerikanische Reform ist aus der deutschen Reformbewegung geboren, das Gebetbuch des Hamburger Tempels war das erste in Amerika eingeführte Reformgebetbuch, die Sprache der Gemeinden und ihrer Veröffentlichungen war ebenso wie die Ramen der Gemeinden oder Vereine — Kultusverein, Reformverein, Reformgesellschaft — deutsch, und die theologischen Führer stammten aus Deutschland und waren an deutscher Wissenschaft geschult, von dem Geist der deutschen Reformbewegung erfüllt, manche von ihnen, wie z. B. Einhorn, Adler, Hirsch, hatten schon, ehe sie nach Amerika gingen, in Europa eine führende Rolle in der liberalen Bewegung gespielt. * An Kämpfen fehlte es drüben nicht. Die Stellung mußte der Orthodoxie gegenüber behauptet werden, und innerhalb der Reformbewegung gab es Meinungsverschiedenheiten, die auf der ersten Rabbinerkonferenz in «Eleveland 1856 zu einer Spaltung führten; erst 15 Jahre später schloß sich der Riß. Unter den führenden Kopsen des amerikanischen Judentums nimmt eine überragende Stellung ein Isaac M. Wise. Mögen an theologischer und wissenschaftschaftlicher Bedeutung andere ihm gleichwertig sein: er ist der große Organisator der amerikanischen Iudenheit gewesen. Bereits 1848, wenige Jahre nach seiner Uebersiedlung nach Amerika, rief er zur Bildung eines amerikanischen jüdischen Gemeindebundes auf, zunächst ohne Lrfolg. Aber mit unermüdlicher Tnergie und Fähigkeit setzte er auch nach dem Scheitern dieses Plans seine Bemühungen fort. 1869 war es wieder gelungen, nachdem die Trschütterungen des amerikanischen Bürgerkrieges überwunden waren, in Philadelphia eine Rabbinerversammlung zu veranstalten. Die Rabbinerversammlung von Tincinnati 1871 forderte die Begründung eines amerikanischen Gemeindebundes. Am 8. Juli 1875 fand in Tincinnati die Konstituierung der Union of American Hebrew Tongregations statt. Der Bund umfaßte anfangs Gemeinden aller Richtungen und schloß so die gesamte amerikanische Iudenheit zusammen. Damals war die Gesamtzahl der Juden in den Vereinigten Staaten etwa 3/4 Million, während heute Rew Jork'allein etwa fünfmal so viel Juden zählt. Leit dem Beginn der achtziger Jahre hat infolge der Judenverfolgungen in Rußland und Rumänien eine ungeheure Linwanderung namentlich von Ostjuden stattgefunden. Dadurch verschob sich das Bild. Orthodoxe oder konservative Gemeinden entstanden in wachsender Fahl und mit steigender Mitgliederzahl. Die Union of American Hebrew Tongregations umfaßte allmählich nur noch Gemeinden, die auf dem Standpunkt der religiösen Reform stehen, und ist selbst die Vertretung der Gesamtinteressen des religiösen Liberalismus geworden, während sie gleichzeitig mit den anderen Richtungen angehörenden Gesellschaften in sozialer Tätigkeit zusammenarbeitet. Aus dem Suhatt: Dr. Bogelftelu: Jur Zünfzigjahrfeier der Union of American Hebrew Eongregalivns. — Heinrich Stern: Oscar Lieh zum Gedächtnis. — Die Berliner Repräfentcmten-Bersammlung. Magnus Vavidsohu: Die Musik dos jüdischen Gottesdienstes. — Z. Landau: Kreuz und Mögen Dovid. — Botho Lalerstein: Nathan-Zilm. <? Die jüdische Gegenwart. — Büchertüch. — Antworten. <? x — Sammelausweis. L ■3/ae/ae/oe/De/oe/ae/dG/De/de/ae/De/De/de/3e/OG/oe/De'9G'OH Max Aordau f. Der bekannte Publizist und zionistische Ziitzrer Dr. Max Rordau ist in Paris im Alter von 75 wahren gestorben. Wir werden in der nächsten Nummer unserer Jeitung eine ausführliche Würdigung Rordaus aus der Hetzer eines feiner näheren freunde bringen. Die Konservativen gestatten den Gebrauch des Harmoniums im Gottesdienste. Bezeichnend für die Kampfesweise mancher unserer Gegner, die, wenn es gilt, den Liberalismus und seine Zührer zu diskreditieren, sich nicht scheuen^ sich selbst zu den von ihnen so oft proklamierten Forderungen in Gegensatz zu setzen, ist das Verhalten des Breslauer konservativen Leopräsentanten Herrn D r. ä o s e s Schlesinger in der am 21. 6anuar 1923 stattgehabten Repräsentantenversammlung. Durch das Verschulden dieses Herrn war der Breslauer liberale Gemeinderabbinor Dr. Bogelstoin in einem große» Teil der jüdischen Presse Deutschlands als leichtfertiger Geschichtsfälscher hingestellt worden, insofern, als er in der ^ojtpredigt zur Jubelfeier der Reuen Lgnagoge fälschlich (!) behauptet habe, der konservative Landesrabbiner Tiklin habe in dom Orgelgollesdienst aiiläßlich der Einweihung dieser Lgnagoge fungiert, uiu damit den Frieden der Gemeinde auch nach außen hin zu dokumentieren. In einem Schreiben an die Ropräsentantenvorsammlung hatte daraufhin Dr. Bogelstoin auf Grund des Aktenmaterials der Gemeinde den Beweis für die Richtigkeit seiner Behauptung erbracht. Boi der Besprechung dieses Schreibens suchte Dr. Schlesinger seine These, daß Tiklin nie einem Orgelgottosdionst beigewohnt habe, unter andern: mit der Behauptung zu begründen, daß die in den Akten erwähnte „Instrumentalbegleitung" auf ein — Harmonium zu deuten sei. Er verflieg sich dabei zu dem für jeden Musiker abnormen Latz, das Harmonium sei nur „ein in der Klangfarbe anders gestaltetes Klavier", und darum stünden weite Kreise der Konservativen und selbst der Orthodoxen dem Gottesdienst mit Harmouiumbcgioitung außer am Labbat durchaus nicht so ablehnend gegenüber, während der Orgclgvttesdieust als Rachahmung christlicher Litte empfunden werde. Daher habe auch Tiklin bei der Ginivoihungsfeicr Mitwirken Kannen. Bon der Richtigkeit dieser neuartigen Behauptung über die Ltellung der Konsorvaliveu zum Harmonium haben wir uns in Praxi leider noch nicht überzeugen können. 5m übrigen halten wir von cüktin zu viel, als daß wir glauben könnten, er habe sich mit derlei Klügeleien über die Bedeutung seines Lchrittos hinwcggetäuscht, zumal er wußte, daß auch ein 6 r a u e n ch o r sang. Aus die Erklärung eines konservativen Herrn aus dem Vorstände, der die Eimveihungsfoior mitorlobt hatte, es habe ein 5nstrument gespielt, das er wie alle Teilnehmer für eine Orgel gehalten habe, erwiderte Dr. Schlesinger bezeichnenderweise nichts. Auch lehnte er es ab, die ihm ans dem Juhörerraum zugeschickte, seinen Behauptungen entgegenstehende Mitteilung des Herrn Dr. Lalomon Tiktin (vgl. 5. l. I. vom 15. Dez. 1922) zu verlesen, „sein Onkel habe zweimal in einem Orgelgoilosdienst amtiert" und außer bei der Einweihung der Lgnagoge noch später bei einem Zeslakt anläßlich des hunderlfünfzigjährigen Jubiläums der Lhewra Kadischa. Das zeigt, wie wenig ernst es dem Herrn Dr. Schlesinger um die Ermittlung der geschichtlichen Wahrheit ist. Diese unvornehme Kampf osiveise richtet sich selbst. Aus derselben Stufe steht Herrn Dr. Lchlestngers Verhalten in der (der Repräfentantonverfammlung vorliegenden) Korrespondenz mit Herrn Gemeinderabbiner Dr. Bogelstein, in der er versichert, er werde bei seinem Gewährsmann noch einmal Erkundigungen einziehen. 5n der Repräsentantenversammlung erklärte er aber, dieser Gewährsmann sei der vor zwei wahren v e r st o r b e n e Professor Markus Brann. Herr Dr. Schlesinger hat sich also nicht gescheut, dos besseren Eindrucks halber in seinem Brief eine den Talfachen nicht entsprechende und daher irreführende Angabe zu machen. Das wirft ein Licht auf den Wert feiner gesamten Berichterstattung, worauf die Jeitungei», die die Berichte dieses Herrn so vertrauensselig verbreiten, aufmerksam gemacht sein mögen, ebenso wie wir die konservative Richtung in Breslau auf dies sicherlich nicht von ihr gebilligten Verhalten dieses ihres Vertreters hingewiesen haben wollen. Me jüdische Völkerbundliga. Die Konstituierung der jüdischen Völkerbundliga wird demnächst in Paris stattfinden. Die Ltatuten find bereits unter Jugrundelegung derjenigen des Komitees der jüdischen Delegationen und des jüdischen Rationalrates in Oesterreich festgelegt worden. Wenngleich der Litz der Liga noch unbestimmt ist, steht es doch fest, daß ein großer Teil der Arbeit von Wien aus erledigt werden wird. In engster Fühlung steht die Union mit der amerikanischen Rabbinerkonferenz. Richt zum wenigsten der tatkräftigen Förderung durch diesen Gemeindebund ist es zu danken, daß feit 1890 die Rabbinerkonferenz eine ständige Einrichtung geworden ist, deren alljährlich veröffentlichte Protokolle für die Kenntnis der Entwicklung des amerikanischen Judentums unentbehrlich find und viel wertvolles theologisches Material enthalten und verarbeiten. Dieser Fufammenarbeit dankt das Hebrew Union Prager Book, das Gebetbuch der amerikanischen Gemeinden, seine Tntstehung. Von den Rabbinern bearbeitet, ist dies Gebetbuch in allen Reformgemeinden ohne völlige Uniformierung die gemeinsame Grundlage für den Gottesdienst. Die dritte und größte Leistung ist die Errichtung des Hebrew Union Eollege in Eincinnati, der theologischen Bildungsanstalt für das liberale Judentum^ das 1875 begründet, den jüdischen Gemeinden Amerikas Hunderte von Rabbinern ausgebildet hat. Es stand etwa ein Vierteljahrhundert unter Isaac M. Wise's Leitung, dann unter der Leitung des seil einigen Jahren im Ruhestände lebenden greisen Köhler. Abgesehen von diesen Aufgaben, hat die Union andere BilduNgs- und soziale Institutionen teils begründet, teils tatktäftig gefördert. Es ist ein großes Maß wertvollster Leistungen, auf das die Union of American Hebrew Tongregations mit berechtigtem Stolze zurückblicken kann. Die Verhältnisse auch des Judentums in Amerika find andere als in Europa, auch die Entwicklung des religiösen Liberalismus mußte jenseits des Weltmeeres eine andere sein. Amerika kennt nicht die Fwangsgemeinde. Die «Zugehörigkeit zur religiösen Gemeinde ist eine durchaus freiwillige, niemand ist durch das'Staatsgesetz verpflichtet, zu den Lasten der religiösen Gemeinschaft beizutragen. In dieser Freiwilligkeit hat das amerikanische Judentum Großes geschaffen. Richt nur großartige charitative und soziale, sondern religiöse und jüdischwifjenschaftliche Institutionen, Sgnagogen, Hochschulen, Bibliotheken, die ziemlich reich dotiert sind, zeugen von von der Opferwilligkeit und dem religiösen Sinn der amerikanischen Juden. Das gilt für alle Richtungen innerhalb des amerikanischen Judentums. Aber es muß gegenüber gelegentlichen Behauptungen von anderer Seite und gegenüber gelegentlichem Kleinmut auf liberaler Seite nachdrücklich darauf hingewiesen werden, daß der jüdische Liberalismus in Amerika einen außerordentlich großen Anteil an allen diesen, auch an den religiösen und wissenschaftlichen Einrichtungen hat, die sie zum Teil geschaffen hat und vielfach an führender Stelle in diesen Bestrebungen steht. Die liberale Entwicklung hat nicht aus dem Judentum hinaus geführt» sondern das Judentum gekräftigt. Für die deutschen Juden muß diese Opferwilligkeil gerade jetzt vorbildlich fein. Der jüdisch-religiöse Liberalismus in Amerika verdankt seine Entstehung und seine erste Entwicklung dem Geist des deutschen Judentums. Was aus diesem geboren war, hat die amerikanische Iudenheil festgehalten und weiter gefördert. Der Liberalismus ist dort teilweise andere Wege gegangen als bei uns. Es ist eine müßige Frage, ob die religiöse Entwicklung in Europa» wo das Gewicht der Tradition schwerer ist, oder in Amerika die bessere und gesundere ist. Wir wissen uns über alle Verschiedenheiten der Auswirkung hinweg eins mit dem religiösen Liberalismus des amerikanischen Judentums in der gemeinsamen Auffassung des Judentums als der religiösen Lebensmacht, in der Begeisterung für das kostbare Erbe der Väter, das wir aus mehrtaufendjähriger Kampfes- und Leidensgeschichte überkommen haben und in dem Bestreben, es in lebendiger Wirksamkeit und Entwicklung festzuhalten. So beglückwünschen wir als Arbeiter am gleichen Werke, als Streiter im gleichen Kampfe die Union of American Hebrew Tongregations zu dem Abschluß des ersten halben Jahrhunderts. Wir wünschen ihr für die Folgezeit gleich fruchtbare und segensreiche Wirksamkeit und hoffen, daß die Beziehungen, die zwischen den Liberalen der verschiedenen Länder gerade vor dem Weltkrieg vielverheißend angebahnt waren, jetzt neu geknüpft werden und in gegenseitiger Förderung zur Erstarkung der liberalen Ideen und zum Heile des Judentums führen. Fugeudvereiue-Auzeigen 8C letzte Sette.